Wie das Fernsehen Moderatoren zu großen, kleinen Welterklärern macht: Jüngstes Beispiel: Artes Vierteiler „Kunst lieben, Kunst hassen“

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An die Hand genommen

Fernsehen braucht Bilder, Fernsehen braucht aber noch viel dringender Gesichter. Sprechende Gesichter, die komplizierte Sachverhalte auf einfache Formeln bringen, dabei ein gewisses Maß an Grundsympathie verströmen, selbst über hässliche Dinge mit gleichbleibender Munterkeit sprechen und selbst nicht so alt und verbraucht sind wie ein Großteil ihrer mutmaßlichen Zuschauer. Das Ergebnis dieses ständigen Ausleseprozesses sind Moderatoren oder Reporterinnen, die das Publikum an die Hand nehmen und diese Hand so schnell auch nicht mehr loslassen. Der Zuschauer könnte verloren gehen, könnte orientierungslos bleiben im Dickicht der mehrdeutigen Bilder und widersprüchlichen Meinungen.

So geht das den lieben Fernseh-Tag lang. Wenn eine Sendung sich dem Ende entgegen neigt, dann wird der Staffelstab von einem Moderator zur nächsten Moderatorin weitergereicht. Mann oder Frau erkundigen sich interessiert, was der/die andere in der nachfolgenden Sendung zu vermelden hat. Da in dieser Art von Gesichter-Fernsehen alle Moderatoren von einem Senderstamm sind, wird der Einfachheit der andere gleich beim Vorname angesprochen und – besser noch – geduzt. Womit nebenbei mal wieder bewiesen wäre, dass das Fernsehen eine große Familie ist.

Das Motto „Bilder sind beliebig und flüchtig, Gesichter sind unverwechselbar und bleiben“ gilt übrigens für alle Sender. Nicht nur für die Großen. Auch ein Quotenzwerg wie der Kultursender Arte verfährt nach diesem Prinzip. Dort darf eine festangestellte Mitarbeiterin nicht nur bei den Salzburger Festspielen den Pausenclown spielen und „Maestro“ Barenboim lauter ehrfurchtsvolle Fragen stellen. Nein, die gleiche Annette Gerlach sagt haufenweise Filmklassiker an. In der gleichen aufgedonnerten Manier wie in der Oper und in einer Sprache, die bei aller Unfallfreiheit doch eine tiefe Fremdheit zum cineastischen Sujet erkennen lässt, das gleich auf dem Bildschirm zu sehen sein wird.

Auch die sogenannten Kino-Legenden, die als eine Mischung aus klassischem Ansager und Vorkoster der Ausstrahlung von Spielfilmen zuweilen vorgeschaltet sind, machen die Sache nicht besser. All diese Auftritte zeugen von einem tiefen Misstrauen gegen die Bilder, gegen das nur ein mediales Nudging hilft, wie es Frau Merkel in der Politik so unerträglich gut beherrscht: Hier ein kleiner Schubs, dort eine witzige Anekdote – und der Wähler wird zu einem politisch korrekteren Menschen oder im anderen Fall bleibt er als Zuschauer für die nächsten 90 Minuten hoffentlich bei der Stange. Auch ohne fürsorgliche Anleitung durch eine Nanny.

Wie weit das Fernsehen das Prinzip einer Dauer-Moderation treiben kann, davon legt im WDR seit ein paar Jahren die „Service-Zeit“ beredtes Zeugnis ab. Der Sender hat sich im Dritten Programm mit der gelernten Hauswirtschaftsmeisterin Yvonne Willicks eine große „Haushaltsscheckerin“ zugelegt, der keine Aufgabe zu schwer und kein Thema zu abseitig ist, um sich nicht mit ewig gleich lächelnder Furchtlosigkeit auf den Weg zu machen. Die Kandidaten, ob es nun Schuhe, Küchenmaschinen oder Mogelpackungen im Supermarkt sind, müssen sich auf eine gnadenlose Evaluierung gefasst machen. Das schnitttechnische Prinzip dieser Sendungen ist immer gleich. Die Kamera wechselt zwischen dem in Frage gestellten Produkt, seinem Hersteller oder Verkäufer und der Frau vom Fernsehen, die mit penetranter Aufgeregtheit den nächsten Pseudo-Skandal aufdeckt. Und sei es zum gefühlt hundertsten Mal die Abzocke der Verbraucher durch undurchsichtige Haltbarkeitsdaten und Verfallsfristen. Was zwischen Schuhen und Schweißfüßen – auch das ein Thema – dauerhaft als Eindruck bleibt, ist Frau Willicks selbst, die mit unverkennbarem Ruhrgebietsdialekt stets das letzte Wort behält. Wenn nicht als Außenreporterin, dann als Studio-Gastgeberin.

Arte treibt die Willicksierung des Programms nun auf eine neue Spitze, wenn es die Sphäre des Kunstmarkts, seiner Messen, Museen, Künstler und Galerien mit dieser Methode angeht und auf diesem Weise dem Zusammenhang von Kapital und Kunst auf die Spur kommen will. Der Titel der gerade angelaufenen vierteiligen Reihe spricht Bände: „Kunst lieben, Kunst hassen“. Einerseits, andererseits. Die Akzentverschiebung im Vergleich zum Titel der durchaus lesenswerten Buchveröffentlichung ist unübersehbar. Nicole Zepters Polemik heißt im Original „Kunst hassen“. Erst im Untertitel folgt dann einschränkend „Eine enttäuschte Liebe“. Das Buch ist ungefähr zur gleichen Zeit wie Georg Seeßlens / Markus Metz schwergewichtiger Band „Kunst frisst Geld, Geld frisst Kunst“ auf den Markt gekommen, und gibt in populärer Fassung dem mittlerweile verbreiteten Unbehagen über die Geldexplosion auf dem Kunstmarkt Ausdruck.

Nicole Zepter hat sich in die Hände der durchaus renommierten Hamburger Filmfirma media luna begeben und irgendjemand muss der jungen Frau dann eingeredet haben, sie habe das Zeug zur investigativen Reporterin. Das Ergebnis ist ein Film, bei dem der Gegenstand in den Hintergrund tritt und der Raum für die Berichterstatterin immer breiter wird. Nicole Zepter findet sichtlich Gefallen an ihrer neuen, ungewohnten Rolle – und scheitert. Sie gleitet durch die Räumlichkeiten der Berliner Galerien, stellt inquisitorisch einfache Fragen, kommentiert im Abgang kurz und bündig die Antworten, leitet buchstäblich im Zeitraffertempo über zur nächsten Location, hetzt mit müden Waden zum nächsten Galeristen und lässt sich in der BMW-Shuttlelimousine aus Berlin-Mitte zum alten Tempelhofer Flughafen chauffieren. Sie charmiert den Gastgeber, darf aber doch nicht mit zum Kunst-Dinner. Die Gäste wollen „eine gewisse Privatsphäre“ haben, erklärt der Veranstalter leicht gespreizt. Nicole Zepter lässt sich damit abspeisen und macht sich auf zur nächsten Station, um die abgründig tiefe Frage zu stellen: Gibt es zu viel banale Kunst? Jein, meint der befragte Galerist und spricht lieber von „zu viel Oberflächen.“ Frau Zipfel wertet dieses verbale Ausweichmanöver anschließend als „wohltuend offenes Wort“.

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Um dem Film (Regie: Nicole Graef) Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen: Es ist erstaunlich, wie viele erhellende, oft unfreiwillig komische Antworten Nicole Zepter auf ihre mädelhaft vorgetragenen Fragen erhält. Der junge Künstler etwa, der mit der Möglichkeit einer „Implosion des Kunstmarkts“ konfrontiert wird. Einen Moment lang kokettiert er mit der Idee eines völligen Zusammenbruchs: „Das wäre spannend, vielleicht werde ich dann Biobauer.“ Oder lieber doch nicht? Wie der Jung-Galerist, der vor nicht allzu langer Zeit so sehr mit dem Rücken an der Wand stand, dass er im Fall von Nicht-Verkauf auf einer großen Messe „den Laden dicht machen wollte.“ Aber dann die wundersame Wendung: „Einer meiner Künstler hat sich wirklich gut entwickelt.“ Und ihm den Kopf gerettet. Jedenfalls fürs Erste.

Das O-Ton-Material für einen spannenden Essayfilm liegt vor. Aber der Sender hat sich für die vermeintlich populärere Variante entschieden, zumal bei einem Sendeplatz am frühen Sonntagnachmittag. Es hat die Autorin zur Reporterin gemacht. Zur Kommentatorin ihrer selbst und Hauptdarstellerin, die vor Übermut sogar der Kamera entwischt. Bei diesem eisernen Willen, den Zuschauer ja nicht zu überfordern, bleibt alles auf der Strecke, was an wirklicher Brisanz in diesem Thema steckt.

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Zepter eine „verrenkte Gestik“ und „Mädchenködelstimme“ vorzuhalten, wie es Evelyn Roll in der Süddeutschen getan hat, ist gewiss nicht ganz falsch. Aber diese Vorwürfe zeugen doch von einer partiellen Blindheit für die Kamera-Leistungen von Rolls eigenen KollegInnen in München bei der Süddeutschen Zeitung. Über deren tägliche Videokolumne zu sprechen, dazu reichen die Werkzeuge eines Kritikers nicht mehr aus, da hilft nur noch Satire. Ein Wirtschafts-Ressortleiter, der wie eine Loriot-Gestalt mit verkniffenen Augen spricht, eine Filmredakteurin, die sich schon bei den ersten Ansätzen zu freier Rede vergaloppiert.

Man sieht, auch die klassischen Zeitungen bleiben vom selbstauferlegten Zwang zur Personifizierung und Visualisierung der Dinge nicht verschont. Das tiefe Misstrauen gegenüber der Rezeptionsfähigkeit des Zuschauers, das das Fernsehen schon lange kultiviert, hat im Print-Bereich längst auch die Leitmedien erfasst.

Michael André

 

Kunst lieben, Kunst hassen

Doku-Reihe auf ARTE

auch als Wiederholung sowie in der Arte-Mediathek

Kunst lieben, Kunst hassen 

… in Galerien

… auf dem Kunstmarkt

… in Museen

… bei Künstlern

… bei Künstlern

 

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