Die Stadt gehört der Kunst

Der Kunstraum Autocenter eröffnet seine neuen Räume an der Leipziger Straße mit einer archivalischen Gruppenschau

Als Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz kürzlich den ersten Preis für Berliner Kunst-Projekträume vergab, geriet er ins Schwärmen. Die rund 150 Initiativen in der Stadt, lobte Klaus Wowereits rechte Kulturhand, hätten es vollbracht eine „Öffentlichkeit für künstlerische Prozesse und Kunstvermittlung zu schaffen, ohne dabei marktorientiert vorzugehen“. Ein Lob aus offiziellem Munde, das einmal nicht falsch ist. Denn wenn Berlin in der Welt für etwas steht, dann für seine unkonventionelle Kunstszene.

Das Friedrichshainer Autocenter war zwar nicht unter den sieben Trägern des Preises, mit denen der Berliner Senat den spät entdeckten Kreativhumus fördern und fordern will. Doch Schmitzens Lob für das „Durchhaltevermögen und die Kreativität“ der Szene passt auf kaum einer dieser Räume mehr als auf diese Kreativwerkstatt. Denn als die Künstler Meik Schierloh und Joep van Liefland vor zwölf Jahren in einer alten Autowerkstatt im Nordosten Friedrichshains einen Kunstraum aufmachten, wollten sie vor allem eins: „Etwas anderes machen“.

Den Willen zur Differenz zeigte schon die Ortswahl: Nach der farbverschmierten KfZ-Werkstatt, von der das Autocenter seinen Namen hat, folgte die Untermiete im Dachstübchen eines Supermarkts am Rande von Friedrichshain. Künstlern und Kuratoren, die hier Schwellenkunst abseits des Marktes zeigen wollten, öffneten sie die Türen.

Nach mehrmonatiger Pause hat das Autocenter nun auf der Leipziger Straße neu eröffnet. Genau zwischen Kreuzberg und Mitte. Und nur wer böswillig ist, wird in diesem neuerlichen Szenenwechsel den Drang zur Mitte erkennen, an dem sonst eigentlich die Politik leidet. Es ist nämlich nicht der klassische White Cube, den das Center dort bezogen hat, sondern eine alte Kinderbücherei aus DDR-Zeiten.

Eine Freundin hatte Schierloh und Liefland auf die leer stehenden Räume im ersten Stock eines der öden Wohnbunker am Rande der City aufmerksam gemacht. Die grün gebeizten Kirschholzregale in dem 300 Quadratmeter großen Raum hängen noch an den Wänden. Sie geben die Kulisse für die Eröffnungsausstellung ab: „Legend of the shelves – die Legende der Regale“ – im Improvisieren waren die Autocentristen schon immer Meister.

Was in den historischen Boxen zu sehen ist, gleicht einer „Leistungsschau“ mit Archivcharakter: 159 der 750 eingeladenen Künstler, die bislang im Autocenter ausgestellt haben, haben ein Kunstwerk beigesteuert. Von Thomas Scheibitz über Katharina Grosse bis zu Norbert Bisky reicht die Liste vieler inzwischen arrivierter Künstler, die im Autocenter einmal klein angefangen haben.

Nicht wenige von ihnen dürften sich bei der ersten Ausstellung so gefühlt haben wie die junge Frau auf Felix Webers Comiczeichnung „Die weltbeste Künstlerin zu Beginn ihrer Karriere“ aus diesem Jahr. Im Bus fährt sie zu ihrer ersten Ausstellung. Auf den Knien hält sie ein frisch gemaltes Bild.

Das Autocenter ist das Paradebeispiel für den Kreuzweg zwischen Provisorium und Institution, an den jede Initiative eines Tages gelangt. Doch auch wenn es jetzt in die Nähe der großen Kunstinstitutionen und der Galerien-Viertel gerückt ist. Seine Macher lassen keinen Zweifel daran, dass sie damit auch in Zukunft einen „Kontrapunkt“ zum etablierten Kunstbetrieb setzen wollen: Mit ungewöhnlichen Ausstellungen und ihrer jährlichen Sommerakademie. Neu eingerichtet haben sie einen „Artists Space“.

Um ihr Programm weiter durchhalten zu können, braucht es jetzt aber mehr als die Selbstausbeutung, die bei zivilgesellschaftlich organisierten Projekten gern mit dem Euphemismus „Begeisterung für die Sache“ belegt wird. Oder Benefiz-Auktionen wie die vor zwei Jahren. Mit dem Erlös konnten sie eine Zeit lang ihre Miete bezahlen. Deshalb haben die beiden jetzt einen Förderverein gegründet. Bislang haben sie das Autocenter aus eigener Tasche finanziert. Die genaue Summe will van Liefland nicht verraten. Sich und seiner Idee spricht er Mut zu: „Es muss funktionieren“, sagt er im Gespräch immer wieder.

Ob das Berlins unerklärter Kunsthalle die Zukunft sichert, wird sich zeigen. Fürs erste ist mit dem neuen Ort etwas von der Atmosphäre in die befriedete Berliner Mitte zurückgekehrt, die man aus der unmittelbaren Nachwendezeit kannte: Offene Räume, das Gefühl, dass die ganze Stadt der Kunst gehört und dass alles auch ganz anders sein könnte. Zudem haben sie eine urbane No-go-Area plötzlich in einen attraktiven Ort verwandelt.

So voll wie am vergangenen Wochenende war es selten bei einer Berliner Kunsteröffnung. Zumindest für diesen Abend hat das Autocenter einmal spektakulär den Spruch des amerikanischen Künstlers Robert Motherwell widerlegt: „Whereever art appears, live disappears“.

Ingo Arend

Bilder:  Nadine Dinter

AUSSTELLUNG:

„The legend of the shelves“ im Autocenter, Leipziger Str. 56; Berlin-Mitte

bis zum 6.4.2013, Di—Sa. 16-19 Uhr.

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