Der Mittelklasse-Intellektuelle und seine Schreckfiguren

Gutmensch, Media-Proll, Realo und Apokalyptiker

Wahrlich, wir leben in prekären Zeiten. Ringsum nichts als Katastrophen-Szenarios und ein Volk von Fernsehern und Bild-Lesern. Dazwischen haben wir uns als Haltung verordnet: Coolness. Doch der Mittelklasse-Intellektuelle wie du und ich kennt vier Schreckfiguren, die dieses Prinzip erheblich infrage stellen. Vier Figuren, die wir Mittelklasse-Intellektuelle eigentlich hassen wie die Pest.

Der Gutmensch. Er ist den ganzen Tag unermüdlich im Dienst der guten Sache. In der Unerträglichkeitsskala des Mittelklasse-Intellektuellen kommen Gutmenschen nicht sehr weit hinter „Kuschelrock“. Dabei ist noch nicht einmal ihre Eitelkeit, ihre Bräsigkeit, ihre Bigotterie das Schlimmste an Gutmenschen. Der Mittelklasse-Intellektuelle argwöhnt nämlich, dass die Taten des Gutmenschen auf lange Sicht das Gegenteil von dem bewirken, was er zu wollen vorgibt. Denn der Gutmensch sieht die Menschen ja vor allem als Objekte seiner Gutheit und nicht als freie Subjekte auf Augenhöhe, er reicht immer etwas herunter, und seine Geschenke sind vergiftet. Der Gutmensch ist zum Beispiel gegen den Krieg; er verabscheut ihn so sehr, dass bei ihm bereits die Frage nach Ursachen, Wesen und Kulturen des Kriegs als obszön gilt. Und so macht es der Gutmensch mit der ganzen Welt: Wer das Gute will, darf sich nicht mit intellektueller Nachfrage aufhalten.

Der Media-Proll. Ihn gibt es einerseits im Fernsehen, wo er vor allem in Form von „Comedians“ und Teilnehmern an Casting-, Coaching- oder Talkshows vorkommt – richtig sicher ist man aber nirgendwo vor ihm. Zum zweiten sind es Menschen, die ihr Leben am liebsten mit Bier und Fernsehen verbringen, und zum dritten ist es ein Bild von bestimmten Menschen im neoliberalen Desaster, das wir eben aus den Medien kennen: der Arbeitslose, der vor dem Tafel- und Gratis-Lädle, nie ohne Zigarette in der Hand, sehr sehr laut von den Vorzügen doppelter Auspufftöpfe, Saufgelagen in Ibiza und hochauflösenden Bildschirmen schwadroniert. Unnütz zu sagen, dass es den Media-Proll auch in einer gehobenen Variante, sagen wir der „Harald Schmidt-Klasse“, gibt. Es ist einfach das Akzeptieren einer im Kern geschmacklosen Welt. Der Media-Proll lässt sich nichts vormachen: Nachdenken bringt nichts, Solidarität ist ein Witz und der Kapitalismus affengeil, sogar hier unten. Wer sich im Hier und Heute amüsieren will, illegal, medial, ganz egal, darf sich nicht mit intellektueller Nachfrage aufhalten.

Der Realo. So nah die Katastrophe auch sein mag, der Realo faselt von „kleinen Schritten“. Es mögen die größten Arschlöcher das Sagen haben, der Realo findet unter ihnen „das kleinere Übel“, weiß, dass er „taktische Allianzen“ schließen muss, dass er das noch Schlimmere verhindert, unermüdlich. Das Wort „Kompromiss“ ist ihm (oder ihr) auf die Stirn genagelt.

Einen Realo kann man auch einen „Sozialdemokraten“ nennen, was nichts mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei zu tun hat: Es gibt sicher auch in der SPD Sozialdemokraten, aber doch zu wenig, um schon von einem Trend zu sprechen. Der Realo, argwöhnt der Mittelklasse-Intellektuelle, ist vor allem die Vorstufe zum Opportunisten, der wiederum die Vorstufe zum Karrieristen ist, der Vorstufe des „Ermächtigers“. Wenn es um Macht geht, dann sagt der Realo, er wolle dorthin, wo er „etwas gestalten“ könne, und am Ende hat er, zum Beispiel durch Dosenpfand und Sparlampen, „ja doch unheimlich viel erreicht“. Den Realo gibt es auch in Form eines Graswurzlers, der bei der Rettung der Welt „bei sich selbst anfangen“ will. Sie wollen damit ein Beispiel geben, und wer kleine Schritte und kleine Netze haben will, der darf sich mit intellektueller Nachfrage nicht weiter aufhalten.

Der Apokalyptiker. Er scheint geradezu süchtig nach Symptomen des nahenden Untergangs. Jede verschwindende Gattung in Flora und Fauna gibt ihm einen wohligen Schauer, das Abschmelzen der Gletscher versetzt ihn in religiöse Extase, eine Umweltkatastrophe entlockt ihm das Fröhliche: Da habt ihr es wieder einmal. Die Apokalyptiker gehen davon aus, dass die Welt, wenn überhaupt, nur durch Angst zu retten ist. So erzählen sie vom Untergang der Städte am Meer, von der totalen Herrschaft der medialen Blödmaschinen oder vom endlosen Terror in der globalisierten Welt. So wie der Gutmensch sich am Echo seiner Güte berauscht, so ist der Apokalyptiker vom Echo des Bösen berauscht. Bis zu einem gewissen Grad scheint er sich sogar auf die Seite des Bösen und des Katastrophischen zu schlagen, da sein fundamentales Empfinden vom Prinzip von Schuld und Sühne ausgeht. Wer sich der Katastrophe zu Erziehungszwecken bedient, kann sich mit intellektueller Nachfrage nicht allzu sehr aufhalten.

Das alles sind natürlich ganz furchtbare Klischees. Und so sehr die Schreckfiguren des Mittelklasse-Intellektuellen sich auch voneinander unterscheiden mögen, sie haben eines gemeinsam: ein Vorurteil gegenüber dem Mittelklasse-Intellektuellen, der sich für besonders cool hält, wenn er die Verhältnisse mit sarkastischen bis zynischen Kommentaren begleitet. Der in Wahrheit nichts anderes tut, als trickreich zu verschleiern, dass von alledem in ihm steckt: der Gutmensch (beneidet er nicht, wenn er seine Spende abliefert, noch jene, die sich ihrer öffentlichen Tränen dabei nicht schämen), der Media-Proll (sitzt er nicht etwa mitrülpsend bei „The Simpsons“? Hält er nicht Bad Taste für ein angemessenes Mittel der Subversion?), der Realo (schau, wie sich der Mittelklasse-Intellektuelle verändert, wenn es um Kindertagesstätten und Straßenbeleuchtungen geht!) und der Apokalyptiker (ist sein Verliebtsein ins Scheitern nur auf die eigene Position beschränkt?).

Der Mittelklasse-Intellektuelle braucht, genau wie seine Schreckfiguren, soll ihm ein Rest an Wirklichkeit bleiben, Verbündete. Und die kann er, die kann sie nur in ebendiesen Schreckfiguren finden. Das ist für alle Beteiligten ein bisschen komisch, ein bisschen tragisch und ein bisschen peinlich. Aber, hey, es ist die einzige Chance, die wir haben.

Text: Georg Seeßlen

Bild und Montage Teaser auf Startseite und Bildauschnitte auf dieser Seite: Bodo Müller

Text erschienen in taz, 21.10.2010

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