„Ich glaube an den Mythos!“ Das ist einer von Robert Redfords berühmtesten Aussprüchen, „Und ich teile die Auffassung, dass eine Kultur ohne Mythologie zum Tode verurteilt ist. Wir sind nahe daran.“

Good Grief! Amerika ohne Mythologie? Nicht solange es Hollywood gibt! Nicht solange es Kerle wie Robert Redford gibt. Kerle, die vielleicht nicht alles in passende Worte kleiden können. Aber hinausgehen in die Wildnis oder in die Politik oder aufs weite Meer und die Zähne zeigen und das große amerikanische Hier-bin-ich leben.

Robert Redford war in Hollywood, im Neuen Hollywood, um genau zu sein, die Ein-Mann-Erneuerung des Mythos. Vielleicht waren ja andere näher dran an der Wirklichkeit, diese Stadtneurotiker zwischen Woody Allen und Dustin Hoffman, die Zyniker wie Jack Nicholson und die Paranoiker wie Robert De Niro. Aber wenn es jemanden gab, der seine Wurzeln fest in der amerikanischen Vergangenheit und den offenen Blick in die Zukunft gerichtet hatte, dann war es Robert Redford. Mit einem Schuss Zweifel und Verzweiflung, und ohne so zu tun, als gebe es kein Vietnam und kein Watergate, keine Korruption und keine Krisen. Robert Redford war das große Trotzdem im ironischen, sarkastischen und melancholischen New Hollywood. Und außerdem sah er aus wie ein junger Gott, der vorübergehend einen zu fad gewordenen WASP-Himmel verlassen hatte. Was nicht nur ein Vorteil in Hollywood war.

Anfangs sah es ganz und gar nicht nach der großen Karriere aus. Zu Redfords späterem Leinwand-Charisma gehört es, dass er ein Junge von unten ist, einer, der eine Kinderlähmung überstand, der seine Bildung seinen sportlichen Leistungen verdankt, einer der, nach dem frühen Tod seiner Mutter, aus der Bahn geraten war, zu einem Drifter wurde, der auf den Ölfeldern arbeitete und durch Europa als Kunststudent und Straßenmaler bummelte. Gerettet von Alkohol und Neurose durch die Ehe mit der gläubigen Mormonin, mit der er ziemlich lange ein skandalfreies Familienleben zustande bekam. Zurück in den USA entdeckte er seine Liebe zur Schauspielerei und hatte, neben ein paar bemerkenswerten Theatererfolgen, einen zähen Einstieg in die Traumfabrik mit kleinen Rollen beim Fernsehen und in Filmen ohne nennenswerten Erfolg. Die Rolle, die seine erste Leinwand-Persona schuf, fand Robert Redford, als er die Suche schon beinahe aufgegeben hatte. Es war die des korrekten und angepassten New Yorker Anwalts Paul Brater in „Barfuss im Park“ (1967), der durch eine Frau zum wahren Leben erweckt wird. Was vorzugsweise in Vergnügungen besteht. Die alte Geschichte von Realitäts- und Lustprinzip, genau abgestimmt auf den amerikanischen Mittelstand der späten 1960er Jahre. Hier noch mit Happy Ending.

1969 wurde Robert Redford an der Seite von Paul Newman in „Butch Cassidy & The Sundance Kid“ endgültig zum Superstar. Newman hatte ihn gegen den Willen der Studio-Bosse als Partner in diesem Buddy-Western durchgesetzt, der größtenteils aus Abschweifungen besteht. Einschließlich einer Jules-und-Jim-Paraphrase und Radfahren zu „Raindrops Keep Falling on My Head“. Noch einmal trat das neue Traumteam in der milden Mindfuck-Version der Gaumerkomödie „Der Clou“ auf, dann aber fanden die beiden Freunde, obwohl sie es immer mal wieder versuchten, kein geeignetes gemeinsames Projekt mehr. Was unter anderem daran lag, dass die Zeit für charmante Nichtstuer und Taugenichtse, die neuen Tom Sawyer und Huckleberry Finn, wieder mal vorbei war. Robert Redfords Filme wurden dramatischer und kritischer.

Er war der Star des amerikanischen Kinos, mit dem man hoffen konnte, die heißesten Themen zu verkaufen, den Rassismus in „Tell Them Willie Boy is Here“, die Korruption der politischen Karriere in „The Candidate“, die Überambition (im Sport) in „Schussfahrt“, den schmutzigen Krieg der Geheimdienste in den „Drei Tagen des Condor“ (1975), den Ausverkauf der amerikanischen Mythologie in „Der elektrische Reiter“. Die größten Momente der Verzweiflung scheint sein „Großer Gatsby“ in jenen Szenen zu erleben, da er etwas sagen, etwas erklären, etwas offenbaren müsste. Einer wie Redford ist verloren, wenn er erklären muss, was er tut.

Zusammen mit Sidney Pollack, seinem Lieblingsregisseur für lange Jahre, entwickelte Robert Redford dann seine dritte Leinwand-Persona. Nach dem romantischen Taugenichts und nach dem Mittelständler zwischen Ehrgeiz und Idealismus wurde Robert Redford der solitary man. Als „Jeremiah Johnson“ (1972), der in der amerikanischen Wildnis auf sich allein gestellt der Wildnis trotzt, indem er ein Teil von ihr wird, als „Tollkühner Flieger“, als weißer Jäger in seinem nächsten Welterfolg „Jenseits von Afrika“. Mit Dustin Hoffman bildet er das Journalisten-Paar, das den amerikanischen Traum der Freiheit rettet im mehr oder weniger dokumentarischen Watergate-Drama „Die Unbestechlichen“. Der letzte Film, den Pollack und Redford zusammen drehten, „Havanna“, war 1990 ein kommerzielles Desaster. Da schienen die ganz großen Zeiten für diesen Star auch schon vorbei. Nicht dass Robert Redford nicht hätte zeigen können, dass man auch in Hollywood in Würde altern kann. Aber irgendwie hatte man den Glauben an die Ehrlichkeit verloren. In einem Erfolgsfilm wie „Ein unmoralisches Angebot“ sah es so aus, als hätte sich der Teufel eine Robert Redford-Maske übergezogen. Und das ist ja wohl das Teuflischste, was er tun kann.

Seit den 1980er Jahren ist Robert Redford auch Regisseur. Er hat ein Gespür für die „Ordinary People“, denen sich sein erster Film in schon im Titel widmet. Er kann auch kritisch umgehen mit amerikanischen Institutionen wie in der dokumentarischen Geschichte „Quiz Show“. Manchmal weht aber auch ein Hauch von herber Sentimentalität durch Geschichten wie der vom Fluss, der in der Mitte entspringt, und der vom „Pferdeflüsterer“. Sentimentalität? Nennt es Mythologie.

Und nun, nach etlichem Mediokren, Passablen und Überflüssigen, ist Robert Redford plötzlich noch einmal da. Wirklich da. Auf der Leinwand kämpft er in „All Is Lost“ einen wortlosen, materialistischen Kampf ums Überleben. Nein, das ist es nicht. Es geht weder um das, was man das „nackte“ Überleben nennt, noch geht es um eine Art von letztem Heldentum. Es geht um das Wesen des Lebens selber. Die Existenz. Den Entschluss, an diesem Tag nicht Selbstmord zu begehen, und sich davon weder durch Gott noch durch die Natur abhalten zu lassen. Der alte Huckleberry Finn im Kampf mit dem kaputten Boot auf hoher See rettet noch einmal den Mythos. Solitary Man. Nichts ist verloren, solange es ihn gibt. Wenn das keinen Oscar wert ist, dann fängt Hollywood wohl wirklich mit dem Sterben an.

Georg Seeßlen

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