Pussy-Riot-Musikerinnen über Russland (Ein Interview)

Pussy_Riot_330„Wir sind umzingelt von neuen Gesetzen“

Seit einigen Wochen sind zwei Mitglieder von Pussy Riot auf Tour im Westen, nutzen internationale Netzwerke und diskutieren über politische und feministische Strategien.

Pussy Riot ist die erste Künstlerinnengruppe in Russland, die Jugendkultur, Popkultur, Feminismus und Politik in ihren Performances miteinander verschmilzt. Zwei von ihnen, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, wurden wegen „Hooligantums“ zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Die Gruppe hatte am 21. Februar 2012 in einer orthodoxen Kirche in Moskau ein regierungskritisches „Punkgebet“ aufgeführt. Die Verhaftung und Verurteilung löste weltweit Protest aus. Die beiden in Berlin Interviewten geben aus Sicherheitsgründen ihre Identität nicht Preis.

Ines Kappert sprach mit den zwei Musikerinnen in Berlin:

Ines Kappert: Habt ihr damit gerechnet, dass ihr womöglich ins Gefängnis müsst, wenn ihr euer „Punkgebet“ in einer Kirche aufführt?

Pussy Riot: Nein. Wir wussten natürlich, dass das nicht allen gefallen wird. Aber da nie jemand bei unseren Aktionen zu Schaden gekommen ist, kam diese Härte völlig überraschend. Solche „Einbrüche“ in den öffentlichen Raum wurden bislang als Ordnungswidrigkeiten behandelt. Dafür gab es kleine Geldstrafen.

Hat die Reaktion etwas mit den neuen Protesten in Russland zu tun?

Auch. Aber vor allem ist Russland ein machistisches Land mit einem sehr chauvinistischen Anführer. Wenn da eine feministische Gruppe auftaucht und das System kritisiert – Putin selbst interessiert uns ja nicht so –, dann erschrecken er und seine Entourage natürlich.

Aber ihr seid doch nicht die ersten Feministinnen in Russland.

Natürlich haben wir hier feministische Künstlerinnen, auch Punkmusikerinnen. Aber wir sind die ersten, die Feminismus, Politik und Kunst miteinander verbinden und unsere Videos auf Youtube posten und damit viele erreichen. Das ist neu. Und in Russland hat man inzwischen ein grosses Problem mit aktiven Frauen. Einerseits werden wir zunehmend unterdrückt, andererseits schreibt man uns eine grosse Kraft zu. Deshalb muss man uns bei jeder Abweichung auf unseren Platz verweisen.

Wer unterstützt euch in Russland?

Wir sind in so vielen Bereichen aktiv, Kunst, Musik, Protest, dass ganz verschiedene Leute etwas bei uns finden. Es gibt auch einige Geistliche, die uns unterstützen… Und dann einzelne Bürger, die von den Entwicklungen schockiert sind, und natürlich andere AktivistInnen.

Und nationale Protestgrössen wie der Jurist und Blogger Alexej Nawalny – unterstützt er euch?

Nein. Unsere Aktion auf dem Roten Platz in Moskau, «Putin hat Schiss», fand er gut, aber mit dem «Punkgebet» hatte er Schwierigkeiten. Das war zu nonkonform. Ausserdem lehnen wir Nationalismus strikt ab, und Nawalny hat sich mit rechten Gruppen verbrüdert. Nationalismus ist eine Trennlinie unter den Regimekritikern. Und von wegen Alter: Gerade die jungen Nationalisten gehen am schärfsten gegen Leute wie uns vor.

Könnt ihr bei Frauen mit etwas mehr Solidarität rechnen?

Wir zählen uns zum Third-Wave-Feminismus. Das biologische Geschlecht ist für uns nicht wichtig, sondern die politische Haltung. Im Moment bringen gerade Frauen im Parlament Vorschläge ein, die die Situation von Frauen verschlechtern. Das Abtreibungsgesetz ist massiv verschärft worden. Eine aktuelle Initiative zielt darauf, dass die Familie drei Kinder haben muss und Frauen, die bis zu ihrem 23. Lebensjahr noch kein Kind geboren haben, Strafe zahlen sollen. Wegen der vielen Probleme in Russland wird die Familie neuerdings für heilig erklärt.

Wenn das biologische Geschlecht nicht im Vordergrund steht, warum seid ihr dann eine reine Frauengruppe?

Sobald in unserem Land ein Mann auftaucht, schreiben ihm die Leute eine Führungsrolle zu. Sofort würden alle denken, wir wären «seine» Mädchen.

Was ist jetzt eure Strategie?

Solange zwei von uns noch inhaftiert sind, können wir keine Performances mehr machen. Das wäre zu gefährlich für sie. Ausserdem wurden jetzt lauter Gesetze verabschiedet, die sich direkt gegen uns wenden. Das Vermummungsgesetz wurde verschärft: Bunte Hasskappen zu tragen, ist nun verboten. Die religiösen Gefühle der Orthodoxen zu verletzen: verboten. Wenn du in deinem Blog schreibst, Gott gibt es nicht und Schwulsein ist ok, machst du dich strafbar. Auch das Gesetz in Sachen Hochverrat verschärft. Wir sind umzingelt von neuen Gesetzen.

Wie also macht ihr weiter?

Erstmal auf juristischem Weg. Wir klagen gegen das Urteil vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Ausserdem gab es beim Urteil so viele Verfahrensfehler, dass wir gute Chancen haben müssten, dass es schon aus formalen Gründen aufgehoben wird. Dann haben wir noch einen Fonds gegründet, um Feministinnen in Russland finanziell zu unterstützen.

Was haltet ihr von den Performances von Femen?

Wir verfolgen ihre Aktionen. Aber wir setzen gerade nicht auf Enthüllung, sondern auf Verhüllung. Und zwar nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch weil wir gegen die Vermarktung des weiblichen Gesichts und Körpers sind.

Und tragt doch auch hautenge Kleider.

Bei uns entscheidet jede Frau selbst, wie sie ihren Körper zeigen möchte. Den Zwang, seinen Busen zu entblössen, wie bei Femen, lehnen wir ab. Wir lehnen Uniformierung ab. Aber klar, jeder soll sehen, dass wir junge Frauen sind, aber eben queere Frauen, die sich nicht in die Schubladen „männlich“ oder „weiblich“ sortieren lassen.

Welche Rolle spielt Kapitalismuskritik für euch?

Für uns gehören Feminismus und Kapitalismuskritik zusammen. Früher hat sich niemand über Arztrechnungen Gedanken gemacht, die Versorgung war gut und kostenlos. Jetzt überlege ich mir dreimal, ob ich mir einen Arzt leisten kann. Das gleiche gilt für das Bildungssystem und für die Stellung der Frau. Die war in der Sowjetunion nicht gut, aber viel besser als jetzt.

Woher kommt dieser Backlash?

Sobald die Liberalen oder Linken sich entspannen und denken, ihnen kann nichts mehr passieren, verlieren sie das eroberte Terrain wieder. Das gilt nicht nur für Russland, auch in den USA steht in manchen Staaten das Recht auf Abtreibung unter Beschuss. Deswegen ist es so wichtig, weiter zu kämpfen. Wir können uns nicht ausruhen. Wir müssen das Erbe sichern, aber unsere Generation hat das noch nicht verstanden. Sexismus ist ein lebendiger Mechanismus, weltweit.

Was wünscht ihr euch von euren internationalen UnterstützerInnen?

Dass unsere Themen weiterentwickelt werden. In London erschien gerade «Let’s Start a Pussy Riot» bei Rough Trade mit Beiträgen von mehr als sechzig Künstlerinnen. Eine der wichtigsten Erfahrungen unserer Tour war, dass wir viele Probleme gemeinsam haben. Wir wünschen uns, dass ein riesiges Netzwerk entsteht. Wir dürfen nicht nachlassen! Wir dürfen die nicht vergessen, die für unsere Rechte gekämpft haben! Und auch nicht, dass Nadeschda und Marija noch im Gefängnis sind.

Interview: Ines Kappert,  WOZ, 12.07.2013

Foto im  teaser: Pussy Riot, © Ines Kappert

Foto oben: CC BY-SA 3.0  Игорь Мухин

 

 

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