Vom 14. Festival des deutschen Films in Australien berichtet Peter Claus

Kunst als Mittel der Völkerverständigung. – Hört sich toll an, ist jedoch selten mehr als eine Floskel. Beim 14. Festival des deutschen Films in Australien, veranstaltet vom 10. bis 31. Mai in acht Städten (u. a. in Sydney, Melbourne, Canberra, Brisbane), war zu erleben, dass der mit dem Slogan formulierte hohe Anspruch durchaus eingelöst werden kann. Man kam, sah und staunte. Staunen löste allein schon der Zuschauerzuspruch aus. Ob nachmittags oder abends, die meisten Aufführungen waren stark besucht, nicht selten ausverkauft. Und zu den vielfach angebotenen Fragerunden und Panels nach den Filmen sah es nicht anders aus. Dabei ist es keineswegs so, dass allein ältere Menschen, einst aus Deutschland nach Australien ausgewandert, die natürlich gern kommen, das Publikum dominieren. Viele Junge sind da. Einer der wesentlichen Gründe dafür liegt außerhalb künstlerischer Interessen: In Australien gilt Deutschland als eines der ökonomisch attraktivsten Länder der Welt. Es gehört zu den Traumzielen von Menschen, die darüber nachdenken, sich in die Ferne aufzumachen, um dort eine neue Existenz zu gründen. Nicht wenige nutzen deshalb das Festival, um sich über die Filme einen Eindruck von der Atmosphäre, dem Lebensstil, dem Alltag in Deutschland zu verschaffen. Da wundert’s auch nicht, dass filmische Spiegelungen der Gegenwart besonderes Interesse entgegen gebracht wird. Das Programm: 50 Filme aller Genres, Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme, Kinderfilme selbstverständlich inklusive. Die deutsch-australische Auswahljury des vom Goethe-Instituts Australien und -zig Partnern, vielen Sponsoren, die angeführt von einer großen Automarke, veranstalteten Festivals hat gute Arbeit geleistet. Sie hat Filme ausgewählt, die in den letzten Monaten schon in Deutschland in den Kinos zu sehen waren, wie „Kreuzwege“ von Dietrich Brüggemann und „Zeit der Kannibalen“ von Johannes Naber, aber auch solche, die hierzulande erst noch in die Kinos kommen, wie „Die Lügen der Sieger“ von Christoph Hochhäusler.

Eröffnet wurde das Festival in Sydney (und andernorts) allerdings mit einem (auf die Gegenwart zielenden!) Blick in die Vergangenheit: Dominik Grafs Schiller-Film „Die geliebten Schwestern“. Downunder wurde vom Publikum die deutsche Sprache gefeiert, in den Diskussionen dann aber auch eifrig darüber nachgedacht, wieso die im Film reflektierte gedankliche Freiheit der Schiller-Zeit, die zu einer großen Freiheit im menschlichen Miteinander geführt hat, heutzutage in der so genannten westlichen Welt Mangelware ist. Und, klar, Hauptdarsteller Florian Stetter, für einige Festival-Tage nach Australien gekommen, wurde bejubelt, ausgefragt, musste immer wieder für Fotos posieren. Auch dies ein Grund für den Erfolg des Festivals: Das Publikum spielt die Hauptrolle. Gerade dadurch kann sich das Festival des deutschen Films im kinoverrückten Australien (weil bezahlbar, gehört der Gang ins Kino zu den elementaren Freizeitangeboten), da es Festivals am laufenden Band gibt, Angebote aus Spanien, Frankreich, Schweden beispielsweise, nicht nur behaupten, sondern genießt enormes Ansehen.

Wie lebendig das Festival ist, zeigt sich auch an vielen Episoden am Rande. Da hört man denn plötzlich Schillers „Lied von der Glocke“ in Melbourne. „Festgemauert in der Erden …“ Ruth, ein wenig enttäuscht, dass im Schiller-Film keine Gedichten zu hören sind, hat es auf den Eingangsstufen eines der Kinos, da, wo sich die in Australien noch viel stärker als in Deutschland in Acht und Bann geschlagenen Raucher treffen, rezitiert. Die alte Dame, wohl weit über 80, gehört zu denen, die vor Jahrzehnten auf der Flucht vor den deutschen Nazis nach Australien gekommen sind. Sehnsucht nach der Heimat treibt sie an, nach dem Land der frühen Kindheit. „Ja, da idealisiere ich bestimmt„, meint sie versonnen. „Heimat bleibt Heimat!“ Aber mit herrlicher Selbstironie fügt sie hinzu: „Natürlich weiß ich, dass es das Land meiner Kindheit nicht mehr gibt. Ich bin ja keine dumme Göre mehr.“ Wobei sie das Göre langzieht als stünde sie in einer klassischen Rolle auf der Bühne. Neben ihr zieht der Mittdreißiger Shawn genüsslich an seiner Zigarette. Er gehört zu den Australiern, die es „geschafft“ haben. Er verdient seinen Unterhalt in der IT-Branche, muss sich offenkundig keine Gedanken machen, wie er die Miete für die nächste Woche mit Hilfe vieler kleiner Jobs zusammen bekommt. Anders, als unzählige junge Leute in Australien, hastet er nicht tagtäglich von einem Arbeitgeber zum nächsten. Dennoch interessiert ihn Deutschland gerade deshalb, weil er meint, dass es „im Land der Dichter und Denker“ einfacher ist, sein Leben abzusichern. Die deutsche Sprache hat er „aus Lust und Laune“ am Goethe-Institut gelernt. Jetzt will er mehr über das Land erfahren, das er zu den ökonomisch stabilsten der Welt zählt. Er möchte über die Filme „ein Gefühl für den Alltag in Germany kriegen“, wie er sagt. Der Grund ist handfest: „Gut möglich, dass ich mal für einige Jahre nach Deutschland gehe.

Fragen der Identität bestimmen oft die Gespräche auf den vielen während des Festivals organisierten Panels und Diskussionen. Nationalstolz? Kulturelle Identität? Menschen wie Ruth gestehen, dass „der Blick auf das Land der Kindheit natürlich ein verklärter ist“. Sie, die ihr persönliches Schicksal nur andeutet, indem sie verrät, dass sie Jüdin ist, fühlt sich in der Ferne „unbedingt als Deutsche„. Mit dem vehement vorgetragenen Bekenntnis gibt sie jüngeren, wie Shawn, reichlich Futter. Er wundert sich nämlich sehr, dass Deutsche, die nach 1945 geboren worden sind, die Last der Historie auf ihren Schultern zu verspüren meinen. Die vom Goethe-Institut eingeladenen Künstler, Wirtschaftsfachleute, Journalisten, ausgewählt nicht nach Promi-Faktor, sondern nach ihrer Kompetenz, erweisen sich als exzellente Gesprächspartner. Auf dem Festival funktioniert es wie nach Lehrbuch, Kunst als Anreger für ein Nachdenken über soziale, philosophische und psychologische Fragen zu nutzen. Chapeau!

Deutsche Filme gehören im Kino-Alltag Australiens zu den Ausnahmen. Gerade mal einer oder zwei schaffen es pro Jahr in den regulären Verleih. Dabei, so der Eindruck vom Festival, ist das Interesse an Filmen aus dem nicht-englischsprachigen Bereich, gerade dann, wenn anspruchsvoll, groß. Arthouse-Kinos haben in Australien eine feste Klientel. Zu einem der Festival-Erfolge wurde denn auch Rüdiger Suchslands Film „Von Caligari zu Hitler“. Angeregt von dem gleichnamigen Buch von Siegfried Kracauer aus dem Jahr 1947 erforscht er – dominiert von exzellenten Ausschnitten aus berühmten und weniger berühmten Filmen – das Kino der Weimarer Republik, stellt Fragen danach, wie hellsichtig Filme jener Zeit, etwa „M“ von Fritz Lang, den Terror der Nazis im Voraus reflektiert haben, was hätte aus der deutschen Kinolandschaft werden können, wenn die Faschisten die Juden nicht vertrieben und ermordet hätten. Bei den Publikumsgesprächen zu diesem Film ging es meist sehr schnell um die Gegenwart Deutschlands. Das spricht für die Qualität des Films. Und es belegt einen der (in knapp zwei Wochen natürlich oberflächlichen!) Eindrücke des Festivalbesuchers aus Deutschland: In Australien wird Kunst bevorzugt zur Bewertung des Hier und Heute genutzt.

Generaleindruck: Das Festival funktioniert in hohem Maße als Mittler zwischen den Generationen und zwischen den Verfechtern diversester Lebenshaltungen und -entwürfe. In einem Fall hat sich aber auch gezeigt, dass nicht immer alle Blütenträume reifen können: Das Goethe-Institut wollte die Aufführung von Fatih Akins „The Cut“ dazu nutzen, öffentlich mit Vertretern der unterschiedlichsten Meinungen zum Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren zu diskutieren, um dabei etwa auch über die damalige Rolle Deutschlands nachzudenken. Der Versuch des Miteinanders scheiterte an der nicht vorhandenen Bereitschaft jener, die den Genozid leugnen, mit Andersdenkenden offen ins Gespräch zu treten. Die Realität setzt den Träumen der Kunst von der Völkerverständigung doch immer wieder Grenzen. Was anzuerkennen ist. Auch dafür ist das Festival gut.

Das A und O des deutschen Filmfestivals in Australien? Florian Stetter hat es im Gespräch auf den Punkt gebracht: „Hier kann das Publikum ganz viel Deutschland entdecken. Und wie man spürt, entdeckt das Publikum dabei immer wieder sich selbst.

Peter Claus berichtet vom 14. Festival des deutschen Films in Australien Australien für getidan.de

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