Die Dialektik von Terror und Ordnung

Der Islamismus ist Faszinosum und Magnet für Terroristen, die überall auf der Welt und unter nahezu allen sozialen und materiellen Bedingungen produziert werden.

Dies hier kam wieder einmal etwas überraschend in die wohl geordnete Wahrnehmung: nicht die üblichen Ausländer, sondern junge deutsche Männer als Subjekte des islamistischen Terrors. Keine Auftragstäter oder schlichte Verrückte, sondern »Konvertiten«. Konvertiten, das habe ich schon in meiner Kindheit von den Erwachsenen gelernt, sind immer besonders fanatisch.
Dabei ging es damals nur um Protestanten und Katholiken. Aber was heißt schon »nur«. Konvertiten eifern, misstrauen, kränken gewöhnliche Gläubige durch ihre Leidenschaften. Sie verderben einem den Kirchgang, und das Bier hinterher sowieso. Zum Katholizismus Konvertierte werden besonders jesuitisch und bigott, zum Protestantismus Konvertierte grübeln, zwei­feln und moralisieren noch lauter als die anderen Protestanten. Konvertiten wollen, so haben wir uns das vorgestellt, viel weniger eine Tür aufmachen als vielmehr eine Tür hinter sich zumachen. Jedenfalls adaptieren sie mit traumwandlerischer Sicherheit das Unerträglichste an ihrer neuen Heilslehre.

Der religiöse Inhalt spielt dabei in aller Regel die geringste Rolle. Glauben kann man doch mehr oder weniger in jeder Religion, und so tun, als ob, erst recht. Es geht vielmehr um die Wahl von Ordnungssystemen. Wenn man eine Wahl hat, dann wählt man die Religion, die am ehesten Ordnung in einem wohl etwas unordentlichen Leben zu schaffen verspricht. Umgekehrt muss man wohl etwas als in Unordnung geraten empfinden, wenn man so einen Schritt erwägt. Weshalb eine »moderne« Reli­gion wie Scientology gar nicht mehr groß im Transzendentalen herumfuhrwerkt, sondern sich gleich hauptsächlich als Ordnungssystem anbietet. Und zumindest, was das äußere Erscheinungsbild anbelangt, bietet sich derzeit auch der Islam mehr als Ordnungsmacht und Welterklärungsmaschine denn als Raum spi­ritueller Erfahrungen an.

Über das Konvertieren

Die meisten Übertritte geschehen aber nach wie vor weder aus religiöser Überzeugung noch auf­grund der Suche nach Sinn und Ordnung, sondern aus Liebe. Man tritt zur anderen Religion über, um einem Partner das Leben leichter zu machen oder seine religiösen Gefühle zu achten, einen Familienzusammenhang nicht zu gefährden oder sich einfach gegenseitig besser zu verstehen. Konvertieren kann entweder, wer es mit den religiösen Codes nicht so genau nimmt oder wer sich die größeren Anstrengungen zumutet. Unnütz zu sagen: Das Konvertieren aus Liebe ist weiblich notiert.

Andererseits könnte man ja auch sagen, dass der freie Wechsel zwischen den Religionen auch ein enormer kultureller Fortschritt ist. Der Beginn aller schönen Mischkulturen benötigt auch die Perforation der Grenzen zwischen den Religionen. Und warum soll im Spätkapitalismus wirklich alles im Discounter-Format zu haben sein, nur nicht die Religion? Aber leider: Religiöse Herrschaft beginnt mit dem Verbot der Vermischung. Mischreligion mag man da nicht, obwohl doch erst da die Sache lustig, bunt und spannend würde. In Indien lernte ich einen Mann kennen, der schon acht Religionen ausprobiert hatte, und jedes Mal hatte er sich einem strengen Studium der Schriften, der Schulung durch mehr oder weniger unnachgiebige Lehrer und der strikten Einhaltung der jeweiligen Gebote unterworfen – ein durchaus nicht sonderlich unglücklicher Mensch, auch wenn er seine Tendenz zu Migräneanfällen nirgends loswurde und freimütig bekannte, er habe sich in allen acht Phasen seines Lebens Wissen und Erkenntnis angeeignet, sich aber auch jedes Mal eine handfeste Neurose eingehandelt.

Konvertieren aus Liebe also ist eher weiblich codiert, im besten Fall eine Art Geschenk. An der Art, wie Winnetou konvertierte, merkte man spätestens, dass er eine Tunte war. Ein echter Mann dagegen konvertiert nicht aus Liebe, son­dern aus Überzeugung. Nicht als Geschenk, sondern als geistige Selbstzeugung. Dabei gilt es noch ein verbreitetes Alterskonvertieren zu unterscheiden; wir haben schon et­liche rebellische Künstler am Lebensabend katholisch oder jüdisch werden sehen, dass es eine wahre Pracht ist. (Ich kenne einen Rabbi, der sehr gern Witze über religiöse Spät­erweckung macht: Leute, die nicht mehr sündigen können, werden zu Wächtern der Sitten.) Aber das gewöhnliche Überzeugungskonvertieren, das in der Regel den Prozess einer langen Suche nach einem System der Ordnung abschließt, verlangt durchaus nach Beweisen der Aufnahme. In die prekäre Situation kann dieses und jenes sto­ßen.

Das Konvertieren zum Islam in Deutschland für Liebe und Familie ist schon lange Zeit verbreitet, auch das spirituelle Konvertieren beson­ders religiöser Menschen (kleine Variationen meines indischen Freundes) hat seinen Platz. Den Begriff des »Konvertiten« hat da eigentlich niemand gebraucht, es ist ein gutes Arrangement und dient dem sozialen Frieden. Als Cat Stevens seinerzeit zum Islam konvertierte, war das vielleicht keine Katastrophe für die Ent­wicklung der Popmusik, bedeutete aber doch eine merkwürdige Leerstelle; das war ziemlich jenseits aller Trends und Codes (und frisch im Gedächtnis waren noch Aufstieg und moralischer Fall der Black Muslims). Heute kehrt er als Yusuf Islam zurück und singt auch wieder, und nun scheint das alles irgendwie richtig und wenigstens biografisch weise und auf jeden Fall sehr unaggressiv. Offensichtlich laufen zwei sehr unterschiedliche Prozesse ab, einer der religiösen Entspannung und spirituellen Selbstbestimmung. Und ein anderer von Fanatismus und Unterwerfung. Möglicherweise hat das in diesem Fall auch mit der Organisationsstruktur zu tun: Als diskursives, moralisches und auch körperliches Ordnungssystem verspricht der Islam ein grundsätzliches Aufräumen von Seele und Leben. Aber in der Praxis ist er ein wildes Durcheinander. Was einem als Konvertit passieren kann, hängt sehr stark davon ab, in welche Moschee man gerät. Und da hat, gleichgültig nach welchen Impulsen der Übertritt vonstatten ging, die Wahlfreiheit auch schon wieder ihre Grenze.

Wir können da alle ziemlich gut mitreden, lassen wir uns nicht einschüchtern. Denn man muss wohl entweder ein Einsiedler oder ein Neo­­nazi sein, um im Deutschland des Jahres 2007 keine Freundin, keinen Freund, keine Verwandten und keine Nachbarn zu haben, die zwischen den Religionen einerseits und zwischen Religion und Zivilgesellschaft andererseits ihre Probleme haben. Und »Konvertiten« sind in aller Regel keine Marsmenschen und keine religiösen Verschwörer, nicht Gestalten aus Schauerromanen und keine manischen Endlosprediger, sondern ganz normale Menschen. Mit ein, zwei Pro­blemen mehr.

Über den Terror

Natürlich kann man sagen, dass es Terror gibt, weil es asymmetrische Konflikte gibt. Der Terror, hat einer von den amerikanischen Präsi­den­ten gesagt, sei die Waffe der Schwachen und Bö­sen. Deswegen stellen wir uns im Hintergrund immer den Schmerz, den Zorn, die Kränkung vor. Es ist die Schwäche, das Unterlegenheitsgefühl, die Kränkung, was sich im Akt des absolut Bösen des Terrors entlädt, der nicht einen Gegner, sondern möglichst viele wahllose Opfer töten will.

Ebenso kann man sagen, dass es Terrorismus gibt, weil es Verblendung gibt, die schnellst­mög­­­­liche Verwandlung von Überzeugung in Verbrechen. Eine Hasspredigt gibt das Schuss- und Explosionsfeld frei, und die großen Bilder verstärken den Nachhall dieses feurigen und blutigen Einschreibens in die Kultur der anderen.

Aber vielleicht kann man auch sagen, dass es Terror gibt, weil all die Dinge leicht zu haben sind, die man dafür braucht: Waffen und Spreng­­­stoff, Logistik und Opfer. Auch Menschen, die zugleich gar nichts und alles wert sind. Da­zu kommen Modelle der Rechtfertigung, Defi­ni­tionen der Ziele, Belohnungen des Opfers. Aber all das scheint in der Tat selber mehr oder weniger zu verschwinden. Möglicherweise werden Terroristen weder in geopolitischen noch in sozialen, nicht einmal so sehr in militärischen Zusammenhängen erzeugt. Sondern durch die Produktionsweisen des Mittelstands, beispielsweise. Durch die Gegenwart der Requi­siten, die Bühne, die Übertragung. Der terroristische Akt, einschließlich des Selbst­opfers, ist eine bestimmte, explosive Art, jemand zu werden, etwas auszugleichen, was einem fehlt, etwas zu erreichen, was einem fehlt. Terroristisches Denken existiert vor seiner Begründung. Und jenseits davon. Es wird erzeugt, unter anderem, durch Technik und Kommunikation, durch Arten des Wohnens, Reisens und Sprechens.

Man könnte also vermuten, dass nicht »Islamisten« zu Terroristen werden, sondern umgekehrt Terroristen sich ihre Hasspredigten abholen. Und dass nicht junge deutsche Männer zum Islam übertreten und dann zu Terroristen werden, sondern dass junge deutsche Terroristen zum Islam übertreten, um Sympathisanten und Logistik zu finden.

Tatsächlich wird wohl im Einzelfall immer etwas vom einen und etwas vom anderen zusammentreffen. Auch bei anderen Ausformungen des Terrors gab es kein eindeutiges Modell des typischen Terroristen, nicht einmal wirklich gemeinsame Ziele; man traf sich in der Tat. Und so muss man die destruktive Energie des Selbstmordattentäters vom Kontext eines globalen Konflikts in den eines globalen Phänomens übertragen. Der »Islamismus« ist ein selt­samer Attraktor für Terroristen, die an mehr oder weniger jeder Stelle der Welt und unter nahezu allen sozialen und materiellen Bedingungen produziert werden. Dieser seltsame Attraktor muss nicht Urheber und Quelle sein.

Über einen Zusammenhang

Der »Konvertit« soll den laxen und widersinnigen Zusammenhang zwischen Religion und Terrorismus erklären; mit deutscher Gründ­lich­keit soll er die Modelle des Islamismus und die seltsamsten realpolitischen Interessen, die damit zusammenhängen, erfüllen: Der »Konvertit« wäre dann zugleich Nachfolger des RAF-Terroristen (des neurotischen, nach Sinn gierenden Bürgerkindes) und des blinden Gehorsamsmannes bei der SS und der Wehrmacht, der auf die kälteste Weise foltert, mordet und zerstört, wenn es ihm nur befohlen wird. Das deutsche Subjekt, das an seinem Willen zugrunde geht, und das deutsche Subjekt, das an seinem Mangel an Willen zugrunde geht (nachdem alles in Scherben gefallen ist). Der terroristische Enkel ist Vater und Sohn zugleich, und doch wird er im Begriff »Konvertit« bereits ausge­lagert, er ist nicht mehr »unser« Terrorist.

Natürlich ist eine Verknüpfung von deutscher Disposition zum Terrorismus und islamistischer, nun ja: Gesinnung so ziemlich das Furcht­bar­ste, was wir uns vorstellen können. Was geschieht, wenn zwei Wahnsysteme aufeinandertreffen? Die Idee, ein »Konvertiten-Register« zu erstellen, ist daher nicht nur rechtspopulistischer Dünnpfiff, sondern enthält auch eine ganze Theorie, die mindestens so viel wie über Konvertiten über den Mainstream aussagt, aus dem dies kroch. Das »Konvertiten-Register« ist der feuchte Traum des neuen Unmenschen, der nicht so sehr den Terror, sondern das Vermischen, die religiöse und kulturelle »Auflösung« fürchtet. Dem imaginären Ordnungssystem »Islamismus« setzt er das ebenso imaginäre Ordnungssystem »Register« entgegen, die Imagination der neuen Einheit von Religion und Staat, dem die christlichen Kirchen derzeit nicht abgeneigt scheinen. So wie die absurde Bürokratie einen chaotischen Mehr­kulturenstaat erst recht in den Wahnsinn treibt, so erzeugen der fundamentalistische Terror und der fundamentalistische Staat in der Mitte vor allem eine lähmende Müdigkeit und Angst. Europa, so scheint es, wurde nur geschaffen, um nach dem Vorbild des österreichischen Kakanien unterzugehen.

Ein »Konvertiten-Register« ist eine Erfindungs­maschine des Terrorismus. Man will die Monster nicht nur bekämpfen, man will sie mit erschaffen. Auf der anderen Seite. Man will die Grenze noch einmal ziehen zwischen drinnen und draußen. Damit man die dialektische Beziehung von Terror und Ordnung nicht sehen muss, im deutschen Jihad.

Autor: Georg Seeßlen
Text veröffentlicht in jungle world Nr.39, 09/2007

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