Das Alte Mädchen und der Vonundzu

Der Vonundzu ist die ideale Fehlbesetzung in Berlin und die falsche Idealbesetzung in Bayern. Eines neues Kapitel der großen Deutschland-Saga.

Also, der Horst hat einen mitgebracht. So einen Typ Versicherungsvertreter, Schwiegermutterliebling, Klassenzweitbester. Adelig ist er auch noch. Der hätte es doch nicht nötig, der könnte ebenso gut mit einem goldenen Löffel und Tausend-Euro-Scheinen Kokain schnupfen oder Fotografen verprügeln. Er ist aber gut in Betriebswirtschaft, glaube ich. Kann zuhören, grinst nicht bloß, sondern setzt auch immer mal wieder ein Klassenzweitbester-im-Chemieunterricht-Gesicht auf. (Auch Klassenzweitbester wird man übrigens vor allem mit einem Gesicht.)

Am Anfang haben sie ihn ja nicht so ernst genommen. Mit dem Gel im Haar und der Brille. Das ist doch wie aus einer Sommerserie des ZDF. Ein Was-heißt-hier-Klischee-wenn’s-die-Leute-doch-so mögen-Casting. War ja bloß für eine supporting role gedacht, verstehen Sie. Aber dann ist er zu einer der beliebtesten, vielleicht zur beliebtesten Figur der ganzen Show geworden. Weil er halt seine Rolle ernst genommen hat.

Was der Vonundzu gelernt hat, das ist, wie man Arbeit andere machen lässt. Und zwar zur genau richtigen Zeit. Wenn einer etwas tun will, dann hat der Vonundzu es schon von jemandem für sich machen lassen. Außerdem kann er sich benehmen, er ist immer, ich weiß nicht: angemessen. (Der Horst hat sozusagen sein eigenes Gegenteil mitgebracht. Oder umgekehrt hat sich der Vonundzu nur von seinem eigenen Gegenteil an den Tisch des Alten Mädchens einladen lassen können.) Das mögen die Leute.

Und dass er eben adelig ist. Da hat man immer ein Schloss im Hintergrund, und Geigenmusik. Und da kommt der klassenzweitbeste Vonundzu-Baron herunter (und jetzt tröpfelt ein Piano) und geht zum Volk. Bestens angezogen, aber eben auch für die Arbeit. Und kümmert sich und weiß was und kann zuhören und tut so, als müsse er überhaupt nicht mehr beweisen, dass er was Besseres ist. Weil er eben einfach was Besseres ist. Haben Sie gestern Fernsehen geschaut? Da hat man gesehen, wo der Vonundzu nicht dazugehört. Das ist so einer, der sich nicht anmerken lässt, wenn er in Hundescheiße getreten ist. Nicht so: Iiiih, ich bin in Hundescheiße getreten! Sondern ganz diskret schaut er geradeaus und lässt sich an der Ecke ganz schnell ein paar neue Schuhe geben. Und genau so macht er’s in der Politik. Alle kümmern sich nur um die Hundescheiße, in die sie wieder mal getreten sind, er nicht.

Nachdem Onkel Bräsig endlich weg war und der Frosch doch nur wieder die alten Geschichten vom Gerd erzählt hat, war es ganz wichtig, dass jemand dazukam, mit dem man wieder ein bisschen Konversation machen kann. Und dann auch wegen der Tischsitten. Dass man sieht, nicht nur draußen ist was los, wo sie »Oskar, Oskar« rufen oder auch einmal ein Automobil anzünden, sondern auch drinnen, am Tisch des Alten Mädchens.

Jetzt ist aber der Vonundzu auch ein Problem. Weil nämlich das Alte Mädchen und der Vonundzu gar kein Traumpaar sind. Ist das Alte Mädchen nämlich die Schwiegermutter für den Schwiegermutterliebling, dann müsste sie hinter den Liebling zurücktreten. Ist der Vonundzu aber nur einer von den Brüdern, über die das Alte Mädchen gebietet, dann müssten jetzt die anderen eifersüchtig werden und sich irgendwie gegen den Liebling verbünden. Kennen Sie das Märchen von den sieben Brüdern? Und wie steht es mit einer erotischen »Chemie«? Schließlich hat sie in der Oper in Oslo eine Oberweite gezeigt, dass einer Bayreuther Walküre die Schamesröte kommt. Aber: Dann wäre es eben aus mit dem Alten Mädchen. Haben Sie gestern »Verbotene Liebe« ge­sehen? Ich habe ja überhaupt den Verdacht, dass Schwiegermütter nur im Fernsehen Lieblinge haben; im richtigen Leben kommen sie mit Arschlöchern oder Versagern viel besser zurecht. Wenn man eine Schwiegermutter umbringen will, dann bringt man ihr einen Schwiegermutterliebling. Haben Sie Agatha Christie gelesen?

Die Herrschaft des Alten Mädchens ist jetzt also vom klassenzweitbesten Vonundzu abhängig und gleichzeitig durch ihn bedroht. Stellen Sie sich doch einmal vor: Der Frosch ist weg und der Parteisoldat ist weg, und das Alte Mädchen hat an ihrer Seite einen Platz, auf den einerseits der Vonundzu, der verallgemeinerte Schwiegermutterliebling, gehören würde, aber nach den Regeln des Hauses einer von Guidos Brüdern, Sie wissen schon, die mit dem laschen Händedruck und den vollen Taschen. Jetzt stellen Sie sich weiter vor, der Vonundzu würde dann zurück auf sein Schloss und würde jetzt wirklich Kokain mit Tausend-Euro-Scheinen schnupfen und Fotografen verprügeln, weil er ja nichts anderes zu tun hätte. Dann wäre das Volk ziemlich sauer auf das Alte Mädchen. Haben Sie Ludwig Thoma gelesen? Oder der Vonundzu bekäme einen anderen Platz am Tisch des Alten Mädchens. Das wäre so eine Art Majestätsbeleidigung, oder anders gesagt eine Volksbeleidigung. Jetzt müsste also das Alte Mädchen versuchen, den Frosch dabei zu behalten, nur damit der Vonundzu nicht vom Tisch weggehen würde. Das ist aber gegen die Regeln des Hauses. Ich sag’s, wie’s ist: Ein Schwiegermutterliebling ist für ein Altes Mädchen das Schlimmste, was passieren kann.

Jetzt haben der Vonundzu und der Horst sich aber auch noch eingebildet, eine bayrische Boy­group für die Bierzeltmusik zu gründen. Dazu haben sie einen dritten Mann gebraucht, den Ramse. Also, den Ramse werden Sie nicht kennen, den kennt eigentlich niemand. Macht aber nichts. Es ist das Trio: der Schöne, der Laute und der Stille. Der Schöne für die Mädels, der Laute für die Jungs und der Stille für die Leidenden. Er hat ja so gelitten unter der Großen Koalition, sagt der Ramse, der eigentlich Ramsauer heißt, und er war ja immer der Sündenbock und der Prellbock. Und auf den Plakaten kommt er auch so gut wie nicht vor, obwohl er doch von Beruf »Spitzenkandidat der CSU« ist. Das ist schon ein bisschen ungerecht. Und da heulen sie dann ein bisschen mit ihm, bis der Bazi-Horst, der eigentlich Seehofer heißt, kommt, und der Vonundzu, der auch anders heißt, aber dazu reicht hier der Platz nicht.

Zum Aufwärmen erzählt der Bazi immer eine besonders lustige Geschichte: Also, weil er doch das Geld verteilen darf und wir alle zusammenhalten müssen. Da hat ein Bürgermeister in einem Städtchen, das jedes Mal anders heißt, wenn der Horst diese Geschichte erzählt, ein neues Feuerwehrauto für seine Feuerwehrleute haben wollen. Weil er aber ein viel größeres Feuerwehrauto hat haben wollen, als das in den Vorschriften für die Bezuschussung von Feuerwehrautos vorgesehen ist, hat er keinen Zuschuss für sein neues Feuerwehrauto bekommen. Deshalb hat der Bürgermeister sich in seiner Not an den Bazi-Horst gewandt. Da hat sich der Bazi-Horst den zuständigen Minister kommen lassen und hat dem gesagt (das erzählt er immer besonders gern, der Horst): »In drei Stunden hat der Bürgermeister seinen Zuschuss für das neue Feuerwehrauto! Sonst passiert was!« Und da ist der zuständige Minister natürlich sofort in sein Büro gelaufen und hat den Scheck noch selber zur Post getragen. So einer ist der Horst.

Einmal, aber ehrlich nur einmal, hat einer im Bierzelt wissen wollen, warum denn der Bürgermeister unbedingt ein so großes Feuerwehrauto hat haben wollen, wo es doch ein kleineres auch getan hätte. Und was jetzt der Horst täte, wenn alle Bürgermeister ein großes neues Feuerwehrauto hätten haben wollen. Aber den haben sie dann zusammengehaut, fragen Sie nicht! Das war wahrscheinlich ein Linker.

Also ist die Sache jetzt so: Einerseits ist der Vonundzu drinnen am Tisch des Alten Mädchens und der ganzen Blagen, weil er so vornehm tun kann und halt die Frauen, na ja, Sie wissen ja, ich will da jetzt nicht sexistisch werden, andererseits aber ist er auch draußen bei der bajuwarischen Boygroup, zusammen mit dem Bazi und dem Prellbock. Gemeinsam nämlich repräsentieren die drei das Bayern, wie es war und wie es ist: den smarten Adel, das krachlederne Bauerntum und dazwischen ein verdruckster, ewig gekränkter und ewig beleidigter Bürger.

Jetzt ist also der Vonundzu beides zugleich: eine Idealbesetzung und eine Fehlbesetzung. Und zwar nicht nur so: Idealbesetzung in Bayern und Fehlbesetzung in Berlin, wie es mit bayrischen Politikern so oft der Fall war. Sondern komplizierter: ideale Fehlbesetzung in Berlin und falsche Idealbesetzung in Bayern. Denn egal ob als der Schöne in der bayrischen Boygroup oder als Schwiegermutterliebling am Tisch des Alten Mädchens, immer ist er jemandem zugleich sehr nützlich und sehr gefährlich.

So ist also der Vonundzu ein Joker, der das Spiel nicht aufgehen lässt, sondern total verdirbt. Man hat ihn offenbar zur falschen Zeit und im falschen Blatt eingesetzt. Jetzt legen sie ihre Karten hin und gehen schlecht gelaunt zum Essen. Und der Horst spielt wieder so laut; eine richtige Idealbesetzung ist der Vonundzu eben nur in diesem Dazwischen.

Und jetzt sage ich Ihnen was. Haben Sie Marcel Proust gelesen? Der Horst hat den Vonundzu wahrscheinlich mit Absicht an den Tisch des Alten Mädchens mitgebracht. Er hat gewusst, dass der Vonundzu den ganzen Salon durcheinander bringt. Und am Ende hat der Horst gewonnen. Wenn er den Vonundzu losgeworden ist und dem Alten Mädchen den Salon verdorben hat. Und zwar mit seinem eigenen Gegenteil. Und das ist eben bayrische Lebens- und Politikart. Nicht vor den Feinden, sondern vor den Freunden muss man sich in Acht nehmen.

Jetzt also stellen Sie sich vor: Erst wird der Vonundzu aus dem Salon des Alten Mädchens hinaus komplimentiert. Und dann schmeißen sie ihn noch aus der bayrischen Boygroup. Das wäre normal, sowohl nach dem Angela-Prinzip als auch nach dem Bazi-Prinzip. Das geht jetzt aber auch wieder nicht. Denn einen freilaufenden Vonundzu kann man sich weder in Berlin noch in Bayern leisten.

Da sieht man einmal wieder, was Politik für ein schwieriges Geschäft ist.


Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in jungle world Nr. 39, 24.09.2009

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