Die Liebe im digitalen Zeitalter

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Wie das Internet-Dating die Bedingungen der Paarbildung verändert

VORNEWEG

Kein Mensch weiß genau was „Liebe“ ist. Sie kommt in einer heftigen und in einer sanften Form vor, manchmal ist sie sich selbst genug, ein anderes Mal gehen durch die Liebe Sachen, Beziehungen, Ordnungen und sogar Menschen kaputt. Sie ist einzigartig und zugleich übertragbar. Es muss nicht einmal gelogen sein, wenn jemand sagt: Ich liebe den Sonnenuntergang über dem Mönckeberger Weiher. Was wir von der Liebe haben, das sind Erzählungen und Bilder. Irgendwo tief innen könnte sie auch noch etwas anderes sein. Etwas jenseitiges, etwas verrücktes. Amour fou. Man will, man kann es gar nicht genau wissen: Liebe ist, wenn in allem ein Geheimnis bleiben darf.

Richtig interessant wird die Liebe, wo sie Übersprungseffekte zwischen den Sphären sozialer, sexueller, semantischer und kultureller Ordnungen erzeugen kann. Zwischen „Klassen“, „Kulturen“, (konkurrierenden) „Familien“, „Berufen“, „Rassen“, „Geschlechtern“, „Generationen“, „Religionen“, kurz zwischen den „Identität“ stiftenden Illusionen, die, neben Gewalt und Ökonomie, auch durch formelle und informelle „Heiratsgebote“ geregelt werden. Liebe ist ein sozialer und semantischer Skandal, ansonsten kann sie Privatsache und uns gestohlen bleiben. Aber allzu gern hätten wir es doch, dass jede richtige Liebesgeschichte den Keim oder den Vor-Schein der Revolte enthielte. Und dass im Kern jeder Revolte auch die Liebe zu finden wäre, ja, schön wäre das. Und Trost ist sie auch, die Liebe. Einem Banker gönnen wir möglicherweise sein Geld, eine Liebesgeschichte nicht. Ist natürlich Quatsch. Winners take it all. Zur Ruhe kommt die Liebe in der sexuellen Ökonomie.

Was Sexualität ist weiß man indes ganz genau, oder? Streicheln, Grabschen, Knutschen, Ficken, Blasen, Lecken. Die sexuelle Energie kommt in der sexuellen Ökonomie zur Ruhe, für den Augenblick.

Wenn man an das autonome Individuum glauben will, dann geht es darum, Liebe und Sexualität zueinander zu ordnen: Entweder als mehr oder weniger exklusive Einheit oder als mehr oder weniger scharfe Trennung (die Sexualität für das Vergnügen – oder auch für den Drang, wie man es nimmt – und die Liebe, naja, für irgendetwas anderes). Richtig funktionieren tun nun freilich weder die Einheit noch die Trennung. Stattdessen geht es in aller Regel heillos durcheinander, so ist das Leben. Und was bleibt ist dann etwas wie die soziale Vernunft der „Beziehungen“.

Aber das ist noch gar nichts gegen all das, was als Abwesenheit oder Fehlentwicklung angesehen wird. Das Besitzergreifen. Die Eifersucht. Der Fetischismus. Die Ausbeutung. Die Sexualisierung der Gewalt. Und die sexuelle Gewalt selber. Die Angst. Früher und nebenan wurden und werden Liebe und Sexualität dermaßen von außen geregelt, also bitte, wo bleibt denn da ein autonomes Individuum? Objekte der Zuschreibungen, Zensuren und Kontrollen, wo doch eigentlich Liebe und Sexualität Subjekte erzeugen sollten. Die bürgerliche Gesellschaft hat erst von der Liebe und dann von der Sexualität nicht weniger als die Erlösung erhofft. Porno-Jesus’ erstes Gebot: Ihr sollt euch lieben! Jetzt haben wir eine postbürgerliche, digitale und finanzkapitalistisch hegemonialisierte Gesellschaft. Und jetzt müssen wir sehen, wo wir bleiben, mit der Liebe und der Sexualität.

Die Liebesgeschichte ist die Schöpfungsgeschichte des bürgerlichen Subjekts. Die Liebe soll die Freiheit erzeugen, und die Freiheit soll die Liebe erzeugen. Wenn sich die Vorstellung von Freiheit ändert, dann ändert sich auch die Vorstellung von der Liebe. Möglicherweise befinden wir uns in eben einem solchen Diskurswechsel.

Das autonome Individuum war die Voraussetzung für die Liebe, und zugleich ihr Ergebnis. Kontrolle oblag der Familie (immer weniger), den religiösen Vereinigungen, dem Staat, aber auch den Codes, den Architekturen, der Mode, nicht zuletzt: der Sprache. (Liebe, in Tarzans Dschungel oder in der Wildnis der Trapper, das war Sprechenlernen und Zusammen-Badengehen.) Was man also als „Befreiung“ ansehen mag, von arrangierten Heiraten, von Verhüllungsgeboten, von der Strafe und der Ausgrenzung der Zuwiderhandelnden kann man auch als Übertragung der Paarbildungs-Kompetenz von konkreten gesellschaftlichen Instanzen auf „subjektive“ Impulse und zugleich auf „objektive“ soziale Maschinen ansehen. Aber sie war gebunden an die Herstellung des Idealzustandes von freier Wahl und Auflösbarkeit. An die Stelle von Ge- und Verboten traten (formelle und informelle) Verträge. Und an die Stelle geschlossener Heiratsmärkte trat ein offenes System von sozialen Maschinen zur Gruppen- und Paarbildung.

Das fundamentale Unglück der radikalen Liebesgeschichten war damit natürlich abgemildert. Aber auch die schwarzen Hochzeitsphantasien, die uns seit der Romantik verfolgen, nämlich die, dass sich der Geliebte des Nachts in einen Vampir oder Werwolf verwandelt, dass er statt mit der Verlobten sich mit der Herstellung künstlicher Menschen befasst, dass er insgeheim ein Außerirdischer oder sogar ein Kommunist ist. Denn mit der Individualisierung der Liebe wächst auch eine furchtbare Wahrscheinlichkeit. Unter der unvorsichtigen Wahl des Partners für Sex und Liebe lauert nicht nur die Katastrophe (und sei’s die Katastrophe der Langeweile), sondern auch das „Selber schuld“. Die Liebe scheitert nicht mehr an strikten Regeln, an der Unterdrückung insbesondere der Frauen, an hartherzigen Vätern und uneinsichtigen Müttern, an Familienfehden und unbarmherziger Trennung der Kasten und Klassen. Sie scheitert an ihren Protagonisten. Denn den sozialen Maschinen, die das Paar erzeugt haben (bis hin zu Hollywood oder Bollywood als Maschinen zur Produktion des Paares) ist wahrhaft kein Vorwurf zu machen, oder? Die Arbeit, das Fernsehen, die Trendsportart, die Mode, das politische Milieu, der kulturelle Code, die Sprache, das Geld, das Design, die Musik, die Droge, die phantastische Parallelwelt, der Geschmack, die audiovisuelle Lektüre der Welt, die Ideologie, die Technologie … Alles was das Paar bedingt und zu stabilisieren verspricht ist direkt oder indirekt mit dem Markt verbunden. Und der hat bekanntlich immer recht.

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Die Digitalisierung der sozialen Maschinen verändert indes die Bedingung der Paar-Bildung noch einmal fundamental. Zum einen ist man nahezu endgültig den „alten“ konkreten sozialen Instanzen entzogen. Zum anderen muss man hinein in eine zweite Welt in der all die Komponenten einer Liebesgeschichte, das Sehen und Erzählen, der Körper und die Biographie, die Sprache und das Bild auf eine andere, eigene und kontrolliert unkontrollierbare Weise funktionieren. Oder es, mehr noch, nicht tun.

 

I. INTERNET-DATING, oder DIE NEUEN SOZIALEN MASCHINEN ZUR PRODUKTION DES PAARES

Nun geht es also um soziale Maschinen, die den lockeren Kontakt von Cliquen und Freunden, den sexuellen Kontakt der (möglichst) Gleichgesinnten, und den Liebeskontakt der immer noch fundamentalen Paarbildung zugleich ermöglicht, kontrolliert, begrenzt und unter Umständen unterbindet. Die Frage ist nun: Wer ermöglicht und kontrolliert eigentlich wiederum diese Kontaktmaschinen? Wie groß ist ihre Macht? Sind Freundschaften, Sexualitäten und gar auch Liebe überhaupt außerhalb dieser sozialen Kontaktmaschinen möglich? Wie groß sind eigentlich wirklich die Wahlmöglichkeiten – die „Freiheiten“, die „Mikroanarchismen“, die Autonomien – darin? Haben am Ende die sozialen Maschinen (zur Paarbildung zum Beispiel) die Rolle der Arrangeure der Heiraten (und anderer Beziehungen) übernommen, die uns aus der analogen Vormoderne geblieben sind? Ist aus der digitalen Risikovermeidung ein neuer Zwangsapparat geworden? Wird, mit anderen Worten, aus der Paarbildung das lästige autonome Subjekt, mit dem sich die Moderne herumplagen musste, wieder heraus gekürzt.

Das Internet verhält sich dabei offensichtlich wie eine Meta-Maschine, es ist dabei vieles in einem: Zuhälter, Kupplerin, Heiratsvermittlung, Postillon d’Amour, Therapeut, Buddy, aber eben auch Spanner, Stalker, Erpresser, Bußprediger, Mobber. Und wie im richtigen Leben liegt das Bordell gleich neben dem Babyausstatter, gibt’s zu jedem „seriösen Unternehmen“ Hintertüren und Seitenwege.

Die drei schnellsten Argumente für die Meta-Maschine liegen auf der Hand und werden in den entsprechenden Werbeseiten und Foren immer wieder angeführt:

– Ständige Verfügbarkeit, also auch für jene Menschen in deregulierten Arbeitsverhältnissen, die in einer alten Ordnung von Arbeit und Freizeit nicht mehr, zum Beispiel, wie man einst sagte, „auf Brautschau“ gehen konnten.

– Die Unverbindlichkeit der ersten Annäherungen, die sogar einen breiten Raum der Anonymität und der Maskierung bilden (auch so etwas hat ja seine Traditionen, in Bordellen wie im Karneval).

– Und schließlich eine zumindest scheinbar bequeme Rückzugsmöglichkeit – wie alle sozialen Maschinen tendiert auch die Meta-Maschine dazu, sich selbst als Ersatz für das versprochene Ereignis anzubieten. Wer nichts und niemanden für die Wirklichkeit findet, der kann sich gleich mit den Fiktionen, den Bildern und Erzählungen begnügen.

Abgesehen also von den üblichen Gefahren – das Hinterlassen einer Datenspur, die Gefahr, Betrügern aufzusitzen, die „Sucht“ usw. – scheint die neue soziale Maschine zur Paarbildung vor allem der Risikominimierung zu dienen, und diesen Job gar nicht mal so schlecht zu erfüllen. Es ist längst keine Schande mehr, sich „im Internet kennengelernt“ zu haben, Internet-Dating und digitale Partnervermittlung sind in die entsprechenden Narrative, in die Soap Operas und Romantic Comedies (das Außenskelett der sexuellen Ökonomie) eingeschrieben (und die Angst vor den neu entstandenen Katastrophen in Krimis und Horrorfilmen). Wie immer bei der Errichtung neuer sozialer Maschinen werden die Prominenten aus der Parallelwelt des Entertainments zur Erzeugung von Erzählungen des Gebrauchs benutzt.

Die klassische Auge-in-Auge-Kontaktaufnahme war gestern, heute lernen sich die Sportler im olympischen Dorf via Tinder kennen, einer Dating-App auf dem Smartphone. Die US-Snowboarderin Jamie Anderson erklärt, wie es funktioniert. Die Kolumne über die Olympia-Zeit am Schwarzen Meer – unser Ostblog.

So steht es in der WAZ – Tinder übrigens, für alle, die es noch nicht kennen, ist die Dating-App des Smartphones und macht das Online so einfach und schnell, das hältst du nicht aus –, und so etwas erfahren wir von den Testimonials zur selben Gelegenheit:

“Dass Tinder die olympische App der Stunde ist (und Snowboarder offenbar ihre bevorzugten Anwender), machte bereits vor Wettkampfstart die Neuseeländerin Rebecca Torr unmissverständlich klar. ‘Ich kann es gar nicht erwarten, im Olympischen Dorf zu tindern’, twitterte  die 23-Jährige.”  (Quelle hier)

Dabei gibt es allerdings auch höchst ambivalente „Nachrichten“, die nebenbei auf neue Kontrollmöglichkeiten auf der Meta-Ebene verweisen:

“Dass deutlich mehr SportlerInnen, die an den Olympischen Sommerspielen in London teilnehmen, eine homosexuelle Orientierung aufweisen, dürfte ein „Zufall” belegen. Als die erste größere Zahl der Sportler das Olympia-Dorf in London bezog, fiel die schwule Dating-App „Grindr” wegen Überlastung aus. Mithilfe dieser App können App-Nutzer Männer in ihrer Umgebung finden und sich ein Date ausmachen oder Bekanntschaften knüpfen. Wie ExpertInnen verkündeten, crashte die Dating-App innerhalb von Minuten „aufgrund der enormen Nachfrage“, nachdem die ersten Athleten in London eintrafen und ihre Quartiere bezogen. Techniker glauben, dass die Ankunft der Teams am Montag und der Bezug des Olympischen Dorfes eine Vielzahl an neuen Usern brachte und daher der Service im Osten Londons ausgefallen ist.” (Quelle hier)

Liebende im Netz sind nie allein; einen Großteil ihrer Energie geben sie an die sozialen Maschine ihrer Verbindungen ab. Wie im richtigen Leben und doch auch wieder ganz anders sind alle Bewegungen im Netz „verräterisch“ und gefährlich. Daher ist die Einrichtung der nächsten Meta-Ebene fällig. Wir finden entsprechende Ratgeber, wie den von Stephanie Mlot (Eine kürzere, etwas weniger paranoide aber im Wesentlichen entsprechende Anleitung gibt Lea-Patricia Kurz in der deutschen Zeit, oder doch: „Dies ist ein Angebot der PARSHIP GmbH. Für den Inhalt ist die PARSHIP GmbH verantwortlich.“), dem wir im Folgenden immer wieder begegnen werden. Sie beginnt mit dem weisen Ratschlag, sich zuerst einmal die Bedingungen von Dating Seiten anzusehen und die Preise zu vergleichen. Auch soll man sich vorher im Klaren sein ob man eine kurze Affäre oder eine tiefere Beziehung anstrebt. Man soll, fasst man die banalen und die weniger banalen Tipps für einen „smarten Einstieg“ ins Internet Dating zusammen, nichts dem Zufall überlassen, denn wenn etwas schiefgeht ist man ohnehin selber schuld. Daher ist vielleicht der wichtigste Rat für den Einstieg der, sich erst einmal eine spezielle Adresse einzurichten, die für dieses Spiel benutzt wird: erzeuge eine E-Mail, google voice, skype Nummer ausschließlich für das Online-Dating! Wähle bei Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzen die „friends-only“-Einstellung. Richte eine Postfach-Adresse ausschließlich für das Online-Dating ein. Das Spiel beginnt unter dem Zeichen eines sehr, sehr berechtigten Misstrauens. Und man sollte sich tunlichst nicht spontan darauf einlassen.

Die elektronisch unterstützte Liebesgeschichte lässt sich, ökonomisch wie kulturell nützlich, in gewisse Phasen einteilen. Die beiden entscheidenden Aspekte einer sozialen Maschine sind der Profit und die Kontrolle. Wenn ein Paar auf diese Weise zusammengeführt wird, für einen schnellen Fick, für eine gemeinsame Unternehmung oder für einen „Bund fürs Leben“ oder wenigstens einen Teil davon, dann soll jedenfalls jemand daran verdienen können, und es sollen Möglichkeiten der allgemeinen und der spezifischen Kontrolle und Selbstkontrolle gegeben sein. Die reaktionäre Kritik am digital dating stößt sich am „Unnatürlichen“, eine politische Kritik wird sich die Bedingungen von Profit und Kontrolle näher ansehen.

Phase: Die Suche nach dem Anderen. Vielleicht bloß eine Bekanntschaft, nur ein „Kontakt“. Vielleicht Freundschaft, Liebe, Sexualität – alles miteinander, etwas dazwischen. Suchen oder Gefundenwerdenwollen, je nachdem. Dazu muss sich der Mensch in Eigenschaften, Besitz, Lebensbedingungen, Interessen und Wünsche zerlegen. Das hat er zwar gelernt, seit sich Heiratswünsche medialisieren ließen; das Puzzle indes muss nun nicht wieder wirklich zusammengesetzt werden, es genügt stattdessen eine intensivierte Verbindung der Fragmente. Die immens gesteigerte Geschwindigkeit und ein nahezu grenzenloses Angebot rationalisieren den Selektionsprozess, von dem der Selektionierte noch nichts weiß.

Die Selektionierung kann dabei auch im Stadium der Fiktion bleiben; der Übergang zwischen Beobachten und Suchen ist so fließend wie der zwischen Pornographie und Partnersuche.

Man sucht also zunächst „Räume“ für Selektion und Kontakt, Foren für Gleichgesinnte, die noch den Nachteil haben, allgemein zugänglich zu sein, oder selbstorganisierte Chat Rooms. Aber je ernster die Suche wird, desto wichtiger ist auch ein geschützter Raum, eine strengere Vor-Selektion, ein festeres Regelwerk. So etwas können nur professionelle Anbieter, die bis zu einem gewissen Grad auch Türsteher-Funktionen übernehmen, die Schurken, Spanner und Trolle heraushalten sollen. Die digitalen Räume für Selektion und Kontakt funktionieren zunächst ganz nach dem Vor-Bild der analogen Räume. Es geht sogar nicht selten darum, tatsächlich ein Raum-Empfinden zu suggerieren; man spricht von Mauern und Fenstern, man geht hinauf oder hinunter.

Diese Räume zu betreten ist, wie gesagt, nicht ungefährlich. Es gehört daher zu den 69 Ratschlägen von Stephanie Mlot, möglichst einen Freund oder eine Freundin zu überreden, gemeinsam in einen digitalen Dating-Room zu gehen, als eine Form der Rückendeckung. Dass auch der Besuch eines Selbstverteidigungskurses angeraten wird, ist wahrscheinlich nur teilweise ironisch gemeint. Das Paar, das sich elektronisch findet, kann das nur in einer Welt der Feinde tun. Von den 69 Tipps für das Internet-Dating betreffen 41 direkt oder indirekt den Dating Partner als potentiellen Feind. Stephanie Mlot rät denn auch dazu, schon mit Gegentäuschungen zu arbeiten, bevor man überhaupt angefangen hat: Wer Online-Dating betreiben will solle demnach eine gefälschte Identität in den sozialen Netzen einrichten um sich Profile von in Frage kommenden Kandidaten anschauen zu können, „ohne Verdacht zu erregen“.

 

Die NSA ist  nichts anderes als ein Teil

der neuen universalen Liebesgeschichte,

nun eben zwischen Staaten und Regierungen.

 

Schon hier regt sich allmählich der Argwohn, weniger in einer elektronischen Liebesgeschichte als in einer handfesten Paranoia zu stecken. Und im ganzen ersten Drittel der Tipps geht es nicht um das Kennenlernen, sondern um das Ausspionieren und Ausspioniert-Werden. Man muss auch ständig versuchen, seine Spuren zu verwischen, möglichst niemanden merken lassen, dass man ihn bereits beobachtet, immer sich Rückversicherungen und Zeugenschaften zu verschaffen. Die Liebe in einer Welt von Feinden und Ungeheuern wächst sich da leicht zum full time job aus. Und wir begreifen schon hier, bei der Verfolgung mehr oder weniger harmloser Dating-Spiele im Internet und der sie begleitenden, in der betretenen Parallelwelt durchaus rationalen Tipps, warum Menschen nicht verstehen, dass sich andere Menschen darüber aufregen, wenn sie bespitzelt werden. Intensive Kontrolle, auch und gerade in der Welt der Sexualität und Liebe, auf einer zweiten Ebene des Lebens, während auf der ersten nur von „Freiheit“ und „Demokratie“ die Rede ist, führt direkt zurück in die puritanische Kleinstadt, die aus Bigotterie, gegenseitiger Beobachtung und fundamentaler Angst vor allem „anderen“ bestand. Nur ist diese bigotte und paranoide Kleinstadt, in der jeder jeden bespitzelt, der Mann die Frau, die Nachbarin die Nachbarn, der Sheriff die Herumtreiber etc., zur ganzen Welt geworden. Nicht nur zur Außen- sondern auch zur Innenwelt. Die NSA ist demnach nichts anderes als ein Teil der neuen universalen Liebesgeschichte, nun eben zwischen Staaten und Regierungen.

Internet-Dating, soweit es sich noch um Mainstream-fähige soziale Praxis handelt, ist eine extrem angepasste soziale Maschine, eine von jenen, die sich in die Alltagswirklichkeit einschreiben, ohne dass es eine große Erzählung dazu geben muss (kleine Anekdoten tun es auch). Ein großer Unterschied zum realen Leben liegt in der Perfektion der Selektion sowie in der Konstruktion des Blicks. Dezidierter scheint das Sehen-ohne-gesehen-zu-werden, unterworfener das Bild dem Blick. Doch welcher Dritte sieht beim Selektieren zu? Im Jahr 2012 musste die Dating-Plattform mit dem schönen Namen eHarmony einräumen, dass sie Opfer des großen Passwort-Hackings geworden war. Man nahm an, dass eineinhalb Millionen Mitglieder von eHarmony durch Entwendung ihres Passwortes digital verwundbar geworden seien. Ganz nebenbei erfährt man etwas von den Dimensionen des Geschäfts. Und offensichtlich hat das nur sehr, sehr wenige Teilnehmer wirklich gestört.

Das Selektionsgeflecht wird einerseits immer genauer, das dazugehörige Narrativ dagegen immer nebulöser. Bei Romantikplus50 haben Frauen den Vorteil der Kostenfreiheit. Auf der Werbeseite des Unternehmens heißt es:

“Sie sucht Ihn ohne Anmeldung: Die Frage ist nur wen?

Oft hört man, wenn sich eine Frau etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bekommt sie auch das, was sie will. „Erschreckend“ gut klappt dies bei der Partnerwahl. „Gratis Sie sucht Ihn kostenlos” ist dabei das Schlagwort bei der Partnersuche kostenlos von Frauen. Nach wissenschaftlichen Studien kam heraus, dass sich Frauen vor allem dann verlieben, wenn der Partner ihnen Vertrauen schenkt, aber auch Status ist Frauen sehr wichtig. Ebenso kommt es Frauen, welche per Kontaktsuche ihren Traummann suchen auf Charakter und Persönlichkeit an. Kaum zu glauben, dass Aussehen spielt zwar auch noch eine große Rolle bei Menschen in der zweiten Lebenshälfte, aber weit weniger als bei der jüngeren Generation. Ältere Frauen wissen, nicht die Schönheit ist von Dauer, vielmehr spielen die oben genannten Eigenschaften eine wichtige Rolle für eine glückliche Beziehung. Aber auch heutzutage gilt, von Männern wird erwartet, den bekannten ersten Schritt zu wagen.”

Status und Vertrauen sind die Antworten auf Gier und Angst. Daher kann man getrost bei den Fleischmarkt-Aspekten seine Abstriche machen. Obwohl sie rät, bei den Selbstdarstellungen möglichst nahe an der Wirklichkeit zu bleiben, stellt Stephanie Mlot fest, dass Männer bei der Angabe der Penislänge und Frauen beim Gewicht prinzipiell lügen. In ihrem Modell hat man solche Daten bereits zu einem Zeitpunkt ausgetauscht, da man noch sehr, sehr vorsichtig mit Angaben über die eigene Arbeit und den eigenen Besitz ist. Die sexuelle Schamlosigkeit scheint ein Pendant zur ökonomischen Schamhaftigkeit – wo die eine sinkt muss die andere steigen.

Phase: Die Kontaktaufnahme. Dinge, die man früher vielleicht per Brief oder dann über das Telefon erledigte. Durch den Austausch von Erzählungen eben, und dann durch Bilder. Die Bilder und die Erzählungen müssen zueinander passen, so fängt das an.

Insofern beschleunigt das Netz erst einmal nur eine Kommunikationstechnik, die ihre frühen Wurzeln in privilegierten Schichten (bei den Herrschern, die sich gegenseitig die Bilder ihrer zur dynastisch-taktischen Heirat Vorgesehenen schickten, und wahrscheinlich fing da schon das Schmeicheln und Lügen an, und dann in den bürgerlichen Paar- und Familienkonstruktionen).

Letztendlich geht es also immer um die „Enthüllung eines Bildes“. Einmal ist dies ein Vorgang der dramatischen Verdichtung bei jener arrangierten Hochzeit, bei der der Bräutigam seine Braut erst bei der Hochzeit selber sehen darf, ein andermal ein mehr oder weniger endloser Vorgang des Abcheckens und Ausprobierens.

Ein guter Ratschlag dabei ist der, auf die Konsistenz der eigenen Angaben zu achten, eben weil nicht nur der Traumadressat, sondern auch ein paar andere dem Dating-Spiel zusehen und die Unstimmigkeiten einer Biographie oder eines Profils weitergeben könnten. Noch vor der Wahrhaftigkeit kommt es auf die Continuity dessen an, was man als Projektion und Fragment seiner Person ins Spiel bringt. Mittlerweile ist uns längst klar, dass die digitale Liebesgeschichte erst einmal eine der Spionage und Gegenspionage ist, in der sich jeder in eine „glaubhafte Legende“ zu verwandeln trachtet. Aber wichtig ist auch: „Unterscheide dich durch betonte Eigenheiten von der Masse der anderen“. Denn, Vertrauen und Status, man muss sich einerseits schützen und andererseits attraktiv sein. Spionage und Handel gehen nahtlos ineinander über.

Glücklicherweise kann man sich bei dieser zweiten Verwandlung, nämlich der von einem Agenten in eigener Sache, zu einem „ernsthaften Angebot“, bereits auf wissenschaftliche oder wenigstens statistische Untersuchungen wie die des Dating-Service ZOOSK verlassen, der eine Erhebung unter 4000 Mitglieder machte und dabei feststellte, dass jene, die ein Ganzkörperbild posten um sage und schreibe 200 Prozent mehr Chancen haben, eine Antwort zu bekommen und immer noch 30 Prozent mehr Chancen, geeignete Partner zu finden als der Rest. Kein Selfie (8 Prozent weniger Erfolg), keinen Schnappschuss, kein Portraitfoto: der ganze Körper muss es sein. Das hat nur einerseits damit zu tun, dass man mit der Fälschbarkeit von Fotografien so seine Erfahrungen hat; der ganze Körper bietet die Illusion des ganzen Menschen. Die Schuhe zum Beispiel – Frauen heißt es, achten sehr auf die Schuhe! Das Ganzkörperbild verspricht eine vollständige „Lektüre“ des anderen.

Wichtig ist die Angabe des Hobbys! Die besten Chancen haben (nach der erwähnten Erhebung) diejenigen, die als ihr Hobby Joggen, Yoga, Lesen und Klavierspielen angeben. Perfekte Verbindungen von Vertrauen und Status, nebenbei. Der Unterschied zu anderen, vielleicht weniger konsensuellen Hobbies macht immerhin 12 bis 22 Prozent bei den erhaltenen Antworten aus. Und: Wer Emoticons in seinem Profil benutzt, erhöht die Anzahl der Antworten fast so viel wie jener, der sich zu viele offensichtliche Tippfehler leistet, sie senkt. (Was insofern ein wenig verwundert, als man nicht umhin kann, zu bemerken, dass schon die Werbetexte von Dating-Plattformen durch ihre eigene Form betonen, dass Rechtschreibung und Grammatik keine Kriterien für In- oder Exklusion sein werden.)

Wir beginnen weiter zu begreifen: Auf das Spiel der Spionage und Gegenspionage und das Spiel der werbetaktisch durchdachten Selbstdarstellung folgt das eines ungeheuren Mainstreamings. Die Formulierung der Alleinstellungsmerkmale funktioniert nur auf der Basis allgemeiner, vertrauensbildender Aussagen über das richtige Dazugehören und das richtige Verhalten. (Auch wenn natürlich niemand glaubt, dass es wirklich so viele passionierte Yoga-Praktizierer, Klavierspieler und Literaturfanatiker gibt wie im Internet-M; man drückt ja vornehmlich seine Bereitschaft aus, sich sozial gut aufräumen zu lassen und keine überzogenen Ansprüche an Toleranz und Kommunikation zu stellen.)

Und dann kommt es auch noch auf die richtige Zeit an. In den USA zumindest sind die beiden Wochen nach Weihnachten die ideale Dating-Zeit (25 Prozent mehr als sonst!). Natürlich ist es zugleich auch die große Zeit der Unholde im Spiel. Da „Erfolg“ aber nur an der Anzahl der Reaktionen gemessen wird, spielt es keine Rolle, dass sich zu dieser Zeit vor allem die Genervten, Gelangweilten und Frustrierten auf die digitale Piste begeben.

Phase: Die Realisierung. Die prekäre Schnittstelle zwischen dem digitalen Fantasiereich und der körperlichen Wirklichkeit. Dies geht offensichtlich über das erste Rendezvous im Café hinaus, welches wir als Schlüsselszene in Komödien kennen, Augenblick der Wahrheit, größte Enttäuschung, Peinlichkeit, Katastrophe. Zur Risikominimierung und zur allfälligen Ökonomisierung darf der Unterschied zwischen der digitalen und der analogen Erscheinung nicht allzu groß sein. Daher der Tipp 28: Immer mal ein neues Foto in die Dating-Seite einspeisen. (Offensichtlich darf man davon ausgehen, ziemlich lange darin zu verbringen. Möglicherweise wird man in naher Zukunft einfach automatisch ab einem gewissen Alter in eine dieser digitalen Vermittlungsmaschinen eingespeist.)

Das Misstrauen gegenüber dem Kandidaten (bzw. seiner digitalen Fälschbarkeit) ist nun noch lange nicht behoben. So wird geraten, keine Anhänge seiner E-mails zu öffnen. Denn man weiß natürlich nicht, ob der andere bei der Sicherung und der Spurenverwischung so sorgfältig vorgegangen ist wie man selbst. Man soll im Übrigen so lange als nötig bei Vor- oder Nicknamen bleiben, doch vor dem ersten analogen Date sollte unbedingt der wirkliche Nachname des anderen bekannt sein, und den soll man auch nach allen Möglichkeiten verifizieren. Zur gleichen Zeit soll man aber noch einmal dessen Profil auf Facebook oder Google gegenprüfen und dies noch einmal mit LinkedIn vergleichen. Um ganz sicher zu gehen, sollte man noch Informationen über seinen sozialen Hintergrund verlangen. Und dann, das wichtigste für eine Schnittstelle verschiedener Formen von Paranoia: Tipp 35! Halte beim ersten analogen Treffen Person und Arbeit auseinander! Gib keine Details über deinen Arbeitsplatz preis! Nenne nicht die Namen von Mitarbeitern, nenne nicht die Adresse deiner Arbeitsstelle!

Bei Nummer 38 heißt es, man solle sich sehr genau merken, was der andere geschrieben habe, um es im Gespräch „gegenchecken“ zu können. Was sich da, folgt man diesen Tipps, abspielt, ist eine Mischung aus Talk Show, Verkaufsgespräch und Verhör. All das, was man einst als die schrecklichsten Begleitumstände der arrangierten Hochzeiten ansehen musste, und was die „wahre Liebe“ überwinden sollte, ist nun, in einer internalisierten und verschärften Form wieder da. Auch hier werden Ordnungen der sozialen, der sexuellen und der ökonomischen Interessen errichtet, wenn auch in oft umgekehrten Weise. In der analogen Liebesgeschichte wurde das sexuelle Interesse auf dem Grund des ökonomischen versenkt; in der digitalen Liebesgeschichte kann das eine vom anderen (mit Mühe und als Agent in eigener Sache) verborgen werden. Und aus der Angst, den einen unter Tausenden zu heiraten, der nachts zum Werwolf wird, ist die groteske Hoffnung auf einen Selektions-Algorithmus geworden, der unter tausenden von Werwölfen Mr. Right zu finden hilft.

Phase: Saugkraft und Rückkehr. Der glückliche Fall wäre jener, in der das Paar von der digitalen Maschine vollständig in die Wirklichkeit entlassen wird, Adam und Eva (oder etwas Entsprechendes). Um eine soziale Praxis zu stabilisieren bedarf es der Narrative. Man erzählt sich vom erfolgreichen (oder nicht so erfolgreichen) Suchen und Finden der Liebe im Internet, ein Narrativ entsteht, und das bindet sich auch an die alten Formen des Erzählens wie, nur zum Beispiel, das Liebesmärchen. Das hat dann zum Beispiel eine solche Form:

„Es war einmal eine junge Frau namens MARTA, die sich schon lange vergeblich einen Freund wünschte. Mit ihren langen, schwarzen Haaren, dunklen Augen und blutroten Lippen war sie eine angenehme Erscheinung – wäre sie bloß nicht so schüchtern gewesen. Als sie eines Abends wieder Mal im Schlabberlook auf dem Sofa saß, „Bridget Jones“ schaute und Schokolade in sich hinein stopfte, riss ihr Geduldsfaden. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, setzte sich vor den Computer und erstellte sich ein Profil auf www.diegutefee.org. Die digitale Partnervermittlung versprach, auch für das unvermittelbarste Aschenputtel den passenden Prinzen in der Kartei zu haben. MARTA ging zu Bett und freute sich zum ersten Mal seit langem auf den kommenden Tag…“ (siehe: MARTA UND DIE SINGLE-FRÖSCHE)

Aus dem Inneren der Risikovermeidung wird indes durch die Narration ein äußeres Risiko wieder hinzugefügt. Die Phantasietätigkeit, die in der alten Liebesgeschichte gleichsam im Kern des Geschehens verborgen war, tritt nun nach außen, sie wird das Ektoskelett einer Liebesgeschichte. Schon deswegen ist die „Bridget Jones“-Referenz in dem kleinen Märchen der digitalisierten Liebesgeschichte so erforderlich.

Aber das Misstrauen, so scheint es, ist durch die Rückkehr in die analoge Wirklichkeit noch lange nicht überwunden. So rät unsere Expertin für das Internet-Dating bis zum achten Treffen stets einen Ort in der Öffentlichkeit zu wählen, wenn nicht gar Zeugen mitgenommen werden sollen. Die Daten des Dating-Partners sollen an Freunde oder Verwandte weitergegeben werden, zur Sicherheit und auch Ort und Zeit des Treffens sollen Vertrauenspersonen übermittelt werden. Wichtig auch (Tipp Nummer 42) mit dem eigenen Transportmittel an den Treffpunkt zu kommen um auf gar keinen Fall auf das des, nun ja, Partners angewiesen zu sein.

Und jetzt wird es ernst. Natürlich darf man die Kondome nicht vergessen, aber zugleich soll man auch sofort an seine digitale Entourage und die Rückendeckung melden, wenn es zu sexuellen Übergriffen oder Beleidigungen kommt. Die vertrauenswürdigen Kontaktpersonen sollen auch während des ersten Geschlechtsaktes erreichbar und nicht weit sein. Und immer noch gilt: Auf gar keinen Fall Bankverbindungen oder andere Finanzdaten ausplaudern. Einen subtilen Tipp hat die Autorin auch noch als Warnung vor Ausländern: da heißt es besonders auf der Hut zu sein (gemeint – um genau zu sein – sind Leute, von denen man herausfinden kann, dass sie sich im Ausland aufhalten).

Der „richtige“ Sexualkontakt wie er sich aus dem Internet-Dating ergeben soll, findet immer noch vernetzt kontrolliert und mit einem Menschen statt, dem Status und Vertrauen zunächst nicht hundertprozentig abgenommen werden können, und der wahrscheinlicher als ein „Lebensmensch“ sich immer noch als Feind erweisen kann. Die Empörung über Menschen, die ihrem Nachwuchs den Partner ungefragt verordnen und das Lachen über Menschen, die in der „Hochzeitsnacht“ die Mutter anrufen setzt sich offensichtlich nicht gegenüber einer sozialen Maschine fort, die alle diese Kontroll- und Restriktionsmaßnahmen simuliert und vernetzt. Es hat bei allen Phasen der digitalen Selektion und bei allen Tipps dazu keinen einzigen Augenblick der subjektiven Freiheit und eigentlich auch keinen der „Intimität“ gegeben. Und es kommt auch nicht mehr besser.

Phase: Konflikt und Reparatur. Man ist scheinbar endgültig in der wirklichen Welt angekommen. Die meistens so hässlich ist, dass man schnell zurück will in die elektronische Wärme der Abcheck-Paranoia. Dennoch, und nicht ohne Grund, der Rat: nicht auf elektronischem Weg Schluss machen. Denn das ist eine Spur, die wiederum andere Agenten anlockt und elektronische Rachephantasien beflügelt. Der einzige fundamental analoge und intime Akt in der elektronischen Liebesgeschichte ist die Trennung. Man kann allerdings auch diese abfedern. Ein therapeutischer Tipp (Nummer 49): Wenn man vom Dating in der wirklichen Welt angeödet ist, kehrt man am besten für ein, zwei Monate in die digitale zurück, und kann es ja dann noch einmal mit der real existierenden Wirklichkeit probieren.

Da auch Enttäuschung und Trennung so unwahrscheinlich nicht sind, geht es nicht nur um Therapie und ein „Coaching“ der Konflikte, auch nicht allein um Hilfe bei der „Verarbeitung“ der Trennung, wie man das aus der analogen Welt gewohnt ist.

Trost und Rat gibt es dann bei Beratungsportalen wie Viviversum:

“Erstes Gespräch oder erster Chat gratis *15-Min. Gratisberatung endet automatisch * ausgewählte und erfahrene Top-Berater * seit 2004 über 500.000 positive Bewertungen * bekannt aus vielen Zeitschriften und Online-Portalen”

Dramatischer geht es schon in der Liebeskummer-Sprechstunde zu:

“Beratung: Plötzlich ist alles anders …

Schluss, aus, vorbei … die gemeinsame Zukunft, das Gefühl der Geborgenheit, das intakte Familienleben oder die mit Mühe aufgebaute Sicherheit sind mit
einem Mal zerstört. Dies und noch vieles mehr passiert, wenn Partnerschaften
oder Beziehungen scheitern. Das Leben bekommt ein anderes Gesicht.

Hilfe: Sie leben als unglücklicher Single,geraten immer wieder an den falschen Partner, oder sind zu schüchtern, um die Chancen zu nutzen? 

Gemeinsam decke ich mit Ihnen die Ursachen auf und suche nach den für Sie besten Lösungen. Haben Sie Vertrauen zu sich und entscheiden Sie sich nicht gegen sondern für Ihr Glück.”

Dann, ja dann hat man hier einen emotionalen Anker, die nächste soziale Maschine, die einen nicht allein lässt, als Verzweifelter, als Kunde. Mit einem guten Rat und dem nächsten Anlauf aber ist es nicht getan. Vielmehr entstand ein neuer Zweig des digitalen Lebensmanagements, der für die Rache am Liebesverräter zuständig ist. Rache am Partner, der einen betrogen, der einen verlassen, oder der einfach generell nichts von einem wissen wollte, lässt sich auf einsame Weise nehmen, durch ein Cyber-Stalking oder Mobbing, durch die Veröffentlichung von Fotografien, Adressen etc. oder durch Anschuldigungen. Aber mittlerweile ist auch da ein neuer Zweig entstanden: Die „Rache-Agentur“ zum Beispiel in Berlin, deren Gründerin Sabine Noack im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt:

„Wir bieten Geschädigten einen Ort, wo sie ihren Frust abladen, über ihre Verzweiflung sprechen und sich helfen lassen können. Wir begegnen anderen Menschen nicht mit Schlechtem, sondern mit Ausgleichendem. Wir sehen das Gute im Menschen: Jeder kann sich ändern, sofern er sein Fehlverhalten einsieht und an sich arbeitet. Dazu regen wir mit entsprechenden Aktionen an.”

Das Angebot ist reichhaltig: Ein E-Book voller mehr oder weniger exklusiver Racheideen kostet 20 Euro, die einfachsten Racheaktionen bekommt man für 30 Euro, und für aufwändigere Inszenierungen von sozialen Gemeinheiten gibt es nach oben kaum Grenzen, vierstellig wird es allemal.

Die “Rache-Agentur” kann demnach ein Seitenstück zur „Seitensprung-Agentur“ sein, die derzeit boomt.

“Ashley Madison® ist die weltweit renommierteste Seitensprung-Agentur bekannt aus RTL, BILD, GQ, FOX News, CNN, BBC & Wirtschaftswoche. Ashley Madison ist der anerkannteste und seriöseste Service für Online-Seitensprünge. Unser Seitensprung-Portal für verheiratete Frauen und verheiratete Männer funktioniert. Ashley Madison ist die erfolgreichste Webseite, um eine Affäre und eine Geliebte zu suchen. Gönnen Sie sich heute eine Affäre auf Ashley Madison. Tausende von untreuen Frauen und untreuen Männern melden sich jeden Tag auf der Suche nach einem Seitensprung an. Wir sind die bekannteste Seitensprung-Agentur für diskrete Treffen zwischen verheirateten Frauen und verheirateten Männern. Das Fremdgehen war für Verheiratete noch nie so leicht und einfach. Mit unseren Affären-Garantie garantieren wir Ihnen, dass Sie den perfekten Partner fürs Fremdgehen finden werden. Melden Sie sich heute noch Gratis an.”

Zum dritten Mal begegnet uns hier die Referenz zu einer weiteren Parallelwelt, der der ewig laufenden Glamour- und Newswelt der Medien (und es ist wohl nicht gänzlich uninteressant, dass für die Teilnahme an einer Seitensprung-Organisation die Wirtschaftswoche als Legitimation und Aufwertung angeführt wird). Vor allem aber gehört sie zu den, gerade möglicherweise noch „skurrilen“ Symptomen einer zweiten Gesellschaft, die sich, in Mikroanarchismen zerfallen, eigene Gesetze der sexuellen Ökonomie gibt. Da sich die Rache-Agenten nicht strafbar machen wollen, gibt es weniger direkte Gewalt und keine „Sachbeschädigung“, die durchaus wirksame Waffe der Rache ist öffentliche Demütigung, die Peinlichkeit. Sabine Noack gibt ein Beispiel:

„Stellen Sie sich folgende Szene vor: Einem Mann wird ein heißes Techtelmechtel in Aussicht gestellt, voller Vorfreude wird er auf die Toilette oder in eine dunkle Ecke seines Lieblingslokals gelockt. Dabei wird wild an seiner Kleidung herum gezerrt, diese ausgezogen und im passenden Moment sind Techtelmechtel und Kleidung durch den Haupteingang verschwunden. Der Nackedei muss irgendwann wieder durch diesen Eingang und wird nichts weiter tragen als Socken und einen schamroten Kopf. Hochnotpeinlich, tut aber nicht weh. Die Kleidung bekommt er wieder.“

Wer mit emotionalem, sozialen oder sexuellem Begehren in das Netz und seine Dienste geht, um die Risiken von Ablehnung, Missverständnis oder Kränkung zu minimieren, handelt sich neue Gefahren ein. Man kann sich hier zum Beispiel so etwas wie eine virale Geschlechtskrankheit zuziehen, auf deren Verbreitung sich etwa eine gerade in Manila ausgehobene Gang spezialisierte: Sie lockte unter falschen Identitäten User dazu, sich vor der Cyberkamera auszuziehen oder sonstige sexuelle Gesten einzunehmen, um sie dann mit den dabei entstandenen Bildern zu erpressen. Man kann die entsprechenden Bilder aber auch zum Zweck der sozialen Vernichtung kursieren lassen.

Die neuen sozialen Maschinen der sexuellen Ökonomie sind nicht weniger bösartig und gefährlich als es die alten waren; die Bestrafung des „Fehltritts“ ist so wahrscheinlich wie es die Entstehung übler sexueller Nachrede ist; aber auch im besseren Fall werden sich Paare einander so fremd, wie es Eltern, Clans oder PriesterInnen-Verbände von einst nicht besser hätten machen können. Die Bedrohung, die auf das Begehren folgen kann, ist umfassender als die direkten sozialen Institutionen sie zu erzeugen vermochten. Es gibt keine Flucht, es gibt keinen Schutzraum, es gibt keine Ruhepausen. Beim Cybermobbing weiß man nicht einmal genau, wem man eigentlich in die Falle gegangen ist.

Phase: Konsolidierung (oder auch nicht). Das Paar also ist entstanden, als temporäre oder anhaltendere Form. Die soziale Maschine, die es (mit) geschaffen hat, will es nun begleiten. Es ist durchaus erstaunlich, wie viele Menschen von dem Drang beseelt sind, ihre positiven wie negativen Erlebnisse mit dem Internet-Dating eben jenem Netz wieder anzuvertrauen, dem sie gerade in die wirkliche Welt entkommen schienen.

Zunächst also ist das Netz nichts anderes als eine Meta-Form der bekannten Instanzen die es den Benutzern einerseits sehr einfach macht, die verschiedensten Hemmschwellen abbaut, die auf veränderte Lebensbedingungen reagiert, ebenso auf veränderte Codes der „gemeinsamen Interessen“ und des Geschmacks, die emotionale und soziale Vorgänge beschleunigt oder verlangsamt, ganz nach den Wünschen des Kunden, und die, scheinbar, im Verhältnis zu den vorherigen Instanzen freundschaftlicher, sexueller und emotionaler Kontakte, am wenigstens Zwang ausübt. Ein Mensch mit Interessen und Bedürfnissen wäre doch blöde, diese Maschine nicht zu nutzen, oder? Zumal sich schließlich die Mehrzahl aller in Frage kommenden Partner ebenfalls hier befindet. Denn das Netz selber ist ja schon die erste Selektion.

Zunächst setzt sich also im Internet nur fort, was wir aus der analogen Welt kennen. Und deswegen ist es nicht überraschend, dass die größten Zuwachsraten bei den Nutzern digitaler Kontaktbörsen mit so klangvollen Namen wie „Romantikplus50“ oder sogar ironisch „Oldiepartner“, in der Gruppe der Senioren zu finden ist. Gar so romantisch geht es auch hier nicht immer zu. Die neuen sozialen Maschinen organisieren Liebe und Sexualität indes in einer radikalen neuen Ordnung: Flirten, Verlieben, Vögeln, Verschwinden, Betrügen, Versöhnen, Trennen, Rache…

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Die Trennung bzw. Scheidung gehört zu den schwierigsten und folgenschwersten Entscheidungen, die man im Leben trifft.

Sehr oft fühlt man sich in dieser schweren Situation alleine gelassen und verliert schnell den Überblick über bevorstehende Probleme.

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Den Hintergrund übernehmen Chats und Tagebücher, es ist nicht nur eine Börse, es ist eine ganze emotionale Traumwelt, die hier ersteht, und in der fühlt man sich auch dann wohl, wenn man keinen Partner findet (man muss das hier nicht einmal ernsthaft wollen). Das Dating-Spiel mag anstrengend, paranoid und oft frustrierend sein, es hat als großen Anreiz indes seine eigene Unverbindlichkeit. Der letzte der Tipps zum Online-Dating von Stephanie Mlot lautet denn auch: Glauben Sie nicht, unbedingt den Partner fürs Leben zu finden, genießen sie es einfach, neue Menschen kennenzulernen und zu Datings zu gehen. Seltsamer Genuss, aus Angst geboren.

Natürlich gibt es eine konservative und eine romantische Kritik an diesen Maschinen und daran, wie sie emotionale und sexuelle Energie umwandelt in Profit und Kontrolle. Ist es nicht höchst unmoralisch, sich im Netz als jemand auszugeben, der man nicht ist? Wollen wir überhaupt solch „flüchtigen“ Kontakte , in denen die Menschen nur Teile ihrer Identität, ihrer Erzählungen und Bilder, austauschen? Und welche Gefahren in diesen Tiefen und Untiefen des Netzes lauern! Betrüger. Stalker. Vergewaltiger. Kinderpornographen. Abzocker. Spione. Voyeure. Sogar Mörder hat man schon erlebt, die ihre Beute hier suchen.

Die politische Kritik läuft auf etwas anderes hinaus. Denn auch diese Maschine hat Erfinder, Besitzer, Maschinisten, Bediener, Zulieferer und Profiteure. Diese Maschine verwandelt nicht nur die Sexualität (indem sie die Verwandlungen der Sexualität aufgreift und verstärkt), sondern sie verwandelt vor allem die sexuelle Ökonomie. Die beiden Player, die Ökonomie und die Regierung, haben sehr spezielle, miteinander verbundene Interessen an dieser Maschine. Zunächst geht es um den Profit. Ganz direkt und traditionell erst einmal, indem man sich die Vermittlerdienste bezahlen lässt. Entweder vom Kunden oder von seiner Bereitschaft, Werbung und andere ökonomisch-semantischen Verknüpfungen zu akzeptieren, zum zweiten durch die Bindung an Hardware und Software sowie ihre Verknüpfung, die anders als die „Schnäppchen“ gewiss nicht zum Nulltarif zu haben sind (nur wer das System ganz und gar nicht durchschauen mag, spricht von einer „Gratis-Kultur“ im Netz), zum dritten schließlich durch die elektronischen Ausweitungen der Konsumzonen und der hegemonialen Zeichenwelten.

Ein neues Spiel von Verbergen und Offenbaren hat begonnen. Die Meta-Maschine macht es leicht, die verborgenen, ja sogar die „verbotenen“ Impulse anzufüttern, die erst dann in die dunklen Zonen führen, die es auch hier gibt.

Der angenehme Effekt für die Regierbarkeit besteht indes nicht allein in einer neuen Form der Kontrolle, sondern auch darin, wie geschmeidig diese Maschine auf die Bedürfnisse und die Widersprüche reagiert. Die Maschinen greifen alle Energien individuell ab und bündeln sie im Sinne der Nutzbarkeit. In allen dystopischen Science Fiction-Geschichten haben die furchtbaren Herrscher der Zukunft die Liebe abgeschafft. Und wie konnte es so weit kommen? Weil es die Menschen nicht gemerkt haben. Weil sie es irgendwie auch wollten. Es wird uns gerade klar: Wir haben einen Blick in die Hölle getan.

 

II. Kapitel: DENKWÜRDIGES AUS DEM REICH DER DIGITALEN LIEBE

Im Augenblick ist die Lebensform „Single“ noch eine verbreitete (das kann oder muss sich wieder ändern, wie wir in den von der Austeritätspolitik in die Knie gezwungen Gesellschaften des Südens sehen: die Menschen „unten“ werden ökonomisch wieder zusammengepfercht, der Zustand des Alleinlebens eine Katastrophe; nur oben hat man immer mehr Raum und immer mehr Freiheit). Jeder fünfte Mensch in Deutschland lebt allein. Das ist in den seltensten Fällen ein Privileg von Freiheit und Autonomie; und wie es nach  den zwei, drei letzten Krisen aufgehört hat, Kapitel der Emanzipation zu sein, so wird es nun Teil der ökonomischen Abwärtsspirale. Man will hinaus, aber vorsichtig. Das Nielsen-Institut in Hamburg hat herausgefunden, dass die Hälfte der Singles in Deutschland das „Internet als Kontaktbörse“ nutzt.

In der soziologischen Erzählung von der digitalen Vernetzung der sexuellen Ökonomie wissen wir allerdings nie so recht zu sagen, wo die Grenzen der Fiktionen und der selbst erzeugten Realitäten liegen. Die sozialen Maschinen nicht nur im Internet  (re-) produzieren sich ihren Rohstoff (Aufmerksamkeit, Benutzung, Akzeptanz, die Menge der User und die Intensität der Nutzung) immer auch selber. Die Nielsen Company ist, das schreibe ich ganz frech aus der Wikipedia ab, „Marktführer bei Marketing- und Medieninformation, Branchenverzeichnissen sowie Verbraucher- und Bildungsinformationen“. Sie ist in mehr als hundert Ländern tätig und hatte (wieder nach der Wikipedia) 2007 einen Jahresumsatz von 3,416 Milliarden Euro. Es handelt sich mithin um eine der größten Erzählmaschinen des medialen Marktes, eine der vielen Kontrollen der Fiktionen bzw. Fiktionen der Kontrolle.

Immerhin soll sich nach dieser Erzählung die Anzahl der Singles, die das Internet als Kontaktbörse benutzen, in den letzten Jahren verachtfacht haben. Sie brauchen das Internet, das Internet aber braucht auch sie. Keine soziale Maschine funktioniert ohne die sexuelle Energie ihrer Benutzer. Umgekehrt werden die erneuerten sozialen Maschinen zur Reorganisation auch dessen benötigt, was man mit Volkmar Sigusch die „Neosexualitäten“ nennen mag. Auf das Ideal der Liebe in der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Zerfallsprodukten ist ein Ideal der Sexualität gefolgt. Es besagt, recht einfach gesprochen, dass Sexualität in jeder Form okay ist, wenn es zwischen autonomen Individuen freiwillig (und möglichst ohne nicht-sexuelle Nebenabsichten wie, sagen wir, Geld, aber da machen wir womöglich Abstriche; wie sollte es nicht-kapitalistische Sexualität in einer kapitalistischen Gesellschaft geben). Dieses Ideal gilt in gewisser Weise auch für die sexuellen Fiktionen (die Fiktionalisierung der Sexualität)- wenn jemand seinen Körper als sexuelle Stimulanz ins Netz stellen will und andere sich daran äh erfreuen wollen, dann soll das sozusagen als Deal gelten. Freilich gibt es kaum eine Instanz, die die Regeln des freien Aushandelns beim visuellen oder narrativen Austausch sexueller Phantasien und Energien in der „Amateurpornographie“ zum Beispiel überwachen könnte.

 

“… you’re ugly,

but you aren’t alone …”

Dating-Seiten sind, anders als die meisten Sex-Seiten, mit denen man am ehesten das „schnelle Geld“ machen kann, nachhaltige Knoten in den Netzen und gehören, wenn sie miteinander verbunden werden, zu den größeren Playern im Business und längst keine Nischenprodukte mehr. Übernahmekämpfe und Konzentrationen werden in den Wirtschaftsnachrichten streng beobachtet. eHarmony, so scheint es, ist drauf und dran, sich eine hegemoniale Stellung zusammen zu kaufen, was der einschlägig interessierten Öffentlichkeit auffiel, nachdem die Übernahme des Konkurrenzunternehmens E-Darling zu scheitern schien. E-Darling wies die Gerüchte zurück, schließlich habe man für 2012 ein Umsatzwachstum von 30 Prozent verzeichnet. eHarmony beteiligte sich derweil (ebenfalls mit 30 Prozent) an dem europäischen Rocket Internet-Unternehmen, deren Spezialität laut dpa eher eigenwillig ist:

“Sie haben mehrfach bereits erfolgreiche Geschäftsideen nachgeahmt und die Firmen dann an die Konkurrenz verkauft. “(Quelle hier)

Nur ein paar Wirtschaftsnachrichten aus der wunderbaren Welt des digitalen Dating:

– Für rund 13 Millionen Euro verleibt sich die Tomorrow Focus AG die noch ausstehenden Anteile der Partnervermittlung ElitePartner ein. Das Münchner Unternehmen hält somit nun alle 100 Anteile an der EliteMedianet GmbH. (Quelle hier)

– “Herr Schmid, herzlichen Glückwunsch zum 10. Geburtstag von PARSHIP! Was sind für Sie die größten Erfolge der ersten zehn Jahre PARSHIP? 

Für mich auf Platz eins stehen die unzähligen Paare, die wir zusammen gebracht haben. Meine Nummer zwei: Der Start von PARSHIP war die Initialzündung für eine ganze Branche. Wir haben die seriöse und langfristige Partnersuche im Internet gesellschaftsfähig gemacht. Und Nummer drei: Wir haben in kurzer Zeit ein wirtschaftlich sehr erfolgreiches Unternehmen mit 200 Mitarbeitern aufgebaut.” (Quelle hier)

– “Das Werbegesicht einer bundesweit bekannten Online-Partnervermittlung ist wettbewerbsrechtlich nicht geschützt (LG Hamburg, Urt. v. 28.05.2013 – Az.: 312 O 667/12).

Die Klägerin, eine langjährige, bundesweit bekannte Online-Partnervermittlung, warb seit 2007 umfangreich für sich mit dem Foto einer “Juristin”. Das Unternehmen hatte das Foto von einer Bildagentur erworben, ohne sich allerdings die ausschließlichen Nutzungsrechte daran einräumen zu lassen. (Quelle hier)

– TOMORROW FOCUS übernimmt 63% von ElitePartner.de

Starkes Wachstum im neuen Geschäftsfeld Partnervermittlung geplant.” (Quelle hier)

Wir wagen nicht, uns vorzustellen, was bei Übernahmen und Verschmelzungen mit den Daten der Kunden geschieht. Gewiss gibt es unter diesen einen Typus, dem das nicht nur egal ist, sondern der nach jeder Art von Aufmerksamkeit und „Response“ giert. Doch die Bewegung geht wie in die Breite auch in die Tiefe. Der allgemeine Kontaktplatz wird durch eher unspezifische Seiten gebildet: „Chatten. Spielen. Flirten“ verspricht der soziale Dienst „Knuddels.de“:

“Mit über 1.000.000 Mitgliedern ist Knuddels.de die größte Chat-Community in Deutschland. Knüpfe spontan neue Kontakte oder finde gezielt Personen mit ähnlichen Interessen.”

Danach wird man speziellere Formen und Objekte der erotisch-ökonomischen Partner-Selektion suchen. Und nach Differenzierung und Kontrolle scheint es eine gute Idee, zum Beispiel den ökonomischen Aspekt  gleich mit ins Angebot einzuschließen, wie auf der Seite der Agentur „Shop-A-Man“ („mit viel Liebe in Berlin gemacht“):

“SHOPAMAN verwandelt euch in Shopaholics, männerkaufende Shoppingqueens auf Partnersuche in unserer Singlebörse. Euer Ziel: fabelhafte Dates mit erlesenen Männern. Dabei gehen wir euch zur Hand, denn unser einzigartiges Dating-Prinzip sorgt dafür, dass wir nur tadellose Ware im Sortiment haben. Das Beste ist, auf unserer Singlebörse sind die Grundfunktionen der Partnersuche kostenlos.”

Der Mann als Kauf-Objekt für die Frau (die sich so was leisten können muss), ist erst mal eine hübsche Pointe in der Geschichte der Aneignung von Freiheiten durch die neue Oberschicht (und ein guter Witz über Männer, die sich darüber aufregen könnten). Und so wie hier der Objekt-Charakter der Selektion (mehr oder weniger) ernst genommen wird, wird andernorts die Selektion unter ein (mehr oder weniger) objektives Gesetz gestellt. Im „Darwin Dating“ geht es zum Beispiel um eine durchaus so genannte „natürliche Auslese“ der Schönen und Starken.

“Darwin Dating was created exclusively for beautiful, desirable people. Our strict rules and natural selection process ensures all our members have winning looks. Will you make the cut?”

Der „winning look“ (Erscheinung für das Gewinnen, Erscheinung der Gewinner) lässt sich, laut “Darwin Dating” an diesen Selektionsgeboten ablesen. Zu den absoluten Ausschlusskriterien gehören Hängebrüste, Schweißflecken, „nerdige“ Brillen, „wildes Schamhaar“, schiefe Nasen, asymetrische Gesichtszüge, rote Haare, blasse Haut, jede Art von Fett, Zahnlücken, Haarausfall, zu kleine Gestalt (vor allem bei Männern), zu große Gestalt (vor allem bei Frauen), Haare an den falschen Stellen, „Himmelfahrtsnasen“, genauso aber gehören auch „unmoderne Kleidung“ und „altmodische Frisuren“ dazu. Übrigens versagt sich “Darwin Dating” natürlich nicht die Verhöhnung der Ausgeschlossenen:

If you fit into any of these categories, let’s face it, you’re ugly, but you aren’t alone. Darwin Dating isn’t for you but don’t despair, there are plenty of ugly fish in the sea and they’re all on every other dating website out there!

Die freilich haben in aller Regel selber ihre Kriterien von Inklusion und Exklusion bei der Partnersuche:

– Pferdefans

– Sugar Daddies

– Bullen

– Bullen

füllige Menschen

Ärzte

Landwirt

Altersunterschied

 – Frauen, die wissen was sie wollen

Intellektuelle 

Hundefans

Die Metaebene wird  geboten mit:

Spezial – Singlebörsen

Eine erotisch fundierte Formung von Paaren und Gruppen also findet um mehr oder weniger sonderbare Pop-Kulte, mehr oder weniger eindeutige politische Ausrichtungen, mehr oder weniger religiöse Psychosen, mehr oder weniger klare Karrierestrategien, mehr oder weniger strikte Fixationen statt. Die Partialinteressen, die sich in den Liebesgeschichten zuvor verbergen ließen, werden hier zu den Leitmotiven. Das, was Gemeinschaft stiften soll, wird einerseits immer offener, der „Fetisch“, der zwischen den Individuen vermitteln soll, aus einem gewaltigen Angebot wählbar, so wie nebenan, in der Sex-Börse, das gewaltige Angebot sexueller Praktiken oder Rollenverteilungen freie Wahl suggeriert, auf der anderen Seite aber wird das Fetischistische dieser Verbindungen immer deutlicher.  Was verbindet euch? Die Antwort darauf kann nicht mehr sein: Freundschaft oder Liebe, sondern die Liebe zu dem Ding, dem Zeichen, dem Narrativ, dem Star, dem (sexuellen) Fetisch etc. In der Verbindung der Subjekte wird das verbindende Objekt neben der verbindenden sozialen Maschine immer wichtiger.

Aus den „Mikroanarchismen“, in die den Soziologen die „einsame Masse“ des Konsumkapitalismus zerfallen schien, werden nun Mikro-Clans, Mikro-Kulte und sogar so etwas wie Mikro-Sexualitäten. Der Fetisch soll den Irrtum der Liebe ausschließen. Nicht der melodramatische Schritt des öffentlichen Skandals, sondern der gemeinsame Rückzug in eine Mikro-Gemeinde ist demnach der perfekte Ausdruck von Liebe 2014.

Wie beim Shopaman– oder Darwin-Dating scheint immer wieder der Übergang eines mehr oder weniger karnevalistischen Spiels zu einer realen Selektion und zu Rassismus, Klassismus, Sexismus, Fanatismus etc. fließend:

Gothic Match ist die Seite für EMO-Fans und Leute mit einer Vorliebe für Lidschatten und viktorianische Lyrik; im Keller gibt’s die „dunkle Seite der Erotik“.

Trek Passions ist die Dating Seite für Star Trek-Fans und sonstige Science Fiction Geeks (auf 25 männliche kommt ein weibliches Angebot).

Alikewise bringt Menschen wegen ihrer literarischen Vorlieben zusammen. Man tauscht gewissermaßen seine Lieblingssätze aus Lieblingsbüchern statt Küssen aus.

Blue State & Red State: bringt jeweils, um spätere Konflikte zu vermeiden, AnhängerInnen von Demokraten oder Republikanern, was auf der Grundlage einfacher Fragen über Politik und Ökonomie für den Probanden entschieden wird. (Think Big! Die Verschmelzung von Dating Game, Wahlzettel und Gesinnungskontrolle! Als durch den Wahlomat bestimmter CDU-Wähler hast du dreikommaviermal so viele Dating-Angebote wie als SPD-identifizierter!)

Must Love Pets geht davon aus, dass Menschen niemals zusammen passen, wenn nicht ihre Haustiere zuerst zusammen passen. Oder umgekehrt: Wenn die Haustiere zusammenpassen müssen die angehängten Menschen auch zusammenpassen.

Same Plate: Die Liebe geht durch den Magen.

Ivy Date: Die ökonomische „Elite“ will gern unter sich bleiben, was nicht allein durch die „Elite-Universität“ im Hintergrund bestimmt wird, sondern auch durch den Test, ob man wirklich jemand ist, der für den Erfolg motiviert ist.

Mit Date My Single Kid übernehmen die Mütter wieder das Regiment über zueinander passende Einzelkinder. Die alten Instanzen der Paarbildung erleben in der neuen sozialen Maschine zur Paarbildung ihre unerwartete Renaissance.

Und so weiter. Das in der neuen sozialen Maschine gebildete Paar hat keine gemeinsame Zukunft, sondern eine mehr oder weniger lange andauernde Gegenwart. Man wird durch seine Fetische aneinander gebunden, hat aber nichts mehr zu entdecken, gemeinsam und aneinander. Genau das, was „Liebe“ im romantischen Modell war, nämlich ein „Übersprung“ zwischen sozialen Räumen und Ordnungen, ein emotionale Rebellion gegen die Rationalität der Herrschaft, soll unter allen Umständen vermieden werden. Gleich und gleich soll zueinander finden, wobei die Codes dieser Gleichheit scheinbar willkürlich gewählt werden können. Wie Zeichen und Dinge in einem Discount. Die elektronische Liebesgeschichte wird in ihr eigenes Posthistoire hinein entwickelt. Damit freilich daraus nicht ein Ineinander von geschlossenen Systemen (und daher geschlossenen Märkten) wird, müssen zur gleichen Zeit Instrumente der Öffnung entwickelt werden. Und an die Stelle der exkludierenden Fetisch-Bindung muss die inkludierende Oberflächen-Begegnung treten.

Auf der einen Seite also steht eine beständig weiter gehende Differenzierung (bis hin zu einem Dating-Portal für Windel-Fetischisten), auf der anderen Seite aber eine Dynamisierung, in der all die paranoiden und langwierigen Prozeduren der Risikominimierung wieder wegfallen können, weil eine entsprechende Kultur in der wirklichen Welt für die Selbstkontrolle zu sorgen verspricht. Die Kolumnistin in der Süddeutschen Zeitung notiert daher (natürlich wie immer bei solchen Themen mit der Portion „Ironie“, die zum Diskurs-Code gehört, weil ja jede „ernsthafte“ Beschäftigung zum Vorwurf absolut uncooler Spielverderberei führte):

“Vor ein paar Jahren gab es nur zwei Arten von Singlebörsen im Netz: Bei den einen musste man sehr ernsthaft und langwierig angeben, bei welcher Raumtemperatur man gerne schläft und ob man sich eher im Landhaus- oder im Loftstil einrichtet, bei den anderen bekam man dauernd Nachrichten mit entblößten Körperteilen, die man nie sehen wollte, geschickt. Jetzt gibt es Tender, eine hippe, minimalistische App, man sieht ein Foto eines potenziellen neuen Partners aus der gleichen Stadt, diejenigen, die einem nicht gefallen, wischt man nach links weg, wischt man nach rechts, kann man sich treffen.”

Die soziale Maschine des Internet Dating hat somit die beiden Grundlagen für die umfassende Wirksamkeit eines universalen Marktes geschaffen, auf der einen Seite eine Ausdifferenzierung, durch die für jeden und jede etwas dabei ist, und auf der anderen eine vollständige Abschaffung der „Schwelle“ und der damit verbundenen Angst oder Anstrengung. Diese soziale Maschine der sexuellen Ökonomie funktioniert mittlerweile so perfekt und total, dass alte Hochzeitsvorschriften und ihre Instanzen vor Neid erblassen müssten. Wer seine sexuelle und emotionale Energie in dieser Maschine trägt, glaubt lange, dass er oder sie die Maschine bedient, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, die Risiken und Probleme der Liebesgeschichten in der wirklichen Welt zu minimieren, eine Auswahl zu haben, die sich im analogen Alltag nie ergäbe, die Verbindlichkeit der Kommunikation ebenso selbständig regeln zu können, ebenso wie den Raum der zwischen den Landhaus- und den Körperteil-Aspekten liegt, die biographische Konstruktion der Liebesgeschichten dem neuen Rhythmus von Arbeit und „Freizeit“ angepasst zu haben, jederzeit zurück zu können, einen Sicherheitscode anzuwenden, Gefühl und Begehren einer wahrhaft smarten Rationalisierung zu unterziehen, sich einer neuen Kulturtechnik zu bedienen und überhaupt zu tun, was alle anderen auch tun, und was auch in den Medien als akzeptabel und praktikabel legitimiert ist.

Wie aber, wenn es sich genau anders herum verhielte? Wenn die digitale soziale Maschine im Verbund mit den medialen Geschmacksmaschinen selbst die Herrschaft über den Diskurs der Paarbildung (und allem drum herum, einschließlich Betrug und Auflösung) übernähme? In der dystopischen Science Fiction bestimmt die Maschine, nach Kriterien, die nur noch sie selber kennt, die Paarbildung und die Kontrolle über das Leben in den Isolationszellen. Warum tut sie das (dort, wo sie nicht ohnehin beschlossen hat, die Menschheit auszurotten)? Weil sie keinen Störfall duldet? Weil Liebe einmal der radikal unvernünftige Störfall war? Oder wenigstens der Traum davon? Vielleicht auch nur, um die Plätze zu leeren, in denen Menschen nur unordentlich sein können?

Die Versprechungen treffen auf Menschen, die einerseits den öffentlichen Raum, in dem soziale und sexuelle Kommunikation „früher“ stattfand, nicht mehr betreten wollen oder können, wie es, unnachahmlich, die Bild-Zeitung verkündet:

Früher mussten einsame Seelen sich erst lange zurechtmachen, um am Wochenende in der Bar einen Flirtpartner zu treffen. Die Online-Singlebörsen haben dagegen immer geöffnet – und lassen sich auch im lockeren Schlabberpulli vom Sofa aus ansteuern.

Internet-Dating bietet also nicht nur die Möglichkeit, Profit zu machen und Kontrolle zu gewinnen (auf einem Feld, auf dem noch niemand so recht auf die Idee gekommen ist, zu fragen, wer da Profit und Kontrolle reklamiert), sondern es ist auch ein probates Mittel, die Transformation des öffentlichen Raums, der immer zugleich einen politischen und einen sexuellen Aspekt aufweist, in den medialen Raum voranzutreiben. Das funktioniert freilich nur, wenn neben der Aufladung der elektronischen Liebesgeschichten mit Misstrauen, Paranoia und Gewalt eine weitere Auflösung des Subjekts betrieben wird. Auch das Subjekt, unnütz zu sagen, setzte sich ja aus politischen und sexuellen Impulsen zusammen. Im Internet-Dating „geschieht“ es nicht mehr, sondern überantwortet der Maschine Fragmente und Objekte. Eine vollständige Restauration wird auch beim Betreten des alten analogen Raums des wirklichen Lebens nicht mehr erwartet.

Schon bilden sich für die prekarisierte Welt neue Berufsbilder für die Erhaltung und Beförderung der neuen Maschinen der sexuellen Ökonomie. Eines davon ist der „Ghost-Dater“, also ein Mensch, der die vielleicht immer noch mühsame, immer noch „subjektive“ Arbeit der digitalen Partnersuche (einschließlich des Entwurfs eines oder mehrerer Selbstbildnisse, einschließlich der Täuschung der Umwelt) für einen zahlenden Kunden übernimmt.

“Einfach zurücklehnen, nichts tun und trotzdem mindestens drei Dates an Land ziehen: Was bislang als Wunschvorstellung galt, wird mit dem Ghost-Dating Wirklichkeit. Denn bei der neuen Dating-Methode übernimmt ein Ghost-Writer die ganze Arbeit. Anhand eines Fragebogens, den der Single ausfüllt, erfasst er ein ansprechendes Flirt-Profil und kontaktiert im Auftrag des Liebessuchenden mögliche Partner. Der Single hingegen kann sich zurücklehnen, die Flirt-Kandidaten abnicken und schließlich nur noch abwarten. Der Profi verspricht, mindestens drei Dates zu arrangieren. “(Quelle hier)

Natürlich wäre es nun ein leichtes, auch den Ghost-Dater maschinell zu ersetzen. Technisch machbar, ökonomisch vielversprechend, werbetechnisch vermittelbar – wird so kommen. Das Restmaterial des Subjekts ist ein Fragebogen mit sexuellen (und politischen, kulturellen und fetischistischen) Vorlieben und eine Fotoshop-Collage von allem, was an seiner Erscheinung noch Darwin-mäßig präsentabel ist, der Rest ist, nun eben, ein „Geist“. Daraus macht die Maschine ihre Dating-Strategie; ihr Erfolg wird an der Anzahl der Antworten gemessen. Unglücklicherweise aber befinden sich auf der anderen Seite vielleicht auch nur digitale Ghost-Dating-Einheiten, die nun ihrerseits immer raffiniertere Programme entwickeln müssen, einerseits „echte“ Angebote (werden aussortiert, unperfekt) von den generierten zu unterscheiden, andererseits irgendwelche Kicks für den Kunden zu erzeugen (da findet jemand deine Sammlung von Panini-Fußballbildern aus den 1970er Jahren ganz, ganz sexy). Sexuelle und emotionale Geisterprogramme flirten unterdessen miteinander, checken einander ab, spionieren einander aus, machen der Kundin im Schlabberpulli etwas vor und schwätzen ihr nebenbei ein Abo für die Bildschirmausgabe von „Gala“ auf…

Nein, Quatsch. Es ist ganz anders. Wie sollte die Liebe überleben in einer digital vernetzten Welt, wenn nicht in einer digital vernetzten Form? Wie sollte sie in der Welt des Finanzkapitalismus anders überleben denn als eine Transaktion nach finanzkapitalistischem Muster? Wie sollte die Liebe in der medienpopulistischen Postdemokratie anders überleben als in einer populärmedialen Form der Bilderstürme? Wie könnte die Liebe überleben zwischen Bridget Jones und „Fickpartner in Ihrer Nachbarschaft“ wenn nicht als Verbindung von beidem? Und warum sollte es die rebellischen Kurzschlüsse der wirklichen Liebe nicht auch hier geben? Eine Liebe, die im Internet gestiftet wurde, hat wahrscheinlich eher Bestand als eine, die im Himmel gestiftet wurde. Sie ist ein zivilisatorischer Fortschritt gegenüber der familiär arrangierten Ehe; sie ist ein sozialer Fortschritt gegenüber der chaotischen Subjektliebe, die wahrscheinlich sowieso nur eine historische Illusion war. Warum zum Teufel soll man denn leiden müssen, rebellieren, arbeiten, denken, wenn man einen sexuellen Spaß oder eine emotionale Zufriedenheit oder eine soziale Allianz haben will? Vielleicht ist ja die Geschichte des Subjekts vorbei, aber hat nicht auch das Post-Subjekt ein Recht auf Liebe?

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Aber vielleicht ist ja auch das alles Quatsch. Wie, wenn all dies, die Entwicklung der Neosexualitäten, die Ausweitungen der Praxen und der Fiktionen, die Auflösung des sexuellen Subjekts im Netz (als Parallele der Auflösung des politischen Subjekts), der denkwürdige Zusammenhang von Internet Dating und Verschwinden des öffentlichen Raums, der Veröffentlichungszwang, die Maschinisierung von Begehren und Erzählung usw. selber nur eine Fiktion wäre? Übrig bliebe dann nur eine weitere Geld- und Unterhaltungsmaschine unter so vielen Geld- und Unterhaltungsmaschinen. Die sexuelle Praxis der meisten Menschen ist, wenn wir den entsprechenden Umfragen wieder einmal Glauben schenken möchten (unseren Erzählmaschinen eben, die ja nie eine einheitliche narrative Linie finden sollen), bemerkenswert traditionell, begrenzt, romantisch und bürgerlich. Das heißt auch, dass die Mehrzahl der Versuche im Internet zu einer Verwirklichung der Wünsche zu kommen, in die traditionelle „Ordnung“ mündet: Pornographie, Prostitution, Sexualität als gruppenspezifische Freizeitgestaltung auf der einen Seite, Liebe, Ehe, Familie auf der anderen Seite. Dann hätte sich wieder einmal all diese digitale Transformation der Liebe nur zu einem Zweck vollzogen: Es ändert sich etwas, damit alles gleich bleibt.

 

Georg Seeßlen

Dieser Text ist zuerst gekürzt erschienen in: Konkret 6 und 7 / 14

Bilder: Francois Boucher, Cupid’s Target, from ‘Les Amours des Dieux’, 1758 (Ausschnitte)

Grafik: DatingWebSites Germany CC BY-SA 3.0 Hippo75 – Eigenes Werk

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