Mit rechten Dingen | Henryk Goldberg über die Frage, wie verdorben Politik sein kann.

Sie haben es alle gewusst. Und es war ihnen scheißegal. Es war ihnen nur darum, mit dem Arsch an die Wand zu kommen. An die Wand, die Macht heißt. Und wenn diese Wand von einem Mann gestützt wird, von dem nicht Linksradikale meinen, dass man ihnen einen Faschisten nennen darf, sondern ein deutsches Gericht – na und?

Alles für Thüringen, alles für die Demokratie – alles für uns. Koste es, was es wolle. Nach uns die Sintflut. Verbrannte Erde, na und? Wir nennen es eben Brandmauer. Hauptsache, sie wärmt uns.

Sie haben gewusst, dass die AfD ihren sogenannten Kandidaten nicht wählen würde. Sie haben gewusst, dass dann ein Mann das Land regieren würde, den kein einziger Wähler, nicht einmal seine eigenen, wegen der Aussicht auf diese Position gewählt hatte. Sie haben gewusst, dass sie damit die Wähler bescheißen. Sie haben gewusst, dass sie damit eine mittelbare Kooperation mit der AfD eingehen. Sie haben gewusst, dass das ein Tabubruch würde. Sie haben gewusst, dass dies Thüringen, Deutschland und das Verständnis von Demokratie beschädigen würde.

Na und? Scheiß drauf. Macht ist so geil.

Dass Höcke es so macht, wird man ihn nicht verübeln können, es war ein guter Job. Dass Kemmerich es so macht, ist beinahe normal, das hat ein bisschen Tradition in seiner Partei. Sie hatten aber auch Politiker, die Ehre hatten und einlegten für den Wert des Liberalen, für einen Begriff von Würde. Vielleicht kann man diese Würde nicht verlangen von einem Mann, der mit 80 Stimmen weniger nicht einmal im Landtag säße und dem nun, Abrakadabra, Simsalabim, der erste Platz auf der Regierungsbank winkte. Verlangen kann man das nicht von ihm, aber es ist halt ein schöner Gedanke, dass ein Ministerpräsident ein wenig Würde hat.

Aber einer ist wirklich verantwortlich. Und das ist die gute Nachricht: Die politische Karriere von Mike Mohring wurde am 5. Februar 2020 beendet. Falls die Bundesparteien CDU und FDP, die das richtige Empfinden für die Stimmung im Land haben, sich durchsetzen, dann ist Mohring politisch abgeschafft. Das wird er nie mehr los, deshalb wird ihn der Politikbetrieb über kurz oder lang ausscheiden, nein: ausspeien.

Denn er hat das, wofür seine Partei doch steht, doch stehen will, mit Füßen getreten. Die FDP ist die FDP, aber die CDU, man mag sie mögen oder nicht, war doch immer staatstragend, sie stand doch immer für die Stabilität der Demokratie und damit des Landes. Ich habe damals, in gewisser Weise gegen meine Geschichte, Bernhard Vogel gewählt, weil ich dachte, eine Stabilität und ein Mann, der den Betrieb kennt, seien gut für das Land, ich hatte auch kein Problem mit Christine Lieberknecht. Aber ich hätte nie, nie, Mike Mohring gewählt. Weniger aus politischen als persönlichen Gründen. Der Mann erschien mir immer zu glatt.

Wer Politik macht, muss nach Macht streben, und niemand werfe den ersten Stein, weil ein anderer persönlichen Ehrgeiz hat. Aber es gibt eine Grenze, man möchte gern glauben, dass ein Politiker neben dem Wunsch nach Macht noch andere Gedanken pflegt. Nun weiß ich, warum ich Mohring das nie recht glauben konnte.

Nach der Wahl ein sachtes Zugehen auf Bodo Ramelow – und nun auf Björn Höcke. Wenn ein Beispiel für politische Heuchelei der ekelhaften Art benötigt wird, dann taugt dafür Mohrings dreiste Bemerkung, man sei schließlich nicht verantwortlich für das Wahlverhalten der Anderen. Man ist aber verantwortlich für ein Mindestmaß an politischer Verantwortung für das Land.

Sie reden, als hätten sie die Wahl von Honecker verhindern müssen, als hätte die MLPD in der Staatskanzlei residiert. Sie reden von der „Mauerschützen-Partei“ und kungeln als politische Heckenschützen mit Faschisten. Was da geschah, ist nach der Demokratie-Algebra korrekt – aber es ist eine Verhöhnung des Geistes der Demokratie und der Wähler. Und das alles war Mike Mohring egal, so groß war der Hass, der Neid auf einen populären Ministerpräsidenten, dem er nie das Wasser reichen konnte.

Es sei da, hieß es, nicht mit rechten Dingen zugegangen. Irgendwie schon, denn sie sind mit den Rechten gegangen. Und deshalb, denke ich, werden sie gehen müssen.

Henryk Goldberg

Thüringer Allgemeine | 08.02.2020

Bild oben: Landesdienstflagge Thüringen | © gemeinfrei

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