Das mediale Schauspiel um die Proteste

Dass die Gegner des Stuttgarter Hauptbahnhofs medial so viel Aufmerksamkeit erhalten, verdankt sich einer tiefgreifenden Spaltung des deutschen Bürgertums.

Bürger-Krieg am Bahnhofsplatz

3 Miniaturen


I. Kastanien & Klassenlage

Seinerzeit, lange ist es her, beobachtete der italienische Autor und Filmemacher Pierpaolo Pasolini eine Demonstration von Studenten, die ziemlich rasch (wenn auch damals noch nicht so rasch wie später) in eine gewaltsame Auseinandersetzung mit der Polizei führte. Und Pasolini? Öffentlich bekundete der Kommunist (den die KPI wegen seiner Homosexualität aus der Partei ausgeschlossen hat), dass er auf Seiten der Polizisten war. Das waren vor allem junge Männer aus dem Süden, denen ein Job bei der Polizei das Überleben sicherte, und auf der anderen Seite standen viele Söhne und Töchter aus begüterten bürgerlichen Familien. Nach der Schlacht auf der Straße kehrten die Vertreter beider Parteien zu ihrer Klassenlage zurück. So Pasolini.

Abgesehen von einer Privatmythologie des Künstlers war das ein fundamentaler Klassenstandpunkt, der sich seiner diskursiven Paradoxie durchaus bewusst war: Prügelnde Polizisten als Metaphern ausgebeuteter Armut, Steine werfende Studenten als Energie-Überschuss privilegierter Bürgerlichkeit. Die Verhältnisse wurden komplizierter am Ende der sechziger Jahre. Tun sie das nicht immer? Die Revolte der jungen Bürger führte dazu, dass sich Klassen-Identitäten verschoben: Der Student kämpfte darum, seine Bürgerlichkeit zu überwinden, sich als politisches Subjekt zu authentisieren, und sei es durch Gewalt, und der Polizist kämpfte um seine Verbürgerlichung, auch er, wenn es sein muss, und es musste sein, mit einer Gewalt, die über seinen rechtsstaatlichen Auftrag hinaus ging. Beide Seiten blieben indes auf ihrem Gewalt-Marsch stecken: Dem Studenten würde es nicht gelingen, die Schizophrenie aus seiner doppelten Verneinung seiner Klasse, als Parteigänger des Proletariats oder der „Massen“ in fernen, ausgebeuteten Ländern und als intellektueller und ästhetischer Bohèmien, zu verarbeiten, und der Polizist, mochte er als Beamter auch gesicherte Respektsperson werden, konnte die Schizophrenie, zugleich guter Bürger, ökonomisch knapp in der Reihenhaus- und Ferienreisen-Liga oder vielleicht auch immer knapp davor, und staatlich entfachte Gewalt der instrumentalisierten niederen Klassen zu sein, ebenfalls nicht überwinden.

Der Polizist, der es nie ganz schafft, Bürger zu werden (und eben nicht nur aus seiner politischen Ökonomie heraus, sondern auch aus seinen beruflichen Erfahrungen und Beschädigungen), und der Bürger, der sich moralisch und rhetorisch von den Sünden und Verbrechen seiner Klasse abwendet, ohne sie in sich und seinem Leben wirklich loszuwerden, verstehen sich gegenseitig auf eine besondere Weise: In der Gewalt. Freilich bekämpfen sie einander in mehr oder weniger ausgeprägtem Bewusstsein davon, zu den Betrogenen des Systems zu gehören, sie bekämpfen einander in dem mehr oder weniger ausgeprägten Wissen darum, genau den Falschen zu schlagen oder zu bewerfen.

Vierzig Jahre und etliche Erfahrungen mit einer in Wahrheit nie gebändigten „Staats-Gewalt“ später, wiederholt sich einmal mehr das Schauspiel, und zugleich gibt es bemerkenswerte Differenzen. Die Frage ist: Haben wir es tatsächlich mit einem Wandel in Wesen und Funktion der Kontrahenten zu tun? Oder sind wir Zuschauer eines medial-politischen Schauspiels, das perfekt dazu geeignet scheint, von der Brisanz der eigentlichen, destruktiven Brüche in der Gesellschaft abzulenken. Erzeugt werden diese vor allem durch zwei Prozesse: Nach der Finanzkrise wurden die kriminellen Taten der Finanzwirtschaft (sehen wir von ein paar durchschaubaren Bauernopfern ab) nicht bestraft sondern im Gegenteil legalisiert, in gewisser Weise machte sich der postdemokratische Staat sie sogar zu eigen. Regierungen wie die von Merkel & Westerwelle wollen und können gar nicht mehr verbergen für wen sie Politik machen. Und gegen wen. Die Erzeugung einer neuen Unterschicht erfolgt durch einen Gleichklang von Politik, Ökonomie und Medien, und schon während sie erzeugt wird, wird sie auch beschimpft, verhöhnt (wie sollte man die symbolischen 5 Euro mehr oder die Bagatell-Kündigungen anders sehen?) und entmündigt. In der neuen Unterschicht gibt es keine Solidarität (Einheimische hassen die Migranten, Alte die Jungen, Wiederaufstiegswillige die „Schmarotzer“ etc.) und es gibt keine Motivation für Gesten des politischen Widerstands. Wozu sollte man auf die Straße gehen? Dafür, dass man statt Hartz IV einen Minijob bekommt, um die Statistiken zu schönen? Dafür, dass auf die Merkel-Westerwelles, die unschöne Verbindung des pflichtprotestantischen und des zynischen Gesichts der Marktwirtschaft, wieder eine „Rot-Grüne“ Regierung folgte, die das ganze Schlamassel ja begonnen hat? Oder für noch radikalere Veränderungen? Im Alltag lernt man hier unten die Macht jener sehr genau kennen, an deren Tröpfen man gerade noch überlebt. Und man lernt, dass die Moral, in deren Namen man Forderungen stellen könnte, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Gemeinschaft, schlechte Scherze sind, über die sogar der nette bürgerliche Herr lacht, der in der „Tafel“ den Überschuss der Lebensmittel-Discounter an die „Bedürftigen“ verteilt. Man muss gar nicht „hier unten“ angelangt sein, man muss es nur vor Augen haben (und merkwürdigerweise wird es ja auch nicht verborgen), um sich Mut und Motivation für politische Opposition nehmen zu lassen – nur die Neonazis und die Rechtspopulisten verstehen es, die Mischung aus Alltagskorruption und Ohnmachtsempfinden für sich nutzbar zu machen.

So muss die Allianz aus finanzwirtschaftlicher „Elite“ und postdemokratischer Regierung einen „Aufstand von unten“ nicht wirklich fürchten. Unruhe dagegen geht nach wie vor von einem widersprüchlichen Segment des Bürgertums aus, das nun freilich nicht mehr allein aus Gründen der moralischen Selbsteinschätzung und der Verantwortung für andere bzw. für die Natur oder die kommenden Generationen, sondern auch durch die Prekarisierung des eigenen Lebens motiviert ist. Die Projekte, gegen die es in der letzten Zeit, „bürgerliche“ Revolten gegeben hat, Stuttgart 21, die Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke, und, ein wenig verblassend dagegen, die Olympia-Bewerbung von München bzw. oberbayrischer Region, der Kampf um die Erhaltung von wenigstens ein bisschen bürgerlicher Kultur gegen Regierungen, die ihr Volk totsparen wollen, haben alle etwas gemeinsam, sie haben nicht nur erkennbar unmoralische Ziele, einschließlich destruktiver Wirkungen für Kultur und Natur, es sind auch symbolische Akte der Enteignung; die politisch-ökonomisch-technologische Elite raubt Orte, die ursprünglich einer bürgerlichen Öffentlichkeit „gehörten“, in Form der urbanen Architektur ebenso wie in der von unversehrter Natur. Diese Enteignen treffen nicht nur empfindlich auf das Wertesystem einzelner, bewusster Bürger, sie treffen die Identität der Klasse selbst: Die Monumente der Gier des Kapitals, das sich jeder Kontrolle und jeder Reflexion entzieht, werden zugleich zu den Grabmälern der alten bürgerlichen Klasse. (Die Taliban, sagen deren Vertreter verzweifelt, sprengen Buddha-Statuen, das Kapital verbaut Kultur- und Naturdenkmäler mit Brücken und Shopping Centern; wo, außer im Grad der Barbarei, liegt der Unterschied?)

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Die Erzeugung einer neuen Unterschicht erfolgt durch

einen Gleichklang von Politik, Ökonomie und Medien

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Es ist auch einem weniger kritisch geschulten Blick einsichtig, dass es sich bei den Projekten, um die es nun geht, bei der Verwandlung eines Bahnhofes in einen Spielplatz der Immobilienspekulation für ein Kapital, das dringend neue Orte von Verwertung und Verbergen sucht, bei der Verlängerung der Laufzeit für Atomkraftwerke oder bei der Olympia-Bewerbung einer süddeutschen Region, beim kulturellen Rückbau einer Stadt, um schiere Geldmaschinen für eine immer kleinere Gruppe handelt, an deren Profiten am Ende immer weniger sekundäre Gewinner teilhaben und an deren Fortschritten immer weniger Menschen wenigstens alltäglich Vorteil oder Vergnügen finden. In Stuttgart ist sogar die Verknüpfung einer Partei, der CDU, und des gewaltigen Immobilienprojekts so gut wie nicht verborgen. Wenn nun die Medien klagen, der Konflikt sei ausgebrochen, weil das Projekt so „schlecht kommuniziert“ gewesen sei, so ist das nur die halbe Wahrheit, und das Gegenteil von wahr: Der Konflikt ist unter anderem ausgebrochen, weil niemand „dort oben“ glaubte, die wahren Absichten des Projektes hinreichend verschleiern zu müssen. Es schien ihnen zu genügen, darauf hinzuweisen, dass das Kapital, wenn man es nicht in Stuttgart 21 binden würde, einfach woanders hin ging. So ist es, das Kapital. Ihr da unten bekommt es eh nicht, was regt ihr euch also auf.

Den Rest regeln Bürokratie und Polizei. Als die Vogonen den Planeten Erde zerstörten, um einer schnellen Raumtrasse durch das Universum Platz zu machen, verabsäumten sie es nicht, darauf hinzuweisen, die Bewohner der Erde hätten ja nur einen Blick in den Aushang auf dem Bürokratenplaneten werfen müssen und dann Einspruch erheben können, und so habe alles seine legale Richtigkeit: Rrrrums! (So geschehen in Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis.) Da nun aber eben nicht mehr dissidente Bürgerkinder mit dem Willen, sich in der Konfrontation neu zu erfinden, depravierten, in Uniformen gesteckten und bewaffneten dissidenten Proletariern gegenüberstehen, sondern Bürger, die nichts als ihre bürgerlichen Rechte einfordern und eine Polizei, deren Mitglieder ökonomisch und sozial eher langsamer als der Großteil der kleinbürgerlichen Klasse absinken, sprechen wir etwa von Lehrern, Sozialarbeitern, vom kulturellen Sektor, vom Handwerk, vom selbstständigen Einzelhandel und so fort, kommt die Brutalität des Einsatzes in Stuttgart nicht nur für die betroffenen Demonstranten und die sie begleitenden Medien schockhaft überraschend, sondern auch für einen nicht unerheblichen Teil der „passiven“ Bürger an den Fernsehern und hinter mehr oder weniger bürgerlichen Zeitungen.

Es geht also letztendlich um eine Spaltung des Bürgertums. Wenn die „68er“, wie immer man die soziale Bewegung auch fassen mag, das Ziel ihrer Bewegung darin sahen, sich gerade von ihrer Bürgerlichkeit zu befreien, paradoxerweise eben in beide Richtungen zugleich, in die Antibürgerlichkeit der Bohèmen und in die Antibürgerlichkeit der „revolutionären Massen“, so war klar, dass das nicht gut gehen konnte, im Ganzen nicht und in einzelnen Köpfen auch nicht. In den Revolten des Jahres 2010 geht es in Deutschland zumindest darum, überhaupt erst einmal zum Bürger (zum Citoyen) zu werden oder wieder zu werden. Das Bürgertum formiert sich nicht allein gegen eine offensichtlich falsche und amoralische ökonomisch beherrschte Politik, es formiert sich gegen die eigene Abschaffung.

Die Demonstrationen gegen Stuttgart 21 sind auch, was den Dresscode anbelangt, nicht nur betont bürgerlich, betont friedlich und betont diskursiv, sondern auch betont „individuell“. Es ist der Aufstand „Einzelner“, die zueinander gefunden haben und miteinander für etwas eintreten. Im Vergleich dazu scheinen die Pro-Demonstrationen, die es ja auch gibt (nur ist es keine so richtige Story) offenkundig semiotisch reproletarisiert, sie ähneln mit den uniformen Überzügen und den Parolen früheren Gewerkschaftsdemonstration und verstehen sich ja auch als eine Art positiver Arbeitskampf. Hier sieht man nach wie vor in den Protestlern jene privilegierten „Fortschrittsfeinde“, die das Wachsen der Wirtschaft und damit die Erzeugung von Arbeitsplätzen verhindern. Wenn sich die eine Partei offensichtlich den Glauben an die moralischen und ästhetischen Werte des Bürgertums nicht nehmen lassen, so lässt sich die andere Partei den mindestens ebenso unerschütterlichen Glauben an den Segensreichtum des Fortschritts im Kapitalismus nicht nehmen. Unnütz zu sagen, dass sich beide Parteien, die Werte- und Anstands-Fraktion wie die Dynamik- und Positivismus-Fraktion des Kleinbürgertums gründlich täuschen können.

Wie dem auch sei: die Protestbewegung, die in Stuttgart am sichtbarsten wird, unter anderem, weil diese Stadt so sehr Inbegriff der Bürgerlichkeit in allen Facetten ist, will gerade ihre Bürgerlichkeit erringen, nicht mehr als Citoyen, der den Bourgeois in sich abtötet, sondern im Gegenteil, als Bourgeois, der als Citoyen zu sich selbst kommen will. Von Anfang an hat die politische Rhetorik darauf abgezielt, gerade diese Bürgerlichkeit in Frage zu stellen. Der Verteidigungsminister zu Guttenberg, das große Idol der neoliberalen „Leistungsträger“, formuliert das besonders treffend, wenn er davon spricht, es gehe gegen eine „außerordentliche Opposition“, die „so tut, als ob wir in einer Diktatur leben“. Damit weckt er nicht nur offenbar ganz bewusst die Erinnerung an die „außerparlamentarische Opposition“, die sich schon einmal erdreistete, den Frieden zu stören, sondern verschwurbelt auch gekonnt Ursache und Wirkung der eskalierten Konflikte: Wenn jemand so tut, als würden wir in einer Diktatur leben, dann wird er auch so behandelt: Rrrrums! Der fliegende Polizeiknüppel hat seine Berechtigung darin, dass er von seinem Opfer als solcher erkannt wird.

Sehen wir uns die Klassenlage der Polizisten an, die lange nicht so schlecht ist wie die der Polizisten, auf deren Seite Pierpaolo Pasolini sich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen schlug (nicht dass sie diesen Parteigänger akzeptierten!). Doch die Position ist insofern prekär, weil die Arbeitsplätze an Sicherheit verlieren und weil der Druck des sparenden Staates hier institutionell spürbar wird. Um zu verstehen, wie Polizeigewalt, wenn sie denn von oben gewünscht wird, sich wie von selbst verstärkt, muss man den Werdegang deutscher Polizisten betrachten (da der sich in Deutschland und Italien in manchem gleicht, ist die Verbindung zu Pasolinis Geste übrigens signifikanter als sie, sagen wir in England wäre): Bevor man ein „normaler“ Polizist oder eine „normale“ Polizistin auf einem Revier wird, wo man sich zweifelsfrei auch als „Freund und Helfer“ begreifen kann, muss man Jahre bei der sogenannten Bereitschaftspolizei (BePo) verbringen und für „Großeinsätze“ zur Verfügung stehen. Menschen, die bei der Polizei eingestellt werden, werden grundsätzlich in der BePo ausgebildet, und nach der Ausbildung muss man zur „Einsatzhundertschaft“, wo man zwischen einem Jahr und drei Jahren Dienst tun muss, bevor an eine Versetzung in den Streifendienst zu denken ist. In der PR der baden-württembergischen Polizei liest sich das so:

„Der Weg nach der Ausbildung führt Sie im Regelfall zunächst zu einer der Einsatzabteilungen der Bereitschaftspolizei. Dort warten bereits wichtige Aufgaben auf Sie – Teamgeist und Einsatzbereitschaft sind gefragt. In dieser Zeit lernen Sie das breite Spektrum polizeilicher Aufgaben kennen. Ein weiterer wichtiger Baustein für ihre spätere Tätigkeit im Streifendienst.
Reichen die örtlichen Polizeikräfte nicht aus, werden Sie auch bei Demonstrationen, zum Schutz von Veranstaltungen wie z.B. Fußballspielen oder bei Durchsuchungsaktionen und Razzien angefordert.“

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In der neuen Unterschicht gibt es keine Solidarität und

keine Motivation für Gesten des politischen Widerstands

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Den Frust bei der Bereitschaftspolizei beschreibt ein Beiträger in einem Polizisten-Forum im Internet: Der BePo-Dienst bestehe, so seine Warnung an einen offensichtlich allzu enthusiastischen potentiellen Bewerber, darin, „ewig lange Steh- und-Warte-Einsätze hinten im Bulli rumzugammeln, dafür quer durch die Republik gegondelt zu werden, während andere Leute frei haben, in vollem Einsatzgerödel neben irgendwelchen quäkenden Deppen herzutrotten, deren Parolen einem spätestens nach der ersten Stunde gründlich zum Hals heraushängen, praktisch fast keine planbaren Wochenenden zu haben usw.“ Im Blick dieses Bereitschaftspolizisten (wir können uns ein gewisses Verständnis nicht versagen) ist ein demonstrierender Bürger also nichts anderes als ein quäkender Depp, dessen Treiben er in der Tat möglichst schnell ein Ende machen will und der daran Schuld ist, dass er kein Privatleben wie jeder andere hat. Wir müssen diese Perspektive verstehen, wir müssen aber auch begreifen, wie sie erzeugt wird.

Die ökonomische Situation des Polizisten und der Polizistin ist weder besonders gut noch besonders schlecht. Im ersten Jahr beträgt der Lohn (wiederum in Baden-Württemberg) ca. 920 Euro, im zweiten 975 Euro. Ab dem dritten Jahr 1030 Euro. Nach dieser Durststrecke (die man durch einige Sozialleistungen und Zusätze durch Überstunden und Sonntagszulagen aufwertet) bringt man es als junger Polizeimeister/- in, ledig in Steuerklasse I auf 1.666 Euro im Monat, als Polizeihauptmeister/-in, verheiratet, 
Steuerklasse IV, 34 Jahr alt, darf man mit 2.150 Euro rechnen.

Verglichen mit den Dumping-Löhnen in der privaten „Sicherheitsindustrie“ ist das, sagen wir, erträglich. Jedenfalls gibt es genügend Menschen im tertiären Sektor in unsichereren und ärmeren Verhältnissen als deutsche Polizisten. Freilich wächst auch hier der staatliche Spar-, Rationalisierungs- und Privatisierungsdruck. Um indes in diesen bescheidenen aber vergleichsweise sicheren bürgerlichen Status zu gelangen, muss die BePo-Phase durchlaufen werden, die man kritisch durchaus auch als ein Abtrainieren der Gewalthemmungen und einen gezielten Verlust der Unschuld verstehen kann.

Wir sehen also die Bilder der Polizeigewalt in Stuttgart, die scheinbar so überraschend kommt (und wir verarbeiten mit Mühe die Beobachtungen, wie sehr noch die einzelne Gewalt der jungen Polizistinnen und Polizisten über das ohnehin unverantwortliche Maß der „befohlenen“ Gewalt hinausgeht, ja, schlimmer, wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass manchen von ihnen diese Gewalt ganz einfach Spaß macht oder wenigstens Genugtuung verschafft, als dürfe sich hier endlich der oben von einem Betroffenen beschriebene Frust gegenüber den quäkenden Deppen entladen) nun in einer anderen Erzählung: Zwei Gruppen von Menschen, die Bürger (Citoyens wie Bourgeois) werden bzw. bleiben wollen, müssen, um ihr Ziel zu erreichen, Gewalt gegeneinander anwenden. Eine groteske Schlacht ist entbrannt, die durch die Asymetrie von ein paar Kastanien auf der einen und Wasserwerfer/Gasspray/Gummiknüppel auf der anderen Seite noch grotesker wird. Denn, nicht wahr, Hooligans, „Chaoten“ und „Randalierer“ haben es ja auf Prügel abgesehen, diese Rentner, Schulkinder, Sozialarbeiter, Naturschützer, Bürger, die betonen, zum ersten Mal überhaupt auf einer Demonstration zu sein, aber gewiss nicht, und sehr schnell sind durch die dazugehörigen Bilder die rhetorischen Rechtfertigungen vom Tisch, in denen sich Kastanien in Pflastersteine verwandelten. Und schnell ist auch der metaphorische Gehalt dieser Schlacht entschlüsselt: Der postdemokratische Staat geht im Dienst der legalisierten Finanzkapital-Mafia gegen seine eigene Gesellschaft, gegen seine reinsten Repräsentanten, ach was: gegen die bürgerliche Seele vor.

Sollen wir, misstrauisch geworden durch die Raschheit, mit der die mittelbürgerlichen Medien diese Erzählung aufgreifen und sich auf die Seite der „guten Bürger“ stellen, einen Diskurs der „eigentlichen“ Konservativen gegen den Rambo-Kapitalismus entwickeln, die sentimentalen gegen die progressistischen Impulse ausspielen und uns einfach viel lieber mit Protestbürgern als mit Ghetto-Elend und Nazi-Subversion beschäftigen, im Sinne von Pasolini (mehr oder weniger poetisch, mehr oder weniger ironisch) auf die Seite der Polizei wechseln, wenigstens schadenfroh: Genau so sieht er aus, der Merkel-Westerwelle-Staat. Habt ihr das etwa nicht gewusst? Wo habt ihr so lange eure Augen gehabt? Wacht ihr immer erst auf, wenn es um eure allereigensten Interessen und Identitäten geht? Natürlich nicht. Wir können nur wieder bewundern, wie eines ins andere greift, wenn es um die Neuordnung von Staat und Gesellschaft im Dienste des Kapitals geht.


II:  Medienspiel, oder Warum ein Daimler-Chef lieber abwartend bleibt

Die „Schere zwischen arm und reich“, sagt man, öffne sich hierzulande schneller und stärker als anderswo (weiter öffnen indes tut sie sich im ganzen Euro-Land, das ist das Wesen des Systems selber). Unglücklich genug freilich jener, der nahe genug am Gelenk der Schere sitzt, um nicht genau zu wissen, in welche Richtung das eigene Leben geht. Hier findet derzeit eine Spaltung des Restbürgertums statt, die nicht nur die Klasse an sich, sondern auch ihre Organisationen betrifft, und die am Ende jeden einzelnen Kopf schmerzen muss. Der perfekte Ausdruck dafür ist der demoskopische Aufstieg der Grünen, die offensichtlich die Herzen der Involvierten in den Aufständen der guten Bürger erreichen. Sie tun das offensichtlich nicht durch eine beherzte, eindeutige und kämpferische Politik, sondern im Gegenteil durch Eigenschaften, die man an jedem anderen Ort verabscheuen würde: durch Wischi-Waschi, Selbstwidersprüchlichkeit, „Herumgeeiere“. Nur zum Beispiel ist es eine besondere Praxis im Süden, in den politischen Institutionen für die Olympia-Bewerbung zu stimmen und vor Ort von der Stimmung dagegen zu profitieren. Es drückt nicht nur einen Widerspruch zwischen Führung und Basis aus, es ist Wesen des Projekts des „grünen Ökonomismus“, der die Öffnung dieser Bewegung nach rechts begleitet. Man mag das Taktieren durchschauen und das Stimmungshoch für eine Seifenblase halten, die bei den Revolten der guten Bürger entsteht und platzen wird, und dennoch drückt gerade das Verschwimmende der Grünen wie das Verschwimmen der Konfrontationen in den Medien das Wesen der prekären bürgerlichen Klasse aus, die selber nicht minder unentschlossen und verstört auf die eigene Lage reagiert.

Drei Positionen in diesem Konfliktfeld sind öffentlich so weit verhandelt, dass sie in der Mehrheitskultur als einigermaßen geklärt erscheinen: Die Polizei: Das geht gar nicht. Solche Bilder, heißt es immer wieder, wollen wir nicht sehen. Die Politiker: lügen, was das Zeug hält. Hysterische Reaktionen auf berechtigte Forderungen der Bürger. Wenn Innenminister Heribert Rech formulierte, die Demonstranten würden von einer „grundsätzlichen Antipathie gegen den Staat“ geleitet, dann beleidigt er, so gezielt wie daneben, eben genau den harten Kern des demokratischen Staatsvolkes. Und wenn der Schlichter Heiner Geissler den Demonstranten verspricht, was von Seiten der Politik sofort wieder zurück genommen wird, dann ist das nicht nur der viel zitierte „Fehlstart“ in die Verhandlungen, sondern auch eine Übertragung der Spaltung. Und schließlich scheint auch die Position der Demonstranten einigermaßen geklärt: Es sind die Guten. Auch wenn sie vielleicht nicht Recht haben, sind sie ikonografisch und dramaturgisch als die Guten kenntlich.

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Das Bürgertum formiert sich nicht allein gegen eine

offensichtlich falsche und amoralische ökonomisch beherrschte

Politik, es formiert sich gegen die eigene Abschaffung

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Aber genau hier beginnt der Bereich der ungeklärten Positionen der Medien und der Wirtschaft. Der Konsens nämlich wurde, wenn auch durchaus vorläufig, eingeschränkt und eher emotional als diskursiv vermittelt, in den bürgerlichen Medien hergestellt, das heißt vor allem in den Zeitungen und entsprechenden Internet-Foren, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (auch in seiner Sowohl-als-auch-Dramaturgie), im „gepflegten“ Bilderraum. Die Trash-Medien, deren Einfluss am Ende überwiegt, hielten sich zunächst zurück. Was in der „breiten“ Mehrheit ankommen wird, ist noch unklar. Ob der Aufstand der guten Bürger gegen destruktive Kapital- und Bagger-Bewegungen zu einem gesellschaftlichen Projekt wird, entscheidet sich womöglich im Verhalten der BILD-Zeitung, die wiederum eine Leserschaft repräsentiert, von der Wenige an Demonstrationen gegen Stuttgart 21, Olympia oder Atomkraftwerke teilgenommen haben dürften. Wo der Weg auch hin gehen könnte, verrät eine BILD-Überschrift als erster Häme-Ausfall: „Protest-Opa gerät ins Zwielicht“. Da es immerhin um einen älteren Mitbürger geht, der in Gefahr steht, sein Augenlicht zu verlieren, testet man offensichtlich bereits die Bereitschaft der Leser zur Erbarmungslosigkeit aus. Vielleicht mag ja diese Mehrheit genau so gern „Protest-Opas“ hassen, wie langhaarige Chaoten? Hier zeichnet sich ab, dass sich gegen die betonte Bürgerlichkeit und die betonte Menschlichkeit der Demonstration gerade die Aggressivität jener mobilisieren lässt, die sich auf den gleichen Seiten an Frau zu Guttenburg als „Kinderpornojägerin“ erfreuen. Man versteht hier wie dort das Spiel über die Bande.

Zur gleichen Zeit versteht man nur zu gut, warum die bürgerlichen Medien die Protagonisten des bürgerlichen Aufstandes schätzen: Man spricht die gleiche Sprache, man bezieht sich auf gleiche Vor-Bilder, man teilt „Werte“, von denen man ahnt, dass sie im Begriffe sind, verloren zu gehen, und zwar durch eine neuerliche Allianz der ansonsten so trefflich getrennten Kulturen von Geldbewegern und BILD-Zeitungs-Lesern. Die bürgerlichen Medien können sich nun zugute halten, die erst rhetorische und dann gewalttätige Produktion eines neuen Feind-Bildes (und wenn es sein muss, erst mal als halb tot geprügelter „Protest-Opa“ oder als traumatisierte Gymnasiasten, die den Demokratie-Unterricht am eigenen Körper erleben) und die offenkundig beabsichtigte Spaltung der bürgerlichen Demonstranten verhindert zu haben. Tatsächlich sind ja auch nicht alle bürgerlichen Medien (lassen wir die F.A.Z. mal außen vor) nach der Krise ganz reibungslos zum business as usual übergegangen, vielleicht könnte man, bei genauerem Hinsehen, sogar ein kleines Projekt erkennen, auf vorsichtige, abwägende Distanz zum „Turbokapitalismus“ und seinen jüngsten brachialen Manifestationen zu gehen, nicht ganz uneigennützig, denn es geht ja auch um die eigene Existenzberechtigung.

Dem kommt entgegen, dass auf der anderen Seite offensichtlich eine geballte Ladung von Dummheit und Ignoranz steht, deren Charisma und Unterhaltungswert gegen Null geht. Es sind die Technokraten und Egomanen, die selbstherrlichen Entscheider und Betonköpfe, Leute, die mit den Bürgern nicht warm werden, denen Demokratie, noch in der nettesten Form, nichts als lästige Verzögerung ist. Die Rückkopplung der Politik an ihre Klientel und zugleich an den Populismus ist eine Falle, aus der sie nicht mehr herauskommt: „Die Landtagswahl wird die Bürgerbefragung über Stuttgart 21“, sagt Frau Merkel, durchaus selbstmörderisch. Die Stuttgarter Politiker, Polizeiführung oder Bahnchef Grube, der den Kontrahenten schlicht das Widerstandsrecht absprach, wirken, als habe man sie regelrecht erfunden, um die Bürger und vor allem die Bürgerkinder zu empören, ja es scheint, als habe man es geradezu darauf angelegt, nicht nur in den Demonstranten den alten Feind (die Kommunisten, die ungewaschenen Chaoten, die Rowdies) zu rekonstruieren, sondern dies auch durch die eigene Präsentation als Feindbild zu beschleunigen. Jemand, der es wissen muss, gab die Beobachtung wieder, das Verhalten der Politiker gegenüber dem Volk bei den bürgerlichen Aufständen erinnere fatal an das Verhalten der Betonköpfe kurz vor dem Zusammenbruch der DDR. Nur geht es nun nicht um den Sozialismus, den angeblich weder Ochs noch Esel aufhalten, sondern um Bahnhöfe, Superevents und Atomkraftwerke, die ein engagierter Teil des Volkes ganz einfach nicht will.

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Die Monumente der Gier des Kapitals, das sich

jeder Kontrolle und jeder Reflexion entzieht, werden

zugleich zu den Grabmälern der alten bürgerlichen Klasse

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Dass es bei den bürgerlichen Aufständen nicht mehr um punktuelle Widerstände, längst nicht mehr allein um das Ärgernis vor der eigenen Haustür, sondern um die Konfrontation einer wachsenden Gruppe von Menschen mit der Regierung und ihrer Politik geht, dafür hat diese selbst gesorgt (möglicherweise benötigt sie diesen Gegner sogar, um ihre Kräfte zu sammeln). Ihre Schwäche liegt nun freilich darin, dass weder die Projekte, um die es geht, besonders attraktiv oder faszinierend erscheinen (sogar die Olympiade-Versprechungen treffen auf eine durchaus nachlassende Vergnügungs- und Geltungswut, auch wenn man sich manchenorts über jede Gelegenheit freut, das Auto wieder national zubeflaggen), noch irgendwelche charismatischen, ja wenigstens Vertrauen erweckende Befürworter zu präsentieren sind. Zweifellos inszenieren sich die Citoyens, die im Zentrum des Protestes gegen Stuttgart 21 stehen, als betont bourgeois, etwa sitzen bei „Beckmann“ Christine Oberpaur und der Schriftsteller Walter Sittler dem Bahn-Manager und der Ministerin gegenüber und schon in der optischen Erscheinung ist klar, dass sich hier Vertreter eines alten Bürgertums, geprägt aus den Eckpunkten von Besitz, Bildung (durchaus auffallend wie viel „Kunst“ sich hier engagiert) und bürgerlicher Liberalität und eines neuen Bürgertums gegenüber sitzen, das für Effizienz, Populismus und  Technologie steht. Sittlers erste Attacke gilt denn auch jener Politik, die etwas anderes „verkauft“, als sie im Sinne hat, und die die Menschen „allein lässt“. Diese Rhetorik wird von den Medien nur zu gerne aufgenommen: Es geht offensichtlich um Menschen, die gerade eben erst „enttäuscht“ wurden, die bis gerade eben an die harmonische Verbindung von Demokratie und Kapitalismus geglaubt haben. Und tatsächlich erhebt sich daraus die Forderung nach der Volksabstimmung als klammheimliche Bankrotterklärung der repräsentativen Demokratie. Es ist, indirekt und ohne sich möglicherweise auf ein höheres Niveau der Selbstreflexion zu bewegen, in den Talk Shows mit ihren offensichtlichen Image-Inszenierungen der Tod des Thomas-Hobbes-Staates Verhandlungsgegenstand geworden, der für faire Vertraglichkeit seiner Bürger zu sorgen hat. Seine Vertreter, die immer wieder nur auf die Vertraglichkeit, die demokratische Rechtlichkeit, auf das formale, statt das gefühlte Zueinander von Staat, Wirtschaft und Volk pochen, erscheinen durchaus als Vertreter einer untergehenden Ordnung. Doch ihre Gegenüber machen durchaus nicht den Eindruck, als wären sie sich des Ausmaßes dieses Zusammenbruchs bewusst, ja mehr noch, als wollten sie nichts lieber, als sich von der ungeliebten Straße wieder zurückziehen in bürgerliche Innen- und Kulturwelten.

Ministerpräsident Stefan Mappus antwortet, mittlerweile old school-mäßig, mit der Kreation eines dieser Blubberworte, die die Wandlung von Demokratie in Postdemokratie begleitet haben: „Dialogagenda“. Und in einem offenen Brief, den die Stuttgarter Zeitung abdruckt, bleibt er der progressistischen Linie, bei aller Zusicherung, „bei Vorschlägen genau hinzuhören“, treu: „Wir in Baden-Württemberg haben uns stets dadurch ausgezeichnet, dass wir die Zukunft schon aktiv gestaltet haben, während andere noch verharrten. Daimler und Bosch sind nur zwei Namen unter vielen, die rund um den Globus einen guten Klang haben“.

Womit wir bei der zweiten unklaren Position in diesem Spiel sind, der Wirtschaft selbst, und beim Stichwort Daimler denken wir an Leute wie Daimler-Chef Dieter Zetsche, der sich schnell davon distanzierte, auf der Seite der Befürworter festgelegt zu sein, denn schließlich: auch die guten Bürger des Aufstandes sollen Mercedes-Fahrer bleiben oder werden). „Der Riss geht quer durch die Gesellschaft, durch Unternehmen, durch Familien. Er habe Schwierigkeiten, seine Frau vom Demonstrieren abzuhalten, berichtet der Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens, der selbst ein Verfechter von Stuttgart 21 ist“, schreibt Susanne Preuß in der F.A.Z. und zitiert weiter: „Ich müsste sie anbinden“. Da lacht er, der F.A.Z.-Leser. Und so warnt, immer noch laut dem F.A.Z.-Artikel, Unternehmensberater Matthias Filbinger, Sohn des einstigen Ministerpräsidenten: „Man muss sensibel sein. Jeder Gewerbetreibende muss prüfen, wie förderlich oder schädlich sich eine Äußerung aufs Geschäft auswirkt.“ Wir erleben eine postmoderne Light-Version der marxistischen Idee des berühmten Stricks, den der Kapitalist verkauft, und an dem man ihn aufhängen will (keine Sorge, der Kapitalist kennt die, äh, Belastbarkeit seiner Ware im Gebrauch): Eine deutsche Schirmfabrik benutzte die Demonstration zum Guerilla-Marketing: „Schirm zerstört durch Wasserwerfer? Wir unterstützen gerne friedliche Demos“, und wer darauf hereinfiel erhielt ein Schirm-Angebot mit 21 % Rabatt.

Bei der politischen und medialen Spaltung des deutschen Bürgertums also ist die Wirtschaft aus nahe liegenden Gründen nicht bereit, vor dem Ausgang des Konflikts, offen für den progressistischen und gegen den konservativen Werte-Flügel Stellung zu nehmen. „Gewitzt“ wie sie nun einmal sind, versuchen sich die Markenhersteller beide Kundenstämme zu erhalten, so wie sich die Grünen, „gewitzt“ wie sie nun einmal sind, in beiden Diskursen bewegen wollen. Und „gewitzt“ wie sie nun einmal sind, könnten die Medien bis in die bürgerliche Mitte hinein, das Narrativ wechseln, der F.A.Z.-/BILD-Allianz gegen die „Feinde des Fortschritts“ nachgeben. Und dann wäre der Aufstand der Bürger an der Gewitztheit ihrer Instrumente gescheitert.

Oder es käme anders. Stellen wir uns für den Augenblick vor, alle diese Konflikte zwischen Stuttgart 21 und Atommüll-Endlagern sei nur das eine oder andere Vorgeplänkel für einen fundamentaleren Konflikt (mag er sich dann eher prozessual und weniger ereignishaft abspielen), und die beiden Fraktionen des deutschen Bürgertums ließen sich durch alle Gewitztheit nicht mehr zusammenhalten: Dann wird es darauf ankommen, welche der beiden Fraktionen Verbündete jenseits ihrer Klasse finden, deren Medien und deren Kaufkraft sie für sich aktivieren kann.

Nehmen wir weiter an, die neuen Klassen würden durch den Mark erzeugt, durch ein Ineinander von Waren, Alltagscodes und Medienspektakel, und durch eine Politik, die sowohl die neue Unterschicht will, (denn je weiter sie deren Lebensstandard drückt, desto mehr eigenen Handlungsspielraum bleibt ihr), als auch die Spaltung des Bürgertums in den progressistisch-ökonomischen und den humanistischen Werte-Flügel. Ein echter Sozialstaat ist unter den Bedingungen des globalisierten Neoliberalismus nicht überlebensfähig, auch er muss unten sparen um oben „mitspielen“ zu können; aber umgekehrt stellt er damit immer mehr die Frage nach seinem Sinn. Wer braucht diesen Staat noch? Die globalen Player brauchen ihn ausschließlich, um eigene Interessen zu verstärken, was ihn ansonsten bestimmt, ist nur lästig und wird strukturell bekämpft. Die Unterschichten brauchen ihn, um eine Grundversorgung zu haben, der er sich immer weiter entzieht. Die Mittelschichten verlangen von ihm jene Schiedsrichterfähigkeit, die für die Einhaltung fairer Verträge (nach Hobbes und seinen Nachfolgern) sorgt, und spätestens mit der Merkel/Westerwelle-Administration hat dieser Staat bekundet, dass er dazu weder länger bereit noch willens ist.

Die Frage ist, ob ein Staat ohne eine staatstragende Klasse auskommen kann.


III.  Bilderkrieg

Stellvertretend wird also in den Medien einem Staat der Prozess gemacht, der die Beziehung und die Verantwortung für sein Bürgertum verloren hat. Das wird nur sehr oberflächlich mit den Mitteln des Diskurses und der Debatte unternommen, vor allem ist es eine Frage der Bilder und der Personen.

Immer wieder wird durchaus betont, dass es nicht so sehr um das Volk als um die Bürger geht. Wahlweise könnten wir nun behaupten, das sei ein verdammt guter Trick, die Ausbreitung der Proteste zu verhindern. Hartz IV-Empfängern und Leichtlohnempfängern kann es egal sein, ob ein Bahnhof über oder unter der Erde liegt, wie viel Milliarden dafür verballert werden und in wie viel Minuten man schneller in Paris wäre. Tatsächlich gibt es ganz einfach niemanden, der von Stuttgart 21 wie von der Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerk wirklich profitiert, außer eben den üblichen Profiteuren. Nur ein vages Versprechen von „Fortschritt“ bleibt, von Urbanität und Dynamik, die nur leider keinen Inhalt mehr hat. Der progressistische und der konservative Flügel des Bürgertums, die sich im klassischen kapitalistisch-demokratischen Staat ergänzten, literarische und moralische Reibereien inbegriffen, müssen sich immer mehr entzweien, wenn der Fortschritt nichts mehr verspricht außer der weiteren Produktion von Armut auf der einen und Profit auf der anderen Seite. Immer noch gibt es Bürger, die Fortschritt geil finden, aber mit dem zunehmenden Verlust an sozialem Beiwerk dazu, verwandeln sie sich in Karikaturen des einstigen progressistischen Flügels. Vor lauter „positivem Denken“ haben sie etwas vergessen, was für das europäische Bürgertum eben nicht nur äußerlich legitimierend war, sondern auch im inneren die Tyche des Subjekts: Bildung. Auch insofern sind Talk Shows ein ideales Mittel für diese Auseinandersetzung, weil hier gebildete Sprache auf technokratische, humanistische auf Verkaufssprache trifft. Kopfschüttelnder Kommentar zum Fortschritts-Sprech: „Wir sind doch hier nicht in Amerika!“

Eben das wiederholt sich in der Sprache der Bilder: Es ist die Auseinandersetzung eines kontinentalen mit einem US-globalisierten Bürgertum, das Fortschrittsoptimismus zu Ideologie und Pflicht gemacht hat. Es werden uns die Macher-Attribute unangenehm, sie konzentrieren sich nicht umsonst in der kollektiven Projektion des adeligen „Power-Paares“ Guttenberg; der Mythos zeigt, schon in seiner reinsten Entfaltung, Elemente der Entrückung. Die zu Guttenbergs sind, im Blick des alten und plötzlich aktuellen Bildungsbürger, nicht viel anderes als Kitsch. Eine geniale Verbindung von altem und neuem Kitsch, nichtsdestoweniger: Kitsch.

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Während der interne Kampf im Bürgertum tobt,

etabliert sich eine neue Klasse der Gewinner

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Von der anderen Seite freilich wird der romantische Kern des Bürger-Protestes nicht weniger als Kitsch empfunden. Das Bild der gefällten Bäume und die Geschichte vom seltenen Käfer in Gefahr, die Anteilnahme des BUND und seiner Vertreter ökologisiert zwar den Widerstand, entpolitisiert ihn aber auch.

So sehen wir eben nicht nur den Grünen als definitive Vertreter der anschlussfähigen Bürger-Revolte beim „Herumeiern“ zu, sondern ebenso ihren Widerparts. Christian Lindners, der FDP-Generalsekretär erklärt bei May-Britt Illner, der Polizeieinsatz in Stuttgart sei „nicht verhältnismäßig“ gewesen, mehr noch: „Die Organisation der Polizei ist sicher falsch gelaufen“, denn auch er kann weder der Macht der Bilder noch der drohenden Spaltung seiner Klientel etwas anderes gegenübersetzen als das lauernde Sowohl-als-auch. Weniger gewitzt erscheinen da vor den Kameras die primären Nutznießer wie zum Beispiel der baden-württembergische Tunnelbau-Unternehmer Martin Herrenknecht, der in der selben Sendung eine sehr merkwürdige Satzkonstruktion wählt: „Eine Demo ist heute, in einer Demokratie, eben in.“ Wir wagen es nicht, diesen Satz textkritisch zu behandeln, jedenfalls nicht ohne Rücksprache mit einem Rechtsanwalt, aber Herr Herrenknecht, (für den Namen kann er ja nicht, es gibt nur seltsame Zufälle in dieser Welt), offenbart sich selbst genug: „Wenn die CDU die Landtagswahlen verliert, würde ich in die Schweiz gehen.“ Es sind die medialen Schauspiele wie diese, die jenseits angewandter Gewitztheit die Spaltung vorantreiben.

Es ist die Militanz des anderen Flügels des Bürgertums, welche das Andere so schockiert, manifest in der Polizei, manifest aber auch in der hartleibigen Ignoranz gegenüber allem, was ihren Plänen und Interessen zuwiderläuft. Da tritt auch in der Sendung die ältere Dame auf, die bekundet, so schockiert von dem Polizeieinsatz gewesen zu sein, dass sie als alte CDU-Wählerin „dieser Partei keine Chance mehr“ geben will.

Es ist ein Kampf zwischen den Moralisten und den „Leistungsträgern“ in dieser Klasse entbrannt, jenen die „es schaffen“ wollen, koste es was es wolle, und die alle verachten, die es nicht „schaffen“ können oder wollen, was immer es ist. Diese Hysterisierung ersteht, weil den Machern dieses Systems plötzlich etwas im Weg liegt, was sie nicht begreifen, und umgekehrt begreifen die „guten Bürger des Aufstands“ gar nicht, mit wem oder was sie da so lange paktiert haben und liiert waren. Es geht nicht um die verachteten Verlierer, nicht allein um die „Heuschrecken“ und die, ach so „Gierigen“, sondern um die dynamischen, positiven Ärmelaufkrempler, immer Bewegenden, Leistenden, vielleicht gar nicht mal um die Profiteure, sondern um die Maschinisten des Neoliberalismus, deren Bilder im Fernsehen, wie das von Mappus, zunehmend zu einer Karikatur der Machtübernahme der Techno- und Mediokraten werden. Plötzlich zählt wieder Charakter. Plötzlich scheint die Fernsehkamera in nichts so verliebt zu sein wie in alles, was nicht „glatt“ ist.

Nun könnte man wohl sagen, dieser binnenbürgerliche Kampf sei auch als großes Ablenkungsmanöver gegenüber den „eigentlichen“ sozialen Bruchlinien zu verstehen (und natürlich wären die Medien froh, sich hier zu engagieren, und nicht bei den unnützen und unsympathischen Prolls). Weder Cindy aus Marzahn noch Hansi Hinterseer sind von diesem semiotischen Kampf um die kulturelle Vorherrschaft im idealen Bürgertum betroffen, und auch in den oberen Etagen der Bürotürme ändert sich nicht viel. Das Kapital, wie gesagt, sucht sich halt was anderes, wenn ein unterirdischer Bahnhof gerade nicht geht, und gegen die Atomlobby käme der Aufstand der Bürger auch in zehnfacher Potenz nicht an).

Denn während der interne Kampf im Bürgertum tobt, etabliert sich trotzdem eine neue Klasse der Gewinner, die ihren Aufstieg während der letzten Boom- und Krisenjahre mit immer jener Mischung aus Effizienz und Medientauglichkeit, sich nun gleichsam als natürliches Vorrecht bestätigen lassen wollen. Sie wollen, dass ihr „Gewinnen“ nicht als die unmoralische und heuchlerische Strategie und als am Ende leere Selbstausbeutung der ewig „Leistenden“ und „Präsenten“ (die sich deswegen leider nur ein positives Denken und sonst keines leisten können, und die im Ehepaar zu Guttenberg offenbar ihre Idole gefunden haben) kenntlich wird. Sie sind, ikonographisch gesprochen, in dieser kulturell-politischen Auseinandersetzung im off.

Bürgerliche Revolten haben ein Ziel: Nicht unbedingt den Wandel des Systems, nicht einmal prinzipielle Kritik, sondern, und immerhin: Begrenzung der Macht der Eliten, im Zweifelsfall: Austausch der Eliten. Das begreift die Regierung und das begreift die politische Klasse nur zu gut. Um ihre Macht zu festigen muss sie diesen Anschlag abwehren, koste es was es wolle. Erstens kostet es Wählerstimmen, und zweitens kostet es Neubestimmung von Karrieren und Image-Kampagnen. Doch vor allem kostet es Opfer. Irgendetwas, vor allem irgendjemand muss dem Aufstand der guten Bürger geopfert werden. Ein paar dieser Opfer fallen den Hinterzimmern der Macht leicht, einige kommen sowieso gerade recht, manche aber könnten problematisch werden.

Der Angriff des moralischen Flügels – betont in der Berichterstattung bis in die Auswahl der Talkshowgäste: eine Allianz der Großväter und -mütter mit den Enkelinnen und Enkeln gegen die neoliberalistisch verseuchte Generation – kommt in dem Moment, wo diese neue „Elite“ nicht nur ihre Leitbilder sondern auch ihre Ideologie (eine Mischung aus krausem Biologismus, Sozialdarwinismus, Pop-Hedonismus und Max Weberschem Leistungskapitalismus) findet und ihre Herrschaft zementiert. Die Elite des Neoliberalismus ist zugleich bürgerlich und hat etliche bürgerliche Tugenden radikal entfernt. Die Öffentlichkeit sucht in der Tat ein neues Bild vom Bürger, sowohl vom Bourgeois wie auch vom Citoyen. Die Klasse wird entweder neu designt, oder sie verschwindet.

Der Stuttgarter Bahnhof eignet sich als symbolisches Werk – er ist in der Tat mehr als ein McGuffin – denn hier werden drei der bürgerlichen Heiligtümer zerstört: ein Stück befriedete und „gerettete“ Natur, ein wahres Denkmal der einstigen produktionskapitalistischen Progression und schließlich eine Form des öffentlichen Raums, in dem sich schon immer Profitinteresse und staatliche Fürsorge getroffen haben. So geht es um das neue Gesicht, und auch um den neuen Raum der bürgerlichen Klasse, jenseits von Effizienz und Unterhaltung.

Der bürgerliche Aufstand ist der Überlebenskampf einer Klasse. Wird sie noch gebraucht? War sie schön? Auf Seiten der Polizei zu sein, ist jedenfalls keine Lösung mehr.

Text: Georg Seeßlen

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