Einar Schleef (*17.01.1944)

Der Gegenangriff
Heute wäre Einar Schleef 60 Jahre alt geworden

Er kam wie aus dem Nichts und er brach über Frankfurt herein. Dieser Mann hatte keine Vorgänger und er wird keine Nachfolger haben. Er war einfach da und er verschwand einfach. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wütende Kraft.

Als sich im Februar des Jahres 1986 die Premiere Mütter, nach Texten des Euripides in Frankfurt über die Bühne wälzt, ist Einar Schleef ein weithin unbekannter Name. Gewiss, ein preisdekorierter Schriftsteller, Autor unter anderem des monumentalen Werkes Gertrud, doch ist er als Autor ein Mann mit einer sehr kleinen Gemeinde. Und am Theater hatte Schleef seit zehn Jahren nicht mehr gearbeitet, denn so lang, seit 1976, war er schon im Westen. Und kaum jemand erinnerte noch einen der größeren Theaterskandale, die in Ostberlin jemals stattfanden.

Das war 1975, Fräulein Julie. Einar Schleef und B.K. Tragelehn brechen am Berliner Ensemble absichtsvoll jede Regel, jede stillschweigende Vereinbarung. Und sie erinnern etwas, das in einer lange Literatur dominierten Theaterkultur erst wieder behauptet werden muss: dass Theater eine Kunst aus eigenem Recht ist, nicht nur die Vergegenständlichung eines Textes. Und wie subversiv die reine Form zu wirken vermag., Am Ende verlässt Jutta Hoffmann Schleefs Protagonistin, die gestern beim Festival in Sangerhausen las so wie Thomas Thieme in Weimar , am Ende dieses Skandals also verlässt Jutta Hoffmann das Schlachtfeld Bühne, sie flüchtet, sie bricht aus, über die Zuschauer hinweg, deren Flucht-Hilfe körperlich einfordernd und erhaltend. Dieses Flucht-Bild war existenziell, unübersehbar und bedrängend. So wie alle die Bilder, mit denen Einar Schleef seine Flucht aus dem Leben in die Kunst inszenierte. Vielleicht, dass er auf der Bühne so vehement zum Gegenangriff antrat, weil ihm das Leben so schwer wurde, weil Angriff nicht die beste nur die einzige Verteidigung war. Vielleicht ist das der tiefe Grund dieser Entgrenzung, dieses Stampfens: der Gegenangriff gegen das, was in ihm war. Und gegen das, woher er kam.

Einar Schleef verortete seinen Geburtsort Sangerhausen stets in Thüringen, er empfand thüringisch wohl eher als eine wahrnehmbare Prägung denn sachsen-anhaltinisch. Indessen, was Schleef zu erzählen hatte über seinen Ort das ist nicht sehr heimelig. Allerdings, Schleef war wohl auch nicht, in keinem Alter, der Mensch, sich irgendwo geborgen zu glauben, vielleicht war das sein Problem. Mit sechzehn ein Unfall, der Legende stiftet: er hinterlässt diesen Sprachfehler, der nur dann von dem Stotterer abfällt, wenn er auf der Bühne steht. Bühnenbildstudium in Berlin, Exmatrikulation, Wiederaufnahme. Zwei Inszenierungen in Berlin, die zweite, Frühlings Erwachen mit Angelika Waller, fällt schon auf, die dritte ist der Skandal.

Einige abgebrochene Kunstprojekte, dann bricht er das Projekt DDR ab. Und wird immer wieder Projekte abbrechen, 1996 entlässt ihn das Berliner Ensemble, weil er nicht zu den Vorstellungen erscheint. Rücksichtslos mit sich und seinen Partnern, so wie auch sein Theater ist. Friss oder geh.

Rückschau verklärt und Sterben schafft Freunde, deshalb: Den meisten, wohl auch denen, die ihn mochten, ging dieser Regisseur auf die Nerven. Er war ein Terrorist, auch beim Inszenieren kompromissunfähig bis zur Selbstzerstörung. Wie mit einer Gebärde von antiker Größe und Ernsthaftigkeit die todernst war, wie alles, was er tat , zerstörte er eine Errungenschaft des antiken Theaters: das Individuum. In allen seinen Inszenierungen stampft, wälzt, tobt dieser Chor, der die Helden, die Einzelnen, zu Paaren treibt. Vielleicht, dass Schleef keine Helden auf der Bühne mochte weil die, die er im Leben sah, ihm nicht behaglich waren. Das war oft nervend und das erreichte 1998 zur Uraufführung von Elfriede Jelineks Sportstück eine Eindrücklichkeit, eine bezwingende Choreografie der Massensuggestion, die es so nicht wieder geben wird in dieser Inszenierung vollendet sich eine singuläre Ästhetik. Doch auch da, wo er wirklich und ernstlich nervte, geschah etwas Merkwürdiges. Es war wie bei diesen albernen Bio-Melk-Maschinen der Matrix: Aus der Masse Mensch wird tatsächlich Energie gekeltert durch diese Art von Inszenierungen. Schleef hat keine Texte interpretiert, er hat Energie erzeugt. Das mag ein wenig mystisch klingen, doch wer jemals eine dieser Arbeiten sah, auch widerwillig, wird diesen seltsamen Sog verspürt haben. Einar Schleef hat nichts weniger geleistet als die Erfindung einer Energie, die nur ihm zugehört.

Als er 1990 nach Hause fährt, nach Sangerhausen, da sagt die Mutter Gertrud zu ihm: Was willst du hier. Ich hab dich nicht gerufen. So, scheint es, war sein ganzes Leben. Was willst du hier. Niemand hat dich gerufen. Vielleicht, dass er deshalb so aufstampfte mit dem Theater, so rücksichtslos Energie erzeugte und verbrauchte. Er wehrte sich mit Kunst, nicht nur gegen den Sprachfehler.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2003

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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