Der Weltuntergang als Direktübertragung

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Ist das Ende der Welt nun eigentlich nahe? Haben wir es gar schon vor lauter Sorgen und Fernsehen verpasst? Versuchen wir das Puzzle unserer medialen Bilder und Narrative zusammenzusetzen, das Ineinander von Barbarei, Ignoranz, Heuchelei und Wahnsinn, gepaart mit den Katastrophen aus einer Natur, die einerseits zutiefst gestört wurde, und die sich andererseits noch nie etwas aus Gerechtigkeit und Vernunft gemacht hat, so würde man auf ihre Rettung wohl nicht mehr viel geben wollen. Das Schlimmste ist: Die Bilder passen nicht mehr zusammen, sie ergeben keine Erzählung, sie erklären nichts und werden von nichts erklärt. Es gibt nicht das eine Bild, wie vielleicht noch das des Angriffs auf die Twin Towers, in dem sich der Schrecken konzentriert, stattdessen folgen die Bilder von Katastrophen und Zivilisationsbrüchen immer rascher aufeinander. Die Welt geht nicht auf einmal, sie geht an allen Ecken und Ende unter.

Die Religionen, die Mythen, die Literatur und das Kino haben sich viel Mühe gegeben, drastische Bilder für das einzige zu finden, was für Menschen noch schlimmer ist als der eigene Tod, nämlich das kollektive und überdies selbstverschuldete Verschwinden der Spezies und seiner Kultur, ja der Welt als Ganzes. Paradoxerweise aber haben sich schon immer, und nicht erst seit den Zeiten des guten Noah, die Verhältnisse auch umgedreht: Die Welt muss untergehen, damit der Einzelne überlebt. War es der Gerechteste? Oder doch nur der Cleverste? Oder sogar der Verstörteste? Menschen, die nicht wissen, wie sie leben sollen, wünschen der ganzen Welt den Tod. Das ist der Kern von Amoklauf, von Terror, von Kontrollwahn oder, wenn wir Glück haben, nur ein bisschen Paranoia. Das magische Narrativ vom Weltuntergang ist immer eine zweischneidige Angelegenheit, und gebildet aus Panik und Wollust, und erzählt von Menschen, die sich in ihr selbst rechtfertigen und, nun ja, erlösen. Apokalyptiker sind relativ selten sympathische Zeitgenossen. Der Weltuntergang ist, individuell wie kollektiv, das letzte Narrativ, das immer dann wirksam wird, wenn die anderen Narrative ihre Aufgabe der Sinnstiftung nicht mehr erfüllen können. Apokalypse ist, wenn die Menschen nicht mehr können und die Götter nicht mehr wollen. Zwei grundsätzliche Möglichkeiten gibt es für eine „Erklärung“ des Weltuntergangs (und seiner Vor-Zeichen): Entweder er ist der endgültige Bruch zwischen den Menschen und den Göttern, die Verdammung der Schöpfung an sich, oder es ist, umgekehrt, das Vorspiel zu einem „Jüngsten Gericht“. Die endgültige Versöhnung der „Gerechten“ mit den Göttern, und die nicht minder endgültige Bannung der „Sünder“ und „Ungläubigen“. Schon von daher, und noch lange vor der bürgerlichen Psychologisierung, ist die Ambivalenz der apokalyptischen Erzählung zu verstehen. Sie ist die Belohnung und die Bestrafung nach einem Recht, das sich auf Erden nicht durchsetzen wollte. Der Weltuntergang ist die Lust jener, die im wirklichen Leben sie nicht fanden.

Der Weltuntergang ist von der „alten Zeit“, in der er nur aus der Schöpfung selbst, also aus einer Einheit von Gott und Natur entstehen konnte, über die Moderne, da er als Zivilisationsbruch und selbstgemachte (ökologische, atomare, soziale) Super-Katastrophe gedacht war, in die Postmoderne als Teil der Zivilisation selber gewandert. Das Apokalyptische ist nicht mehr das Ende der Erzählung, sondern deren Zentrum. Oder geht es doch noch eine Weile so weiter, vielleicht sogar eine lange Weile (und dementsprechend „lang-weilig“), denn bisher ist es immer noch weiter gegangen, und die Apokalyptiker hatten immer entweder Unrecht, oder sie drückten sich so kryptisch aus wie ein gewisser Jesus von Nazareth vor gut 2000 Jahren: „Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da; Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort“ (Matthäus 24,6.7). Echt miese Aussichten. Schon damals. Und besser geworden ist wirklich nicht viel. Nur die Ausmaße der Zerstörung haben zugenommen. Aber es ist noch nicht das Ende, bemerkenswerterweise nicht obwohl, sondern gerade weil sich die Völker bekämpfen und Hungersnöte und Erdbeben hier und dort zu beobachten sind, man soll da auch noch zusehen und nicht erschrecken (aber vielleicht haben ja auch nur die Übersetzer des besorgten Mannes aus Nazareth versagt).

Eine zyklisch wiederkehrende Vorstellung vom nahen Weltuntergang scheint so etwas wie eine Konstante in der Geschichte der menschlichen Kulturen. Sie speist sich indes nur einerseits, wenn man genauer hinsieht, aus direkten und konkreten Erfahrungen von Bedrohung und Zerstörung. Etwas anderes ist offenbar mindestens genau so wichtig: Ein Verlust des Vertrauens in die herkömmlichen Ordnungen, Instanzen, Werte, Überzeugungen, eine Auflösung nicht nur der äußeren sondern auch der inneren Ordnung der Welt. Und dann treten neben die „großen Bilder“ der Menschenkatastrophen, diese Kriege, die unabwendbar scheinen, weil es so viele gibt, die sie wollen. Mächtige und Ohnmächtige, solche, die an ihm Macht und Reichtum vermehren, und solche, deren Gier zu töten offenbar größer ist als die Angst zu sterben, von Mitleid und Vernunft ganz zu schweigen, diese Katastrophen, die immer noch die Ärmsten treffen, die verzweifelten Fluchtversuche und die unmenschlichen Reaktionen darauf, der Terror, der kein anderes Ziel mehr hat als sich selbst, die Seuchen und der Hunger der Kinder, jene Bilder, die kleiner sind. Das Bild einer Hausfrau im reichen Amerika zum Beispiel, die für ihr Kinder kein Wasser mehr hat, weil die Brunnen versiegen durch den Raubbau, und die am Morgen nur noch dafür beten kann, dass der Tag möglichst schnell herum ist. Arbeiterinnen, die wie Tiere gehalten werden, damit es hierzulande preiswerte Textilien gibt. Die Bilder von Menschen, die entweder auf der Strecke bleiben oder selber zu Monstern werden, in Ländern, in denen die Nazis was von „Kultur“ grölen und in denen das Nacktfoto eines Promis um ein Hundertfaches mehr Aufmerksamkeit erzielt als das Schmelzen der Polkappen. Wenn jemand eine gute Zeit hat, derzeit, außerhalb der Finanzdauerblase natürlich, dann sind es Fanatiker, Paranoiker und Kultur- und sonstige Pessimisten. Sie fragen nicht nach der Rettung der Welt, sondern danach, wer oder was der Rettung noch wert wäre. Und ihre Antworten sind furchtbarer als die Katastrophen selbst. Das große Zerbrechen der Welt erreicht uns als das apokalyptische Bild, das immer zugleich in einer magisch-fiktiven und einer sehr realen Weise entsteht, auch wenn möglicherweise beides noch nie so täuschend ähnlich war wie im Zeitalter der totalen Bilder.

Das rhetorische Modell „Endzeit“ hat indessen viele Nutznießer. Es ist zum einen der große Angstmacher. Es ist das Lähmende und das Versteinernde. Und somit ist die Vorstellung der Apokalypse nicht nur eine Reaktion auf den Terror, sondern auch sein Ziel, seine Fortsetzung. Der Terror, den der IS so bewusst in seinen Bildern verbreitet, hat nichts mit Stärke, Vergeltung oder Ritus zu tun (wie wir aus der griechischen Mythologie wissen, konnten sich auch wahre Helden in abscheulichen Blutrausch steigern, was zumindest dazu führte, dass ihnen der Rückweg in die Heimat und in die zivile Gesellschaft nicht mehr gelingen sollte), sondern sendet die Botschaft eines Weltuntergangs: keine Werte, keine Menschlichkeit, nicht einmal wirklich „Ordnung“ oder „Macht“. Der Terrorist verwandelt sich selbst in ein Subjekt des Weltuntergangs. Dass er dazu noch eine religiöse Ausrede braucht, wäre beinahe zweitrangig, wenn es nicht das zweite Element im rhetorischen Modell „Endzeit“ gäbe – nämlich die Entschuldigung. Durch die Verbindung von beidem scheint es möglich, die drohende Endzeit in einen rettenden End-Kampf zu verwandeln. Der endzeitliche Krieg zeichnet sich dadurch aus, dass er keine Regeln und keine Rücksichten kennt, in seinem Alles oder Nichts gibt es auch kaum noch eine wirkliche Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Die Endzeitkrieger können nur die Welt als solche, den Menschen als solchen, vor allem aber das produktive Leben, die Frauen, die Kinder, die Friedfertigen, die Helfenden, die Liebenden, die Poesie und die Vernunft als Feind sehen. Wenn wir uns fragen, warum sich aus der Mitte der westlichen Gesellschaften so viele junge Menschen so eifrig als Kanonenfutter, Propagandainstrumente, Selbstmordkandidaten und lebende Bomben für einen Krieg zur Verfügung stellen wollen, an dem so sichtlich nichts Heiliges ist, dann liegt womöglich auch hier die Antwort: äußeres Subjekt eines Weltuntergangs werden, den irgendetwas vorher im Inneren schon angerichtet hat.

Das rhetorische Modell Endzeit kann aber auch für Menschen, die weniger mord- und todessüchtig sind, wie eine Droge wirken. Denn in der Phantasie von der „letzten“ Katastrophe heben sich in den ebenso drastischen wie symbolischen Bildern die widerstrebendsten Gefühle auf. Gier und Angst, Vergehen und Strafe, Kontrolle und Freiheit, Sexualität und Unterdrückung, Chaos und Ordnung. Die Weltuntergangsbilder, die immer gleich sind – das Überfluten der Architekturen und Gärten mit Feuer, Wasser und Schlamm, die wilden Horden, die alle Dämme der Zivilisation einreißen, die Verwandlung von Menschen in Dämonen, die ihresgleichen zerreißen und zerstückeln, die Schändung der Tempel und Kulturgüter, der Umschlag der heroischen in die obszöne Gewalt – begleiten den Zusammenbruch der Beziehung von Innenwelt und Außenwelt. Wer die Vernunft bekämpfen will, bei sich und anderen, der huldigt den apokalyptischen Bildern. Auch darum gibt es einen perversen, panischen „Genuss“ der Weltuntergangsbilder, am Beginn des Fernsehabends, zur Essenszeit: Die Welt erklärt ihre Unerklärbarkeit. Es herrscht das unbegrenzte Chaos, da draußen. Und während die äußere Welt unbewohnbar, unbereisbar, unrettbar wird, tastet der Datenkrake den Innenraum aus, droht der Terrorist, noch die Unschuldigsten gerade in ihrer „Heimat“ zu treffen, und droht sein Antipode, vorauseilend in seinem Krieg gegen den Terror, die Welt in ein Gefangenenlager zu verwandeln, wenn auch eines mit Amüsierbetrieb. Apokalypse genug?

Es gibt eine Disposition für diesen wollüstigen Schmerz der Endzeitstimmung, gewiss. Wenn man niemandem mehr vertrauen kann, ist wenigstens ein sicheres Ende etwas, an das man sich halten kann. Und doch sollte man nicht vergessen, dass es in den Bildern, die sie befördern, ökonomische, politische und militärische Interessen gibt. Dass die Lähmung, die vom apokalyptisch aufgeladenen Bild ausgeht, manchenorts nicht unerwünscht ist. Den Weltuntergang vor Augen kann niemand mehr klar und kritisch denken. Darum ist es durchaus hilfreich, die Bilder der Apokalypse zu dekonstruieren. Wer produziert sie, für wen und zu welchem Zweck?

Natürlich ist das rhetorische Modell „Endzeit“ auch ein didaktisches Unterfangen: Kehrt um! Entsagt (den falschen Göttern oder den falschen Lehren)! Bessert euch! So lässt sich vielleicht die apokalyptische Phantasie nicht nur in einen „Endkampf“ verwandeln, in dem allein der apokalyptische Krieger „überleben“ kann, sondern auch in eine Art von Läuterung, mit etwas Glück vielleicht sogar zu einer „letzten Chance“. Möglicherweise auch etwas mehr oder weniger schlaues in der Mitte: Symptom dafür mag in Deutschland der Versuch einer Re-Christianisierung der Politik (und des Krieges), bzw. einer Re-Politisierung bzw. Re-Militarisierung des Christentums durch die Gaucks und Schäubles sein. Wir haben uns indes, was ökologische Prozesse anbelangt, an das Wort „unumkehrbar“ vor den katastrophalen Ereignissen gewöhnt. Darin liegt die Katastrophe vor der Katastrophe. In diesem: Es ist zu spät. Wir können nichts mehr machen! Wir können nicht einmal verhindern, dass die selben Leute die selben Fehler und die selben Verbrechen immer wieder begehen. Alles was wir tun können, so geht diese Erzählung, ist die Katastrophe noch einmal verschieben. Der Preis dafür ist, dass die Katastrophe, die wir für heute abwenden, morgen mit doppelter Wucht kommen wird.

Wirklichen politischen Erfolg haben daher derzeit nur zwei Kräfte. Die einen, die Methoden, Rhetoriken und Instrumente anbieten, das Apokalyptische in der Welt einfach und konsequent zu verdrängen. Die sich in immer kleinere „positive“ Areale zurückziehen, während sie nach Kräften der Welt noch ihre Ressourcen entreißen. Und die anderen, die direkt oder indirekt auf Transformationen des Weltuntergangs und seiner Bilder entweder in Richtung auf „letzte Chance“ oder, vor allem, in Richtung auf „Endzeitkrieg“ setzen. Die Reiter der Apokalypse können gar nicht anders als sich gegenseitig an Grausamkeit und terroristischer Konsequenz zu übertreffen. In gewisser Weise (und nicht selten haben Literatur und Film ja so argumentiert) wird die Phantasie der Apokalypse zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung und der Mensch vor den Bildern, die jedes für sich eine kulturelle und menschliche Weltuntergangsgeschichte erzählen, vor die Wahl gestellt, sich die Apokalypse von den falschen Leuten einreden, oder von den falschen Leuten ausreden zu lassen.

So wie „die Krise“ zum Dauerzustand von Ökonomie und Verteilungskampf geworden ist, ist der Untergang zum Normalzustand der Welt geworden. Das apokalyptische Gefühl ist selber zum Herrschaftsinstrument umfunktioniert. Als wäre nichts anderes mehr möglich als die Wahl zwischen „weiter so“ und „sowieso zu spät“, zwischen dem rasenden Stillstand des Turbokapitalismus und der mörderischen Regression der apokalyptischen Terrorkrieger. Die Bilder der Welt im Untergang lähmen den Wunsch sie zu verändern. Und die Unfähigkeit sie zu verändern erzeugt den audiovisuellen Dauerrausch der Apokalypse. Aus dieser Falle muss sich das kritische Denken befreien. Es ist nicht das erste Mal. Und das letzte Mal auch nicht.

 

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Nach einem radikalen Perspektivwechsel indessen müssten wir erkennen, dass wir unserer Welt nur gerecht werden, wenn wir sie als „post-apokalyptisch“ begreifen. Post-apokalyptisch meint einerseits, dass der Weltuntergang bereits stattgefunden hat, auch wenn die Erinnerung an das Ereignis – nennen wir es: Auschwitz – bereits zu verblassen droht, andererseits meint das Wort, dass etwas übrig geblieben ist, etwas überlebt hat. Alles, was ist, ist durch die Berührung mit der Apokalypse geprägt. Der zweite Weltkrieg versprach, ein „Endzeitkrieg“ zu sein; man hätte das Böse bezwungen, in einer einzigartigen Anstrengung der Welt, die sich den Zivilisationsbruch nicht gefallen lassen will, und unter ungeheuren Opfern. Aber dieser Endzeitkrieg hat nicht gebracht, was er versprach, keinen Frieden, nicht die Rekonstruktion der Zivilisation, nicht einmal die Vernichtung des apokalyptischen Keims, des Faschismus. Dass der zweite Weltkrieg nicht der „gute“ Endzeitkrieg werden konnte, das macht, dass alle weiteren Endzeitkriege nur noch böse Karikaturen, die blutigen Farcen sind, von denen Marx sprach.

Die Katastrophenphantasie, die die populäre Kultur, den politischen Diskurs, die religiösen Wahnsysteme durchzieht, hat also nicht nur einen „futurologischen“ Charakter, ein Durchspielen kommender Weltuntergänge als Strafe für die ökologischen, sozialen und technischen Sünden der Gegenwart, sondern auch einen historischen: Der Endzeitkrieg hat die Apokalypse nicht verhindert, sondern nur in Zeit und Raum ausgedehnt. Der Zivilisationsbruch des historischen Faschismus ist in unzählige neue Herde das apokalyptischen Feuers aufgelöst; und im Großen wie im Kleinen sind die Endzeitphantasien (wieder) dazu gut, politische Programme, die sich anders nicht legitimieren ließen, zu rechtfertigen: Frankreich ist in Gefahr und wird untergehen, wenn der Front National und Marine Le Pen nicht zur Rettung kommen kann; Deutschland wird untergehen, wenn man nicht alle „Humanitätsduselei“ über Bord wirft und „die Fremden“ fernhält.

Der Weltuntergang ist daher weder nahe noch fern, er hat nur seit hundert Jahren nicht mehr aufgehört. Denn schon der Erste Weltkrieg war ja von vielen Menschen als ein solcher Weltuntergang empfunden worden. Was mag das sein, der Weltuntergang, wenn es nicht die vollkommene physische Vernichtung ist? Diese wäre, so seltsam es wäre, so wenig ein Weltuntergang, wie das Tot-Sein ziemlich wenig mit dem Sterben-Müssen zu tun hat. Das ist die zweite (vielleicht die „linke“, jedenfalls die post-aufklärerische) Erklärung für das ambivalente Verhältnis zum Weltuntergang: dass er immer noch besser, wenigstens würdevoller, wenigstens ehrlicher wäre als dieses zähe Immer-So-Weiter.

 

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Die Paradoxie der apokalyptischen Phantasmen liegt darin, dass sie beides zugleich erzeugt: Panik und Gleichgültigkeit. Die Weltuntergangsphantasien sind sozusagen „gut aufgehoben“ in der populären Mythologie. Im richtigen Leben dagegen gelten sie als uncool. Stanisław Lem meinte einst, „dass nur mit Hilfe hemmungsloser Possenreißerei, mit primitiver, der Vernunft hohnsprechender Betrachtungsweise von Politik und Wissenschaft als derjenigen Kräfte, die die Menschenmassen in die Zukunft treiben, die Umrisse dieser Zukunft zu erkennen sind“. So forderte er eine (Swiftsche) „Karnevalisierung des Jüngsten Gerichts“, eine Verurteilung der Gegenwart im Namen einer möglichen Zukunft.

Es mag sein, dass wir unser Repertoire an solchen Übertreibungen verbraucht haben, dass wir keinen Gebrauch mehr machen können von einer Dialektik zwischen literarischer und politischer Konstruktion, weil ein „graues Feld“ wuchert, in dem apokalyptische und karnevalistische Impulse durcheinander gehen.

Die Macht und der Weltuntergang haben einen unheimlichen Pakt miteinander geschlossen. Die Mächtigen verbünden sich mit Völkern, die vor den Schwierigkeiten der Zukunft in Schutz genommen werden wollen, und dafür in der Gegenwart alle Opfer auf sich (natürlich lieber noch: auf andere) nehmen. Die Apokalypse wäre ein Weg, der Zukunft zu entgehen, ein anderer eine ewige Gegenwart. In der Idee, die Zukunft zu vermeiden, weil sie „offen“ ist, treffen sich beide Kontrahenten.

Wann ist ein Weltuntergang „die Lösung“? Bemerkenswerterweise enthält die apokalyptische Erzählung die Verdrängung und ihre soziale Manipulation, aber sie wird nicht selber als solche kenntlich. So können wir neben der anthropologischen und der sozialen, der religiösen und der „nihilistischen“ Apokalypse auch einen Unterschied zwischen „linker“ und „rechter“ Version machen. Die rechte, das ist nun keine Überraschung mehr, läuft immer auf den Endzeitkrieg hinaus, ob er nun gegen äußere oder gegen innere Feinde geführt werde muss. Die linke, auch das ist keine wirkliche Überraschung, zielt auf ein „Aufwachen“, auf eine Morgenröte.

Wie aber läuft diese offenbar sattsam bekannte apokalyptische Erzählung mit dem offensichtlich genauso unausrottbaren Fortschrittsoptimismus zusammen? Der Wachstum und der Wettbewerb sind offenbar beides: das Problem und die Lösung. Wachstum generiert Probleme, die immer nur durch noch mehr Wachstum gelöst werden können. Der Wachstumsoptimismus glaubt genau so wenig an sich selbst wie die apokalyptische Erzählung an sich selbst glaubt. Aber sie gewinnen ihre wechselseitige Glaubwürdigkeit durch Bezug auf das jeweils andere; man könnte sagen, in der einschlägigen Sprache: Sie geilen sich aneinander auf. Es sind zwei große Lügen; sie bilden eine neue „Religion“. Die Götter haben uns längst verlassen. Aber ihre Urteile sind noch da. Das ist das Wesen jedes „Fundamentalismus“, dass er nicht an die Götter glaubt, sondern an ihre Gesetze. Nicht an die Gnade, sondern an das Gericht. Der Fundamentalist erfüllt das Testament seines verlorenen Gottes. Er kann nichts anderes wollen, als das Ende. Darin unterscheidet sich ein religiöser Fundamentalist nicht von einem Fundamentalisten des Kapitalismus. Es ist eine Todesreligion.

 

Georg Seeßlen

 

 

 

 

 

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