Gespaltenes Prekariat

Traumschiff und Nagelstudio

Dem Prekariat fehlt eine gemeinsame, jenseits der Arbeit konstruierte Identität. Was wäre, wenn die Entrechteten sich ihrer Stärke bewusst würden?

Kein guter Witz: Treffen sich ein Pop-Kritiker und eine Aushilfsverkäuferin beim Bäcker. Sie wechseln gerade mal ein paar Worte über das Wetter. Im Hintergrund belegt eine Frau mit Kopftuch die Brötchen, die sich die arbeitende Bevölkerung zum Coffee-to-Go gönnen soll; sie spricht überhaupt nicht, sondern reagiert stumm auf Anweisungen. Dann geht jeder wieder in seine Welt.

Jeder ist überzeugt, dass die der anderen sehr seltsam sein muss. Dabei wären sie alle drei politisch und ökonomisch dazu durchaus bestimmt, gemeinsam für ihre Rechte, gegen ihre Ausbeutung, gegen die politische Ausblendung ihrer Situation zu kämpfen. Wenn sie nämlich ihr Leben ansehen würden, dann würden sie so viel Gemeinsames erkennen: Den Blick auf den Kontostand, changierend zwischen zäh erarbeitetem kleinen Plus und rapide anwachsendem Minus, der blitzrasch eine Spirale der Verschuldung auslöst, aus der man so leicht nicht mehr herauskommt. Dass man „schlecht bezahlt“ wird, heißt nicht nur, dass es zu wenig ist, sondern auch, dass es zu unzuverlässig ist, um die Planung über die eigene „Erwerbsbiografie“ zu ermöglichen.

Die Sorge, von Behörden, Banken, Versicherungen, Vermietern als „kredit-“ oder „vertrauenswürdig“ betrachtet zu werden oder eben nicht. Die Angst davor, dass man nächste Woche durch jüngere, billigere und willigere Nachfolger ersetzt wird. Die Abhängigkeit von der „Bedarfsgemeinschaft“ (so heißt im Bürokratensprech die Familie), in der jeder Ausfall eine Katastrophe bedeutet und in der immer die einen die anderen „mitschleppen“, die sich ihrerseits dafür schämen. Abhängigkeit aber auch von der Firma, dem Projekt, die selbst auf Wolkensäulen stehen und auf jede Forderung mit dem Hinweis auf den eigenen Ruin und damit natürlich auch den Verlust der Arbeitsplätze von KollegInnen reagieren.

Man ist da, wenn man gebraucht wird, und man ist weg, wenn man nicht mehr gebraucht wird. Man ist in Wahrheit: niemand.

Mit uns kann man alles machen

Die Erfahrung vollkommener Gleichgültigkeit seitens der Politik, der Regierung und der Parteien, denen unser Leben scheißegal ist, solange wir uns nur brav verhalten und die Arbeitslosenstatistik nicht belasten. Die Rechtlosigkeit, die Organisationslosigkeit, die Stimmlosigkeit. Mit uns kann man so ziemlich alles machen.

Die vagen Hoffnungen, die uns an manchen Tagen aufrechterhalten, darauf, dass vielleicht doch noch der große Auftrag kommt, ein Lotteriegewinn oder ein Traumjob. Denn unser Leben ist nicht einfach ein langer, gerader Weg nach unten, sondern eine bizarre Achterbahn, die immer wieder Ups und Downs hat.

So sehr wir einander durch die ökonomische Situation ähneln,

so unterschiedlich sind unsere kulturellen Schnittstellen

Die kleine Gier danach, etwas vom Leben zu haben, etwas Gedrängtes und Spektakuläres; da ist es schnell wieder weg, das Geld, das so mühselig erworben wurde, und daneben steht der hämische (noch!) lohnarbeitende Bürger in fester Anstellung, der bemerkt: Die haben offenbar immer noch zu viel Geld! Sparen jedenfalls macht für uns kaum einen Sinn. Deswegen muss man sich beeilen, etwas Großes zu erleben. Aber was ist groß? Wer anders als unsere Medien kann es uns sagen? Was bleibt zwischen Traumschiff und Nagelstudio?

Der Popkritiker, die Aushilfsverkäuferin und die Küchenhilfe haben davon gewiss sehr unterschiedliche Vorstellungen. Denn so sehr sie einander durch ihre ökonomische Situation ähnlich sind und so sehr sie unter derselben Ignoranz der politischen und gesellschaftlichen Institutionen leiden (einschließlich der „linken“), so sehr sie also Elemente derselben ökonomischen Klasse sind, so unterschiedlich, so weltenfern voneinander sind ihre kulturellen Schnittstellen, ist die jenseits der Arbeit konstruierte Identität.

Das Klischee ist ganz einfach. Der Popkritiker schwadroniert über The XX, die Aushilfsverkäuferin hört Helene Fischer, und die Frau mit dem Kopftuch nur Nostalgisches aus der Heimat. Aber vielleicht ist ja alles ganz anders, und die Aushilfsverkäuferin spielt in einer New-Wave-of-New-Wave-Band, die Frau mit Kopftuch übersetzt aktuelle Lyrik und unser Popkritiker hängt heillos in einer 80er-Jahre-Schleife fest. Als Wahrheit bleibt nur: Wir wissen zu wenig voneinander. Und die zweite Wahrheit ist: Das ist kein Zufall, dass wir so leicht zu keiner gemeinsamen Sprache kommen.

Eine Klasse ohne Bewusstsein

Das Prekariat ist die Sphäre der entwerteten Arbeit und der entrechteten Menschen. Es ist eine Klasse, die keine Partei und keine Organisation, kein Projekt und kein Bewusstsein hat. Es ist die Klasse der nachhaltig Vereinzelten. Es gibt das akademisch-kulturelle Prekariat, es gibt das Dienstleistungsprekariat, es gibt das digital-„kreative“ Prekariat, das „Kognitariat“, es gibt das industrielle und postindustrielle Prekariat, und nicht zuletzt gibt es ein landwirtschaftliches Prekariat (das indes in Mitteleuropa besonders gern der Migration und den „Illegalen“ überlassen wird: der hier gnadenlos Ausgebeutete muss anderswo noch eine Familie miternähren).

Wir sind alle unterbezahlt, unsicher beschäftigt, vom Überlebenskampf ermattet und zugleich gierig nach Spektakel und Sensation; aber zur selben Zeit leben wir sowohl in der Arbeit als auch jenseits von ihr in solch unterschiedlichen kulturellen, körperlichen und ästhetischen Umständen, dass uns der Gedanke von Solidarität und Gemeinschaft gar nicht kommt.

Was aber wäre, wenn sich das Prekariat, statt sich in seinen Segmenten gegenseitig zu bekämpfen, zu verachten und zu misstrauen (eines der Pfunde, mit denen der Rechtspopulismus wuchern kann), als Klasse zu betrachten begänne, als eine, die mit dem Sklavenstatus so viel wie mit dem klassischen Proletariat und einiges mit der analogen wie digitalen Bohème zu tun hat? Wenn die Klasse, die nicht eine ist, zu einem gemeinsamen Bewusstsein, einer gemeinsamen Organisation, einem gemeinsamen Stolz finden würde? Was wäre, wenn das Prekariat sich seiner Stärke bewusst und sich als politisches Subjekt erkennen würde?

Georg Seeßlen | taz 04-01-2018

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