Warum “Reichsparteitag” gedankenlos und unsensibel ist (Die deutschen Farben 1)

Nein, man muss sie nicht entlassen. Nein, wir müssen jetzt nicht hysterisch werden und ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein wegen ihres „Reichsparteitag“-Vergleiches für eine Vertreterin der Nazi-Ideologie halten. Aber wir müssen auch nicht hinnehmen, dass solche Entgleisungen als normal gelten.

Katrin Müller-Hohenstein hatte in der Halbzeit gute Laune, die deutsche Nationalmannschaft führte mit zwei Toren Vorsprung. Eines dieser Tore hatte Miroslav Klose geschossen. Über dieses Tor sagte die Moderatorin im Gespräch mit Oliver Kahn: „Und für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft.“

Hätte sie das direkt zu Miroslav Klose gesagt, der polnische Wurzeln hat, wäre ihm das womöglich gar nicht aufgefallen. Aber vielen in Deutschland fällt so etwas auf, mit Recht. Es gab und gibt erregte Debatten im Internet, die Zeitungen sind heute voll davon. Das ZDF hat sich entschuldigt, ein Vizepräsident des Zentralrates der Juden warnte vor überzogenen Interpretationen dieser Äußerung und riet zur Mäßigung.

In der Tat, es gibt keinen Grund, der Moderatorin eine ideologisch grundierte Absicht zu unterstellen. Das Einzige, was man ihr unterstellen muss ist: Gedankenlosigkeit. Und die ist eigentlich bedenklicher. Nicht für die Bewertung von Katrin Müller-Hohenstein, aber für die der Gesellschaft. Denn die nationalsozialistische Ideologie, wo sie offen auftritt, ist zu bekämpfen und aufzuhalten, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zumal. Aber Gedankenlosigkeit frisst sich unaufhaltsam durch die Gesellschaft. Wer öffentlich „Neger“ sagt will provozieren. Wer auf diese Weise „Reichsparteitag“ sagt, der will nur launig sein.

„Reichsparteitag“ ist ein Begriff, der ausschließlich durch die Parteitage der NSDAP belegt ist, anlässlich des Reichsparteitages 1935 wurden etwa die Nürnberger Rassengesetze vom dazu nach Nürnberg einbestellten Reichstag beschlossen. Gewiss, die Redewendung vom „inneren Parteitag“ war auch in der DDR gebräuchlich. Sie signalisierte Befriedigung und bediente sich dazu ironisch des Sprachbildes, das viel Getöse meinte. Der DDR-Bürger lebte mit den laut tönenden Parteitagen der SED, ein deutscher Westbürger nicht. Und für diesen verschwimmt wohl zunehmend der Unterschied zwischen den beiden Sprachformen. Wie sich wohl auch den Nachgeborenen die Differenz zwischen einem „Genossen“ (SED) und einem „Volksgenossen“ (NSDAP) nicht immer erhellt.

Das Thema ist nicht eine unterstellte rechtsextreme Haltung, das Thema ist vielmehr eine nicht vorhandene historische Sensibilität, die wiederum Wissen voraussetzt. Das „suum cuique“, Jedem das Seine, ist eine Wendung mit umstrittenen Gebrauch, seitdem der alte Rechtsgrundsatz am Lagertor von Buchenwald pervertiert wurde. Politische Kampagnen damit sollten sich verbieten, im privaten Sprachgebrauch wird es seinen Platz wohl behalten – wenn auch möglichst nicht gerade in Thüringen. Arbeiten bis „zur Vergasung“ ist ein ungleich anderes, ein zynisches Wort – und dennoch wird es gelegentlich gebraucht von Menschen, die sich nichts dabei denken.

Und genau das ist es. Es ist vor allem ein Mangel an Sensibilität gegenüber der Geschichte und einer an Respekt gegenüber den Menschen, die sie erlitten. Es ist ein fehlendes Grundgefühl dafür, Teil eines Volkes zu sein, in dessen Namen und mit dessen Sprache vor einem runden Menschenalter die Welt in die Barbarei zurückfiel.

Das wird nicht aufzuhalten sein, es ist Teil der zunehmenden auch mentalen Historisierung des Nationalsozialismus. Aber widerstandslos als Normalität akzeptieren, sollten wir es auch nicht. Es kommt früh genug. In diesen Tagen wehen wieder fröhlich die deutschen Farben auf den Straßen. Das ist, ohne Ironie, ein schöner, in gewisser Weise auch befreiender Zustand. Auch, damit dieses Empfinden nicht gestört wird, scheint ein wenig Sensibilität wünschenswert. Mindestens im Fernsehen.

Wenn Sie, liebe Leser, sich zu diesem Thema äußern wollen, dann ist uns Ihre Meinung sehr willkommen.

Autor: Henryk Goldberg


Kommentare:

16.06.10 – 09:49
slo68
Ach Gottchen. Eine neue mediale Sau wird durchs Dorf getrieben! Hat dieses Land keine anderen Probleme? Von was soll nun diesmal wieder abgelenkt werden? Was wäre wohl, hätte sie “Polen” gesagt (Seit fömpfohrrrrfömpfonförrrrzik wirrrd jetzt zurrrröckgeschossen!) oder “Autobahn” (Er hat ja immerhin die Autobahnen gebaut!). Diese Zensur der Sprachtaliban ist wirklich eklig!

15.06.10 – 18:47
nerz
Na,endlich,das tagelange stöbern und lesen in den Medien hat sich endlich wieder gelohnt.Eine etwas unbedarfte Person ,mein Gott,auch noch im ZDF hat sich einen Scherz erlaubt und Goldberg hat es gemerkt.Jetzt wird aber wieder drauf gehauen auf die Deutschen! Zur Beachtung :Goldberg ist ein besonderer Deutscher.Der behauptet eben dummdreist,Reichsparteitage wurden ausschließlich durch die braune Brut durchgeführt–mein Gott Walter(Goldberg) mal googlen Sie [Anmerkung der Redaktion: Beschimpfung entfernt]!Goldberg ,Sie manipulieren diese Gesellschaft nach Ihrem seltsamen Weltbild.Könnte es sein,daß diese Gesellschaft überhaupt nicht Gedankenlos ist?? Ist Ihnen vielleicht mal aufgefallen(außer wenn Sie unser Land schlecht machen),daß diese Gesellschaft nicht informiert wurde/ist??Sie erdreisten sich diese Gesellschaft durch die Bank gedankenlos zu beschimpfen! Ich behaupte,Sie lügen,Sie lügen mit Absicht! Die jetzigen Generationen erfahren kaum etwas über unsere Vergangenheit in der Öffentlichkeit,der Schule und und und!Und es sollte dabei bleiben!Sonst sind solche Leute ,wie Sie noch in 50 Jahren vorhanden.Solche Leute, wie Sie sind aber auch dann nicht daran interessiert Aufklärung zu betreiben,zu versöhnen usw.Ihr Werdegang der letzten Jahre steht dafür den Generationen nach Adolf auf immer ein schlechtes Gewissen einzureden und wie die Vergangenheit zeigt,dieses im Rahmen der jüdischen Verbände gut bezahlen lassen!Ihre Bemerkungen über “Genossen”,lesen Sie die Kommentare und Sie wissen,wessen Geistes Kind Sie sind! Sie sind in dieser Gesellschaft eine Belastung,natürlich auch für die Leser dieser Zeitung! Wie wäre es,wenn Sie mit Ihrem Kenntnisstand Israel helfen würden? Dieser Staat entstanden aus Terrorismus,regiert von den damaligen Terroristen,der seit Jahrzehnten seine Nachbarn drangsaliert und bis heute terrorisiert braucht Ihre Hilfe.Dieser Staat,der meint auf seine Vergangenheit unter den Nazis ständig und zu recht hinweisen zu können,hat eines nicht begriffen:Die Juden haben unsäglich gelitten unter Adolf!Deshalb ist es unverständlich,weshalb sie aus dieser Zeit nichts gelernt haben und andere Völker weiterhin drangsalieren!Vielleicht mal das Buch “Die Entstehung des Staates Israel” lesen! Ganz vergessen,wenn Sie meinen Rat -auf nach Israel-annehmen,so finden Sie sicher eine unterhaltsame Reisebegleitung im Freiheitskämpfer NOSSEN!

15.06.10 – 12:32
M. Petersen
Da ist er wieder, der moralinsaure Kommentar. In Teilen haben Sie sicherlich recht. Aber eine Redewendung wie “Arbeiten bis zur Vergasung” mit der ironisch gemeinten Bemerkung “innerer Reichsparteitag” auf eine Ebene zu heben, schießt über das Ziel hinaus. Ich empfehle dazu den Kommentar der Welt unter http://www.welt.de/die-welt/kultur/article8051524/Alles-was-Reich-ist.html. Wir sollten die Synagoge im Dorf lassen (der musste jetzt sein…)

15.06.10 – 12:30

nerz
Also ,Goldberg,Sie faseln immer von Ihrem Alter! Setzen Sie sich doch zur Ruhe! Der Artikel:6 – setzen! Ich hab jetzt keine Zeit für Sie-alles andere heute abend!! Falls nicht wieder Ihr Artikel im Nirvana verschwunden ist!

15.06.10 – 12:29
Thomas Wollenweber
Eine völlig unprätentiöse Reaktion: Ich habe schon lange nicht mehr einen solchen Blödsinn gelegen, wie disen Artikel.

15.06.10 – 11:06
L. Wiss
Ich denke, Sie haben ihrem Streben nach Ausdruck Ihrer historischen Sensibilität nachgegeben oder, um es einfacher und weniger sensibel zu formulieren, einfach Ihren Senf dazu gegeben. Die von Ihnen geforderte Sensibilität sollte ganz woanders stattfinden, nämlich in der täglichen Ausgrenzung anderer (ALLER ANDEREN), im täglichen Umgang miteinander, im Umgang mit sich selbst auf ehrliche Art und Weise. Dabei hilft Ihr vermeintlicher Apell an Bedachten Umgang mit Historie (in diesem Zusammenhang!) nur Ihnen, sich als mahnenden Gutmenschen zu formieren und einen weiteren Artikel veröffentlicht zu haben. Ganz nach dem Motto: “Es ist schon alles gesagt, aber nicht von jedem.” Sollte ich mich in meiner Analyse irren, so bitte ich um Entschuldigung, denn auch dies gehört zum sensiblen Umgang miteinander.

15.06.10 – 09:54
P. Koelbel
Schon ewig kenne ich den Ausspruch: “Ja, die deutsche Sprache ist schwer!” Aus eigener Erfahrung musste ich dann lernen, dass man es auch mit ganz simplen Worten schwer haben kann. So sollte man bis 1989 schon erklären, dass man DDR-Bürger und nicht etwa Deutscher sei. Schlimmer war wohl dann noch, wenn aus Versehen nicht von den sowjetischen Menschen, sondern von Russen sprach. In einer Diskussion mit meinem Russisch-Lehrer an der Fachschule, mir war nämlich dieser schreckliche Fauxpas passiert, steigerte man sich derart entsprechend seines Klassenstandpunkts, dass es plötzlich eine sowjetische Sprache gab. Mein Vorschlag an Herrn Goldberg und weitere Sprachkünstler, die immer und überall einen Zusammenhang zu den 12 vor 65 Jahren herstellen müssen, wäre, einen “Anrüchige Worte/Begriffe-Katalog” zu kreieren, in dem wirklich alles erfasst wird, was durch NSDAP-Mitglieder sprachlich benutzt wurde. Sollten es zu viele Wörter sein, dann sollte man sie vielleicht anglisieren.

15.06.10 – 09:13
Matthias Biskupek
Lieber Henryk Goldberg, auch wenn mir dieser kluge Beitrag, um es in ironischer DDR-Diktion zu sagen, ein innerer Parteitag war, muss ich doch auf einen Fehler hinweisen. „Genossen“ waren Mitglieder der SED, „Genossen Genossen“ waren SED-Mitglieder in der NVA, wo alle „Genossen“ zu sein hatten. „Volksgenossen“ hingegen hießen zu Nazi-Zeiten nicht die NSDAP-Mitglieder, sonder alle „blutsdeutschen“ Bürger. Die NSDAP nannte ihre Mitglieder „Parteigenossen“, wovon das Kürzel „Pg.“ bis heute zeugt. Matthias Biskupek, z. Z. Berlin


Text und Kommentare erschienen in Thüringer Allgemeine, 15.06.2010

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