Karoshi für alle! Oder Totarbeiten als neuer Extremsport in der Mittelschicht

Ein weiterer Bericht aus der Hölle
Moderne Zeiten

„A Cowboy’s Work is Never Done“, so sang einst, klagend und stolz, einer, der es wissen sollte. Jene Arbeit, die Natur in Besitz verwandelt, kann nie erledigt sein, nicht einmal, was die Ordnung eines Tages anbelangt; sie erledigt nur jenen, den einen früher, den anderen später, der sie verrichtet. Aber was dem Cowboy dabei half, mit der Sisyphos-Situation umzugehen bei kärgstem Lohn, das war der Mythos. Es war uns daher ein leichtes, uns den Cowboy als glücklichen Menschen vorzustellen.

Arbeit war ursprünglich, wir wissen nicht mehr genau, wann das war, dazu reicht unser kulturelles Gedächtnis nämlich nicht mehr aus (unter anderem, weil der christliche Kapitalismus auch zu unserem Geschichtsschreiber wurde), eine vornehmlich glückliche Angelegenheit. Anstrengung und Belohnung, Empfindung und Erfahrung, die glückliche Beziehung zwischen dem Ich und der Welt (zugegeben: immer in Beziehung mit der unglücklichen, dem Töten). Dann, so geht die Legende, wurde sie entfremdet, Arbeit wurde Zwang und Pflicht, dann kamen Ausbeutung und Betrug. Man sieht kaum noch etwas von der Welt und ihrer suggestiven Lust, wenn man im Schweiße seines Angesichts arbeitet. Und von sich selber hat man nichts mehr.

Warum arbeiteten die Menschen dann aber weiter, ja mehr noch: mit einem Feuereifer, den ihre Vorfahren als vollkommen wahnsinnige Zerstörung und Selbstzerstörung angesehen hätten? Ach, es gibt zu viele Gründe dafür, um sie alle aufzuzählen und noch dazu in eine verständliche Beziehung zueinander zu bringen. Hoffnung und Religion spielten dabei ebenso eine Rolle wie Angst und Verzweiflung. Das Christentum hat sich Arbeit als Strafe ausgedacht, und sie zugleich süchtig angenommen. Von Gier und Dummheit wollen wir gar nicht reden. Es schien einfach nichts weiter übrig zu bleiben, und so ist es kein Wunder, dass man schließlich das Mensch-Sein durch die Arbeit erklärte und nicht etwa die Arbeit durch das Mensch-Sein. Daher arbeiteten die Kirchen im Kapitalismus, die eine mehr, die andere weniger, daran, sowohl der Arbeit als auch ihrer Ausbeutung einen perversen religiösen Rang zu geben: Erfahrung und „Belohnung“ wurden (wenn zwar ungleich) zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen verteilt. Wer sich zu Tode arbeitet, der arbeitet sich doch ins Himmelreich, und deswegen kann auch, wer andere für sich zu Tode arbeiten lässt, nicht wirklich schlecht sein. Wie in allem Religiösen muss übrigens die Rede und die Tat nicht kongruent sein: So wurde Arbeit Ideologie. (Nicht der Arbeitende ist die Autorität, sondern der, der am meisten von ihr redet.) Und dann kehrt man dies alles noch einmal um: Nur die Arbeit ist das Leben, und wer nicht arbeitet (und nicht für sich arbeiten lässt), der ist nicht nur verdorben, sondern schon so gut wie tot. So lebten wir nicht etwa durch die Würde der Arbeit, sondern durch die Entwürdigung von allem was Nicht-Arbeit ist, und noch das schlechteste Arbeiten (das elendste wie das kriminellste) war besser als ein noch so gutes Nicht-Arbeiten.

Aber was die Arbeit, selbst unter den Bedingungen einer Sklavenhalter-Gesellschaft, selbst unter denen der Leibeigenschaft und denen des Manchester-Kapitalismus, immer noch „erträglich“ machen konnte (keinesfalls in jeder Praxis, keinesfalls als Regel, aber eben doch immer nahe genug, um nicht einfach tot umzufallen), das waren drei fundamentale Dinge: Die absurde Lust, in der Arbeit den eigenen Körper zu spüren, so oder so, (und hat nicht der Fabrikherr diesen neidischen Blick, halb Begehren, halb Melancholie, auf die Körper seiner Fabrikarbeiter?) Das buchstäbliche Erarbeiten der Gemeinschaft (auch hier spüren wir den Blick des Fabrikherrn, der angesichts „seiner“ Arbeit die eigene Einsamkeit so sehr spürt, dass er den Arbeitern noch das Gespräch verbieten muss, so wie er ihnen das Brot wegnehmen will, weil er argwöhnt, es möge ihnen besser schmecken als ihm der Kaviar). Der Fabrikherr, so sagt das finstere Märchen des Kapitalismus, das wir noch heute gerne hören, und nicht nur zur Weihnachtszeit, ist so böse und sadistisch, weil er in Wahrheit der Ausgestoßene, das unglücklichste aller Opfer des Kapitals ist. So darf er nicht Teil haben am Mythos der Arbeit; das wissen wir genau in jedem Western, dass derjenige Rancher böse ist und verderben muss, der nicht mit seinen Cowboys reitet.

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Mein Arbeitsplatz existiert immer nur durch die Vernichtung

eines anderen Arbeitsplatzes, so einfach ist das.

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Jede Arbeit kann man in drei Aspekten beschreiben, als Arbeit am „Material“ (um es zu einem Ding zu machen, das jenseits der Fabrik die Ware ist), ein „Erfolg“, auch wenn sich jemand anders die Belohnung dafür nimmt, als Arbeit für den Fabrikherren (oder was an seine Stelle treten mag, selbst eine Fabrik, die einem selber gehört, bedeutet keineswegs eine nicht-entfremdete Arbeit) und schließlich als Arbeit am Mythos (einerseits die magische Biographie, das Erzählbare eines Lebens durch die Arbeit, – die richtige Antwort auf die Frage: Wer bist du?, andrerseits die Metaphysik, in der sich Gefährdung in Abenteuer und Elend in Stolz verwandelt). Die Kunst des Arbeitslebens im Kapitalismus besteht darin, diese drei Aspekte miteinander zu verbinden zu einer zugleich sehr allgemeinen und sehr individuellen Erzählung. Die Arbeit beginnt zu einem großen Problem zu werden, wenn man, aus diesem oder jenem Grund, nichts mehr von ihr erzählen kann. (Der Cowboy bekommt das Mädchen, weil er was zu erzählen hat.)

Eine vierte, tückische Form, die Arbeit akzeptabel zu machen (auch und gerade dort, wo wir sie nicht als Lust sondern nur als Pflicht begreifen), ist das „Fortkommen“. Wer arbeitet, meint man da, hat ein Auskommen, und wer mehr arbeitet auch ein Fortkommen. So wird Arbeit selber zur Investition. Man setzt sie ein mit einem Risiko (anders als der Beamte, der seine Beförderung den Jahren verdankt, in denen er im Dienste seines Staates untätig war), neben anderen Risiken (wie auf die richtige Fraktion in der Riege der Fabrikherren zu setzen, sich mit den richtigen „Kollegen“ zu verbünden, mit „Betriebsgeheimnissen“ umzugehen, oder sexuelle Dienstleistungen anzubieten): Arbeit als Einsatz, bei dem ein Karrieresprung herauskommen kann. Damit tritt neben das Verbrauchen durch Arbeit das Scheitern in ihr; die eingesetzte Arbeit, die nicht zu dem erhofften Gewinn führt, ist ebenso vernichtet wie das Kapital, das keinen Profit bei einer Spekulation abgeworfen hat. (Und hier wie dort, kann den Schaden der Staat nur auf die Allgemeinheit abwälzen.)

Der Anteil der Spekulation an der Arbeit wächst also, und hier und dort, wie man so sagt, „ins Unermessliche“.  Nicht Lohn, sondern nur Profit, allermindestens in der Form des individuellen Lohnzuwachses kann das Ziel sein. Während die einen, eine stets wachsende Gruppe, Spekulation als Arbeit betreiben, begreifen die anderen Arbeit als Spekulation. Und beides mal wird einem recht schnell klar, dass die Aussichten auf Erfolg eher limitiert sind, wenn man sich allzu zimperlich an die Regeln hält. So gerät man, hier wie dort, in eine moralische Zwickmühle: Es ist nicht die Frage, ob man sich unmoralisch verhält, sondern nur wem gegenüber. (Dient man moralisch dem unmoralischen System, oder nutzt man es unmoralisch aus? Und welches System im System im System ist das unmoralischste? Ach, es sind ja keine „Unmenschen“, die das ganze am Laufen halten, nun ja, ein paar sind aber schon ziemlich nahe dran. Die sympathischsten Gestalten in der Welt des Finanzkapitalismus sind, jedenfalls was unsere populäre Mythologie anbelangt, die Betrüger, genauer: die Betrüger der Betrüger.) Arbeit als Spekulation und Spekulation als Arbeit ähneln einander darin, dass ein Großteil der Energie dazu eingesetzt werden muss, die Codes der Maskierungen und Offenbarungen zu kontrollieren („die Fäden in der Hand zu behalten“) und die Schuld zu bearbeiten, die man dabei auf sich laden muss.

In der Spekulationsarbeit ist Arbeit eine Waffe. Wenn es mir zum Beispiel gelingt, dem Konkurrenten möglichst viel tote Arbeit zuzuschieben, die obendrein so kontrollierbar ist, dass sie hierarchisch bemerkt wird, habe ich schon gewonnen. In einer Unternehmung kursieren nicht nur deswegen so viel Berichte, Statistiken, Prognosen und Protokolle, weil man damit ein ungefähr rationales Mittel der Selbstvergewisserung erzeugt, sondern vor allem, weil man mit der Erzeugung solch größtenteils unsinniger Textmengen Kolleginnen und Kollegen ausschalten, womöglich gar „vernichten“ kann. Während „reine“ physische Ausbeutung (zum Beispiel der Putzfrau oder Kassiererin, die man einfach immer mehr und immer schneller zu arbeiten zwingen kann, damit sie für den „Arbeitgeber“ Profit erwirtschaften) zur Erschöpfung führt (und diese zum „Ausscheiden“, tot oder lebendig, was kümmert das?), führt in der Spekulationsarbeit, wie sie eher in der Mittelschicht praktiziert wird, erzwungene Fehlinvestitionen, die Empfindung der Gleichzeitigkeit von Anstrengung und Sinnlosigkeit zur Katastrophe. Der angemessene Ausstieg auf dieser Etage ist daher nicht einfach Krankwerden und Sterben, sondern vielmehr Selbstmord, Herzinfarkt, Depression, auch ein gelegentlicher Amoklauf (ein erweiterter Selbstmord, oder umgekehrt eine Mordtat mit der Selbsttötung als dramaturgischem Finale) ist zu erwägen. Erst ganz oben gibt es den Luxusausstieg, ein bisschen religiöse Läuterung hier, eine Kunstsammlung dort, am besten man lässt sich überdies eine gefällige Biographie schreiben.

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Wenn Karōshi-Gefährdung der Extremsport, dann

ist Mobbing der dazugehörige Volkssport.

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Zu diesen dramatischen Symptomen eines kranken Systems führen nicht nur Karrierestress (eben die Angst und die Erfahrung, das eigene Kapital, Körper, Arbeit und soziale – bzw. sexuelle – Performance „falsch eingesetzt“ zu haben), sondern auch der durchaus radikale Abbau der drei Lust-Komponenten noch in der entfremdeten und ausgebeuteten Arbeit, nämlich individuelle Erfahrung von Erschöpfung und Belohnung, soziale Kommunikation und – der Mythos. Es liegt auf der Hand dass, wo Arbeit wie eingesetztes Kapital behandelt wird, alle Natur aber eben auch alle Geschichte daraus vertrieben wird. Wie im späten Finanzkapitalismus so kann man auch in der ihn karikierenden Spekulationsarbeit beinahe so viel durch das Wetten auf den Verlust wie auf den Gewinn erzielen; so ist ein Großteil der Arbeit in der Mittelklasse eher einem Vernichten von Arbeit ähnlich, bzw. der Ersetzung der Arbeit durch Performance (wie human war dagegen ein guter alter „Sesselfurzer“, der zufrieden war, wenn man ihm schmeichelte). So liegt es auf der Hand, dass die Performance Arbeit (die Erledigung von Aufgaben plus die Darstellung der Erledigung dieser Aufgabe plus die Erzeugung des richtigen Publikums für die Darstellung der Erledigung dieser Aufgabe plus die Beitreibung des Preises für all das) nur „mit einem Schlag“ beendet werden kann, mit dem Paukenschlag der Beförderung (dem Aufstieg in die Bonus-Klasse, das ist der Traum!) oder mit dem Schlaganfall des Scheiterns.

Als Karōshi (Tod durch Überarbeiten) bezeichnet man in Japan „einen plötzlichen berufsbezogenen Tod“. Todesursache ist meist ein durch Stress ausgelöster Herzinfarkt oder Schlaganfall, Selbstmord und Depression sind dazu Seitenprojekte. Man könnte wohl sagen, es handele sich um eine Mischung aus Nicht-mehr-können und Nicht-mehr-wollen. Etwa 40 japanische Kliniken haben sich mittlerweile auf Karōshi-gefährdete Fälle spezialisiert, zweifellos werden dort medizinische Karrieren gefahren, die selber höchst Karōshi-gefährdet sind. Die Krise eines Teilsystems führt zum Boom eines anderen Teilsystems, dessen Krise… Die soziale Praxis (und das wiederholt sich hierzulande, wenn auch nicht mit solch dankenswerter Offenheit) läuft keineswegs auf die Verhinderung von Karōshi-Karrieren, sondern im Gegenteil auf das Management der Normalisierung hinaus. Jeder arbeitende Mensch, der im mittleren Segment angelangt ist, muss mit dem Karōshi-Syndrom umgehen lernen, inklusive Früherkennung, Prophylaxe, Reha und all den Scheiß. (Wahrscheinlich ist ein „leitender Angestellter“, der nicht Karōshi-gefährdet ist, entweder die größte Drecksau von allen, oder er ist die Boni-Zahlungen nicht wert.)

In Japan, das weit weg ist, können wir den Zusammenbruch eines Mythos von Arbeit (eine Erzählung, die Sinn ergibt) genussreich und exotisch verfolgen. Hoho, da kam man vom Sichersten der lebenslangen Fabrik-Identitäten ins Freistellungs- und Wiedereinstiegs-Chaos. Dass hingegen mit dem Verhältnis von Arbeit und Kapital auch bei uns etwas definitiv nicht stimmt, haben wir in unseren Medien in drei Erzählungen erfahren, was die Arbeitsseite anbelangt (die Heuschrecken-Erzählungen von oben, Geschichten von den ungeratenen Söhnen der gütigen Fabrikherrn, und die „Sozialschmarotzer“-Geschichten von unten, nebst jenen von den durchzufütternden Erzeugern von „Kopftuchmädchen“ sind dazu komplementär). Da sind auf der einen Seite die Bagatellkündigungen, in denen Flaschen-Rückgabe-Bons, Maultaschen und Teewurst zu Kündigungsgründen werden. Die entsprechenden Urteilssprüche machen uns nur allzu klar: Entweder haben wir ein nach wie vor furchtbares Gesetz, was die Verhältnisse von Fabrikherr und Arbeiter angeht oder aber wir haben ein durchaus symptomatisches Auftreten von furchtbaren Juristen, die es auslegen. (Und das Furchtbarste daran ist, dass diese symbolische Politik gegen Menschen, die weiß der Himmel ausgebeutet genug sind, auch noch mit einem Begriff wie „Vertrauen“ geführt wird.) Da sind zum zweiten die sich häufenden Selbstmorde bei dem französischen Kommunikationsgiganten, die immerhin zu einem politischen Aufbegehren führen. Sowohl die verzweifelt-zornigen Texte der Abschiedsbriefe als auch solches Aufbegehren scheint uns wie ein Widerschein verlorener Emotionalität. Auf die Farce folgt das Melodrama. Und da ist zum dritten, nur auf den ersten Blick eher ein wenig a-typisch, der Selbstmord des deutschen Torhüters. Das nun kann, nach Farce und Melodrama, nur eine Tragödie sein. Es sind drei Erzählungen über das fundamentale Scheitern an der Arbeit. Ganz unten, ziemlich in der Mitte, und einigermaßen weit oben (jedenfalls was die öffentliche Wahrnehmung anbelangt).

Unten werden also nicht nur die kleinen Überlebenskünste unter Strafe gestellt, es werden vor allem die sozialen Beziehungen untereinander vergiftet: Jeder „Mitarbeiter“ bei einem Unternehmen der Lidl-Klasse soll ein IM der möglichst allmächtigen Konzernleitung werden. Was im entleerten öffentlichen Raum Überwachungskameras und Fernsehen übernehmen, das sollen im Inneren der Konsummaschinen Denunziation, Bespitzelung, Missgunst erreichen. Nein, natürlich geht es nicht um die Bagatellen von Flaschenpfand oder Wurstresten, es geht auch nicht „um’s Prinzip“, es geht um das Schauspiel. Die Menschen in ihrer Arbeit körperlich, sozial und seelisch krank zu machen, wird Teil des Systems, das um so perfekter funktioniert, je mehr es durch Hire & Fire jegliche Form der Organisation der Arbeitenden unterbindet. Die merkwürdige Häufung dieser Bagatellkündigungen ist keine Entgleisung, sondern Teil symbolischer Politik: Arbeit ist totale Unterwerfung, Arbeit „da unten“ ist nicht Teil des Diskurses der Produktivität, sondern sie ist Teil des Diskurses Macht (und schon damit ist Arbeit hier Teil des Todes). Und heuchelnd wieder verstärken unsere populistischen Medien diese offene soziale Todesdrohung von oben als erschütterndes Sozialmärchen. (Und eine sich mit „Caritas“ – Nächstenliebe – betitelnde Unternehmung lenkt sogar wirklich ein. Bald ist Weihnachten. Schnüff.)

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Es herrschen sehr wohl kriegsähnliche Zustände an den Arbeitsplätzen.

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Der Neoliberalismus hat kein Interesse mehr an jener corporate identity, die die Mitarbeiter einer Firma zu einer „großen Familie“ machte, die, sagen wir einem „Opelaner“ eine Portion Stolz gab, und in der man sich Arbeitskraft, wo sie im Überschuss vorhanden war, auch gegenseitig zum Geschenk machen konnte. Wo man „sich kümmerte“. Nachdem sich längst der Schwerpunkt von der Produktion auf den Verkauf verlagerte, liegt er nun auf der Spekulation. Wenn ein Unternehmen Arbeiter entlässt, steigen seine Aktien. Daher wird es unsinnig, Arbeit an ein Unternehmen zu binden, im Gegenteil, der einzig gute Arbeiter ist ein entlassener Arbeiter. Wenn also nun, vor den Fernsehkameras, Arbeiter „für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße gehen“, dann entlockt uns das so viel Mitleid wie der Eisbär, der immer weniger Eis zum Rumlaufen hat, und dann schalten wir um. Bevor wir bemerken, dass es eine Solidarität in der Arbeit so gut wie nicht mehr gibt. Mein Arbeitsplatz existiert immer nur durch die Vernichtung eines anderen Arbeitsplatzes, so einfach ist das. Einerseits weil beinahe jedermann sein eigener Kapitalist geworden zu sein scheint (noch meine verriesterte Rente steigt um ein paar Cent mit den Lebenskatastrophen anderer Leute), andrerseits weil Arbeit keine Erzählungen mehr generiert. Der Mensch, der seine Arbeit verliert, verliert nicht nur seinen sozialen Ort, er bemerkt, auch hier: „mit einem Schlag“, wie einsam er ist (und, fatalerweise, wie sehr er diese Einsamkeit mit produziert hat in seiner Arbeit), und wie uninteressant.

Im Gegensatz zum Cowboy wissen wir über unsere Arbeit kein Lied mehr zu singen (und „Hey Boss, ich brauch mehr Geld“ war höchstens eine Hymne der Verkennung). Bis in die Mitte hinein ist durch Arbeit weder Mythos noch Sinn zu produzieren, daher muss beides außerhalb gesucht werden und wird in aller Regel ausgerechnet im Medium gefunden. (Hierzulande ist übrigens klar, dass ein Arbeitsloser nicht einmal zum Angeln gehen kann, aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen.) Dort wiederum kommt die Arbeit als das Entfremdetste zurück. In „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, im „Tatort“ oder in „Bauer sucht Frau“ lernen wir Arbeit nur als Katastrophe kennen. Wenigstens wird der mörderische Anteil hier nicht verschwiegen. Ansonsten suchen wir verzweifelt und geil den Sinn des Lebens, der in der Arbeit verloren ging, egal ob man noch eine hat oder nicht, ausgerechnet in der voyeuristisch verschärften Intimität. (Als Arbeitsloser kannst du zwar nicht angeln gehen, aber ins Fernsehen kannst du vielleicht durchaus kommen.) Und schließlich wird, da es den Mythos der Arbeit nicht mehr gibt, das Scheitern an ihr zum neuen Mythos. Karōshi ist die Arbeits-Erzählung des Neoliberalismus, und wenn „unser“ Torwart unter der Last der Arbeit, der Karriere, der Performance und der Erwartungen zusammenbricht (und seinen Selbstmord auch nur gerade so erweitert, dass er die seelische Grausamkeit gegenüber einem Lokomotivführer in Kauf nimmt), dann nimmt die kollektive Trauer wohl auch deswegen Lady Di-Ausmaße an, weil man da endlich um seine eigene Ungetröstetheit trauern kann. Von Zeit zu Zeit benötigen wir ein Meta-Karōshi um weiter zu machen. Man wird scheitern an der Arbeit, wenn man zu viel davon hat, genau so wie wenn man zu wenig davon hat. Und wenn man gerade genug davon haben könnte, bringt man es zu nichts. Weil das aber, wie sagt man, alternativlos ist, müssen gelegentlich Entladungen her.

Totarbeiten, wer könnte da nicht an die „Vernichtung durch Arbeit“ bei den Nazis denken. In einem Aktenvermerk vom 14. September 1942 notierte Otto Thierack über ein Gespräch mit Goebbels und Himmler, dass Goebbels „hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens auf dem Standpunkt stand, es sei am besten durch Arbeit zu vernichten“.  Die Arbeit, die das soziale Leben einst überhaupt ermöglicht hat, wird nun zum Todesinstrument; es gehört zum Furchtbarsten, was die Nazis ihren Opfern angetan haben, sie durch Arbeit zu vernichten. Sie haben damit zugleich nicht nur ihre Opfer und deren persönliche Würde vernichtet, während sie den schäbigen Mehrwert an sich rissen, sie haben auch die Arbeit selbst vernichtet. (Hat man je darüber nachgedacht, wie viel Gift seitdem in der Arbeit und in ihrem Mythos steckt? Natürlich nicht, benötigte man es doch gleich als neue Droge.)

Indes, wie so vieles, was Terror und Unmenschlichkeit anrichtet, scheint auch dies in der Gesellschaft des Neoliberalismus freiwillig wiederholt. War vordem schon Arbeit ein Spekulationsinstrument, so wird sie nun auch zum extremen Einsatz: Alles oder nichts. Karriere oder Tod. (Und das nicht nur da oben, wo es ja schon immer furchtbar zuging.) Das Wesentliche also ist der Aspekt einer „gefühlten Freiwilligkeit“, welche das Karōshi vom schon wieder konventionellen Burn Out unterscheidet: Burn Out ist etwas für Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Zahnärzte, Lehrer, Beamte, Burn Out gehört zur alten Mittelschicht. Eine Erschöpfung, und sei’s die Erschöpfung zum Tode, im Dienste einer Sache. Moralisch einwandfrei (wenn’s echt ist), aber eher was für Weicheier. Karōshi hingegen ist das sichtbare Opfer in der Vernichtung durch Arbeit. Ein starker Abgang. Neoliberaler Extremsport; ohne Netz, höchstens mit ein bisschen weißem Pulver, immer am Karōshi-Grat entlang! Karōshi kann man nicht simulieren.

Die Selbstvernichtung durch Arbeit, im Gegensatz zur Vernichtung durch Arbeitsentzug, hat zwei Aspekte. Zum einen geht es um die schiere Anstrengung, die Auflösung der eigenen Biographie in der Arbeits-Karriere, das Verbrennen und gleichzeitige Verdrängen aller Energien beginnend in dem Stadium, das wir mittlerweile gewöhnlich als „workaholic“ bezeichnen. Zum anderen aber geht es um das grandiose Scheitern in der Erzählung Arbeit, ganz generell durch das Geraten in eine extreme Double-Bind-Falle. Du bekommst mehr Arbeit als du überhaupt bewältigen kannst, aber gleichzeitig erklären dir Vorgesetzte und Kollegen, das sei doch Pipifax. Wenn Karōshi-Gefährdung der Extremsport, dann ist Mobbing der dazugehörige Volkssport. Die eine Abteilung verlangt als Ergebnis genau das Gegenteil von dem, was die andere Abteilung als Ergebnis verlangt, beide Abteilungen aber behaupten, gleich wichtig zu sein. Die Firma verlangt als Opfer die Familie, und die Familie verlangt als Opfer die Firma. Bei alledem musst du so viel lügen, musst so viele Demütigungen einstecken, dass du mit niemandem mehr über deine Arbeit sprechen kannst. Warum aber will die Firma nicht mehr deine Arbeitskraft sondern deinen Tod?

Möglicherweise wird Karōshi gerade deswegen wahrscheinlicher, weil die Verhältnisse zwischen Kapitalist und Arbeitnehmer neu geordnet sind. Zum einen interessiert sich der Fabrikherr für seine Arbeiter nicht mehr wirklich (sehen wir von Werbe-Märchen ab), sein Blick birgt weder Begehren noch Melancholie. Zum anderen hat der Arbeiter keinen ökonomischen Ort, er ist, mindestens Freizeitkapitalist. Genauer gesagt: Es gibt den Fabrikherren nicht mehr, und es gibt den Arbeiter nicht mehr. Das Grundrauschen des Kapitals ist lauter als der Lärm der Maschinen.

Eine zweite Begründung der Vernichtung durch Arbeit ist daher der totale Anspruch des Kapitalismus. Man kann den Kapitalismus ja grob in drei Phasen einteilen: 1. Kapitalistische Unternehmen (wie die East-India Company) in einer Welt, die in weiten Feldern nach anderen ökonomischen Prinzipien funktionieren. 2. Kapitalistische Dominanz in einer Welt, in der andere ökonomische Prinzipien durchaus möglich sind. 3. Kapitalismus als Regel, in dem aber Bereiche tatsächlich oder angeblich vor ihm geschützt sind (bis hin zur Vorstellung einer „sozialen Markwirtschaft“, in denen wenigstens Kranke, Bedürftige und Schwache oder, sagen wir: die Kultur, nicht oder doch nicht ausschließlich nach den Regeln des Profits behandelt werden sollten). Der totale Kapitalismus dagegen kennt nicht nur keine nicht-kapitalistischen geduldeten „Inseln“ mehr, er kapitalisiert auch jeden Lebensbereich, von der Sexualität bis zur Religion, so dass zwischen der Arbeitskraft und ihrer Reproduktion kein Unterschied mehr gemacht werden kann. (Deshalb wird Arbeit auch zum Entertainment, wie Entertainment zur Arbeit.) Geld, das sich nicht sofort in Kapital verwandelt, ist verloren (aber zur gleichen Zeit ist Kapital, das sein Ziel verfehlt, noch mehr Geld zu machen, und zwar schneller, als das alte Geld an Wert verliert, an sozialem wie an ökonomischen, noch mehr verloren). Die Vorstellung, sich seinen Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, ist absurd geworden, obwohl ein Teil des Mittelstandes immer noch an dieses Phantasma glaubt. Die arbeitende Unterschicht und das Prekariat haben diese Illusion natürlich längst verloren, vom unteren Rest ganz zu schweigen. Sie sind, mehr oder weniger glücklich, aus der mittelständischen und post-proletarischen Erzählung der Arbeit ausgestiegen. Das macht zwar ihr Leben kein bisschen weniger anstrengend, allerdings stehen sie weniger in Gefahr, auch noch ideologisch gebrochen zu werden. Denn in einem gelungen Karōshi stirbt man zugleich an Überarbeitung und sozialer Isolation: Man kann so nur sterben, wenn man das Leben zuvor auf eben diese Arbeit konzentriert hat (und in Wahrheit war selbst das bisschen Luxus und Protzerei nur ein Rattenschwanz dieser Reduktion auf Spekulationsarbeit: Karōshi liegt immer noch gnädig vor jenem anderen Tod durch Arbeit, der zuschlagen mag, wenn man „alles erreicht“ hat). Karōshi unterliegt, wer an die „Arbeit“ glaubt.

Wo das Geld nur durch seine Kapitalisierung zu retten ist (nicht-kapitalisiertes Geld hat, da der Staat sich seiner diesbezüglichen Pflichten zwanglos entledigt hat, nicht einmal mehr die Fähigkeit der Lebenserhaltung, was man hier und dort freilich erst im Renten-Plan so richtig bemerkt), kann nur die Arbeit, der Körper, die soziale Performance selber radikal kapitalisiert werden. Das heißt: Arbeit und Entlöhnung können kein lineares System mehr ausbilden, nicht einmal im Sinne traditioneller Ausbeutung und Aneignung des Mehrwerts. Arbeit (insofern sie selbst zur sozialen Performance geworden ist) und „Besitz“ (insofern er sich selbst so weit kapitalisiert hat, dass er beständig „eingesetzt“ ist) bilden zueinander kein einfaches Abhängigkeitsverhältnis mehr, sondern eine Art Wette mit sehr unterschiedlichen Einsätzen. Lohnarbeit produziert – individuell – entweder den Keim zu Kapital oder Armut. Kapital produziert entweder „schnellen Reichtum“ oder Geldverbrennung. Aber Kapital produziert nicht mehr Arbeit, und Arbeit produziert – sozial – nicht mehr Kapital. Möglicherweise ist der Tod durch Arbeit ein Ausdruck dafür, das begriffen zu haben.

In der klassischen Lohnarbeit verbraucht sich der Mensch; der humane Kapitalist (und sein Staat) sorgen indes dafür, dass er es nicht allzu schnell und nicht allzu dramatisch tut. Dass es im Neoliberalismus sowohl keinen Platz mehr für einen humanen Kapitalisten (höchstens für Schmierenkomödianten in dieser Rolle) als auch für einen fürsorglichen Staat mehr gibt, hat eben nicht nur mit dieser „marktradikalen Ideologie“ zu tun, unter deren Zeichen sich Unternehmen und Staat mit Hilfe der populistischen Medien stellen, sondern auch damit, dass sich beides, Lohnarbeit und Kapital, so radikal geändert haben. (Deswegen ist es vermutlich auch ziemlich illusorisch zu hoffen, eine etwas „linkere“ und humanere Fraktion in der Politik könne die Verhältnisse entscheidend ändern.) Dass der Krieg, den Arbeit und Kapital gegeneinander führen, keine „politische“ Form mehr annimmt, heißt ja nicht, dass es ihn nicht mehr gibt. Es herrschen sehr wohl kriegsähnliche Zustände an den Arbeitsplätzen. Und wie in den Kriegen, an die wir uns gewöhnt haben, verlaufen die Fronten wüst durcheinander. Manchmal gehen sie durch ein und denselben Körper, mitsamt dem Kopf. Und einige überleben das nicht. Deren Zahl wird zunehmen.


Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in konkret 01-2010

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2 Gedanken zu „Karoshi für alle! Oder Totarbeiten als neuer Extremsport in der Mittelschicht

  1. Spitzen Artikel, dem ist nichts hinzuzufügen.
    Nur warum bemerkt diese Tenzenz keiner, warum lehnt sich niemand dagegen auf?
    Warum sind die Menschen erstarrt?

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