Tröten tröten

hier geht's zum Tröten

„Hubschraubereinsatz“ von Foyer des Arts ist ein lustiges, flaches Lied aus den frühen 80ern und geht etwa so: „Handtaschenräuber/Handtaschenräuber/überall, überall Handtaschenräuber/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!/ Scheinasylanten/Scheinasylanten/überall, überall Scheinasylanten/ da hilft nur ein Hubschraubereinsatz!“ usw. Eine spätere Fassung wartet noch mit dem interessanten Dreh auf: „Weizenbiertrinker/Weizenbiertrinker/überall, überall Weizenbiertrinker“. Gerüchtweise trägt Max Goldt das Stück bei Lesungen hier und da ohne Musik vor, und vielleicht könnte man ja den Rhythmus ändern, dass es sich auf „Pleitegriechen“ und „Vuvuzelas“ umdichten lässt.

Gegen Vuvuzelas als Hassobjekt ist ja auf den ersten Blick wenig zu sagen: Sie spüren, so weit wir wissen, keine Schmerzen, wenn man auf ihnen rumtrampelt, entwickeln selten soziale Phobien durch üble Nachrede, und wenn sie ihre Arbeit (das Tröten) aufgrund einer Hetzkampagne verlieren, kommen sie vermutlich klar.

Der „Volksfeind Spatz“, dem im China der 50er Jahre Maos verplante Ernährungspolitik in die Schuhe geschoben wurde, hat dagegen vielleicht die Propagandaplakate mit der US–Fahne auf seinem Bauch nicht verstanden, wurde aber stolz verjagt, getötet und generell ausgehungert (worauf eine Schädlingsplage ausbrach, aber vielleicht ist das nur Gegenpropaganda).

Vuvuzelas spielen ihre Rolle jedenfalls ausgezeichnet: In Zügen, im Supermarkt und auf öffentlichen Plätzen kommen Wildfremde miteinander über den fürchterlichen Lärm in ein angeregtes Gespräch, und auch wer noch keinen Minute dieser WM verfolgt hat (und erst recht keinen Fußball) ist bestens eingeweiht in „So laut wie ein Presslufthammer!“ und „der BILD–Zeitung lag so was ähnliches sogar bei!“ und „Sie kommen mit dem Verbot nicht durch!“ und kann in Notsituationen die angemessene Entrüstung simulieren. Nun mag man einwenden, die Dinger seien wirklich zu laut und nervten wie die Hölle, sehr gut möglich, doch das kann ein Nichtgucker nicht beurteilen, im Gegensatz zu der allgegenwärtigen Debatte. Ist da Rassismus im Spiel? In Zügen, im Supermarkt und auf öffentlichen Plätzen blitzt er hier und da zumindest kurz auf: Anderes Lebensgefühl, wer denkt sich so ein blödes Instrument aus, klingt wie eine Herde Elefanten anstatt wie die vertraute Meute besoffener Totschläger, können halt nicht still sein, usw.

Ähnlich wie beim Pleitegriechen scheint es ansatzweise um Chaos gegen Ordnung, Impulsivität gegen Disziplin usw. usf. zu gehen. Eine saubere, ordentliche, angeblich von Deutschland bezahlte Welt droht immer wieder, im allgemeinen Chaos unterzugehen und nervt den halboffiziellen deutschen Stammtisch mit Frechheiten, die er gerade gar nicht gebrauchen kann.

Es hat seinen Charme, keinen Schritt vor die Tür machen zu können, ohne in Diskussionen über Tröten verwickelt zu werden, aber dennoch bleibt die Begründung dafür, weswegen die Fernsehanstalten sich zunächst sträubten, den Übertragungston anders abzumischen: um die herzerwärmenden Fangesänge nicht zu unterschlagen.

Wenn härtere Computerspiele indiziert werden sollen, dreht es sich häufig darum, ob da Menschenähnliches abgeschlachtet werden muss oder nicht. Dann wird Blut grün gefärbt, da werden Gegnern unerklärliche Echsenfüße verpasst oder es entpuppen sich praktischerweise alle Personen, denen man den Kopf oder die Beine wegballern oder ein Messer ins erschrockene Gesicht jagen musste, im Nachhinein als Zombies oder Außerirdische (vermutlich sitzen gelangweilte Hacker schon längst an Versionen mit Vuvuzelas). Lebewesen im weitesten Sinne müssen es immer sein, sonst wäre der Witz weg (ein 20minütiger Entscheidungskampf gegen einen großen Kleiderschrank, der keine Anzeichen von Strategie erkennen lässt, wäre vielleicht auch ein bisschen demütigend). Man kann natürlich auch Wale (Moby Dick) oder Berge (Reinhold Messner) als Herausforderung oder Nemesis begreifen, aber im Bereich des Videospiels ist auffällig, wie weit selbst die harmlosesten Kinderprodukte von den Zäunen, herunterfallenden Kometen und Bananenschalen abgekommen sind, die früher die üblichen Hindernisse darstellten. Nicht die gleiche Befriedigung beim Kampf. Viele Computerspiele (längst nicht alle, und mittlerweile wird wohl ohnehin vor allem mit der Wii gekegelt) fördern ja ziemlich punktgenau ein sadistisches Erleben, bei dem die Überforderung irgendwann in kühl kontrollierte Grausamkeit umschlagen darf (oder sogar muss), und dazu bedarf es eben eines Minimums an Persönlichkeit und Schmerzempfinden. Solche Spiele sollen offenbar ein heftigeres und isolierteres Verlangen befriedigen als die gemeinschaftsfördernden Kampagnen gegen den Volksfeind Spatz. Vielleicht ist bei „Killerspielen“ (um mal den dummen Ausdruck zu benutzen) tatsächlich die Katharsis möglich, die manche aufgeschlossenen Psychologen ihnen zuschreiben. Offen gewalttätige Abfuhr von Frustrationen ohne Schaden für irgend jemanden. Dem gegenüber stehen natürlich die Modelle von Abstumpfung und Habitualisierung. Wer in tagelanger Arbeit lernt, sich mit hämmerndem Herzen virtuell hinter Kisten zu verstecken und den richtigen Augenblick für einen Kopfschuss abzupassen, studiert in dieser Zeit nicht die Schmetterlingsarten auf der Wiese. Aber er weiß zumindest, dass er nicht den gesellschaftlichen Frieden verteidigt.

In den Jahrzehnten zwischen Krieg und Wiedervereinigung (das ist zu platt, natürlich, nehmen wir es einmal eher als historische Einordnung denn als Kausalzusammenhang) modernisierten zwei große Projekte dieses Land: Höherschnellerweiter und Gerechterutopischerschöner. Beide wollten mit Nation, Region, Milieu, „Ethnie“, Geschlecht usw. erst einmal nichts zu tun haben und trafen in anderen Ländern des Nordwestens auf äquivalente Projekte. Auf Kongressen, Messen und in Plattenläden fanden Menschen zueinander, denen Flaggen im Vergleich dazu unwichtig waren. Heimat war das, wo noch nie jemand war. Beide Projekte haben ihren verheißungsvollen Schwung etwas verloren und sich zum Ausgleich den Flirt mit den tradierteren Werten (in einer ironisch etwas aufgepeppten Variante) gegönnt. Höherschnellerweiter, das liberale Projekt, braucht eben etwas Erdung, gerade in schlechten Zeiten, Gerechterutopischerschöner, also das progressive Projekt, hat ein Dauerproblem mit dem Abgrenzungswillen hie und dem Universalismus da.

Wenn die Mitarbeiter von Elektromarktketten auf erbitterte Feindschaft gegenüber der Konkurrenz eingeschworen werden, auch wenn die zum gleichen Konzern gehört, wenn Fastfood – Zubereiter über ihre Überlegenheit gegenüber der anderen Kette gegenüber meditieren müssen, kann wohl selbst Nationalstolz als ethischer Wert mit realer Grundlage erscheinen, und erscheinen weniger verklebte Unterscheidungen zwischen Menschen, Ideen und Kulturen schnell als Betrug.

Vor diesem Hintergrund erleben wir nun seit den späten 70ern die schrittweise Rehabilitierung des heimischen Bodens in dafür eher unverdächtigen Milieus. Auch wenn ich nicht die Welt verändern kann, komme ich immer noch aus dem Hunsrück, das kann mir keiner nehmen, und gerade das ist exemplarisch. So großartig „Heimat“ ist (und so berechtigt die Beschäftigung mit allem, was nicht bruchlos in großen Projekten aufgeht), man hätte es wissen müssen (und damals wurde das ja auch gemenetekelt): dieses Denken führt in seiner vergröberten Form irgendwann zu einer Flut des bewusst belanglos Regionalen in den Medien und irgendwann zu Deutschlandfahnen überall.

Wer den Universalismus aufgibt, landet irgendwann in der Hölle von wir und die. Der Universalismus steht im Moment nicht sonderlich hoch im Kurs. Nationalismus, Zielgruppendenken, das Verkriechen in den Nischen und der Generalverdacht, Überbau für Böses zu sein, haben ihn als erlebbarer Erfahrung ziemlich weitgehend den Garaus gemacht. Kultur, die diese Erfahrung für die meisten Menschen lange Zeit auf die eingängigste und intensivste Art ermöglicht hat, häufig im mehr oder weniger direktem Zusammenhang mit sozialen und politischen Fragen oder Lebensentwürfen, funktioniert nicht mehr so recht als Einladung an alle. Blockbuster und Bestseller folgen der Logik des Spektakels, nicht der des geheimen gemeinsamen Nenners, daneben zerfällt mehr oder weniger alles in Milieus, Einzelmärkte, peer groups. Dass beim gegenwärtigen Klima im gemeinsamen Mögen und Nichtmögen von beispielsweise obskuren Bands möglicherweise viel mehr Sprengstoff und Verheißung steckt als in den meisten offenkundiger politischen oder sozialen Debatten (und die im Moment vielleicht vermutlich einzige Rettung vor den abgekarteten Debatten über Leitkultur samt Pleitegriechen), fällt unter den Tisch, weil niemand Interesse daran hat, dass es nicht unter den Tisch fällt. Weder die Betreiber von Facebook usw., noch die Apologeten einer gesellschaftlichen Homogenität, nicht die kleinen Zirkel, die in Ruhe ihren Vorlieben fröhnen wollen, ja nicht einmal die verbliebenen Menschen, die Kultur, Politik und Leben ineinander verschränkt sehen, vielleicht aus schierer Überforderung angesichts des scheinbar privatistischen Gewimmels. Vielleicht gibt es überhaupt kein allgemeines Interesse an Kultur, wie weit gefasst auch immer, jenseits von Distinktionsgewinn und Identitätsabsicherung, ganz, wie es manche Materialisten immer behauptet haben, wobei das Tragische dann darin liegen würde, dass es trotzdem massenhaft Kultur gibt, die genau das verlangt und verdienen würde (und uns alle daran erinnern, dass die Welt viel schöner sein kann als an diesem miesen Donnerstag, das nur nebenbei).

Und es gibt Vuvuzelas. Stellen wir uns vor, es gäbe eine erfundene Minderheit, von der nur ein paar verschwiegene Tüftler wüssten, dass sie nicht real wäre. Nennen wir sie Flupschis. Grüne Haut, blaue Haare, rote Ohren. Omnipräsent in den Nachrichten und der BILD–Zeitung. So designt, dass sie als Projektionsfläche für alle Lager taugen könnte. Die totalen anderen, die allgegenwärtigen falschen Freunde, gleichzeitig ihren bizarren Traditionen verhaftet (ohne Ähnlichkeit mit denen einer existierenden Kultur) und Spekulanten auf internationalem Parkett. Sie würden frech öffentliche Gelder verbraten, immer im falschen Moment Lärm machen, im Ruch aller Arten von Kriminalität stehen und immer mal wieder vom gerechten Volkszorn zusammen geschlagen werden. Politiker könnten sich immer wieder darüber profilieren, dass sie ein härteres Vorgehen gegen Flupschis fordern würden, und nie hätte das etwas mit uns zu tun. Vergessen wir mal die logistischen Probleme, die das mit sich brächte (und die in diversen Science – Fiction – Stoffen ja längst angedacht wurden), wäre die Welt ein schönerer Ort? Gibt es ein harmloses Sündenbockprinzip?

Natürlich nicht. Wer ein Brötchen klauen würde, und die entsprechende Disposition dazu hätte, würde es irgendwann dem Einfluss der Flupschis in die Schuhe schieben. Der abgespaltene Hass auf die Flupschis würde wüten, wie es Projektionen nun mal tun, und irgendwann würde auch der liebe Nachbar im passenden Moment als Flupschi beschimpft werden. Die Mechanismen von Ausgrenzung und innerer Deformation würden funktionieren wie immer, auch Flupschis würden von Problemen ablenken, und natürlich würden von den üblichen bösen Menschen irgendwann Passanten als Flupschis identifiziert und terrorisiert werden, als wären sie eine reale Minderheit. Dieses Spiel gibt es nicht in gut. Und was immer diesem Land so unter den Nägeln brennt, dass die Dezibelstärken von fernen Tröten eine heiße Nachricht sind, wird sich nach Einführung von Audiofiltern einen neuen Kanal suchen.

Vielversprechendster Anwärter auf die Vuvuzela – Nachfolge bleiben die faulen Spanier. Dass den ausnahmsweise gerade ein wenig verschonten Harzt IV – Empfängern Hottentottentänze osä. angedichtet werden, ist höchst wahrscheinlich. Jemand wird Krach machen und sich einen faulen Lenz, jemand wird schlechter sparen und bizarre Feste feiern und die pochenden Schläfen des hochkonzentrierten heimlichen Weltmeisters Deutschland so zum Glühen bringen, dass zumindest die BILD–Zeitung zuschlägt.

Freuen wir uns also über die Vuvuzelas, so lange wir noch können.

Autor: Florian Schwebel

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