Die Krise der Linken in Italien

Wenn sie an etwas gewöhnt ist, die italienische Linke, dann sind es ihre Krisen. Und seit geraumer Zeit gibt es sie gleich in dreifacher Form, als Krise der Linken in der Welt (die historische Legitimation ist abhanden gekommen) als Krise der Linken in Westeuropa (das Objekt der Veränderung ist abhanden gekommen), und als Krise der Linken in Italien selbst (das Milieu der Selbstvergewisserung ist abhanden gekommen).

Die »medienpopulistische« Herrschaftsform Silvio Berlusconis bietet der italienischen Linken wenig Angriffspunkte. Denn um gegen »Populismus« argumentieren zu können, müsste man entweder einen unerschütterlichen Glauben an die parlamentarische Demokratie haben oder einen einigermaßen elitären Begriff von diskursiver Kommunikation.

Die italienische Linke ist aber selber immer ausgesprochen populistisch gewesen. Die Ideen sind immer nur so gut wie ihr Widerhall im Volk, und sie verändern sich durch das Volk. Der linke Populismus ist über die Industriearbeiterschaft weit in die Mittelschicht vorgedrungen, was zu einem Überleben linker Projekte vor Ort nach der Auflösung des traditionellen »Proletariats« geführt hat.

Der Berlusconismus macht die Linke nicht nur durch seine zähe Machtentfaltung ratlos. So gut wie niemand ist als konkreter Mensch in der Nachbarschaft »für Berlusconi«. Es entsteht stattdessen eine Berlusconi-Welt, in der es weder auf das konkrete Verhalten noch auf ein Denken ankommt. Der Medien-Populismus obsiegt gegen den Milieu-Populismus: Das virtuelle Volk der Fernseher hat das dampfende und möglicherweise rebellierende Volk der Straßen, Versammlungen und Demonstrationen ersetzt. Die Linke musste nicht nur ihre Entmachtung, sondern ihre Entwirklichung erfahren. Ihre reale Präsenz, etwa in den großen Demonstrationen, wird durch die Medien weitgehend »ausgeblendet«, ihre Programme und Vorschläge werden in den Nachrichten zur Groteske.

Die Erfolge der Linken in der letzten Zeit zeigen sich in der Schaffung und Erprobung neuer Formen der Gegenöffentlichkeit und in der Durchführung sozialer Projekte auf lokaler Ebene. Der Widerspruch zwischen dem diskursiven und dem populistischen Aspekt erhöht sich dabei freilich, und Europa wird einerseits zur Bedrohung aller regionalen Projekte, kurz: zum neoliberalen Verstärker, und andererseits wird es als Druck zur Abstraktion, zu einer Ent-Italienisierung wahrgenommen, die manche Projekte politisch nicht überleben werden.

Der Verlust des Volkes als Resonanzboden, die Ausblendung der eigenen Präsenz in der Öffentlichkeit und eine drohende Auflösung im europäischen Kontext erzeugen eine Sehnsucht nach der konkreten sozialen Geste. Die »informellen Anarchisten« gewinnen paradoxerweise den verlorenen Widerhall durch die Negation zurück, indem sie völlig darauf pfeifen. Sie sind weder diskursiv noch populistisch. Aber sie sind da.

Bildung und Zerfall linker Impulse in die Gesellschaft zeigten sich in Bologna schon immer etwas früher als anderswo. Warum nicht auch ein Symptom, eine prä-terroristische Geste, die die Schwäche der Systeme dort zeigt, wo sie »real« sind. Vor Ort jedenfalls wird noch der gemäßigtste Linke entweder, nach angewandtem Berlusconismus, mitangeklagt, oder er muss anerkennen, dass ihn die Briefbomber an Popularität übertreffen. Ein ziemlich altes Spiel in neuer Fassung. Die Chancen für eine Neuerfindung der italienischen Linken stehen denkbar schlecht – nicht bloß trotz, sondern auch gerade wegen ihrer historischen, sozialen und theoretischen Substanz. Aber es gibt sie noch.

Autor: Georg Seesslen
Text veröffentlicht in jungle world Nr. 05, 01/2004

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