Samuel Dashiell Hammett: Der Malteser Falke

<img class="size-full wp-image-11251 alignleft" title="Hammett.300" src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/06/Hammett.300.jpg" alt="" width="300" height=“413″ />Der Engel des „Ja, so ist es“

Vor 80 Jahren erschien „Der Malteser Falke“

Donnerstag. 26. März 1953, Senat der Vereinigten Staaten, Ständiger Unterausschuss des Senats für Ermittlungen über unamerikanische Umtriebe (HUAC), Vorsitz: Senator Joseph McCarthy.

– Sie sind Schriftsteller?

– Das ist richtig.

– Und Sie sind der Autor mehrerer ziemlich bekannter Kriminalromane. Ist das richtig?

– Das ist richtig.

– Außerdem haben Sie, glaube ich, in früherer Zeit über bestimmte soziale Themen geschrieben. Trifft das zu?

– Also, ich habe Kurzgeschichten geschrieben, die vielleicht – wissen Sie, es ist unmöglich, etwas zu schreiben, ohne irgendwelche Stellung gegenüber sozialen Problemen zu beziehen.

– Sie sagen, es ist unmöglich, etwas zu schreiben, ohne irgendwie Stellung gegenüber sozialen Problemen zu beziehen. Nun denn, sind Sie der Autor einer Kurzgeschichte, die „Nightshade“ heißt?

– Das bin ich.

– Darf ich feststellen, daß heute ungefähr 300 Bücher von Mr. Hammett beim Informationsdienst in Gebrauch sind, und sie befinden sich in etwa 73 Informationszentren. Entschuldigung, es sind 300 Exemplare von 18 Büchern. Sie haben keine 300 Bücher geschrieben, nicht wahr?

– Das wären eine Menge Bücher.

(zitiert aus: Sind oder waren Sie Mitglied?)

Samuel Dashiell Hammett, der da im März 1953 von den Kommunistenjägern verhört wird, hat keine 300 Bücher geschrieben. Fünf Romane, zu Papier gebracht in nur fünf Jahren, von 1929 bis 1934, waren es. Sie haben ihn als Schriftsteller weltberühmt gemacht. Noch heute bewundert und nachgeahmt. 80 Jahre ist es jetzt her, dass sein Meisterwerk als Buch erschien, 1930 vom New Yorker Verleger Alfred A. Knopf veröffentlicht: „Der Malteser Falke“.


Die Literaturgeschichte der Welt kennt nicht viele Autoren, die mit ihrem Werk eine neue Richtung, gar ein neues Genre begründen. Dashiell Hammett (1894 – 1961) ist einer von ihnen. Er gehört zu jenen, die nur imitiert, niemals aber übertroffen werden können. Ihm gebührt das Ehrenwort „Klassiker“. Er hat die Kriminalliteratur geprägt, sie als Erster – stilistisch wie politisch – auf ihr Niveau gebracht, nämlich realistische Literatur zu sein, fortwährend poetisch-dokumentarischer Spiegel und Kommentar unserer Gesellschaft.

Raymond Chandler, der, obwohl älter, übrigens erst zu schreiben begann, als Hammett gerade damit aufhörte, bekannte ohne Umschweife, von ihm beeinflusst worden zu sein. Neidlos anerkennend sagte er über ihn 1944 in „Die simple Kunst des Mordens“: „Hammett brachte den Mord zurück zu den Menschen, die ihn aus ersichtlichen Gründen begehen.“ Und Ellery Queen (das Autorengespann Frederic Dannay und Manfred B. Lee) ergänzte 1945: „Seine Geschichten bestehen aus dem Stoff der Träume, seine Personen aus Fleisch und Blut der Wirklichkeit. Er erfand keine neue

Art Detektivgeschichten – er erfand eine neue Art, sie zu erzählen.“ John Crosby schrieb 1961 in einem Nachruf: „Realismus. Durchschlagskraft. Vitalität.. Härte. Immoralität. Amoralität. Muskulös. Hartgesotten. All das sind Worte, die zu Hammett gehören. Aber authentisch ist das wichtigste davon.“

Genannt wird diese Art von Erzählen, diese Art von Stil, bis heute: „hard-boiled“, hartgesotten. Es ist ein Erzählen ohne Umschweife. Handlungsbezogen, kaltblütig, illusionslos, direkt, unsentimental, wortkarg, realistisch, den Leuten auf den Mund und in die schwarze Seele geschaut. Existentialistisch. Nihilistisch. Keine Faxen. Wenn notwendig, böse wie ein Sensenblatt. Ganz beiläufig, die alltägliche Gewalt. Ohne Vorwarnung, ohne Übertreibung. Der kalte Engel des Ja-so-ist-es sitzt beim Lesen mit im Zimmer. Wir tun einen Blick in die wahre Welt, und keine Schönfärberei, kein regierungsamtlicher Optimismus kann das jemals wieder zukleistern. Deswegen ist solche Literatur gefährlich. Deswegen stand Dashiell Hammett vor dem „Ausschuß gegen un-amerikanische Umtriebe“ (HUAC), deswegen saß er 1951 wegen Aussageverweigerung 22 Wochen im Gefängnis. Deswegen wurde er in der oben zitierten Sitzung gefragt, ob er der Verfasser der Kurzgeschichte „Nightshade“ sei.

In „Nightshade“ rettet der Ich-Erzähler Jack Bye nächtens eine junge hellblonde Frau vor Finsterlingen, geht anschließend mit ihr einen trinken. Die beiden verstehen sich gut, Sie flirtet gar mit ihm, sagt: „Wir müssen irgendwann mal schwimmen gehen.“ Als sie weg ist, nimmt der Barkeeper den rauen Kavalier Jack Bye ins Gebet und warnt ihn: „Ganz egal, auf wie viele Colleges du gegangen bist, du bist trotzdem n Nigger.“

Noch 1953, als die Kommunistenjäger Hammett verhörten, galt selbst in der Fiktion die Liason zwischen schwarzem Mann und weißer Frau als anstößig. Veröffentlicht worden war die Geschichte bereits am 1. 10. 1933, also 20 Jahre früher, im „Mystery League Magazine“. (Auf Deutsch erstmals 1989 bei Hoffmann und Campe in der Sammlung „Der Komplize. Neu entdeckte Stories“.)

Billigstes Papier, die schäbigste Qualität, auf der man gerade noch drucken konnte, „pulp“, das war das Medium, in dem Hammett zu schreiben begann. In einem Umfeld, das den Namen Literatur kaum verdiente. „Wir wollen die Geschichte nicht gut, wir wollen sie Donnerstag“, hieß die Devise. Handlung statt Raffinesse verlangte das Billig-Medium der „dime stories“, der Zehn-Pfennig-Hefte. Hammett schrieb,

weil er Geld brauchte. Einen Penny gab es pro Wort. Zehn Worte waren eine Semmel, 25 eine warme Mahlzeit. Zum Essen reichte es, zum Reichwerden nicht. Es war die Zeit der „Großen amerikanischen Depression“ nach der ersten Weltwirtschaftskrise, die Zeit der Desillusionierung des Amerikanischen Traums.

Und so nachtschwarz, politik- und gesellschaftskritisch waren auch die Geschichten, die Hammett damals schrieb. Über 30 Groschenhefte belieferte er zwischen 1922 und 1933 mit seinen Erzählungen, rund 70 Stories ingesamt. „Black Mask“ war sein wichtigstes Forum. Sein Stil machte dort Schule, prägte eine neue, aufregende Art von Literatur. Rebellierte gegen die bisherige Kreuzworträtsel-Fiktion der Krimis, hielt den Blick auf Augenhöhe der Großstadtgosse, traf durch ungeschminkte Sprache in die Magengrube.

„Der Malteser Falke“ erschien zuerst vom September 1929 bis Januar 1930 als fünfteilige Serie im Pulpmagazin „Black Mask“. Nur zwei brüchige Exemplare sind davon erhalten. Den Roman gibt es heute noch. Er ist Thriller, love story, trockene, schwarze Komödie, der erste große hard-boiled Roman der Weltliteratur. Er liest sich taufrisch, ist als Taschenbuch bei Diogenes erhältlich und wird besonders die überraschen, die nur den Film „Die Spur des Falken“ von 1941 mit Humphrey Bogart kennen. Für das Drehbuch ließ John Huston von seiner Sekretärin einfach die Dialoge aus dem Roman abtippen. Das reichte, um eine große Regisseurskarriere zu starten.


Autor: Alf Mayer

Bild: via scrantonreads

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