Postfeministische Selbstgespräche

AundE330Unser Feuilleton hat großen Spass am Geschlechter-Populismus

Nur eine Chefredakteurin weit und breit und auch so gut wie keine Ressortleiterinnen: Auf den Chefsesseln der überregionalen Qualitätsblätter nehmen Männer Platz. Und die Kultur? Sie bedient das System. Journalistinnen werden bis heute die lukrativen und prestigeträchtigen Posten im Zeitungswesen vorenthalten. Schon beim Überfliegen der Redaktionsverzeichnisse sticht diese strukturelle Benachteiligung ins Auge.

Aber es gibt auch ein inhaltliches Argument gegen die andauernde Chefauswahl in der Zeitungsbranche und auch in den Kulturredaktionen. Damit wären wir beim Postfeminismus – und müssen ein wenig ausholen: Sieht man sich die feuilletonistischen Großdebatten in Sachen Geschlechterverhältnisse der letzten zehn Jahre an, dann findet sich um das Jahr 2000 ganz oben auf der Agenda der „Mann in der Krise“ und seine „Degradierung zum Zahlvater“. Allen voran der damalige Leiter des Spiegel-Feuilletons Matthias Matussek wartete mit Thesen von der „vaterlosen Gesellschaft“ auf. In Deutschland, wo Mütter und Frauen haltlos privilegiert würden, seien Väter zu Verlierern geworden. Nun endlich begehrten sie auf. „Der Feminismus“, so bewirbt der Journalist seine Abhandlung, „hat sich totgesiegt. Andererseits gibt es Nachholbedarf. Wenn ich an die vielen Männer denke, die zu meinen Lesungen zu meinem Buch Die vaterlose Gesellschaft gekommen sind, denke ich an Opfer eines Scheidungs- und Unterhaltssystems, das sie von ihren Kindern fernhält und sie zu Zahlvätern degradiert hat. Haben wir die Gleichberechtigung erreicht? Ich kämpfe um meine Gleichberechtigung, jeden Tag neu. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages erreicht ist.“

Vom Vorzug, Opfer zu sein

Nicht nur Matussek wickelt „den“ Feminismus ab, indem er ihn beleglos für selbstmörderisch erfolgreich erklärt, stilisiert „den“ Mann pathetisch zum Opfer schlechthin und sich selbst zum zeitgemäßen Kämpfer für seine Rechte auf Gleichbehandlung. Auch andere bestallte Feuilletonisten sahen schon ein paar Jahre zuvor den Mann als „Sträfling in den Steinbrüchen des großen abendländischen Unglücks.“ Dieses Zitat stammt von Thomas Steinfeld, er leitet gemeinsam mit Andrian Kreye die Kulturredaktion der Süddeutschen Zeitung.

In der Mitte der Nullerjahre entzündete dann die kinderlose Akademikerin die Wut der Kulturredakteure. An vorderster Front stand der FAZ-Herausgeber und Leiter des Feuilletons, Frank Schirrmacher, mit seinem Bestseller Minimum (2006). Nachdem sich die Erregung um die vermeintliche Männerdämmerung etwas gelegt hatte, sorgte die aussterbende deutsche Gesellschaft für feuilletonistischen Trommelwirbel. Schirrmacher macht sich auf, die Familie zu retten und schreibt der Frau qua Biologie eine unersetzliche Fürsorgekompetenz zu – definiere sie sich über ihren Beruf, verrohe die Gesellschaft. Die Frau, sie sei der „Kitt der Gesellschaft“ und die kinderlose Akademikerin folglich ein fundamentaler Angriff auf die Errungenschaften der Aufklärung. Elke Buhrs Antwort in der Frankfurter Rundschau: „Gestatten, Frau und Gebärmutter. Ich bin hier der soziale Kitt, wo kann ich mich hinkleben?“

Mit Einbruch der Finanzkrise zwei Jahre später packten die Feuilletonisten den Opfer-Mann und die ihnen so unbehagliche Karrierefrau wieder in die Schublade, denn nun traten Manager ins Rampenlicht, die so gar nicht ins Bild vom unterjochten Geschlechtsgenossen passten. Die „Gier der Manager“ wurde stattdessen zum geflügelten Wort, und dominante Männlichkeit findet sich wieder mit Aggressivität assoziiert. Trotzdem kann der Populismus von der starken Frau und dem schwachen Mann jederzeit reaktiviert werden.

Im Geschlechter-Zirkus

In diesem Frühjahr fanden sich allerorts sehr zu Recht kritische Besprechungen des hanebüchenen Bestsellers von Hanna Rosin Das Ende der Männer. Und: Der Aufstieg der Frauen (2013). Doch warum wird dieser Behauptung vom „Ende Männer“, das nun „den Frauen“ zugutekäme, überhaupt so viel Aufmerksamkeit geschenkt? Immerhin hält sie nicht einmal einer flüchtigen soziologischen Prüfung stand. Doch sie lässt sich in ein Muster einsortieren, das ein Feuilleton, das flächendeckend von konservativen Redakteuren geleitet wird, bevorzugt: den Geschlechterkampf. Mann versus Frau, das ist die Basis des Postfeminismus und auch des Krisendiskurses Mann und immer bedeutet sie: Soziologisches Basisbesteck wird mit Verachtung gestraft.

Natürlich gibt es in Deutschland männliche Verlierer. Das sind aber nicht die von den Redakteuren und ihren LieblingsautorInnen beschriebenen Mittelschichtsmänner, sondern schlecht qualifizierte, häufig erwerbslose Männer zumal in den neuen Bundesländern und vielfach auch junge Männer mit so genanntem Migrationshintergrund. Die viel gescholtene und als Bedrohung wahrgenommene Karrierefrau ist nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung, die meisten Frauen in Deutschland arbeiten Teilzeit oder in Minijobs, Tendenz steigend. Die pauschalisierende Rede von Männern und Frauen per se ist damit eine hochideologische Angelegenheit, die es strikt vermeidet, das kulturelle Geschlecht in Verbindung mit Herkunft, finanziellen Ressourcen, kulturellem und erotischem Kapital zu thematisieren. Dies es also vermeidet, die Dynamiken der Machtverteilung zu analysieren. Und stattdessen lieber von Frauen und Männern faselt. Die genannten Feuilletonchefs gemeinsam mit den von ihnen angeheuerten AutorInnen stehen für diese vermiedene Gesellschaftsanalyse.

Entsprechend schütter fiel auch jüngst die so genannte Sexismusdebatte aus, die keine war. So richtig etwa der Leiter des Kulturteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung feststellte, dass es bei Sexismus immer um Macht geht, so sehr bemühte sich Claudius Seidel darum, der in seinen Augen frechen und unprofessionellen Stern-Journalistin die Verantwortung für Rainer Brüderles Übergriffigkeit anzulasten. Jetzt könnte man argumentieren, dass immerhin Alice Schwarzer im FAZ-Feuilleton mit einem vernünftig-biederen Beitrag zu Wort kam, ist das nichts? Es ist zu wenig und es ist ein Problem. Denn Schwarzer ist Teil und Nutznießerin des faden Rituals, feministische Debatten zu deckeln, indem man Talkshowgäste zu Stammhaltern von sozialen Bewegungen stilisiert – und niemand anderes zu Wort kommen lässt. So umgingen alle Feuilletons eine strukturelle Analyse vom Alltagssexismus, kein einziges befragte WissenschaftlerInnen zu dieser Form der sexualisierten Machtausübung. Die aber kamen zu einem bemerkenswerten Befund.

Handwerk der Ablenkung

Im Rahmen einer Untersuchung wurden Studentinnen der Universität Bielefeld 2009 in eine Chatsituation mit einem Kommilitonen gebracht, die sie für echt hielten, die aber de facto simuliert war. Vorweg gaben alle Frauen zu Protokoll, sich im Falle sexistischer Anmache zur Wehr zu setzen. Doch nur eine von 78 Teilnehmerinnen brach den Chat tatsächlich ab, alle anderen ließen wiederholte Bemerkungen wie „Bei deinem Anblick wird meine Hose mir echt zu eng“ wortlos über sich ergehen. Auch diese optimistische Selbstüberschätzung vieler Frauen gehört zu einer Gesellschaft, die feministische Analysen für heute unnötig erklärt und den Mann als Problemkind einer frauendominierten Welt in den Mittelpunkt rückt. Die Feuilletons befördern dieses Ablenkungsmanöver von tatsächlichen Machtverhältnissen massiv. Siehe oben.

Insofern bräuchte es nicht nur eine Quote, die auch Redakteurinnen Aufstiegsmöglichkeiten garantiert, sondern gemeinsam mit dieser Maßnahme wären KulturredakteurInnen nötig, die sich (wieder) trauen, Machtfragen stellen und so das postfeministische Selbstgespräch der derzeitigen MeinungsmacherInnen unterbrechen.

Ines Kappert, in Frauenrat 3/2013

Bild: Adam und Eva (Maarten van Heemskerck, Musée des Beaux-Arts de Strasbourg, 1550CC BY-SA 3.0 Ji-Elle

Quelle

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