Der Gespensterzug von Erfurt – Thügida-Anhänger marschieren

Es ist diese Stimme. Sie wäre geeignet, Sportpaläste zu füllen. Sie wäre gern Volkes Stimme, aber sie ist nur völkisch. Mit aller Macht. Und das Volk hat es gemerkt und ist nicht gekommen.

In Greiz allerdings, da haben sie ihn in den Stadtrat gewählt, David Köckert für die NPD. Der Bürgermeister dort hat ihm den Handschlag verweigert. Und die Stadt Erfurt auch. „Erfurt, du hast es hinter dir! Eisenberg, du hast es vor dir!“, wird er am Ende dieses Tages brüllen. Menschen, die sich ihren Mitbürgern hilfreich an die Seite stellen wollen, klingen irgendwie anders.

Als dieser Abend beginnt, gegen 18 Uhr, da wirkt alles noch sehr entspannt. Die Polizisten, die die Neuwerkstraße flankieren, scheinen recht gelöst, ein Scherz hier, ein Grinsen da. Das sind die Leute, die sonst auf den Fußballplätzen Dienst tun, das ist ihr Beruf. Vielleicht kein sehr schöner, aber ein sehr notwendiger.

Sogar die Straßenbahn fährt noch.

Auch die schon aufgezogene Gegendemo in der Höhe der Sparkasse ist gut drauf. Nur Die Partei provoziert mit einem Plakat: „Mehr Sex mit Ausländern!“ Das werden die Beschützer des Abendlandes später wohl als unverhohlene Aufforderung zur Rassenschande verstehen müssen. So werden sie immerfort attackiert von den linken Fratzen, auf die sie später zu brüllen kommen werden.

Aber noch sind sie nicht da. Einige wenige stehen vor dem Haus Dacheröden, just unter jenem Schild, das an die Vermählung der Caroline vom Hause mit Wilhelm von Humboldt erinnert, die Besuche von Goethe und Schiller. Das ist, unterstellen wir einmal gutmütig, ihre Reverenz an die deutsche Kultur. Es wird nicht die einzige bleiben, auch deutsches Liedgut kommt vor.

Und wir stehen am alten Angerbrunnen, der seit 1890 vom Erfurter Bürgerfleiß kündet, und harren der Dinge, die da kommen sollen.

Sie kommen in Gestalt von jungen Männern, deren Plakate und Transparente von der Polizei kontrolliert werden. „Überfremdung“ ist nicht verboten, so wie die Fahnenfarben Schwarz-Weiß-Rot. Das Kruckenkreuz ist auch nicht verboten, aber es ist so schön ähnlich. Es ziert das Banner der „Europäischen Aktion“ auf dem Lkw, der jetzt langsam zum Angerbrunnen rollt. Vorne ein grünes Netz zum Schutz gegen anfliegende Steine, man kennt sich aus auf der Straße. T-Shirts, „Thüringer für Thüringen. Arnstadt“. Auch die „Division Thüringen“ ist anwesend. Division ist vielleicht etwas übertrieben, es reichte wohl gerade für eine Kompanie. Aber es gab Divisionen mit schönen Traditionsnamen, die hat ihnen das System verboten.

Die Companeros von der Gegenseite stehen und sitzen noch frohgemut, die Polizeikette ohne Helme zwischen sich und den Volksgenossen, auf den Straßenbahnschienen. In der ersten Reihe steht Wolfgang Beese, ein Stadtrat. Wenn die Polizei hier räumen will, was sie theoretisch müsste, um den genehmigten Weg der genehmigten Demonstration zu ermöglichen, dann wird das nicht gut aussehen.

20 Meter weiter vorn, in Richtung Angerbrunnen, wird sie es wohl tun. Da haben sich sieben junge Leute auf die Schienen gesetzt – und fünf Kommunikationsbeamte reden geduldig auf sie ein. Man wird sie von den Schienen tragen, das kostet Geld und eine Anzeige. Eine Beamtin ist besonders ausdauernd, besonders geduldig. Ein blondes Mädchen hört der Frau zu, dann dreht sie sich zum Angerbrunnen und ruft ihr „Alerta alerta, Antifascista!“. Die Inbrunst, mit der dieses Mädchen das schreit, hat etwas Anrührendes. Ich frage den Jungen neben ihr, warum sie nicht zu der großen Gruppe gehen, die wird man vielleicht nicht von der Straße tragen. „Es geht um Symbolik“, sagt er. Fünf Minuten später, das Ultimatum der Polizei läuft, stehen sie auf und gehen zu den anderen. So geht Deeskalation.

Die große Gruppe, über 300 wohl, wurde, Ordnung muss sein, inzwischen aufgefordert die Straße zu räumen. Und alle wissen, dass das nicht geschehen wird. Sie versperren den Rechten den genehmigten Weg – oder sie zwingen die Polizei zu einem Auftreten, das der Stadt nicht gut tut. Und der Demokratie auch nicht.

Aber den Rechten tut das Lied gut, das jetzt einer der ihren auf dem Lkw zur Gitarre singt, recht und schlecht, aber das ist egal. Nach den ersten Akkorden kommt Applaus, das Lied ist wohl immer dabei. „Sie nennen unsere Großväter Verbrecher“, tönt es über den Angerbrunnen, „aber die wahren Verbrecher, die sind sie.“ Was wohl ungefähr meint, dass die gegenwärtig Verantwortlichen deutlich schlimmer sind als die des Nationalsozialismus.

Das ist auch nicht verboten.

Nach dieser stimmungsvollen Introduktion kommt nun endlich der Hauptact, David Köckert. Zunächst liest er, sehr lustig, die Auflagen der Versammlungsbehörde vor. Manchmal unterbricht er die Vorlesung für ein heiteres Zwischenstück. „Irgendwie hat es Erfurt immer mit dem Nationalsozialismus, ist ja irre“, sagt er zum Beispiel. Dann ist er los von der Kette, dann tut er, was er am besten kann.

Er schreit. „Wir sind hier um zu sagen, dass es reicht!“ Das ist nicht die erhobene Stimme, die ein Redner benötigt unter freiem Himmel. Das ist ein einheizendes Peitschen, ein förderndes Dröhnen. Der Mann wird gehört und er ist auf seine Weise gut – aber nur für seinesgleichen.

Alerta, alerta, Antifascista! Das sind die Gegendemonstranten hörbar nicht, ihr gellendes Pfeifen, das „Alerta, alerta, Antifascista!“ mengt sich auch aus der Entfernung in Köckerts Ausführungen. Wobei, Ausführungen ist vielleicht nicht das trefflichste Wort dafür. Der Redner, der Schreier, ist gerade bei den „linken Gutmenschen-Fratzen“. „Da bin ich lieber“, ruft er, „ein …“, hier ahmt er eine Tonstörung nach, „als mir das Wort verbieten zu lassen.“

Das ihm verbotene Wort, das er nicht gebraucht, ist „Nazi“. Will sagen, er wird lieber Nazi genannt, als nicht zu sagen, was er denkt. Und wenn er sagt, was er denkt, dann nennt man ihn Neonazi. Und das ist genau das treffende Wort.

Jetzt ruft er den Alex auf den Wagen. Alexander Kurth, Gewalttäter, viereinhalb Jahre Gefängnis, er war unter anderem an einem Überfall auf Die Prinzen beteiligt. Jetzt steht er, ehemals NPD, für „Die Rechte“. Die Herren reichen sich demonstrativ die rechten Hände und halten die Pose einige Sekunden. Es ist ein bisschen wie auf diesem alten Parteizeichen, das einst die Versöhnung zweier Rivalen im geeinten Kampf symbolisieren sollte und eine Lüge war.

„Früher“, ruft Kurth, „hätte man solche Gestalten in einen Fluss geworfen!“ Er meint die gegenwärtigen Politiker, das ist auch nicht verboten. Doch, dieser Mann steht dafür, „dass der Deutsche wieder das Maul aufmacht!“. Schließlich noch Peter aus Nordhessen. Peter „liebt es, weil ich deutsch bin, ein Deutscher zu sein.“ Und Peter weiß: „70 Jahre hat das Schicksal den heutigen Machthabern zugemessen. Es reicht.“ Und, natürlich, die „Holocaust-Zwangsjacke“. Das ist auch nicht verboten. Applaus.

„Uns gehört die Straße!“, brüllt Köckert, aber das stimmt so nicht ganz. Der LKW schafft vielleicht 20 Meter. Die Gegendemonstranten halten die Stellung. „Wir sind die Mauer, das Volk muss weg!“, skandieren sie, eine hübsche Erfindung. Und meinen das völkische Volk.

Die Polizei fordert zum dritten Mal die Straße zu räumen und jeder weiß: das wird nicht geschehen. Manche pusten Seifenblasen in die Luft.

Wenn die Polizeiführung jetzt streng nach dem Buchstaben entscheidet, dann muss sie räumen lassen. Dann haben die Neonazis gewonnen, in jeder Hinsicht. Dann haben einige 100 junge Menschen noch ein Stück mehr Vertrauen in diese Demokratie verloren. Das ist wohl abzuwägen gegen das Interesse jener, die diese Demokratie abschaffen wollen.

Sie entscheiden richtig.

Nach einer Weile macht der Block der Neonazis kehrt. Der LKW rangiert in die andere Richtung. Man hat ihnen wohl gesagt, es ginge da lang oder gar nicht.

Jetzt singt Heino Deutschland, Deutschland über alles, das ist auch nicht verboten. Und dann geht es los.

Und das ist das eigentliche Erlebnis dieses Tages für mich. Mit diesem Gespensterzug durch das dunkle Erfurt. In dieser Stunde war ich dankbar, dass die Polizei kräftige Männer ausbildet und ihnen Helme aufsetzt. In dieser Stunde wurde ich davon überzeugt, dass man die NPD, jenseits der juristischen Probleme, verbieten muss. Damit das von der Straße kommt. Diese Stunde war auch eine Lehrstunde darüber, was das wirklich ist. Wenn das in deutsche Parlamente und gar Regierungen darf, dann stimmt etwas nicht.

Es geht durch die Regierungsstraße, vorbei an der Staatskanzlei. Jemand hängt in diesem Augenblick demonstrativ eine Europafahne aus dem Fenster. Und Köckert, der mit dem Mikro in der Hand neben dem LKW läuft und für die Dauerbeschallung sorgt, brüllt: „Eines Tages werden wir da oben sitzen und du wirst nicht hier unten laufen!“ Das gilt dem gewählten Ministerpräsidenten Bodo Ramelow .

Das ist auch nicht verboten.

Als sie damals in Berlin und in ganz Deutschland da oben saßen, da liefen in der Tat keine Linken und überhaupt keine Nichtbraunen mehr auf den Straßen.

Die wurden untergebracht in Anlagen wie die auf dem Ettersberg bei Weimar.

Ein Haufen aggressiver Neonazis

Köckert läuft mit seiner Mikrofon-Peitsche neben dem Wagen, die Polizei flankiert den Zug und sichert die Nebenstraßen ab gegen die Demonstranten, es bleibt ruhig. Der LKW an der Spitze lügt mit dem Banner „Wir sind das Volk“. Manchmal schreien sie es auch, aber es stimmt sichtbar nicht.

Das ist nicht Leipzig und nicht Dresden, das ist nicht einmal die Ulan-Bator-Straße in Erfurt. Das hier ist nur ein Haufen aggressiver Neonazis, das ist der harte Kern der Bewegung, der sich nicht einmal mehr bürgerlich tarnt. Das ist der Mob. „Thüringen ist bunt“, brüllt Köckert, „da gehört auch die bunte Farbe braun dazu!“

Das ist auch nicht verboten. Und je länger es dauert, so aufgeheizter wird dieser Zug durch die Dunkelheit. Es wirkt beinahe surreal, beinahe wie ein Film. Aber es ist Wirklichkeit, Erfurt, 13. April 2015.

„Die Straße frei der deutschen Jugend!“ Und „Nieder mit der roten Pest!“ Und „Diese wunderschöne Kreuzfahrt nach Lampedusa“. Und vom „Züchten einer eurasisch-negroiden Mischrasse.“

Das ist alles nicht verboten.

Als der Zug über den leeren Gagarin-Ring zieht, vorbei an dem chinesischen Restaurant, stehen zwei Frauen mit asiatischen Gesichtszügen nebeneinander am Fenster und beobachten die Szenerie. Was mögen sie denken? Was mögen sie fühlen?

Man muss das einmal erlebt haben. Nicht, um zu demonstrieren, nicht um zu pfeifen. Nein, um zu sehen, was das ist, um zu hören, was das brüllt.

Und Köckert brüllt „Pegida wird Schild und Schwert des deutschen Volkes.“ Aber nein. Denn das ist nicht Pegida, da sind keine Bürger, die nur mitlaufen. Das sind nur Neonazis. Das ist nur widerlich. Und im Übrigen ist diese Geschichte von Schild und Schwert schon einmal schiefgegangen, bei den anderen. Aber Sinn für Pathos haben sie alle.

Dann sind wir wieder am Angerbrunnen. „Sie müssen uns dieses Land“, brüllt Köckert, aus den toten, kalten Fingern reißen!“ Aber sie haben es nicht in ihren Fingern, dieses Land. Aber sie schreien sich Mut zu wie das letzte Aufgebot.

Dann spielen sie noch ein Video ab. Es befasst sich mit den Plänen der USA zur Züchtung eines europäischen Mischvolkes mit hellbrauner Hautfarbe und einem IQ von höchstens 90 (was übrigens für manchen Teilnehmer ein deutlicher Zugewinn sein könnte). Dieser Plan musste einmal enthüllt werden und er wird es immer wieder, so wie die Pläne der Weisen von Zion.

In Dresden und Leipzig mischten sich Nazis unter die Demonstranten. Hier blieben sie unter sich und das ist gut so.

Aber das muss weg.

 

Henryk Goldberg / 15.04.15 / TA

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