Haut den Feminismus!

Der Feminismus, er ist einfach nicht tot zu kriegen. Und das, wo alle Welt unverzagt auf ihn einschlägt, sei es um seine Unwichtigkeit zu konstatieren, sei es um (Alt-)Feministinnen für verbleibende Geschlechterungerechtigkeiten schuldig zu sprechen. Gemeinhin obliegt es der Frau, ihn symbolisch zu schlachten, also klarzustellen, dass sie selbstredend selbstständig, gleichwohl durchaus keine Feministin, mithin weiblich, körperbetont, humorvoll und männerfreundlich sei.

Die Diffamierung der Feministin gehört unkaputtbar ins Repertoire der deutschen Frau, die sich auf der Höhe der Zeit sieht und belegfrei signalisieren will: Ich hab das Leben, die Männer, selbst meine Zukunft im Griff. Und es gibt noch einen Grund, warum die Widersacher des Feminismus nicht von ihm lassen können. Zu sehr hängt ihre Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit vom Feindbild der lila Latzhose ab. Sie haben keinen positiven Entwurf.

Schröders Projekt

Auch Kristina Schröder weiß natürlich um den Mehrwert des Feminismushauens. Auch sie braucht den Pappkameraden, den Alice Schwarzer inzwischen so gern abgibt. Insofern war ihre im Spiegel veröffentlichte Anrufung der Emma-Herausgeberin so absehbar wie die wutschäumende Replik der Patriarchin des frauenbewegten Boulevards. Aber Schröders Projekt ist größer – daher lohnt ein zweiter Blick.

Die Familienministerin dient sich als die neue Frau des neuen Konservativismus an. Entsprechend war ihr zunächst die Gleichsetzung von Rechtsextremismus mit Linksradikalität ein Anliegen, gefolgt von der Behauptung, in der Debatte über das Muslimen-Gen sei das vorrangige Skandalon eine zunehmende Deutschenfeindlichkeit. Die von ihr ins Feld geführten Gewährsmänner wiesen diesen Befund allesamt als unhaltbar zurück. Die Juristin kümmerte das wenig, nur ihr Gatte darf sie belehren.

Das ließ sich live verfolgen, als sie unlängst dem ZDF ein Interview gab – es genießt auf Youtube noch immer hohe Einschaltquoten. Auf des Ehemanns Geheiß ließ sie den Begriff der Deutschenfeindlichkeit fallen und erklärte dafür hilflos, wie Rassismus zu definieren sei. Nämlich wenn eine Mehrheit eine Minderheit …, wenn Männlichkeit … unterfüttert von Kultur und Religion … Den Journalisten war ihre Sendezeit zu schade für die begriffsstutzige Ministerin, per Stimme aus dem Off kommentierten sie sie kurz und klein. Ist Schröder damit aus dem Rennen?

Keineswegs. Ihre Auslassungen zum Feminismus haben die Verlachte wieder hoffähig gemacht. Dem Berliner Schriftsteller Ralf Bönt (Die Zeiten ändern dich) gilt sie gar als Avantgarde, immerhin müsse sie – anders als Schwarzer oder Merkel – nicht mehr maskulin auftreten. Zudem wolle sie die Jungen schützen. Keine Zeitgenossenschaft für Frauen, ohne die Solidarität, gar die Förderung des anderen Geschlechts zu fordern.

Emanzenbashing allein verbürgt keine Modernität mehr. Es muss zudem das tatsächlich reaktionäre Diktum vom harten Max kritisiert werden, Max darf jetzt auch mal krank sein. Ausgerechnet die Person Schröder symbolisiert für Bönt die überfällige Überwindung des Differenzfeminismus. Dass Kostüm und Perlenohrringe mal die Demontage des weiblichen Stereotyps anzeigen würden, wer hätte das gedacht.

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Emanzenbashing allein verbürgt keine Modernität mehr.

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Auch Thomas Steinfeld (SZ) und Thomas Greyer (FAZ) melden sich zu Wort, und damit auffällig viele männliche Stimmen. Sie solidarisieren sich zwar nicht mit Schröder, aber wer lässt schon gern die Gelegenheit aus, Schwarzer eins mitzugeben? Eben um unverstaubt zu wirken, auch wenn er den Frauenbewegungen die Relevanz abspricht.

Steinfeld behauptet schlicht, die Wirtschaft und dann auch die Politik hätten die Ausgrenzung von Frauen vom (lukrativen) Arbeitsmarkt beendet, nicht die feministischen Bewegungen. Dass Veränderungen auf Wechselwirkungen beruhen, ist richtig, ebenso wie falsch ist, dass letztlich die ökonomische Ratio obsiegte. Bis heute tolerieren Unternehmen Verluste, um ihre männlich besetzten Vorstände zu erhalten und ihre Mitarbeiterinnen nicht zu fördern.

Der andere Radical Chic

Doch es ist müßig, die Berücksichtigung von Fakten und Ambivalenzen einzuklagen. Die KritikerInnen von Schwarzer wollen ja nicht für strukturelle Abhilfe von Ungerechtigkeiten streiten, damit beschäftigen sich andere. Und so setzt der Mainstreamdiskurs die besseren schulischen Leistungen der Mädchen systematisch nicht in Beziehung zu ihren gleichwohl schlechteren Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.

Auch die erfreuliche Enttabuisierung männlicher Hilfsbedürftigkeit berücksichtigt nicht die Rede vom Mann als Opfer, die darauf zielt, weibliche Konkurrenz zu verhindern (Quote niemals). Stattdessen werden die veritablen Fortschritte im Bereich sexueller Freiheit Pars pro Toto gesetzt und wird wider besseres Wissen ignoriert, dass erst gleiche Aufstiegs- und Abstiegschancen sowie die gerechte Arbeitsverteilung im Bereich der sozialen Beziehungen Geschlechtergerechtigkeit garantieren.

Doch diese Argumentation macht Sinn, zumindest wenn man das kulturelle Kapital, das Emanzipationsbewegungen mit sich bringen, für sich abschöpfen möchte – ohne dabei das konservative Weltbild zu irritieren. Das nämlich basiert wesentlich darauf, den weißen, christlichen Mann unabhängig von jeder Leistung weich zu betten. (Erinnern wir uns kurz an die fassungslos beleidigten Abschiedsreden hart angefasster Politiker in diesem und im letzten Jahr: Oettinger, Althaus, Koch, Köhler …) Eine freche, hübsche, aber dümmliche Frauenministerin kann da nur nützen.

Bei Merkel und von der Leyen hingegen verschärfte sich die Tonlage schon. Aber auch sie sind trotz unbestreitbarer Intelligenz letztlich integrierbar, denn – bei aller Sympathie für die Akademikerin als Mutter – sie akzeptieren, dass unsere Gesellschaft zwar lautstark jede einzelne Karrierefrau debattiert, sich im Schatten der Scheinwerfer jedoch wortkarg einig ist, eine lebensfreundliche Verbindung von Beruf und Familie nur Männern zu ermöglichen. Alles andere würde zu teuer.

Insofern stimmt es, Kristina Schröder funktioniert als neue Konservative: an der Oberfläche selbstbewusst, strukturell unterlegen, immer opportunistisch – und im Zweifel für die Förderung deutscher Jungen.

Text: Ines Kappert

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