Karl May – Hungerkünstler & Tramp; Traumtänzer, oder Der lange Weg nach Dschinnistan

„Einen Weißen? … Aber das ist fürchterlich!“ –
„Nicht fürchterlicher, als wenn man einen Schwarzen verkauft. Mensch ist Mensch.“
(Waldröschen 1883)

Was eigentlich ist „deutscher“: Dass Karl May, inneren und äußeren Zwängen zufolge, nicht in den Ländern war, über die er schrieb, oder dass das erst mal immer das wichtigste ist, was man im Land der Besserwisser anmerken zu müssen meint. War Stanislav Lem vielleicht im Weltall? War Franz Kafka in Amerika? War Winsor McCay in Slumberland?

Karl May war ein Impostor, eine Mischung von Hochstapler und Traumtänzer, von Anfang an. Er kam aus ziemlich elenden Verhältnissen, die Eltern arme Weber (alle Ersparnisse hatten sie in die Ausbildung des Sohnes zum Lehrer gesteckt – und verloren) und wollte alles sein, nur nicht er selbst. Es sind die beiden Gesten, wenn Gewalt aus welchen Gründen auch, nicht zur Verfügung steht, mit denen der Zukurz-Gekommene sich von der Kultur der Gewinnerbürger nehmen will, was ihm zusteht, der Diebstahl und die Hochstapelei. Karl May klaute, Karl May war als Zechpreller unterwegs, Karl May gab sich als Polizist, Advokat, Richter, gar Generalstaatsanwalt und Augenarzt aus – als bürgerliche Autoritäten mithin. Karl May tingelte mit einer Theatergruppe durchs Land, Karl May wurden „geistige Erkrankungen“ und „Bewusstseinsstörungen“ zugeschrieben. Ins Zuchthaus für vier Jahre kommt er wegen „Landstreicherei“. Ein fachgerecht verpfuschtes Leben; es kommt nur darauf an, wer da pfuscht, der Drifter zwischen Wahn und Wirklichkeit, oder eine bürgerliche Gesellschaft, die sich in der Mischung von Gefühlskälte und Sentimentalität nicht stören lassen will.

Nach seiner Heirat entdeckt er die gefahrloseste Variante von solchen Rollenspielen und verlegte sich auf die Fertigung von literarischer Phantasietätigkeit, wieder maskiert, erst unter verschiedenen Namen, dann freilich, nächste in Deutschland unverzeihliche Sünde, als Autor von „Reiseerzählungen“, die angeblich auf eigene Erlebnisse zurückgingen. Wie indes musste der Kopf von Menschen beschaffen gewesen sein, die an die Wahrheit von Karl Mays Tall Stories glaubten? Oder daran, dass dieser Autor 1200 Sprachen beherrsche, von den Dialekten ganz zu schweigen? Auf Karl May hat Deutschland mit einer geradezu komischen Humorlosigkeit reagiert. Damals wie heute. „Es gibt nur Karl May und Hegel – alles dazwischen ist eine unreine Mischung“,  sagt Ernst Bloch noch 1978. Darunter machen wir’s nicht. Einfach einen begnadeten Pulp Fiction-Schreiber mit einer krausen, abenteuerlichen Biographie, notwendig schweren Macken und schließlich seltsamen literarischen und politischen Höhenflügen feiern, einen Kerl, der nicht trotz sondern eben gerade wegen seiner Elendskriminalität, seiner Hochstapelei und seiner Traumtänzerei sympathisch und kreativ gewesen wäre – nicht mit uns!

„Es waren damals schlimme Zeiten, zumal für die armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat liegt. Dem gegenwärtigen Wohlstande ist es fast unmöglich, sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgange der vierziger Jahre dort durch das Leben hungerte. Arbeitslosigkeit, Misswuchs, Teuerung und Revolution, diese vier Worte erklären Alles. Es mangelte uns an fast allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft gehört. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt Zur Stadt Glauchau, des Mittags die Kartoffelschalen aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir gingen nach der roten Mühle und ließen uns einige Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um irgend etwas Nahrungsmittelähnliches daraus zu machen.“ Nach Amerika, nach England muss man blicken, um zu verstehen, dass Hunger eine gute literarische Schule ist.

In den meisten anderen Kulturen dieser Welt wäre Karl May für diese seine Jugendsünden geachtet und bewundert worden. Als phantasiebegabter Kerl und Rebell in eigener Sache wenigstens. Man hätte endlos Legenden über diesen Outlaw geschrieben, ihm mindestens noch doppelt so viele Helden- und Gaunertaten  angedichtet wie er ohnehin schon begangen hatte. Hier und nicht im wilden Kurdistan. Und hatte nicht alles mit dem Diebstahl von vier Kerzen begonnen, für die man Karl May der konfessionellen Schule verwies? Kerzen für einen Weihnachtsbaum der Familie, in der von Geschenken nicht die Rede sein konnte…

Nein, die deutsche Kultur kann keine sub-bürgerlichen rebel heroes gebrauchen. Und so ist die Geschichte von Karl May nicht die eines Mannes geworden, der seinen Zorn gegen die Gesellschaft in seinen Büchern fortsetzt, sondern einer, der ihn gut zu verbergen lernte. Der nicht von Widerstand sondern von dem unbändigen Wunsch getrieben wurde, dazuzugehören. Das Lügen und seine Zuchthausstrafen adelten ihn nicht, sondern verfolgten ihn bis ins hohe Alter. So wurde Karl May zum doppelten Spiegel deutscher Bigotterie und deutschen Untertanengeists. Im Gelingen eines gewaltigen literarischen Projekts zur Herstellung einer erträumten Heimat für alle, die am Bürgertum litten und dafür weder Wort noch Tat finden durften, und im Scheitern eines Mannes, der am Ende sogar noch an seiner Kunst verzweifeln musste, als er begann sich selber nahe zu kommen.

Der erfolgreiche Schriftsteller, der Autor der Wildwest- und Orientabenteuer aber bot dem wilhelminischen Bürgertum im allgemeinen, seinem Nachwuchs im besonderen eben jenen Fluchtraum, in dem Sentimentalität und Gefühlskälte bestens aufgehoben waren, nur eben gerade spiegelverkehrt. Und so wird May eben nicht nur Fabrikant von Aufschneiderliteratur und barbarischer Endlossagas, wie sie eben gebraucht werden in einer kapitalistischen Gesellschaft, sondern auch Lieferant von Gebrauchsmythologie, Spielvorlagen, Rollenmodellen, Sprechakten, karnevalisierter Traumbilder. Und das alles in der Form einer magischen Autobiographie.

Im Zuchthaus wird Karl May wegen seiner „Identitätsstörungen“ in Isolationshaft gesteckt; das Ende ist da wohl ziemlich nahe. Zur Rettung für ihn wird der katholische Gefängnispfarrer Johannes Kochta; er kann sogar in der Gefängniskirche die Orgel spielen. Winnetou und Old Shatterhand im Klang der mystischen Erhebung. Und dann fehlt nur noch diese unendliche Kette von Fesselungen, Befreiung, wieder Fesselung, und wieder Befreiung…

Karl May also träumte sich als mehr oder weniger kolonialer, mehr oder weniger demokratischer Superheld, als Kara ben Nemsi, der (verlorene) Sohn der Deutschen, als Old Shatterhand oder Sternheim. Natürlich war er einer von den Guten. Aber das übertrieb er maßlos. Als müsste er unentwegt den Ausgestoßenen und Rebellen in sich übermalen, durch endlose Ketten symbolischer Handlungen, wenn auch gewiss nicht so „wörtlich“ in freudianischer Symbolsprache, wie Arno Schmidt das herauslas; jedenfalls wurde aus der Identitätsstörung eine Identitätskonstruktion, die zusammen fasste, was dem Bürger an seiner Welt nicht passte. Karl May, so war das und es hat sich bis heute nicht viel daran geändert, wurde vom Verdrängten zum Verdränger. Die drei Pfeiler seines wachsenden Werkes sind christliche Mystik, Zivilisationsflucht (auch und gerade, was die technisch-kapitalistische Seite anbelangt) und Naturschwärmerei. Man kann, dies spiegelnd, auch sagen: Karl Mays Werk besteht vor allem aus der Verdrängung des Sexuellen, Verdrängung des Politischen und Verdrängung des Ökonomischen. In der magischen Biographie freilich geht es immer um das Umschreiben, Bezeichnen, Enthüllen des Verdrängten: „Geht mir mit einer Civilisation, die sich nur vom Länderraub ernährt und nur im Blute watet! Wir wollen da gar nicht etwa nur von der roten Rasse reden, o nein. Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen, wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Civilisiertesten der Civilisierten ein fortgesetzter Raub, ein gewaltthätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welchen Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden?“ 
(Old Surehand III,1896).

Verdrängung kann ausgesprochen unterhaltsam und hier und dort auch wahrhaftig werden. Karl May erzählt nicht so sehr, er erschafft eine Welt. „Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand / Radebeul Dresden / Villa Shatterhand“, so steht es auf seiner Visitenkarte. Er lässt sich die „Silberbüchse“ nachmachen und schmückt das Haus mit Jagdtrophäen. Und auf Anfragen seiner treuen Leser antwortet er mit ebenso erfundenen wie detailreichen Schilderungen aus seinem abenteuerlichen Parallelleben, wie wenn er gerade auf kurzem Heimaturlaub einer ewigwährenden Tour durchs Abenteuer wäre. Diese Abenteuer freilich sind von einer manischen Serialität. Im Grunde wären gerade die großen Erfolgsromane Mays eine ausgesprochen fade Angelegenheit, 800-Seiten-Wälzer in denen eigentlich überhaupt nichts vorangeht, wären da nicht einerseits die klaren Mythen und Ideologeme, andrerseits eine Galerie von komischen und grotesken Nebenfiguren: Insbesondere der Wilde Westen von Dr. Karl May ist vornehmlich von vollkommen Verrückten, von Bewusstseins- und Identitätsgestörten bevölkert. Karl Mays Abenteuerland ist ein „Irrenhaus“, das die Wächter und Ärzte glücklicherweise verlassen haben.

Oder, anders gesagt, es wird eine imaginäre Religion. Bald gründen sich die ersten Karl May-Klubs; ihre Delegationen empfängt er im Old Shatterhand-Dress. Und nun scheint es als wäre sein sehnlichster Wunsch in Erfüllung gegangen. Karl May wird in die Salons der guten Bürger geladen, der Impostor hat sogar noch mehr geschafft: Selbst der Adel beugt sich wohlwollend zu ihm, feuchtester Bürgertraum des Wilhelminismus. Und dann bricht das alles wieder zusammen.

Kaum hat er seine ersten zaghaften realen Reisen unternommen, kaum also versucht Karl May den Kara ben Nemsi in sich der Realität auszusetzen, da wird das bürgerliche Idyll von innen und außen zersetzt. Im Inneren vollzieht sich eine groteske Scheidungs- und Liebesgeschichte, manipulierte spiritistische Sitzungen sollen da eine Rolle gespielt haben, ein unschöner Scheidungsprozess, in dem die neue Geliebte, die Witwe des besten Freundes, aussagen muss, das Emma May ihren Ehemann beschimpft und Tantiemen seiner Werke unterschlagen habe. Die Psychose lässt sich literarisch und sozial nicht mehr recht bändigen. 1899 und 1900 verbrachte er im Orient. Bizarrerweise wurde zu dieser Zeit das Gerücht gestreut, der Weg durch die Wüste führe in Wahrheit in eine Klinik zur Behandlung von Geschlechtskrankheiten. Das Verdrängte brach in Blasen auf, in politischen wie in sexuellen. Am Ende seines Lebens kam Karl May auch nach Amerika, mehr Flucht als Aufbruch war diese Reise. Ein Winnetou war da nicht zu finden.

Die Rolle des Schurken im Drama des Karl May spielte der Journalist Rudolf Lebius. Er versuchte Kara ben Nemsi zu vernichten, weil er selbst ein nicht minder verpfuschtes Leben aushalten musste, aber kein Traumland gefunden hatte. Nicht dass er es nicht versucht hätte. Lebius kam aus der anderen Richtung, von oben. Sein Vater, ein reicher Getreidehändler, ermöglichte ihm das Studium der Zahnmedizin ebenso wie das von Jura und Philologie. Eine gutbürgerliche Karriere schien vorgezeichnet. Doch der Tod des Vaters nebst Erbschaftsstreit beendete die diesbezüglichen Träume; 1892 musste er sein Studium aufgeben, als „reisender Redakteur“ für bürgerliche Zeitungen verdiente sich Lebius einen bescheidenen Lebensunterhalt. Er suchte und fand schließlich eine neue Heimat in der Sozialdemokratie; seine Erlöser schienen die Söhne von Wilhelm Liebknecht. Unter ihrem freundschaftlichen Einfluss trat er der SPD bei, schrieb für den Vorwärts, wurde aber bald wegen verleumderischer Artikel angeklagt und verließ die Partei wieder. Nun versuchte er es mit dem Liberalismus, kaufte 1904 die marode Sachsenstimme, die im Jahr darauf eingestellt werden muss.

Lebius’ politisches Traumreich nahm zunehmend präfaschistische Züge an; er schloss sich rechten Vereinen an und wurde zum streitsüchtigen Gegner von Sozialdemokratie und Gewerkschaften. In seine Polemiken mischen sich mehr und mehr antisemitische Töne, und immerhin machten ihn seine publizistischen Hasspredigten bekannt genug, dass er es zum Herausgeber mehrer rechtsgerichteter Zeitschriften und einem Vorsitz der „gelben Gewerkschaften“ bringt, dem ordoliberalen Gegenentwurf zu den „roten Gewerkschaften“, die sich ebenfalls immer weiter nach rechts bewegen. Endlich hat Lebius auch das väterliche Erbe erstritten und steckt einen Teil des Geldes in die Gründung einer „Nationaldemokratischen Partei“, die gegen „Großkapital“, „Judentum“ und „Undeutsches“ wettert. Ein besonderes Anliegen ist es ihm, Juden vom Staatsdienst fernzuhalten und die deutsche Kultur „rein“. Vielleicht sind es dann nicht allein Geldsorgen, die ihn dazu bewegen, einen Erpressungsversuch an dem „Volksschriftsteller“ Karl May zu starten. Er bietet ihm an, für seine Reputation in deutschnationalen Kreisen zu werben, ein kleines „Darlehen“ als Gegenleistung vorausgesetzt. Im Hintergrund steckt die Drohung, die früheren Verfehlungen Mays und seine Haftstrafen publik zu machen. May lehnt ab, und es kommt zum Prozess.

Verteidigung und Demontage von Kara ben Nemsi gibt die Spaltung des deutschen Bürgertums wider. Der „weiche“ christliche Mystizismus, die Fortschrittsfeindlichkeit und vor allem der Pazifismus von Karl May sind vielen längst ein Dorn im Auge. Lebius, auch wenn vor Gericht nicht übermäßig erfolgreich, wittert die Chance seines Lebens; er muss diesen Menschen, den Impostor, den Aufsteiger zur Strecke bringen. Lebius’ Broschüre „Karl May – ein Verderber der deutschen Jugend“ erscheint im Jahr 1908 und ist da schon erfolgreicher als die neuen Arbeiten von May selber. In seinem Spätwerk schwingt sich dieser Pulp Fiction-Autor zu sonderbaren literarischen und philosophischen Höhen auf. Die Versuche, sein bürgerliches Idyll, sein Dazugehören, aufrecht zu erhalten, sind das eine, daran muss er schließlich scheitern; seine Arbeit, mit der er kaum noch Leser findet, sich aber in politischer und mystischer Hinsicht noch einmal, zum wievielten Mal in seinem Leben, zu befreien versucht, das andere. Karl May hätte nun zu einem humanistischen Sozialisten und fundamentalen Pazifisten verklärt werden können. Seine Ausstrahlung immerhin wäre der Bewegung gegen den Krieg durchaus zugute gekommen. „Wer den schönen alten Mann an jenem 22. März (am 30. März, seinem Hochzeitstag, traf ihn ein Herzschlag) sprechen gehört, durch ganze zwei Stunden, weihevoll, begeisterungsvoll, in die höchsten Regionen des Gedankens strebend – der musste das Gefühl gehabt haben: In dieser Seele lodert das Feuer der Güte.“ So schrieb Bertha von Suttner in der Wiener Zeit am 5. April 1912. Im April des Jahres veröffentlichte Lebius noch einmal einen üblen Nachruf auf den toten Dichter der deutschen Seele in seiner Zeitung Der Nationaldemokrat – und verschwand mit dem Objekt seines neidigen Hasses aus dem Gedächtnis der Deutschen. Zwei Gescheiterte der wilhelminischen Gesellschaft hatten sich einen Schaukampf geliefert, der Aufsteiger und der Gefallene. Sieger blieben Nationalismus, Rassismus, Krieg und Faschismus.

Die Nachgeschichte zu Karl May hat an der expressiven Zerrissenheit von Autor und Werk nichts geändert. Die Soldaten des Ersten Weltkriegs trugen ihren Winnetou im Tornister; vergessen, dass man sein Abenteuertraumland andernorts als geistige Fahnenflucht bezeichnete. Adolf Hitler war ein begeisterter Karl May-Leser, und im „Dritten Reich“ begann daher ein neuerliches Übermalen und Verdrängen. Unter anderem wurden die Gräber verlegt, damit dieser deutsche Schriftsteller nicht neben seinem Freund liegen musste, dem man die „halbjüdische“ Abstammung nachgewiesen hatte. Sein Bibliothek und sein Nachlass waren sorgfältig „gereinigt“ worden, zuerst durch die Witwe Klara May, die auch „nötige Änderungen“ im Werk selber vornahm, während sie die öffentliche Phantasietätigkeit des Verstorbenen wieder aufnahm und noch bis in die Mitte der dreißiger Jahren von wundersamen Abenteuern mit Karl May/Old Shatterhand erzählte. Sie selbst unternahm mit einer Freundin nun die Reisen, die May versagt geblieben waren, und endlich verband sich ihre hemmungslose Aufschneiderei mit der Politik: Ihre Reiseberichte, die auf „Mit Karl May durch Amerika“ folgten, trugen den Titel „Unter dem Hakenkreuz um die Welt“. 1938 machte sie dem Führer den Vorschlag, Karl Mays Buch „Und Friede auf Erden!“ im Sinne des Nationalsozialismus zu korrigieren. Da hatten die Nazis schon anderes zu tun.

Und dann, als wäre nichts geschehen, begleiteten Kara ben Nemsi und Old Shatterhand in den kaum veränderten Büchern mit dem grünen Leineneinband auch die ersten Kinder des Nachkriegs ins Leben, wenn auch unter misstrauischen pädagogischen Blicken, bis dann in den sechziger Jahren mit einer Serie von bunten Breitwandfilmen das deutsche Traumland des Abenteuers in Jugoslawien noch einmal neu gefunden wurde, mit einem Franzosen als Winnetou und einem Amerikaner als Old Shatterhand, und trotzdem unnachahmlich deutsch. Die Filme funktionierten letztendlich nicht anders als die Romane, als Protest gegen ein Erwachsenwerden in einer ebenso langweiligen wie bösartigen „Civilisation“. Auch sie setzten dem harten, technoiden und rationalistischen Wirtschaftswunder (nebst ersten Krisen) einen weichen, schwärmerischen und vormodernen Ton gegenüber. Was der amerikanische Western nebenan gerade verlor, das errichtete der deutsche Karl May-Film wieder, als Kinderphantasie. Und zwar als einigermaßen reaktionäre, wenn man es genau nimmt. Aber in einer Zeit, da ein Bundespräsident Gauck lobende Worte für die 68er findet, wollen wir auch keine pophistorischen Gehässigkeiten formulieren. Und Winnetou war mindestens so metrosexuell wie die Beatles.

Am Ende seiner Reise führte das Abenteuer Karl May nicht mehr in den Orient oder in den Westen, sondern auf den Planeten Sitara, ins Reich des Bösen, Ardistan und ins himmlische Reich des Friedens, Dschinnistan. Geisterwelt. Vielleicht hat er da gefunden, was er schon immer gesucht hatte, seit der Suche nach Kartoffelschalen und Anerkennung: „Wer in der Wüste schmachtet, der lernt den Wert des Tropfens erkennen, der dem Dürstenden das Leben rettet. Und auf wem das Gewicht des Leides und der Sorge lastete, ohne dass eine Hand sich helfend ihm entgegenstreckte der weiß, wie köstlich die Liebe ist, nach der er sich vergebens sehnte.“ (Durchs wilde Kurdistan, Freiburg 1892).

Georg Seeßlen in taz

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