Ein Fehler weniger (Baustopp für Berliner Stadtschloß)

Der Baustopp als Chance für das Zentrum der Hauptstadt: Am Schlossplatz könnte Berlin einiges wieder gutmachen, was es anderswo an urbanen Chancen vergeben hat

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet eine bürgerliche Koalition einem Bau den Todesstoß verpasst hat, von dem sie sich ideologische Rückversicherung erhoffte. Den ikonoklastischen Furor, der am Berliner Schlossplatz seit Kriegsende herrschte, macht das nicht ungeschehen – zuletzt wurde hier der Palast der Republik dem Erdboden gleich gemacht.

Aber das schwarz-gelbe Sparverdikt könnte womöglich verhindern, dass die Republik in eine schauderhafte Retrofalle tappt: dass die Zwingburg der Hohenzollern so ungebrochen wieder ersteht, wie das der preisgekrönte Bau des italienischen Architekten Franco Stella vorsah – ein Dokument architektonischer Einfallslosigkeit ohne den leisesten Anflug von Ironie, ohne eine Ahnung von Zukunft.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet eine bürgerliche Koalition einem Bau den Todesstoß verpasste, von dem sie sich eigentlich ideologische Rückversicherung erhoffte. Der Sparbeschluss der Bundesregierung macht den ikonoklastischen Furor, der sich am Berliner Schlossplatz seit Kriegsende austobte, zwar nicht ungeschehen: Erst wurde 1950 das Schloss, dann der Palast der Republik dem Erdboden gleich gemacht. Aber das schwarz-gelbe Sparverdikt könnte womöglich verhindern, dass die Republik in die schauderhafte Retrofalle tappt, die Erich Honeckers zu Fall gebrachten Lampenladen folgen soll: Dass die Zwingburg der Hohenzollern so ungebrochen wieder ersteht, wie das der preisgekrönte Bau des italienischen Architekten Franco Stella vorsah – ein Dokument der architektonischen Einfallslosigkeit ohne den leisesten Anflug von Ironie, ohne eine Ahnung von Zukunft. Und der vielbeschworene „Dialog der Weltkulturen“ hinter falschen Barockfassaden stattfinden muss. Es hatte immer etwas Groteskes, zu glauben, dass man eine neue Interkulturalität in einem Gehäuse würde aus der Taufe heben können, das derart vom Geist des Misstrauens gegen die Moderne beseelt war. Das Humboldt-Forum im Fake-Schloss war von Anfang an eine Mésalliance aus Retorten-Royalismus und bemühter Multikultur.

Dass sein Bau bloß ein paar Jahre verschoben wird, glaubt wahrscheinlich nur noch Hermann Parzinger, der Präsident der federführenden Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Denn der Aufschub wird die ohnehin schwach ausgeprägten Sympathien des Volkes für das Schloss weiter sinken lassen. Das kulturpolitische „Armutszeugnis“, als das die Entscheidung jetzt überall beklagt wird, ist sie aber mitnichten. Denn so lange so gut wie Berlin, diese „Doppelstadt ohne Mittelpunkt, verwahrlost und arm“, wie es der Kunstkritiker Karl Scheffler schon 1910 formulierte, wie diese Stadt also ohne Stadtmitte ausgekommen ist, so wenig braucht die föderale Republik eine Zitadelle der Zentralidentität, die am Schlossplatz ihren sinnfälligen Ausdruck fände. Auch das verkorkste Sammelsurium aus Bibliothek, ethnologischen Sammlungen und Relikten universitärer Wissenschaftsgeschichte, das dort unter dem Namen Humboldt-Forum zusammengepfercht werden sollte, diente zuvörderst kompensatorischen Zwecken: Der Nation selbst und dem Ausland an historisch belastetem Ort eine „Kompetenz in Weltverständnis“ (Hermann Parzinger) zu suggerieren, die erst noch entstehen muss. Dabei aber den Eindruck nie verdecken konnte, dass die Ethnophilie, die das Projekt befeuerte, zur neokolonialen Geste missriet.

Eine einmalige Chance also, die verfahrene Kiste radikal neu zu durchdenken. Am Schlossplatz könnte Berlin das gutmachen, was es am Potsdamer Platz an urbanen Chancen vergab. Neu zu verhandeln, was ein öffentlicher, was ein privater Raum zu sein hätte. Wo die Zivilgesellschaft an-, wo der Staat aufhört. Seit der Wende hat sich an der Spree mit mobilen Bauten, Spontan-und Zwischennutzungen eine Guerilla-Architektur entwickelt, die die Not der Beschränkung und das Vorläufige zur Tugend gemacht hat: das wäre die angemessene Ästhetik für finanzarme Zeiten wie diese. Ganz ohne historische Reminiszenzen müsste das Neue, Bewegliche das hier entstehen könnte, nicht auskommen. Doch den Pionieren des Provisoire fiele für das Schlossareal gewiss mehr ein, als ihn mit historischem Katzengold zu plombieren. Es muss ja kein Badeschiff sein. Auch die Wiese, die jetzt an Schlosses Stelle gähnt, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Und wenn schon Weltkulturen hier ihr Zeichen erhalten sollen, dann vielleicht in einer transportablen Arche Noah. Noch lieber wäre uns eine Bretterbude der klassenlosen Utopie. Wie viel angemessener stünde dieses Hoheitszeichen einer Stadt, deren Schicksal es in allen Festtagsreden ist, „immerfort zu werden und niemals zu sein“.

Text: Ingo Arend

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