Polaroids und Videostills von Gundula Schulze Eldowy in der Berliner Galerie Pankow |

„Hallo, hier ist Gundula!“

Erlebt man die 1954 in Erfurt geborene Künstlerin glaubt man sofort, dass sie mit diesen Worten Türen zu Milieus öffnete, die für Selbstoptimierungskanditaten heutiger Tage unvorstellbar sind. Alte, Kranke, Behinderte, Dicke, Trinker, Einsame und Verlorene, das waren diejenigen, für die sich Gundula Schulze Eldowy in den späten 1970er und 80er Jahren interessierte. Ihre Fotografien zeigen Menschen, die es so offiziell in der DDR nicht geben durfte, die normalerweise keines Blickes und erst recht keines Bildes würdig waren. Jenseits von jeglicher Dogmatik und Angst war die nach Ostberlin übersiedelte junge Fotografin voller Sympathie für Outlaws, Freaks und „kleine“ Leute. In der Zille-Welt zwischen Scheunenviertel, Kollwitzplatz und Prenzlauer Berg entstehen die schwarz-weiß Zyklen „Berlin in einer Hundenacht“, „Aktportraits“, „Tamerlan“ oder „Der Wind füllt sich mit Wasser“, starke Fotografien, die sich längst ins kollektive Bildergedächtnis eingeschrieben haben – Zeugnisse einer für immer untergegangenen Welt.

Zur Zeit ihrer Entstehung waren solche Bilder für die Staatsführung der DDR kompromittierend, die Künstlerin stand unter Beobachtung. Heute wirken sie für manche Betrachter vielleicht provozierend in ihrer Direktheit. Auch eine große Ruhe scheint in den Bildern zu liegen. Das Leben in der DDR war einfach, materiell entbehrungsreich, aber auch poetisch, wie die Künstlerin einmal in einem Interview sagt. „Denn wo mehr Improvisation ist, ist auch mehr Poesie.“ Und wo Geld und Stress im Vordergrund stehen, kann es keine Ruhe und keinen Raum für Phantasie geben.

Gundula Schulze Eldowy fängt an Gedichte zu schreiben, angeregt auch durch die Begegnung mit Robert Frank, der ihr Talent erkennt und sie nach New York einlädt, wo sie von 1990 bis 1993 lebt. Eine Auswahl an Bildern, die in der Megacity als Teil größerer Serien entstanden sind, wird in der Ausstellung präsentiert, beispielsweise Portraits, die die Künstlerin mit Cindy Sherman oder Ann Mandelbaum zeigen. Aber auch Straßenszenen, wie das für das puritanische Amerika total überraschende Polaroid einer barbusigen Frau mitten auf der Fifth Avenue.

Gundula Schulze Eldowy, New York 1993, Still © Gundula Schulze Eldowy

In New York treten an Stelle von Dokumentationen zunehmend verfremdende Bilder, Fotografien, die mit Doppel- und Dreifachbelichtungen arbeiten, mit Überblendungen und Spiegelungen. Manche Polaroids werden regelrecht malerisch bearbeitet. Beeindruckt von den Fresken, die Gundula Schulze Eldowy in Pompeji sah, entstehen Bilder Krakelee-artigen Anscheins, die auf andere „Seinsdimensionen“ hinweisen. Als Beispiel hierfür ist eine Aufnahme zu sehen, die die Fotografin zusammen mit Aleks Weber unterhalb des F-Trains in New York zeigt. Das Bild wirkt wie ein beschädigtes Fundstück aus einem Überschwemmungsgebiet – seltsam irreal, irgendwie auch etwas unheimlich.

Manhatten wird für die Künstlerin zum Spiegelkabinett einer auf Oberflächlichkeiten beruhenden Kultur. Das Sichtbare ist jetzt nur noch Oberfläche, welche auf Phänomene verweist, die viel tiefer liegen. Es beginnt das, was Gundula Schulze Eldowy an anderer Stelle den Abstieg in die Unterwelt nennt. Der Künstler Donald Judd ermutigt sie zu einer Reise nach Ägypten. Sieben Jahre wird sie in dem Land bleiben und großartige Entdeckungen machen. So findet sie u.a. einen unbekannten Schacht in die Königskammer der Cheops-Pyramide. Darauf folgt die nur selten erteilte Erlaubnis, Mumien der Pharaonen und Königinnen zu fotografieren.

Mumien- und Totenbilder bleiben fürderhin ihre Passion. Höhlen, Gräber und Tempel sind jetzt die Orte, die Gundula Schulze Eldowy anziehen. Sie will in Kontakt mit dem Unbewußte kommen und Informationen vergangener Kulturen und Zeiten reanimieren. Die Ausstellung zeigt zahlreiche Polaroids zu diesem Themenfeld. Herausragend sind die Mumien-Bilder aus Pompeji, Peru und Assuan – eher nichts für Zartbesaitete. Es gibt aber auch leicht Konsumerables. Männer auf dem Kamelmarkt, Familien in den Souks von Kairo, lachende Kinder, Alltagsszenen und zahlreiche Schattenbilder in warmen, braun-orange Tönen. Es ist nicht nur das faszinierende Licht der Wüste, sondern auch der Wunsch Verborgenes aufzudecken, weshalb Gundula Schulze Eldowy sich in Ägypten den Namen Eldowi zulegt – el dowy bedeutet arabisch das Licht oder der Lichtschein.

Gundula Schulze Eldowy, Mosesberg, Sinai 1995, Polaroid © Gundula Schulze Eldowy

Insgesamt 230 Polaroids und kleinformatigen Videostills werden in der Ausstellung gezeigt. Die Bilder sind nicht nur Notizzettel, die Momente ihrer Reisen markieren, sondern auch ein Nachdenken über Realität, Wahrnehmung und die Welt. Japan, Italien, die Türkei, und immer wieder Ägypten und Peru, insgesamt sind es über 40 Länder, die sie kennengelernt hat. In Istanbul und Byzanz fotografiert sie Heiligenbilder und verfremdet diese mit Goldflocken. In Peru entdeckt sie die Pyramiden der Moche-Kultur, die erstaunliche Parallelen zu Ägypten aufweisen. Bisher nicht aufgeklärte Verbindungen und Ähnlichkeiten zwischen Kulturen faszinieren die Künstlerin. Sie fotografiert und filmt Mischwesen, Gottheiten, die Reptilien sind, Drachen und Saurier in der Türkei, Japan, Peru oder Ägypten.

So wie Schamanen Träume als Teile der Realität begreifen, so will auch Gundula Schulze Eldowy mit ihren Fotografien Wahrnehmungsstufen aktivieren, die Betrachter in eine andere Welt tragen. So faszinierend wie ihr ganzes Werk und Wirken ist aber auch ihr Lebensweg: Von einer Diane Arbus der DDR hin zu einer kosmologischen Bilderzauberin.

 

Daniela Kloock

Bild ganz oben:   Gundula Schulze Eldowy, New York 1993, Polaroid © Gundula Schulze Eldowy

 

AUSSTELLUNG

Gundula Schulze Eldowy
„MANGOBLÜTE & WINDROSE“ | Polaroids, Stills und Filme

bis 23.12.2021 und vom 04.01. bis 23.01.2022

Di.-Fr.: 12-20h | Sa., So.: 14-20h


Galerie Pankow
Breite Straße 8 | 13187 Berlin
Tel. 47 53 79 25
galerie-pankow.de