RUNDGANG
Ingo Arend streift durch Berliner Galerien
Künstlerische Feldforschung (Ausstellung: Ursula Biemann)
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 29. März 2013
Ursula Biemann will in ihrer Schau im Neuen Berliner Kunstverein bekanntem Wissen eine neue Bedeutung geben.
„Vor der italienischen Insel Lampedusa ist ein Flüchtlingsboot gekentert.“ Die Nachrichten über das Schicksal von Afrika-Flüchtlingen fangen meist beiläufig an. Bis die ersten Bilder kommen: Rettungsboote auf hoher See, Taucher mit toten Kindern in den Armen, geborstene Planken eines Holzkutters. Natürlich ist das tödliche Ende dieser Irrfahrten von Süd nach Nord nur die Spitze des Eisbergs namens Armutsmigration. Doch was bei dem europäischen Betrachter im Gedächtnis zurückbleibt, sind genau diese Bilder des Schreckens.
Was dann bei der aktuellen Ausstellung des Neuen Berliner Kunstvereins (NBK) auffällt: dass nämlich bei den Videoarbeiten hier die Sensationsbilder von Menschen, die wie auf einem Floß der Medusa dahintreiben, fehlen. Stattdessen sind so etwas wie Bilder einer Expedition zu sehen: Menschen, die auf klapprigen Lastern durch staubige Landschaften Nordafrikas fahren, verschwommene Luftbilder der größten Wüste der Erde, ein endloses Interview mit einem blau verschleierten Tuareg. Zum Rest des Beitrags »
ShareAusstellung im Kunstraum Autocenter Berlin: The Legend of the Shelves
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 22. März 2013
Die Stadt gehört der Kunst
Der Kunstraum Autocenter eröffnet seine neuen Räume an der Leipziger Straße mit einer archivalischen Gruppenschau
Als Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz kürzlich den ersten Preis für Berliner Kunst-Projekträume vergab, geriet er ins Schwärmen. Die rund 150 Initiativen in der Stadt, lobte Klaus Wowereits rechte Kulturhand, hätten es vollbracht eine „Öffentlichkeit für künstlerische Prozesse und Kunstvermittlung zu schaffen, ohne dabei marktorientiert vorzugehen“. Ein Lob aus offiziellem Munde, das einmal nicht falsch ist. Denn wenn Berlin in der Welt für etwas steht, dann für seine unkonventionelle Kunstszene.
Das Friedrichshainer Autocenter war zwar nicht unter den sieben Trägern des Preises, mit denen der Berliner Senat den spät entdeckten Kreativhumus fördern und fordern will. Doch Schmitzens Lob für das „Durchhaltevermögen und die Kreativität“ der Szene passt auf kaum einer dieser Räume mehr als auf diese Kreativwerkstatt. Denn als die Künstler Meik Schierloh und Joep van Liefland vor zwölf Jahren in einer alten Autowerkstatt im Nordosten Friedrichshains einen Kunstraum aufmachten, wollten sie vor allem eins: „Etwas anderes machen“.
Den Willen zur Differenz zeigte schon die Ortswahl: Nach der farbverschmierten KfZ-Werkstatt, von der das Autocenter seinen Namen hat, folgte die Untermiete im Dachstübchen eines Supermarkts am Rande von Friedrichshain. Künstlern und Kuratoren, die hier Schwellenkunst abseits des Marktes zeigen wollten, öffneten sie die Türen.
Nach mehrmonatiger Pause hat das Autocenter nun auf der Leipziger Straße neu eröffnet. Genau zwischen Kreuzberg und Mitte. Zum Rest des Beitrags »
ShareMartin Kippenberger: “sehr gut / very good” (Kunstausstellung)
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 24. Februar 2013

Martin Kippenberger Einer von Euch, Unter Euch, Mit Euch Portrait Martin Kippenberger (Übermalung mit Wasserfarben von Jochen Krüger), 1977 Offsetlithographie auf Papier, 59,5 x 42 cm © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Köln
Der Kippenberger ist das Maß aller Dinge
Picassos Erben: Berlins Hamburger Bahnhof zeigt eine Retrospektive des einstigen „enfants terrible“ des bundesdeutschen Kunstbetriebs. Ende Februar wäre er sechzig Jahre alt geworden
Heavy Burschi. Mehr als kunsthistorische Etiketten ist vielleicht dieser selbstironische Bildtitel Martin Kippenbergers an ihm hängen geblieben. Denn als harter Bursche, Macho, Säufer, Charmeur hat sich der 1953 in Dortmund geborene Künstler, der am kommenden Montag 60 Jahre alt geworden wäre, im kollektiven Gedächtnis fester eingenistet als der Maler, Installationskünstler, Performer, Bildhauer, Fotograf, Verleger oder Musiker, der er auch war. Dass eines seiner „Handgemalten Bilder“ vergangenen Herbst bei Christie’s für fast vier Millionen Euro wegging, spricht nicht gegen diesen Befund.
Dass Berlins Hamburger Bahnhof dem Mann zum 60. Geburtstag nun eine 300 Arbeiten große Retrospektive ausrichtet, ist „sehr gut/very good“ – so der Titel der Schau. Denn trotz diverser Rückblicke in den letzten Jahren bildet das „Phänomen Kippenberger“ immer noch ein unentwirrbares Knäuel aus Legenden und Anekdoten, hinter dem die Ästhetik dieses Mannes verschwindet. Die Flut höchst privater Reminiszenzen an den einstigen bad guy des deutschen Kunstbetriebs derzeit belegt: Es scheint einfacher, Kippenbergers Leben als seine Kunst zu erinnern.
Kein Wunder. Denn bei kaum einem Künstler, Joseph Beuys vielleicht ausgenommen, verschmolzen Leben und Werk derart zu einem Amalgam wie bei dem Mann, der 1976 sein Studium an der Hamburger Kunstakademie abbrach, um dann zu einem der deutschen Künstlerstars aufzusteigen. Interdisziplinarität ist eine zu schwache, sterile Vokabel dafür, wie er Kunst, Musik, Performance, Happening und Politik verschwenderisch, selbstzerstörerisch verschaltete. Und alles zusammen dann unter großem Gelächter mit sich selbst. Der Publizist Diedrich Diederichsen nannte Martin Kippenberger deshalb einmal halb spöttisch, halb bewundernd, „Gesamtkunsturheber“. Zum Rest des Beitrags »
ShareSchöne neue Weltkunst (Die Ausstellung „Nothing to declare?“ in Berlin)
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 5. Februar 2013

Araya Rasdjarmrearnsook
Dow Song Duang – The Two Planet Series, 2007-2008
Manet's Luncheon on the Grass and the Thai Farmers
Courtesy A. Rasdjarmrearnsook
Kunst und Globalisierung
Die Ausstellung „Nothing to declare?“ in der Berliner Akademie der Künste propagiert den Abschied von der Westmoderne – leider etwas spröde dokumentarisch
Auf einer Wiese im Freien sitzt eine Gruppe von Dorfbewohnern und betrachtet Edouard Manets Gemälde „Frühstück im Grünen“. Das Werk aus dem Jahr 1863 hängt als Kopie vor ihnen an Bambusstämmen. „Was ist das für eine Frucht“ fragt einer neugierig und deutet auf den umgestürzten Korb in der linken unteren Bildecke. Ein anderer bemerkt angesichts der nackten Frau im Gras: „Ich hätte nicht gewusst, wo ich hätte hinschauen sollen.“ Ratlos starrt die Gruppe auf das weltberühmte Werk. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Ermüdung der Utopie (Ausstellung „Abschied vom Ikarus“)
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 16. Januar 2013

Sturz des Ikarus II (Flugtraum)
Wolfgang Mattheuer, 1978. BEB Erdgas und Erdöl GmbH & Co. KG. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Die Ausstellung „Abschied vom Ikarus“ schlägt ein neues Kapitel im deutsch-deutschen Bilderstreit auf. Leider hat sie nur ein schwaches Echo gefunden
War die DDR eine gescheiterte Utopie? Oder startete sie schon als totgeborene Diktatur? Für den Zeithistoriker mag die Sache klar sein. Spätestens als die Gruppe Ulbricht Ende April 1945 aus Moskau nach Berlin zurückkehrt, platzt der Traum vom antifaschistisch-demokratischen Neuaufbau. Von da an führten alle Wege nach Bautzen oder zum Schießbefehl.
Wenn die Macher der jüngsten Ausstellung zur DDR-Kunst in Weimars Neuem Museum ihre Schau „Abschied vom Ikarus. Bildwelten in der DDR“ nennen, wollen sie nicht die DDR nachträglich zu dem utopischen Experiment verklären, dass sie vielleicht nie war. Zum Rest des Beitrags »
ShareGeschichte malen („Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945“)
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 11. Januar 2013

Ian Hamilton Finlay Je vous salue Marat / Gegrüßet seist Du Marat, 1989 Neonröhren, Plexiglas Berlin / Courtesy Kewenig Galerie, Deutschland Estate of Ian Hamilton Finlay, Courtesy Kewenig Galerie, Berlin, Foto: Simon Vogel
An der Ausstellung „Verführung Freiheit“ hat sich ein Streit entzündet, ob Kunst politische Thematiken sinnvoll illustriert. Darüber diskutierten Kunsthistoriker in Berlin
Ein sterbender Krieger, eine aufschreiende Mutter mit totem Kind, sieben symbolische Flammen. Als Picasso 1937 sein berühmtes Bild „Guernica“ malte, gelang ihm etwas Einzigartiges. Er bannte in ihm eine sehr genau datierbare historische Schrecksekunde. Sein Werk wurde aber auch zu einer allgemeingültigen Metapher. Und zwar nicht nur für Grauen des Krieges. Mit dem Hinweis auf diese Ikone ließe sich schnell und abschließend die Frage entscheiden, ob Kunst etwas in Geschichtsmuseen zu suchen hat. Und ob sie Geschichte erklären kann. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Künstler Erik Schmidt verarbeitet seine Begegnung mit den Occupy-Demonstranten in New York
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 13. Dezember 2012

Erik Schmidt, Stop and make your own sign, 2012, Courtesy: Galerie carlier | gebauer, Foto: Bernd Borchardt
Battlefield des Postkapitalismus
Eine Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee
New York ist ein schweres Pflaster für die Kunst. Als der Schriftsteller Ulrich Peltzer im September 2001 in der Stadt am Hudson weilte, verhagelte ihm der Angriff auf das World Trade Center ein literarisches Projekt. Statt seine Familiengeschichte zu recherchieren, schrieb er ein Buch darüber, wie sich plötzlich seine Wahrnehmung der Welt verschiebt. Wer in den Big Apple Manhattan beißt, so sangen schon die Rolling Stones 1978 in ihrem Song „Shattered“, muss immer mit Maden rechnen.
Seinem Berliner Kollegen Erik Schmidt ging es ähnlich. Als der Künstler im September 2011 in New York zwei Monate lang für ein Kunstprojekt über Gentrifizierung recherchierte, geriet er in die Demonstrationen der Bewegung von Occupy-Wallstreet, die gegen die Machenschaften der Finanzindustrie auf die Straßen ging. Shattered von der unerwarteten Begegnung hatte auch dieser Künstler plötzlich ein ganz anderes Thema.
Downtown hat Schmidt seine neueste Ausstellung genannt. Doch sie ruft alles andere als die leichtfüßige Euphorie auf, die Petula Clark in ihrem gleichnamigen Song von 1964 zum Kennzeichen des New Yorker Lebensgefühls erhob. „Just listen to the music of the traffic in the city. Forget all your troubles, forget all your cares“. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Wackelpudding der Erinnerung (Martin Honert: Ausstellung „Kinderkreuzzug“)
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 23. November 2012

Martin Honert: Kinderkreuzzug. 1985-87. Polyesterharz, Acrylfarbe, Öltubenfarben, Leinwand. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012. Foto: David von Becker Courtesy Johnen Galerie, Berlin und Matthew Marks Gallery, New York
Martin Honert legt in seiner Ausstellung „Kinderkreuzzug“ im Hamburger Bahnhof die Kraftquellen und Muster der kindlichen Einbildungskraft frei. Er zeigt uns die wahren Kreuzritter, freilich die der Fantasie
Kinderkreuzzug. Ein scheußliches Wort. Sofort öffnet sich ein Raum zwiespältiger Assoziationen. Ob man nun an die Fabel von den Tausenden Kindern denkt, die sich um das Jahr 1212 zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufgemacht haben sollen. Oder an die Kinderschar, die in Bert Brechts gleichnamigem Gedicht durch das kriegsverheerte Polen irrt, „suchend nach einem Land mit Frieden, ohne Donner, ohne Feuer“. Zum Rest des Beitrags »
ShareJenseits von Religion und Nation (Sonderausstellung R. B. Kitaj)
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 7. November 2012

R.B. Kitaj (1932-2007)
© R.B. Kitaj Estate. UCLA Center for Jewish Studies, Los Angeles
Eine umfassende Retrospektive in Berlin zeigt, wie der amerikanische Maler R. B. Kitaj seine jüdische Identität entdeckte
Wird man als Jude geboren? Wird man zum Juden gemacht? Oder erklärt man sich selbst dazu? Dieser spannenden Frage ließe sich am Leben und am Werk von R. B. Kitaj nachgehen, dem das Jüdische Museum Berlin derzeit eine opulente Retrospektive widmet. Zum Rest des Beitrags »
ShareSolo-Ausstellung Halil Altindere
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 6. Oktober 2012
Wenn ich nicht tanzen kann
Halil Altindere ist eine Schlüsselfigur der Kunstszene in der Türkei. In Berlin ist jetzt seine erste Einzelausstellung in Deutschland zu sehen.
„Glücklich ist, wer sich Türke nennen darf.“ Wer das überall in der Türkei plakatierte Motto des Staatsgründers Atatürk kennt, kann ermessen, was es bedeutete, als der Künstler Halil Altindere im Jahr 1997 seinen türkischen Personalausweis vergrößerte und an eine Passdruckerei in Istanbul hängte.
Der 1971 in Mardin geborene Künstler ist nämlich kurdischer Abstammung. Und noch bis vor wenigen Jahren war es tabu, die heilige türkische Nation und ihre Symbole kritisch zur Schau zu stellen.
Es ist einigermaßen verwunderlich, dass dieser Mann noch nicht in einer Soloshow in Deutschland vorgestellt worden ist. Denn Altindere gehört zu den Schlüsselfiguren der zeitgenössischen Kunstszene in der Türkei, zusammen mit Künstlerinnen wie der im Jahr 1946 geborenen Gülsün Karamustafa oder Hale Tenger (Jahrgang 1960) leitete er zu Beginn der neunziger Jahre eine neue Politisierung der türkischen Kunstszene ein.
Repräsentationskritik an den Tabus
Migration, Identität und Geschlecht waren die Themen, mit denen die sogenannte 95er-Generation sich von der alten Künstlerelite absetzte, die sich noch an der Soz-Art oder der westlichen Abstraktion orientierte, sich mit ihrer, in der Form spielerischen, in der Sache harten Repräsentationskritik an den Tabus und Symbolen der türkischen Gesellschaft abarbeitete. Und die sich neue Medien wie Video, Performance oder Installation erschloss. Zum Rest des Beitrags »
ShareRückblick Documenta 13
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Rundgang am 18. September 2012
Antikapitalistische Hobbygärtner
In diesem Jahr waren so viele Zuschauer wie noch nie in Kassel. Aber rechtfertigt das allein das Ausstellungskonzept?
„Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit.“ Vermutlich dürften immer noch viele rätseln, was es mit dem Satz auf sich hat, den Carolyn Christov-Bakargiev ihrer Documenta 13 voranstellte.
Die Kuratorin fand ihn im Internet, als sie Ulrike Meinhofs Fernsehspiel „Bambule“ nachrecherchierte und auf die Beschreibung eines Tanzes afrikanischer Sklaven in New Orleans Ende des 19. Jahrhunderts stieß – der „Bamboule“ hieß. Um sinnliche Intensität allein ging es bei dem ungewöhnlichen Motto also nicht. Es wundert insofern nicht, dass die Ästhetik des Widerstands eine Rolle in dem Museum der 100 Tage spielte, das Bakargiev im Kassel des 21. Jahrhunderts zusammenstellte. Zum Rest des Beitrags »
ShareBerlin Art Week 2012
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2012

Berliner Kunstherbst: Ein Nachbarschaftssystem. Werk von Ekachai Eksaroj aus Wolle, 2012, auf der Preview Berlin. Foto: Tanja Jürgensen
„Mit wem muss man hier ficken, um ausgestellt zu werden?“ Die Frage haben sich womöglich schon manche Kunststudierende insgeheim auf den Kunstmessen der Welt gestellt. Ekachai Eksaroj darf sie öffentlich stellen. Auf der Berliner Kunstmesse Preview prangt der Satz derzeit in einem niedlichen kleinen Stickrahmen, Kostenpunkt: 250 Euro. Die Karriere kann beginnen.
Das Werk des 34-jährigen Künstlers ist kein billiger Werbegag. Die vor acht Jahren in einem Hangar des Flughafens Tempelhof von drei Galeristen gegründete Kunstmesse fördert neue Talente und Formate. In ihrem „Focus Academy“ zeigt sie Absolventen deutscher Kunsthochschulen. In diesem Jahr gehört Eksaroj, der in Kassel Kunst studiert hat, dazu. Sein Auftritt beweist, dass das Bild vom Kunstbetrieb als Exklusionssystem nur begrenzt stimmt.
Denn Offenheit und Vielfalt sind generell Kennzeichen des neuen Berliner Kunstherbstes. Der seinen, Geschlossenheit androhenden Titel „Berlin Art Week“, nur aus Gründen des Marketing trägt. Eine konzertierte Aktion aus Senat und Kunstinstitutionen wollte damit den plötzlichen Tod der kränkelnden Kunstmesse Art Forum im letzten Herbst kaschieren.
Demonstrativ bekennt sich die abc contemporary zu dieser neuen Offenheit. Ihr exklusives Gebaren legt die ebenfalls aus einer neunköpfigen Galeristeninitiative hervorgegangene Messe im Postbahnhof am Kreuzberger Gleisdreieck langsam ab. Nach der Zwangsjacke „Malerei“, in der sie ihre Teilnehmer im letzten Jahr steckte, konnten sich die 129 Galerien in diesem Jahr für Einzelpräsentationen öffnen.
Mit dem, mittels einer mobilen Architektur raffiniert inszenierten Parcours hochkarätiger Positionen von Altstars wie John Armleder bis zum jüngsten Documenta-Liebling Theaster Gates hat die abc ihre neue Rolle als kommerzielles Gravitationszentrum des Kunstherbstes eindrucksvoll bestanden. Und sich mit einem „Basar“ sogar eine Diskursplattform zugelegt, aus dem noch etwas werden kann.
Das schaffte sie, ohne den anderen Beiträgern der „Art Week“ die Schau zu stehlen. Etwa Christian Boros‘ Bunker in der Berliner Mitte. Der Medienunternehmer hat die 3000 Quadratmeter große, vielbesuchte Sammlung in seinem legendären Kunsttempel völlig ummöbliert. Statt Anselm Reyle, Tobias Rehberger und Kitty Kraus hängen nun die Saisonlieblinge Alicja Kwade, Klara Lidén und Ai Weiwei.
Doch auch leere Häuser haben ihren Reiz. Wie die „Open House“-Party von Johann König bewies. Die entweihte Kirche St. Agnes in Kreuzberg, die der Galerist in ein Kunstquartier umbauen will, machte die Besucher der Art Week fast neugieriger als die vier Nominierten des Preises der Nationalgalerie oder Arno Brandlhubers Betonarchipele im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.). Zum Rest des Beitrags »
ShareNEWTOPIA Katerina Gregos‘ große Kunstausstellung zum Thema Menschenrechte
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 5. September 2012
Der Tanz der Wasserwerfer
„Newtopia“ Katerina Gregos‘ große Kunstausstellung zum Thema Menschenrechte im belgischen Mechelen zeigt das ewige Dilemma der politischen Ästhetik
Eine Zelle von zwei mal zwei Meter. So hoch wie ein Mensch, darin ein Stuhl, ein Tisch, eine Kommode. Man könnte den Bretterverschlag am Eingang des Mechelner Kulturzentrums für ein Kunstwerk halten. Doch mit dem Werbemittel will Amnesty International auf das Schicksal von Azimjan Askarov aufmerksam machen. Der 61-jährige Menschenrechtsaktivist und Künstler sitzt seit Juni 2010 in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek in einer unterirdischen Zelle in Haft. Könnte irgendetwas besser verdeutlichen, was dieser Mann durchmacht? Wozu brauchen die Menschenrechte da noch die Kunst? Zum Rest des Beitrags »
ShareRetrospektive des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 16. Juli 2012
Sehen, was man nicht sieht
Repräsentationskritik – Drei Berliner Kunstinstitutionen zeigen eine große Retrospektive des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar
Picassos „Guernica“, Franz Kafkas „Schloß“ und die Tempelanlagen von Angkor Wat. Die Spur der Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch Peter Weiss‘ legendäre „Ästhetik des Widerstands“. Den namenlosen Arbeiter, der sich durch diesen voluminösen Entwicklungsroman bewegt, quält stets dieselbe Frage: Welche Potentiale bietet die Kunst für Emanzipation und Widerstand?
Den Titel mit dem Referenzwerk der politischen Ästhetik hat die große Retrospektive nicht zufällig gemein, die derzeit in drei Berliner Kunstinstitutionen zu sehen ist. Denn Alfredo Jaar, dessen Oeuvre die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), die Alte Nationalgalerie und die stadteigene Berlinische Galerie ausrollen, schätzte Peter Weiss. Doch statt auf eine Welt hinter der Welt wird man bei dem 1956 geborenen Chilenen immer wieder auf die real existierende Realität verwiesen, auf deren Schattenseiten, versteht sich. Zum Rest des Beitrags »
ShareAusstellung Gabriel Orozco in Berlin
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 10. Juli 2012
Universum der gestrandeten Dinge
Der Zusammenprall von Natur und Kultur ist stets präsent: Der mexikanische Künstler Gabriel Orozco inszeniert die Schönheit von Zivilisationsmüll.
Ist die Natur vielleicht doch der bessere Künstler? Der Gedanke drängt sich auf bei dem, was einer Woche auf dem Boden der Deutschen Guggenheim liegt: verwitterte Holzplanken, erblindete Glühbirnen, erodierte Plastikbojen. Sand, Wellen und Wind haben diese einstigen Gebrauchsgegenstände in bizarre Objekte verwandelt.
Die Arbeit in Berlins edlem kleinen Schauraum hätte gut zu Carolyn Christov-Bakargievs posthumaner documenta 13 gepasst. Wenn all das nicht ein Künstler namens Gabriel Orozco so überaus sorgsam arrangiert hätte. Interventionskünstler – dieses Etikett klebt bis heute an dem 1962 geborenen Mexikaner. Zum Rest des Beitrags »
ShareBMW Guggenheim Lab
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Rundgang am 18. Juni 2012
Im Urbanisierungsmöbel
Das BMW Guggenheim Lab in Berlin animiert die Bürger zur Gestaltung ihrer Stadt. Antigentrifizierer könnten etwas lernen. Mitmachen oder boykottieren?
Making your City – Gestalten Sie Ihre Stadt“. Der Titel geht aufs Ganze. Wahrscheinlich wird es aber eher unspektakulär, wenn am Berliner Pfefferberg das gefürchtete BMW Guggenheim Lab seine Arbeit aufnimmt. Kein großer Empfang, kein Promiauflauf, kein spektakuläres Happening. Stattdessen wird José Gómez-Márquez etwas über Rapid Prototyping, kreative Konstruktion und Hacking erzählen.
Der Gesundheitsexperte, Professor am Bostoner Elite-Thinktank MIT und Mitglied des Berliner Guggenheim-Teams, war schon zum Auftakt vergangenen Sommer in New York dabei. Gómez-Márquez gilt als Experte dafür, mit innovativen Technologien Bürger „zur aktiven Gestaltung ihrer Städte“ zu animieren. Zum Rest des Beitrags »
SharedOCUMENTA(13): Toter Hirsch am Weinberg
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 14. Juni 2012
Die 13. Documenta will Mensch und Kunst die Demut lehren. Und landet bei der Naturreligion
„Die Natur soll wohl gebremst werden“. Ganz hat das Paar, das zu Beginn der Woche in der Kasseler Karlsaue steht, den Sinn von Giuseppe Penones Skulptur nicht verstanden. Denn der Baumstamm, der gar kein Baumstamm sondern eine Skulptur ist und einen Stein in der entlaubten Krone trägt, symbolisiert eher die Balance zwischen Natur und Kultur. Aber die Szene ist ein schönes Beispiel für das produktive Missverständnis, das nur die Kunst auslösen kann. Wichtiger als eine, letztgültige Bedeutung ist der Diskurs über Kunst.
Carolyn Christov-Bakargiev hätte die Szene sicher gut gefallen. Denn produktive Missverständnisse sind das Lebenselixier der 55-jährigen Italoamerikanerin, die die 13. Documenta leitet. Und kaum eine Documenta-Chefin hat im Vorfeld so sehr für Missverständnisse gesorgt, wie sie, als sie Hunde und Tomaten zu Künstlern erklärte – dem Menschen ebenbürtig. Zum Rest des Beitrags »
ShareGeburtshelfer der Avantgarden – Krieg-und-Kunst-Schau in Metz
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 30. Mai 2012

Pablo Picasso: Bühnenvorhang für das Ballett "Parade" 1917 | Leimfarbe auf Leinwand | Centre Pompidou, Musée national d árt moderne, Paris
Die Entfesselung zerstörerischer Kräfte im Ersten Weltkrieg beeinflusste, was als Realität und Realismus in der Kunst gelten konnte.
Das zeigt eine opulente Schau in Metz.
Dass der Krieg der Vater aller Dinge sei, mit dieser Weisheit des antiken Philosophen Heraklit würde heute niemand mehr ernsthaft ins Diskursgetümmel ziehen. Nicht nur, weil die These politisch unkorrekt ist. Zu unsicher ist auch die faktische Beweislage jenseits ihrer philosophischen Deutungskraft: Die Teflonpfanne oder das Internet taugen nur bedingt zu ihrer Illustrierung.
Und doch läuft alles, was man derzeit in einer grandiosen Schau im Centre Pompidou in der lothringischen Metropole Metz sehen kann, auf diese brisante These hinaus. Dass sie sich nicht scheut, diesen militärisch-ästhetischen Komplex ebenso akribisch wie unvoreingenommen aufzufächern, macht ihren Besuch so lohnenswert. Konzipiert war die Großausstellung in der 2010 eröffneten Dependance des Pariser Stammhauses, kaum 50 Kilometer von der deutschen Grenze, als Auftakt zu den Gedenkveranstaltungen zum Beginn des Ersten Weltkriegs in zwei Jahren.
Da lag es nahe, ein Epochenjahr wie das von 1917 zu beleuchten, in dem sich die Grundkonstellationen der Weltgeschichte so dramatisch änderten: In Russland tritt mit der Oktoberrevolution der Kommunismus auf den Plan. Im April treten die USA zum ersten Mal auf europäischem Boden in einen Krieg ein. Und im New Yorker Grand Central Palace legt Marcel Duchamp 1917 zum ersten Mal sein Urinal aus Porzellan in eine Kunstausstellung – eines der vielen Beispiele dafür, wie rapide sich damals die Bedingungen der ästhetischen Produktion änderten.
Der kulturhistorische Querschnitt, den Centre-Direktor Laurent Le Bon und Claire Garnier, die Kuratoren der aufwändigen Schau, durch dieses Epochenjahr treiben, reicht tief: von der Grabenkunst an der Front bis zu den Inkunabeln der Kunstgeschichte. Die Kunsthistoriker kreisen ihr Thema ein von der kriegsfernen Idylle eines Marc Chagall bis zu der offiziellen Kriegsmalerei von Christopher Nevinsons, von der Antikriegskunst Dadas bis zur staatlichen Propaganda in Plakat und Film.
Verzierte Geschosshülsen
Handgeschnitzte Kriegsschiffe unbekannter Soldaten, ein Panzer und ein Torpedo stehen neben Werken Brancusis und Duchamps. Zu den faszinierendsten Exponaten gehört eine riesige Sammlung von Geschosshülsen, die Landser in verzierte Vasen oder Statuen umarbeiteten – beeindruckende Beispiele einer frühen Konversion. Den krönenden Abschluss bildet der 170 Quadratmeter große und 45 Kilo schwere Vorhang, den Pablo Picasso für „Parade“, das „Ballet réaliste“ von Jean Cocteau und Eric Satie, fertigte. Nach der Premiere im Mai 1917 im Théatre du Chatelet schmähte die französische Rechte die multimedialen Kubisten als Parteigänger des deutschen Erzfeinds.
Trotz der opulenten Fülle von Objekten verlieren Garnier und Le Bon aber nie ihren roten Faden aus dem Auge – das Wechselverhältnis von Krieg und Kunst. Dass sich zunächst erwartbar gestaltet: Der Krieg wird von der Intelligenz wie die „Vertreibung aus dem Paradies“ empfunden. So nannte Max Pechstein ein Gemälde aus dem Jahr 1917. Die Aufgabe des Künstlers ist es, dieses Inferno anzuklagen, ob nun mit Hilfe der Malerei oder der – realistischeren – Fotografie. Der Österreicher Albin Egger-Lienz malt Soldaten als entmenschlichte Herde ohne Gesicht, aber immer noch realistisch. Der ungarische Bankangestellte André Kertész hält als Soldat den Feldzug des österreichisch-ungarischen Heeres in Rumänien mit der Kamera fest.
Nach und nach schält sich aus dem Parcours jedoch die Erkenntnis heraus, dass sich die antimilitaristische Kunst und der kulturvernichtende Krieg keineswegs nur unversöhnlich gegenüberstehen. Denn was das Jahr 1917 im Kern ausmacht, ist das Bild einer wechselseitigen Katalyse militärischer und künstlerischer Entwicklung – vielschichtig und verstörend zugleich. Eine Katalyse, die über die Entwicklung des Dazzle-und Camouflage-Painting zur Tarnung von U-Booten, die Kriegsbegeisterung der Futuristen oder die eines Fernand Leger hinausgeht. Dessen „période mécanique“ verdankte der Maschinerie des Tötens, wie der Kriegsteilnehmer sagte, mehr „als allen Museen der Welt“. Vielmehr sahen sich die Künstler gezwungen, ihre Arbeitsweise grundlegend zu verändern, um das Phänomen des technologisch entfesselten Krieges überhaupt erfassen zu können.
Wie wenig nämlich der Realismus der revolutionierten Kriegstechnik gerecht wurde, zeigen zwei Bilder Felix Vallottons. Den Soldatenfriedhof von Chalons mit seinem Meer von Holzkreuzen malte der Künstler 1917 noch in der bekannt unterkühlten Sachlichkeit. In seinem Bild „Verdun“ aus dem gleichen Jahr geht er zu einer abstrakten Sprache über.
Alles zersplittert
Mit Strahlenbündeln, gezackten Linien und verschränkten Perspektiven kreiert der eigentlich an Courbet und Manet geschulte Valloton eine Art Protokubismus. Ähnlich malen später auch Künstler wie Otto Dix und George Grosz. Getrieben von dem Wunsch, das Neuartige, Verheerende des Krieges sichtbar zu machen, ästhetisieren sie ihn auch.
Die Ausstellung versteigt sich nicht zu der These, dass der Krieg der Vater der Avantgarden war. Aber dass er sie – und damit auch ein neues Weltbild – herausbilden half, wird überdeutlich. Zentrales Motiv war die Erfahrung der Zersplitterung. Sie fand ihr Echo gleichermaßen in den verschobenen Porträts Alexej von Jawlenskys, den Skulpturen Ossip Zadkines wie in den Masken zerfetzter Gesichter französischer Soldaten, die der plastischen Chirurgie damals als Vorlage für neue Operationsmethoden dienten. Selbst als der greise Claude Monet in seiner Enklave Giverny, 1917 war er 77 Jahre alt, mit seinen manisch gemalten Seerosenbildern, diesem letzten Aufflackern des Impressionismus, den Sieg der Kunst über den Krieg demonstrieren wollte, spürt man noch die Macht dieses Geburtshelfers der Avantgarden.
Ingo Arend (taz 29.05.2012)
"1917"
Ausstellung im Centre Pompidou-Metz
bis 24. September 2012
Éditions du Centre Pompidou-Metz, Metz, 2012
ISBN : 978-2-35983-019-4
Fotoreproduktion: IGS-CP, L’Isle d’Espagnac
Preis: 49,90 €
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Anthony McCall-Ausstellung in Berlin
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 7. Mai 2012
Auflösen in Licht
Im Hamburger Bahnhof und in der Galerie Sprüth Magers in Berlin sind jetzt die sensationellen Lichtskulpturen des britischen Künstlers Anthony McCall zu sehen.
Ist es Videokunst? Das fragt sich zuerst, wer den ausnahmsweise einmal abgedunkelten Hauptsaal des Hamburger Bahnhofs betritt. Die Augen brauchen ein paar Minuten, um sich daran zu gewöhnen.
Bis der Besucher bemerkt, dass die scheinbar statischen Lichtdome darin feine weiße Linien auf den Boden zeichnen. Und genau dem flimmernden Kegel ähneln, der im Kino aus dem Projektor auf die Leinwand trifft.
Mit dem Film hatte alles begonnen bei dem 1964 geborenen britischen Künstler Anthony McCall, der eine Ausbildung als Grafikdesigner absolviert hatte. Das Medium mit dem er seine Performances dokumentieren wollte, geriet ihm nämlich bald zum Mittel einer, für viele radikale Künstler der damaligen Zeit typischen Grundsatzreflexion: „Wenn du einen Film machen wolltest, der nichts als ein Film wäre, wie würde er aussehen?“ fragte sich McCall. Heraus kam ein ikonisch gewordenes Werk namens „Line Describing a Cone“.
Die Arbeit aus dem Jahr 1973, bei der sich eine Kreisform, die McCall in einen dunklen Raum projizierte, langsam zu einem dreidimensionalen Raum weitete, war nicht nur eine ungewöhnliche Form, sondern eine Metapher für den Film an sich - so wie sie dessen Hauptelemente: Raum, Zeit und Licht ganz ohne narrative Zusätze ausstellte. „Solid light films“ nannte McCall seinen Beitrag zum „Expanded Cinema“. Zum Rest des Beitrags »
ShareDas Scheitern der Berlin-Biennale
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 1. Mai 2012
Unmittelbar unnütz
Kitsch, Handarbeiten für die Bewegung und verunglückte Symbole: Die 7. Berlin-Biennale ist gescheitert und hat die politische Kunst diskreditiert. Symptomatisch!
Schwamm drüber. Mehr als 150 Biennalen gibt es auf der Welt. Da darf auch eine mal schiefgehen. Das wird sich vielleicht mancher gedacht haben, nachdem er das Desaster namens 7. Berlin-Biennale besichtigt hatte. Obwohl es fast körperlich wehtat, anzusehen, wie gründlich es Artur Zmijewski und seinen „Kuratoren“ gelungen ist, die politische Kunst zu diskreditieren.
Zwei Jahre hatten sie Zeit, 2,5 Millionen Euro standen zur Verfügung. Und dann dieses Sammelsurium aus Kitsch, Handarbeiten für die Bewegung und verunglückten Symbolen. Man muss lange zurückdenken in der nicht allzu langen Geschichte der Biennalen, um sich an eine schlechtere Ausgabe dieses noch jungen Kunstformats zu erinnern. Mit der absurden Folge, dass ausgerechnet das kommerzielle Gallery Weekend die interessantere, intelligentere und qualitätsvollere politische Kunst präsentierte.
Die Sache wäre vielleicht noch zu verschmerzen, wenn sich in dem Vorgang nicht ein altes Problem neu Bahn bräche: das gestörte Verhältnis vieler Linker zur Ästhetik. Die Art und Weise, wie die Biennale-Macher die Kunst pauschal für politisch unzurechnungsfähig erklärten, ist nicht nur geschichtsblind. In der Berliner Ausstellung „Baumeister der Revolution“ hätten sie studieren können, dass man mit dem Lernverhältnis von Kunst und Politik schon mal weiter war, so wie sich Avantgarde und Politik in der Frühphase der Russischen Revolution wechselseitig befruchteten.
Alte linke Abwehr
In den Tiraden der Biennale-Macher gegen den Kunstgenuss und zweckfreie Objekte kam aber auch eine alte linke Abwehr zum Vorschein: gegenüber einer Ästhetik, die mehr ist als unmittelbar nützlich oder illustrativ. So wie Zmijewski die Kunst symbolisch dem Diktat der Politik in Gestalt der Occupy-Demonstranten unterwarf, war man drauf und dran, sich Jonathan Meeses ominöser „Diktatur der Kunst“ zu unterwerfen.
Die Frage nach einer zeitgemäßen politischen Ästhetik ist aktueller denn je. Und dann wird in Berlin die Plattform zum „Action Space“ umfunktioniert, auf der die Kunst eigentlich die Fähigkeiten demonstrieren soll, ohne die es keine bessere Gesellschaft gibt: gestalten, entwerfen, neue, andere, nie gesehene Formen finden. Es kommt gar nicht drauf an, was die Kunst darstellt, sondern dass sie gut, also komplex, schwierig, ungewohnt ist. Anders gesagt: Je schöner Kunst ist, um so politischer ist sie.
Ingo Arend (taz, 29.04.2012)
Auf der 7. Berlin-Biennale streckt die Kunst die Waffen vor der Politik
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