RUNDGANG

Ingo Arend streift durch Berliner Galerien




Gerhard Richter – Grundlagenforschung

Die Selbstbefragung der Malerei

Mit seinem gemalten Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt ist Gerhard Richter zu dem „Alten Meister“ geworden, der er nie sein wollte. Die Ausstellung „Panorama“ in der Nationalgalerie gibt einen Überblick über sein Lebenswerk.

Gerhard Richter: Seestück

Gerhard Richter: Seestück

Alte Meister. Was für ein Wort. Wer sich an die Ehrfurcht gebietende Vokabel erinnert, mit der eigentlich die religiösen Maler des 14. bis 18. Jahrhunderts bezeichnet wurden, reibt sich verwundert die Augen, wie nun ausgerechnet ein Maler wie Gerhard Richter in diesen zwiespältigen Rang erhoben werden konnte.

Gut, der Künstler ist inzwischen 80 Jahre alt geworden. Doch sieht man von dem Geburtsjahr 1932 ab, prasselte das wurmstichige Prädikat in der vergangenen Woche ausgerechnet auf einen Mann ein, der so ziemlich das genaue Gegenteil von einem dieser Meister ist. So sehr wollte er „so sein, wie alle sind“. Deshalb unterläuft er mit fröhlicher Lakonie jede Bohemien- oder Genieprojektion. Als seine frühere Frau, die Bildhauerin Isa Genzken, 1983 einen ihrer glänzenden Hyperbolos „Meister Gerhard“ nannte”, war das ironisch gemeint. Warum ihn also zu einem „Meister aus Deutschland“ erhöhen? Zum Rest des Beitrags »

Kunst und Herkunft – Die Ausstellung „12 im 12.“ im Kunstraum Tanas

Auf der Suche nach der zweiten Heimat

In der Ausstellung „12 im 12.“ im Kunstraum Tanas demonstrieren junge Künstler türkischer Abstammung eine distanziert-ironische Distanz zum Dauerreizthema nationale Identität

Wie geht man eigentlich mit Rollenerwartungen um? Es fällt nicht schwer, Ergin Cavusoglus Video-Installation „Backbench“ mit dieser Frage im Hinterkopf zu lesen. Auf fünf Bildschirmen sieht man eine Truppe von Menschen bei dem Versuch, ein von dem türkischen Künstler geschriebenes Skript nachzuspielen. Je länger sie sich jedoch mit den Charakteren zu identifizieren versuchen, desto mehr wachsen ihre Zweifel am Sinn des Geschehens.

Natürlich geht es in der Arbeit um mehr. Aber mit dem Inhalt des 47-minütigen Videos wäre zugleich eine allgemeine künstlerische Haltung beschrieben. Denn wenn die zwölf Künstler, die der Kunstraum Tanas zu seiner 12. Ausstellung versammelt hat, etwas gemeinsam haben, dann die Abneigung, sich auf so etwas wie (nationale) Identität festlegen zu lassen. Selbst wenn alle von ihnen türkischer Abstammung sind. Viel eher zeugt sie von der beeindruckenden ästhetischen Spannbreite zeitgenössischer junger Kunst, die ihre Wurzeln in der Türkei hat.

Vahap Avşar: Chief Commander (14-3), 2011, C-print.  Copyright:  Vahap Avşar

Vahap Avşar: Chief Commander (14-3), 2011, C-print. Copyright: Vahap Avşar

Zwar werden auch bei ihnen Fragen nach der Herkunft wieder virulent. Der 1965 in Malatya geborene Vahap Avsar beispielsweise ging 1995 nach New York. Seine jüngste Werkserie „Chief Commander“ besteht aus vergrößerten Postkarten, die aus einem Fotogeschäft stammen, in dem Avsar als junger Kunststudent gearbeitet hat. Die Ansichten von Denkmälern des Staatschefs Atatürk in türkischen Städten sagen etwas über die nachwirkende Prägekraft eines nationalen Identitätssymbols aus. Zugleich sind sie ein Dokument der Alltagsgeschichte der sechziger Jahre, als sich die Türkei an westeuropäischen Städten mit ihren Reiterstandbildern orientierte. Zum Rest des Beitrags »

Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung

Schärfe und Ironie

Medienfigur – Sein Leben ist auf den Kopf gestellt: eine Solidaritätslesung aus dem Blog von Ai Weiwei in Berlin und die Kurve der öffentlichen Erregung

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Auf kaum einen Menschen scheint der berühmte Satz aus Ludwig Wittgensteins „Tractatus Philosophicus“ derzeit besser zu passen als auf den chinesischen Künstler Ai Weiwei. Die 81 Tage Haft in diesem Sommer dürften ihm die eigene Existenz zumindest zeitweilig so fremd gemacht haben, dass es auch schwierig geworden ist, sie in Worte zu fassen. Und dann ist da noch das Redeverbot, das ihm die Machthaber im Reich der Mitte nach seiner Entlassung verordnet haben.

Das heißt nun nicht, dass gar keine Kommunikation in eigener Sache mehr möglich wäre. Für die Süddeutsche Zeitung verfiel Ai kürzlich auf eine ungewöhnliche Idee. Auf deren Frage: „Wie ist Ihre Stimmung?“ antwortete er mit einem Foto, auf dem man ihn beim Handstand an einer Mauer seines Pekinger Ateliers sah, von zwei Freunden assistiert. Die Bilderserie sagte mehr über Ais auf den Kopf gestelltes Leben als tausend Worte: So kann man das Schweigegebot natürlich auch umgehen.

Das Verspielte, Fantasievolle, Burleske, mit der der bedrohte Künstler immer wieder auf seine Lage aufmerksam macht, lässt das Drama um ihn oft wie ein lustiges Räuber-und-Gendarm-Spiel aussehen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es immer noch um Leben und Tod geht. Schon weil seine 78-jährige, schwer kranke Mutter im Spiel ist. Von der Ai sagt, dass seine Haft sie an den Rand des Todes gebracht habe.

Der Wechsel zwischen Anklage und Performance, die Mischung aus Schärfe und Ironie, die er in dem täglichen Tauziehen mit den Staatsorganen seit seiner Freilassung dennoch immer wieder demonstriert, erklärt aber vielleicht auch, warum die Solidaritätsaktionen, mit denen sein Fall hierzulande begleitet wird, immer etwas bemüht aussehen.

Das Ritual einer Politisierung

Gegenüber Ais jüngsten Kapriolen hatte die Solidaritätslesung aus seinem Blog, die der Galiani-Verlag vergangenen Freitagabend im Berliner Martin-Gropius-Bau veranstaltete, etwas von einem steifen Ritual. Bei dem die Zuhörer zwar erneut Zeuge einer beeindruckenden Politisierung werden konnten. Eva Menasse, Elke Schmitter und Alain Claude Sulzer, die Autorinnen, die diesmal die Rolle der Lesenden aus Ais Blog „Macht Euch keine Illusionen über mich“ übernommen hatten, vermochten es, seinen Lebensweg vor dem inneren Auge erstehen zu lassen: von dem ahnungslosen Jungen, der mit seiner Familie zu Zeiten der Kulturrevolution in einem Erdloch in der chinesischen Provinz hausen musste, zum entschiedenen Herausforderer der größten Partei der Welt. Zum Rest des Beitrags »

6. Kunstmesse Contemporary Istanbul

Auf der Suche nach dem Imperium

Die 6. Kunstmesse Contemporary Istanbul lieferte interessante Einblicke in die Umbrüche in Nahost

The Empire Project. Das heruntergekommene Eckhaus vis-à-vis von Istanbuls zentralem Taksim-Platz sieht nicht so aus, als ob man von hier auszöge, ein Weltreich zu erobern. Der Fahrstuhl ist zerbeult, die Marmortreppe schiefgetreten. Doch schäbig das Ambiente auch sein mag. Das neu gegründete Kunsthaus im ersten Stock, das diesen ungewöhnlichen Namen gewählt hat, hat sich etwas vorgenommen, das am Bosporus ganz offenbar in der Luft liegt.

Mit dem Versuch, Kunst aus den Ländern zu zeigen, die einst „auf den imperialen Platz, den wir heute Istanbul nennen“ ausgerichtet waren, wirkt die Non-Profit-Institution des progressiven türkischen Kurators Kerimanc Gülerüyüz, dem Inhaber von The Empire Project, plötzlich wie ein ästhetisches Pendant der Ambitionen des konservativen türkischen Premiers Erdogan. Ob er nun im Machtvakuum der Arabellion die Türkei als muslimische Hegemonialmacht etablieren oder sein Land innerhalb von zehn Jahren unter die Top-Ten der Weltökonomien katapultieren will.

Zwar lässt sich die 6. Internationale Kunstmesse Contemporary Istanbul (CI), die am Wochenende im Lütfi Kirdar-Kongresszentrum zu Ende ging, nicht umstandslos als Barometer für die imperiale Macke einer Regierung nehmen. Schließlich wird sie nicht von der Regierung, geschweige denn von der AK-Partei Erdogans finanziert. Doch es war schon mehr als ein Zufall, dass CI-Generalkoordinator Hasan Bülent Karaman zur Eröffnung der „New Art Destination“ Istanbul als „Hauptstadt dreier Imperien“ pries. Und der britische Entrepreneur Stephen Stapleton, Gründer einer Initiative zur Promotion saudi-arabischer Kunst namens „Edge of Arabia“ in der Messe-Zeitung Istanbul zu einem „ideologischen Zentrum“ erhob.

Richard Mosse: "RM Lava Lake", 2010, C-print, Courtesy: the Empty Quarter Gallery/Dubai

Richard Mosse: "RM Lava Lake", 2010, C-print, Courtesy: the Empty Quarter Gallery/Dubai

Dazu schien die Expansion der bislang eher unbedeutenden Schau zu passen: Die Ausstellungsfläche war auf 12.000 Quadratmeter verdoppelt worden, 90 Galerien präsentierten rund 3000 Kunstwerke von über 500 Künstlern, es gab kuratierte Sonderschauen und jede Menge cooler Partys. Und mit dem Luxemburger Galeristen Stephane Ackermann wurde erstmals ein künstlerischer Direktor berufen.

Gemessen an den etablierten Altimperien Basel, Paris oder Dubai ist der Newcomer Istanbul trotzdem noch auf dem Weg zur Schwellenmacht. Sieht man von dem diesjährigen Schwerpunkt „Golfstaaten“ und ein paar Galerien aus Teheran ab, suchte man solche aus Ländern des alten osmanischen Einflussgebietes: Aserbeidschan, dem Libanon oder Ägypten etwa, vergebens – den Ländern, die die Messe eigentlich an sich binden will. Zum Rest des Beitrags »

Deutschland, deine Völker – Hans Haackes Kunstwerk „Der Bevölkerung“

Elf Jahre steht Hans Haackes Kunstwerk im Deutschen Bundestag. Die Bilanz über seine Wirkung fällt gemischt aus.

Blut und Boden? Unübersehbar stand die Frage im Raum, als Hans Haacke 1999 sein Kunstwerk „Der Bevölkerung“ vorschlug. Dass ausgerechnet der kritischste der deutschen Polit-Künstler deutsche Erde im Reichstag aufschütten lassen wollte, um klarzumachen, dass die Deutschen mehr als nur ein Volk seien, befremdete viele. Haackes von innen beleuchteter Schriftzug konterkarierte zwar das pathetische „Dem Deutschen Volke“ am Frontgiebel des Parlaments. Aber warum, um Himmels willen, wollte er den Teufel Nation unbedingt mit dem Beelzebub Mythos austreiben? Man versteht es bis heute nicht.

Seit elf Jahren wächst nun Haackes Hügelgrab im Hohen Haus. Und der positiven Bilanz, die eine Runde von Politikern, Kunsthistorikern und dem Künstler selbst, der im August 75 Jahre alt geworden ist, in dieser Woche bei einer Diskussion im Hamburger Bahnhof zog, kann man einiges abgewinnen. Ganz so blutbodenmäßig, wie manche es befürchtet hatten, ist es denn doch nicht gekommen.

Die heftige Debatte um sein 2000 mit der knappen Mehrheit von zwei Stimmen gebilligtes Projekt hatte zumindest sichtbar gemacht, wie viel nationalistische Untertöne bei der Selbst-Definition der Deutschen noch immer mitschwingen. Und einer Erkenntnis den Weg bereitet, die Konservativen heute noch weh tut: Deutschland – das sind viele Völker. Zum Rest des Beitrags »

Fiktion Okzident – Künstlerische Positionen zwischen Deutschland und der Türkei

Wir schaukeln in der Luft

Versuchte Blickumkehrung: Aus Anlass des 50. Jubiläums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens beleuchtet die Istanbuler Ausstellung „Fiktion Okzident“ die wechselseitige Wahrnehmungsgeschichte der beiden Kulturen

Im Anzug auf einem Ottomanen. So saß der französische Schriftsteller Pierre Loti 1879 im Istanbuler Stadtteil Eyüp und genoss den Blick auf das Goldene Horn. Der Fin-de-Siecle-Literat ist ein klassisches Beispiel für das, was der Literaturwissenschaftler Edward Said als den orientalistischen Blick geißelte. An seinem Boheme-Sitz fantasierte sich der Palästina-Reisende, der in China einst den Boxer-Aufstand mit niederschlug, eine Welt aus Harem, Krummschwert und Palästen zusammen. Doch dieser Orient habe weder gestern existiert, noch werde es ihn morgen geben, erboste sich der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet einst über seinen französischen Kollegen.

Hanefi Yeter: Wenn der Tod noch mal vom Himmel kommt

Nur weil es diese imaginären Welten gar nicht gibt, sind sie nicht weniger wirkmächtig. Tagtäglich pilgern die Touristen durch die steilen Pfaden des moslemischen Friedhofs hinauf zu dem Café, wo Loti seine geliebte Nargile schmauchte. Auch das Hotel Pera, in dem Agatha Christie zu Beginn der dreißiger Jahre ihren „Mord im Orient-Express“ geschrieben haben soll, ist ein Touristenmagnet. Dass der deutsche Steuerzahler am Bosporus ein „Orient-Institut“ unterhält, ist vermutlich den Wenigsten bekannt. Immerhin verstehen sich seine Insassen auch auf die Postcolonial Studies.

Am Entstehungsort der Fiktionen vom Orient ausgerechnet eine Ausstellung mit dem Titel „Fiktion Okzident“ in Szene zu setzen, wirkt so unkorrekt wie waghalsig. Jetzt, wo mit den Feiern zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbe-Abkommens eine unerklärte Abbitte für den herablassenden Blick geleistet werden soll. Mit ihm musterte der Okzident, Abteilung Deutschland, in den sechziger Jahren die Männer in den zu engen Anzügen und dem tiefen Bartschatten, die plötzlich mit einem ramponierten Koffer und Gebetsketten in der Hand auf deutschen Bahnhöfen standen.

Doch Saids Theorem versuchsweise umzukehren, macht Sinn. Denn zu dem projektiven Blick, der sich den Orient erschaffte, gehörte auch sein Pendant. Die islamischen Schriften durchzieht seit Jahrhunderten die Vorstellung von einem fiktiven Westen. Der ebenso verzerrte wie märchenhafte Züge trug. Und auch wenn der naive Blick, mit dem die „Gastarbeiter“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts gen Westen zogen, wenig gemein hatte mit Exotik und Bedrohung – den Bestandteilen, aus der sich der Orientalismus „seinen“ Orient braute – beide Seiten imaginierten sich ihr Gegenüber. „Für uns war vor 50 Jahren Deutschland ein Traum“ erinnerte sich der Maler Yalcin Karayagis, Rektor der Istanbuler Mimar-Sinan-Universität der Künste, am vergangenen Wochenende zur Eröffnung der Ausstellung. Zum Rest des Beitrags »

Fotoausstellung von Ai Weiwei

Manischer Knipser

Im Berliner Martin-Gropius-Bau hat eine Fotoausstellung zu der Jugend des chinesischen Künstlers Ai Weiwei begonnen. Die Fotos zeigen die Ursprünge seiner jetzigen Kunst.

Ein verbogener Kleiderbügel, der auf dem Boden liegt, in das leere Drahtgeviert eine Handvoll Sonnenblumenkerne geschüttet: In der Fotografie, die der damals noch unbekannte chinesische Künstler Ai Weiwei 1983 in New York aufnahm, meint man, eine Vorahnung jener Installation zu sehen, die der weltbekannte Künstler 27 Jahre später in die Turbinenhalle der Tate in London platzieren ließ: Millionen von Sonnenblumenkernen aus handgefertigtem Porzellan – ein spektakuläres Sinnbild für das Verhältnis von Individuum und Masse, ein Tribut an die Heimat China.

Wer das Foto von damals genau anschaut, wird bemerken, dass das unscheinbare Drahtgestell die Umrisse des Kopfs von Marcel Duchamp hat – auch ein Künstler, der es in New York zu Weltruhm brachte. Insofern soll man das alte Gelegenheitsfoto wohl auch wie ein Schlüsselbild lesen: In der Neuen Welt fand der Mann, der 1981 eigentlich von Peking ausgezogen war, um ein “neuer Picasso” zu werden, zu seiner wahren Bestimmung: Aus dem Maler wurde ein Konzeptkünstler, der die westliche Formensprache mit östlichen Inhalten füllte.

Ais Hang zum Konzeptuellen belegt schon die Ausstellung selbst. Wer die 227 von ihm selbst ausgewählten Fotos betrachtet, fragt sich unwillkürlich: Welche der insgesamt 10.000 Aufnahmen, die der 1957 Geborene in seiner New Yorker Zeit auf- und 1993 mit zurück nach Peking nahm, hat er eigentlich weggelassen? Zum Rest des Beitrags »

Eine Frage der Form (12. Istanbul-Biennale)

Bei der 12. Istanbul-Biennale scheren Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann die Gegenwartskunst über den Gonzales-Torres-Leisten

TAYSIR BATNIJI: Watchtowers, 2008. 26 black and white digital prints. Courtesy Coleção Teixeira de Freitas,  Lisbon, Portugal and Galerie Sfeir-Semler, Beirut, Lebanon/Hamburg, Germany

TAYSIR BATNIJI: Watchtowers, 2008. 26 black and white digital prints. Courtesy Coleção Teixeira de Freitas, Lisbon, Portugal and Galerie Sfeir-Semler, Beirut, Lebanon/Hamburg, Germany

„Untitled – Ohne Titel“ So kann man vielleicht ein Bild nennen. Aber eine Biennale? Wer im Vorfeld der 12. Istanbul-Biennale nach Informationen stocherte, stieß immer nur auf genau diesen geheimnisvollen Titel. Sehr viel mehr gab die Biennale-Website des Unternehmens nicht her. Philosophische Exkurse, die den Titel hätten erhellen können, suchte man vergebens. Nachfragen nach Künstlerlisten wurden abschlägig beschieden. Und genau in dieser Verweigerung dürfte schon ein Erfolg von Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann gelegen haben, dem Kuratoren-Team aus Lateinamerika, das diesmal die Geschicke der einzigen türkischen Biennale leiten durfte.

Die Kritik des ausufernden Biennalen-Unwesens, dem Stadtmarketing mit ästhetischen Mitteln, gehört quasi zum Programm der beiden Ausstellungsmacher. Zusammen mit dem italienischen Künstler Maurizio Cattelan lockte Hoffmann mit den üblichen Reklamesprüchen und Werbung auf allen Kanälen 1999 Scharen von Biennalen-Fans auf die Karibikinsel St. Kitts, bei der die Besucher erst merkten, dass es gar keine Biennale war, als sie mit den Füßen im Sand steckten: Institutionenkritik mit den Mitteln der Biennale, sozusagen.

KRIS MARTIN: Obussen II, 2010. 700 found objects. Courtesy Sies+Höke, Düsseldorf, Germany. Photography: Achim Kukulies

KRIS MARTIN: Obussen II, 2010. 700 found objects. Courtesy Sies+Höke, Düsseldorf, Germany. Photography: Achim Kukulies

Ganz so weit mit der Kritik des Betriebssystems Kunst ging es in Istanbul diesmal nicht. Denn im Istanbuler Hafen gibt es durchaus jede Menge Kunst zu sehen. Nur auf ein schmissiges Thema oder eine spektakuläre Inszenierung mussten die Besucher verzichten, die zur Eröffnung in das Antrepo gekommen waren. Dafür erwartete sie eine Schau, die so mustergültig kuratiert wie eine Museumsschau war und so penibel gehängt wie eine Schmetterlingssammlung. Shop-in-shop könnte man die Hütten aus glänzendem Aluminiumwellblech nennen, die der japanische Architekt Ryue Nishizawa in die zwei Lagerschuppen hinein gebaut hatte. Und einen Reim auf das Gesehene, sollten sie sich, so die unausgesprochene aber offenkundige Idee der Kuratoren, schon selbst machen. Zum Rest des Beitrags »

Images of the Mind (Ausstellung)

Das Display der Seele – Denkprozesse im Hygiene-Museum

Wer denkt, wenn wir denken? Die Ausstellung “Images of the Mind” im Deutschen Hygiene-Museum Dresden präsentiert Antworten, auf diese ewige Frage.

Blick in die Ausstellung, (Foto: Deutsches Hygienemuseum/Oliver Killig)

Blick in die Ausstellung, (Foto: Deutsches Hygienemuseum/Oliver Killig)

“Ich denke, also bin ich.” Nichts geht philosophischen Sonntagsrednern heute so leicht über die Zunge wie der Satz, den René Descartes 1641 in seinen “Meditationes de prima philosophia” formulierte. Wie dieser Prozess genau vor sich geht, außer dass man dabei die Stirn in Falten zieht oder den Kopf in Denkerpose bringt, war vermutlich auch seinem Urheber nicht recht klar.

Und je mehr die Wissenschaft ihn zu entschlüsseln beginnt, desto vager wird das, was der französische Philosoph damit begründen wollte: die Idee eines souveränen Individuums. Wer oder was denkt da eigentlich?

Selbstbildnis mit erstauntem Blick: Rembrandt Harmensz van Rijn, 1630, Radierung. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, München)

Selbstbildnis mit erstauntem Blick: Rembrandt Harmensz van Rijn, 1630, Radierung. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, München)

Descartes war Mathematiker. Doch wenn er sich ein Bild davon gemacht hätte, wie das Denken aussehen könnte, das er philosophisch zu definieren suchte, wäre es vielleicht so ausgefallen wie Rembrandt van Rijns “Selbstbildnis mit erstauntem Blick” aus dem Jahr 1630.

Die Verwunderung, die da über das Gesicht des – damals noch jungen – alten Meisters huscht, wirkt wie ferngesteuert, so als ob höhere Wesen es ihm befahlen.

Ein nicht geringer Anteil der bildenden Kunst, das zeigt die spannende Ausstellung “Images of the mind” im Deutschen Hygiene-Museum, in Dreden, bezieht ihren Antrieb aus dem Versuch, das Geheimnis des Denkens dadurch zu bannen, dass sie seinen Verursacher porträtiert – den Geist.

Die Linie lässt sich von Rembrandts Selbstporträts bis zu Edvard Munchs “Angst” von 1896 ziehen, von Bohumil Kubistas “Epileptikerin” von 1911 bis zu Bill Violas “Silent Mountain” aus dem Jahr 2001.

Die Seele auf dem Display

In diesem Farbvideo winden sich ein Mann und eine Frau eine knappe Minute lang in anscheinend kaum erträglichen Schmerzen. Überall in diesen Werken spürt man das Echo der antiken Idee des Dualismus von vergänglichem Körper und unsterblicher Seele, dem Letztere nur als Zwischennutzer innewohnt. Das Display, auf dem sich die Seele zeigte, war das Gesicht. Auch Descartes hing dieser Idee an.

213 Objekte haben die Kuratoren Colleen Schmitz vom Dresdner Hygienemuseum und Ladislav Kesner von der Mährischen Galerie Brünn in vier systematischen Abteilungen zusammengetragen. Sie belegen, wie nahe sich Kunst und Wissenschaft bei den Versuchen immer waren, den unfassbaren Urheber des Denkens zu kartieren.

Epileptikerin: Bohumil Kubišta, 1911, Öl auf Leinwand. (Foto: Mährische Galerie, Brünn)

Epileptikerin: Bohumil Kubišta, 1911, Öl auf Leinwand. (Foto: Mährische Galerie, Brünn)

Die sechzehn Gemütszustände vom gleichmütigen über das traurige bis zum wütenden Gesicht, die der französische Theoretiker Charles Le Brun 1668 zu typisieren suchte, stehen den Schwarzweißfotografien, auf denen die Künstlerin Isabell Heimerdinger 2002 den Schauspieler Martin Glade unterschiedliche Emotionen und Charaktere nachstellen lässt, in nichts nach.

Strömungsfeld der Gedanken, Alfred Anwander, Carsten H. Wolters und Xavier Tricoche , 2006. Computersimulation. (Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig)

Strömungsfeld der Gedanken, Alfred Anwander, Carsten H. Wolters und Xavier Tricoche , 2006. Computersimulation. (Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig)

Im Fadenkreuz

Von außen ging der Weg der Erkenntnis nach innen: Spätestens seit der Renaissance geriet das Gehirn ins Fadenkreuz der Geistessucher. Das kann man an ein paar kostbaren Anatomiestudien sehen, auf denen Leonardo da Vinci Schädel, Augen und Nerven zeichnerisch sezierte. Diese Naturalisierung gipfelte schließlich in den modernen Neurowissenschaften.

Spätestens seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird das “Ich-Sein”, das auch die westlichen Demokratien mit begründet, wie “Gehirn-Sein” buchstabiert: Das autonome Subjekt ist vor allem ein zerebrales.

Magic Forest: Andrew Carnie, Installation, 2002. Courtesy of the artist and GV Art London

Magic Forest: Andrew Carnie, Installation, 2002. Courtesy of the artist and GV Art London

Distanz zur Neuroreligion

Nur die Kunst bewahrt ironische Äquidistanz zur alten Metaphysik wie zur neuen Neuroreligion. Radikaler und ironischer als auf der Röntgenaufnahme, die Meret Oppenheim 1963 von ihrem Kopf anfertigen ließ, kann man sich die Absage an die Idee nicht vorstellen, darin hause ein erhabener Geist.

Auf dem Schwarzweißbild sind als einziges persönlichkeitsbildendes Attribut die großen Metall-Ohrringe der Künstlerin zu sehen.

Wie berechtigt die Skepsis gegen allzu viel Rationalismus ist, lässt sich an den schönen, bunten Computerscans und Elektroenzephalogrammen von heute demonstrieren. Denn auch sie können nur anzeigen, dass sich im Gehirn etwas bewegt. Wer diesen Vorgang wie “lenkt”, bleibt auch bei diesen Vorzeigeobjekten der neuronalen Ästhetik unklar.

Dafür gebären sie ungeahnte ästhetische Effekte. Diese reichen von den Zeichnungen, mit denen der spanische Mediziner Santiago Ramón y Cajal 1903 als Erster die filigrane Feinstruktur des Nervensystems aus Synapsen und Neuronen kartierte, bis hin zu dem “Strömungsfeld der Gedanken”, das drei Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften 2006 aus magnetresonanztomografischen Aufnahmen gewannen.

Self-Portrait Helen Chadwick (1953-1996) 1991, Dia, Glas, Aluminiumrahmen und Licht, 50,9 x 44,6 x 11,8 cm © The Helen Chadwick Estate, Foto: Edward Woodman

Rot-weiß-blaue Wellen

Die wunderbar psychedelischen Wellenformen in Rot-Weiß-Blau sagen über den Inhalt des Denkprozesses oder das Individuum, das sie hervorbrachte, nichts aus. Sie zeigen nur an, wie die Ausbreitung der Gedanken von den Gewebearten abhängt. Eines aber wird klar: Denken ist schön! Von Kunst ist dieses “Neuroimaging” kaum mehr zu unterscheiden.

Darstellung der Seele als präzise zugeschnittene Reihe von Vermögen. Unbekannt, aus Gregor Reisch (1470-1525), Margarita philosophica nova, 1512, Holzschnitt, (Foto: Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek, Dresden/ Regine Richter)

Darstellung der Seele als präzise zugeschnittene Reihe von Vermögen. Unbekannt, aus Gregor Reisch (1470-1525), Margarita philosophica nova, 1512, Holzschnitt, (Foto: Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek, Dresden/ Regine Richter)

Dabei hat sich das Verständnis der geheimnisvollen grauen Masse unendlich ausdifferenziert – von einer starren Topologie, in deren Mitte der der Mediziner und Esoteriker Robert Fludd 1619 hin den Satz “Hic anima est – Hier ist die Seele” schrieb, zu einem hochsensiblen Netzwerk komplizierter Interaktionen.

So narzisstisch getroffen reagiert der Betrachter dann doch auf die Dresdner Zumutung, sein “Selbst”-Bewusstsein, nur noch als “bewusstlose” Rechenleistung eines 1,5 Kilo schweren, gräulichen Gewebeklumpens zu sehen. Bin ich denn nur ein evolutionsgesteuerter Bioautomat?

Ein freies Gehirn

Das “Self-Portrait”, das die britische Künstlerin Helen Chadwick 1991 schuf, wirkt da wie der Versuch, den Zerebralismus, der die Bewusstseinsphilosophie derzeit erschüttert, zu relativieren: Das freigelegte Gehirn, das auf dem Lichtdia zu sehen ist, wird von zwei menschlichen Händen gehalten.

Ohne seinen Träger, denkt sich das souveräne Individuum unserer Tage beim Blick auf Chadwicks Aufnahme erleichtert, ist auch das allmächtige Gehirn nichts. Cartesisch gesprochen: Nur mit meinem Körper bin ich.

 

Ingo Arend, taz 14.09.2011

 

 

 

“Images of the Mind”, Deutsches Hygiene Museum, Dresden

bis zum 30. Oktober 2011

Katalog: Hrsg. von Colleen Schmitz und Ladislav Kesner, Wallstein-Verlag, 304 S., mit ca. 200 farbigen Abbildungen, 24,90 Euro

Josef Váchal: Traum über meinen Traum. 1916, Öl auf Papier. (Foto: The Museum of Czech Literature (PNP), Prag)

Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2011

Endstation Hype

Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt Arbeiten der für den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst nominierten Künstler.

Andro Wekua : Ohne Titel, 2011, Wachs, Holz, Metall, Stoff und andere Materialien, © Andro Wekua, Courtesy Gladstone Gallery, New York

Andro Wekua : Ohne Titel, 2011, Wachs, Holz, Metall, Stoff und andere Materialien, © Andro Wekua, Courtesy Gladstone Gallery, New York

Das Schönste an vielen Städten ist bekanntlich der Bahnhof. Für Berlin gilt das nicht. Denn die vielen tausend Künstler, die dorthin strömen, wollen ja nicht weg aus der Stadt, sondern nach oben. In den Olymp der Kunst gelangen sie aber eher über den U-Bahnhof Kottbusser Tor, mitten in der Kreuzberger Subkultur, als über den Hamburger Bahnhof. Die Kunst der Zukunft sucht man in dem edlen Kopfbahnhof oft genug vergebens. Auch wenn er sich “Museum der Gegenwart” nennt.

Schon bemerkenswert, dass das Antizipatorische an den vier Positionen junger Kunst, die dort jetzt präsentiert werden, ausgerechnet das Historische ist. Zumindest gilt das für Cyprien Gaillard und Andro Wekua. In seinem Film “Artefacts” filmt der französische Berliner Gaillard einen Trupp amerikanischer Soldaten, der während des Irakkrieges durch die antike Stadt Babylon streift. Und in dem Streifen “Never sleep with a strawberry in your mouth” des georgischen Berliners Wekua gleitet ein androgynes Wesen durch eine fantastisch-reale Erinnerungslandschaft.

Klara Lidén : Self Portrait with Keys to the City, 2005, Digital print, Courtesy: The artist and Reena Spaulings Fine Art, New York

Klara Lidén : Self Portrait with Keys to the City, 2005, Digital print, Courtesy: The artist and Reena Spaulings Fine Art, New York

Gaillard, Jahrgang 1980, und Wekua, Jahrgang 1977, sind in diesem Jahr neben zwei Künstlerinnen für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert, über den es in den zehn Jahren seines Bestehens regelmäßig Streit gab. Die Anziehungskraft seines Londoner Vorbildes, des Turner-Preises, entwickelte er nie, die Auswahl der Künstler ist meist vorhersehbar. Im Gegensatz zu der verunglückten Gruppenausstellung “Based in Berlin” in diesem Sommer ist er aber immer noch die reflektierte Variante des Versuchs, Talente herauszuheben, die die Stadt zur Kunstmetropole Nummer eins gemacht haben: Die Teilnehmer dürfen von überall herkommen, müssen aber in Berlin leben und unter 40 Jahre alt sein.

Exzessiver Konsum

Verglichen mit “Based in Berlin”, der Bastelwerkstatt im Monbijoupark, kann sich diese Kunst qualitätsmäßig sehen lassen. Wirklich aufregende Entdeckungen sucht man aber vergebens. Dass Gaillard die mit seinem iPhone aufgenommenen Bilder ins analoge 35-mm-Format rückübersetzt, ist so neu nicht. Erosionsprozesse in der Kultur hatte er schon im Frühjahr in den Berliner Kunst-Werken an einer Pyramide aus Bierkästen demonstriert, die seine Besucher durch exzessiven Konsum derselben ruinierten. Der als Dauerloop sich langsam selbst zerstörende “Artefacts”-Film hingegen langweilt mit einem Déjà-vu-Effekt.

Dasselbe gilt für die schwedische Berlinerin Klara Liden, Jahrgang 1979. Eine melancholische Metapher auf die Künstlerexistenz mag in ihrem knapp zweiminütigen Video sehen, wer will. Eher hat man das Gefühl, die 1979 Geborene befestige ihren eigenen Mythos, wenn sie in einem Mülleimer verschwindet: Liden, die Geheimnisvolle. Wekua ist auf den Kunstkniff verfallen, die Melancholie angesichts des Niedergangs seiner Heimatstadt Sochumi in einer schillernden Animationstechnik zu neutralisieren. Seine Arbeit, die schon in Wien zu sehen war, hat er mit der Skulptur eines Liegenden, dessen Kopf in einem Haus steckt, aufgepeppt. Aber Surrealismus war schon. Und für den Raum, der das Kunstwerk umgibt, wurde man auch schon raffinierter sensibilisiert als mit den gedehnten Glasskulpturen der deutschen Berlinerin Kitty Krauss.

In Berlin hat es Gegenwartskunst leicht und schwer zugleich. Noch gibt es genug Platz für alle. Doch ihr Weg nach oben führt wahlweise über das Repräsentationsbedürfnis der Macht, durch den Wildwuchs des Marktes oder über Privatsammlungen. Eine Instanz, die dem Willkürlichen, Verkäuflichen und Geschmäcklerischen objektivierend entgegenwirkt, wäre da besonders wichtig. Das Zeug zu dieser Korrekturfunktion hätte der Preis. Nicht nur wegen des gestuften Auswahlverfahrens mit zwei Jurys, sondern auch weil er zur Ästhetik der Gegenwart aufschließt: In diesem Jahr wird er um einen Preis für junge Filmkunst erweitert. Er hat sich auf eine kleine Kampfansage eingelassen: Dass sich unter den vier Positionen keine Malerei befindet, darf als Replik auf die gerade zu Ende gegangene Kunstmesse abc art berlin contemporary gewertet werden, die unter dem Motto “about painting” die ideologisch verdächtige, aber lukrative Malerei neu zu promovieren suchte.

Dieser Mut hätte die Juroren nicht verlassen sollen. Zwar gehört es nicht zur Aufgabe des Preises, krasse Außenseiter zu entdecken wie den, mit dem das Künstlerhaus Bethanien derzeit den Kunstherbst bereichert: Eine Ausstellung zeigt den aufregenden DDR-Grenzgänger zwischen Poesie und Kunst, “Mathias” Baader Holst. Als er 1990 mit 28 Jahren überraschend bei einem Verkehrsunfall starb, war er im besten Preisalter. Doch mit Gaillard, Liden, Krauss und Wekua haben sich die Königsmacher der Kunst auf ein paar gut vernetzte Angesagte verlassen. Womit der Hamburger Bahnhof in diesem Jahr nur die Endstation Hype bleibt.

Ingo Arend, taz 12.09.2011

Kitty Kraus: Ohne Titel, 2009, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin; Foto: Lepkowski Studios, Berlin

Kitty Kraus: Ohne Titel, 2009, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin; Foto: Lepkowski Studios, Berlin

Die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 findet im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin statt. Die vier nominierten Künstler präsentieren dort ihre neuen Arbeiten vom 9. September 2011 – 08. Januar 2012. Am Mittwoch, den 28. September 2011 wird der Gewinner gekürt. 

zur website hier 

Schönheit und Tugend – „Gesichter der Renaissance“

 

Die großartige Schau „Gesichter der Renaissance“ feiert die Entdeckung des Individuums in der Renaissance, befestigt aber einen überholten Mythos

Das Ergebnis stand schon vorher fest. „Berlins Superschau“, „Sensation des Jahres“, so oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen in der örtlichen Presse. Eine große deutsche Boulevardzeitung erklärte ihren Lesern am Tag der Eröffnung in ganz großen Lettern die „wichtigste Schau des Jahres“. Und Michael Eissenhauer, der oberste Chef der Berliner Museen, attestierte der Schau vorab sicherheitshalber schon mal „sensationelle Leihwerke“, ein „einzigartiges Niveau“ und beschwörte den „sensationellen Erfolg“, der ihr beschieden sein werde – vor der Eröffnung versteht sich.

„Gesichter der Renaissance“, die Großschau im Berliner Bodemuseum trägt alle Kennzeichen von Eventisierung und Spektakel, die die deutsche Museumslandschaft seit Jahren wie ein Taifun umpflügt: Fahnen vor dem Bodemuseum, Großplakate an jeder Straßenecke, im Museum auf der Museumsinsel bot der Supermarkt des Event-Merchandising vom Kurzreisen-Paket, über den digitalen Vorverkauf bis zu Giveaway-Plastiktüten und Kugelschreibern, alles was das Herz des Kulturtouristen begehrt. Zum Rest des Beitrags »

Der Künstler als Bandit (Rundgang an der UdK)

Wal (eine Arbeit von Marie Strauß, 2011)

Junge Kunst

Jedes Jahr präsentieren die Studierenden auf dem Rundgang der UdK ihre Arbeiten. Sie zeigen ihre Unabhängigkeit, aber auch, dass der Künstler nur noch die Spitze eines Eisbergs namens Massenbohème ist

Der Künstler als Bandit. Als der junge John Hamilton Mortimer in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Kunstakademie verließ, hatte er eine Idee. Um sich auf dem Londoner Kunstmarkt als Maler zu positionieren, verfiel er auf das, was man heute Branding nennt. Er stilisierte sich nicht nur zum Verbrecher, er lebte auch so. Banditto – mit dem Selbstporträt aus dem Jahr 1782, auf dem er sich verwegen einen Schal um den Kopf schlang, war ein Mythos geboren.

Ohne Titel (Bild von Henri Haake, 2011)

Zur kriminellen Bohème muss heute kein Künstler mehr Zuflucht nehmen, wenn er die Hochschule verlässt. Stipendien pflastern seinen Weg zum artist-in-residence. Trotzdem gibt er sich gern so. Auf dem traditionellen Hoffest zum Auftakt des alljährlichen Rundgangs an der Universität der Künste (UdK) vergangenes Wochenende am Steinplatz wimmelte es jedenfalls nur so von vollbärtigen jungen Männern, die dem Mortimer’schen role model verdächtig ähnelten. Ein Alleinstellungsmerkmal ist ihre androgyne Verwegenheit aber nicht, wie jede Nacht im Berliner Nachtleben belegt. Heute fungiert der Künstler gerade noch als die sichtbarste Spitze eines Eisbergs namens Massenbohème.

Auch die ästhetische Produktion des künstlerischen Nachwuchses spricht gegen die Wiederkehr des Künstlers als gesetzlosem Rebellen. Mag er auch von denen im Kongo oder in Gaza fasziniert sein wie Henri Haake. Der 22-jährige Lübecker, der gerade sein Grundstudium an der UdK beendet hat, setzt in seinen Ölbildern den Aufbegehrenden dieser Welt ein bemerkenswert frühreifes Denkmal. Das bei aller engagierten Zeitgenossenschaft seine Anleihen bei der französischen Historienmalerei nicht verbirgt.

Vielmehr scheint das Ende des Studiums ein peinigendes Trauma zu sein. Zur Vorbereitung auf ihre Abschlussausstellung hat Johanna Jäger, Spezialistin für die Verwandlung des dreidimensionalen Raumes in das zweidimensionale Bild, in einem quälenden Prozess ihren beengten Arbeitsplatz zu Hause vermessen: Lange muss sich als Meisterschülerin krümmen, wer einmal eine Künstlerin werden will.

Standbild mit Dornenkrone (Lysander Rohringer und David Iselin Ricketts)

Eine andere Kehrseite der Banditen-Physiognomie des zeitgenössischen Jungkünstlers ist sein ästhetisches Gutmenschentum – im besten Sinne versteht sich. Und das neu grassierende Interesse an sozialer Plastik. Ob man das Kunstwerk „No Nukes Posters“ nimmt, mit dem der Meisterschüler Kan Yamamoto zu einem Kunst-Wettbewerb aufruft. Ob man das Kong Toey Slum Project nimmt, bei dem Architekturstudenten in Bangkok einen sozialen Treffpunkt in Form eines begehbaren Holzgerüstes installieren wollen. Und selbst der Raum, den Schüler von Olafur Eliassons „Institut für Raumexperimente“ in eine Art temporäre Kunst-WG verwandelten, in dem Studenten, Künstler und Besucher essen, Filme schauen, ein Omelett backen oder eine Kissenschlacht veranstalten konnten, verrät ein neues Interesse an den gemeinschaftsbildenden Effekten von Kunst.

Im Gegensatz „Kunststadt“ Berlin, mit seiner frei flottierenden Kreativität von 6.000 Künstlern in freier Wildbahn, ist die Kunsthochschule eine Anstalt zur Kanalisierung dieser ominösen Produktivkraft. Eine, die die mythischen Accessoires des Kunstsystems samt anachronistischer Produktionsästhetik hütet wie ein Heimat-Museum. Wo in der Welt der cleanen Konzeptkunst sieht man noch so wunderbar farbverspritzte Ateliers wie beim UdK-Rundgang? So malerisch drapierte Inspirationsecken aus Müll und Ready-mades? Wo so wenig Videorecorder?

Sieht man einmal von den weißen Keramikpilzen ab, die eine Schülerin der ähnlich arbeitenden Professorin Leiko Ikemura feilbot. Immerhin begegnen einem in dieser Welt von gestern immer weniger die Klone ihrer professoralen Über-Ichs. Legendär einst die Rundgänge an dem Düsseldorfer Pendant zur UdK. Die juvenilen Stutzer, die ihren Herrn und Meister Markus Lüpertz vom Goldring bis zu den Gamaschen kopierten, konnte man schon von weitem am Zigarren-Geruch erkennen.

Mag die zinnenbewehrte Trutzburg der UdK auch das Gegenteil suggerieren. Man findet darin so zeitgemäße Talente wie Marie Strauß, die einem scheinbar auslaufenden Genre wie der Skulptur etwas Neues abzugewinnen versteht. Einen zwei Tonnen schweren Block aus Jurakalk hat sie in eine faszinierende Dialektik aus Schwerelosigkeit und Schwere transformiert. Und Lysander Rohringer und David Iselin Ricketts suchen nach dem sich verändernden Kunstwerk. Ihre Installation war an einem Tag eine Art Statue mit Dornenkrone aus Holz, am anderen eine Sauna mit Sonnensegel. „Die Arbeit hat keinen Titel“ wehren sie alle Bitten um Erklärungshilfen ab. Und grinsen wie Banditen, die gerade dabei sind, einen ins Unfassbare zu entführen.

Text und Fotos: Ingo Arend

aus einer Fotoserie von Johanna Jaeger aus der Meisterschüler-Ausstellung im Foyer der UdK

„Über die Metapher des Wachstums“ im Frankfurter Kunstverein


Unerträgliche Schönheit
Humus: Die ambitionierte Frankfurter Schau „Die Metapher des Wachstums“ greift das Tabu-Thema schlechthin auf

Hunderte, Tausende von Handys. Alle Größen, alle Formen, alle Farben. Ein Meer von leicht gekrümmten Ovalen aus Leichtmetall mit den charakteristischen Druckknöpfen liegt in einem riesigen Haufen. Der kleine Schönheitsfehler dieser Miniatur-Fetische: Sie sind alle längst ausrangiert.

Leider findet sich das Bild des amerikanischen Fotografen Chris Jordan nicht gleich im Eingang des Frankfurter Kunstvereins. Man muss ein Magazin mit dem Titel „Denkanstöße“ im zweiten Stock durchblättern, um auf es zu stoßen. „Cell Phones“ bringt das ganze Drama, um die die Ausstellung „Die Metapher des Wachstums“ kreist, auf den Punkt: Die wahnwitzige Verschwendung von Rohstoffen auf der Welt. Der Abfall, den der technische Fortschritt produziert. Der Rausch des viel, mehr, unendlich viel mehr. Bezeichnenderweise hat Jordan der Serie, der das Bild entstammt, den Titel „Intolerable Beauty“ gegeben.

Sylvie Fleury: „Ladder“, 2007 Foto: Ulrich Ghezzi

Stattdessen trifft man im Foyer auf einen riesigen Haufen Kaffee. 400 Pfund davon hat der Künstler Thomas Rentmeister auf den Boden des Hauses geschüttet. Darüber leuchtet einsam eine rote Glühbirne. Ein Hauch von Coffee-Shop liegt in der Luft. Kaffee als sorgsam austariertes Sinnbild der Globalisierung, des exzessiven Genusses und als wachstumsfördernder Humus. Wir haben verstanden. Die gleiche Durchschlagskraft wie Jordans Bild hat Rentmeisters Installation aber nicht.

Trotzdem: Angesichts der Bedrohung, zu der sich das zivilisatorische Konzept „Wachstum“ ausgewachsen hat, ist es gar nicht genug zu loben, dass die drei Kunstvereine in Frankfurt am Main, Hannover und im schweizerischen Baselland mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes gemeinsam eine innovative Themenausstellung aus der Taufe gehoben haben, wie man sie sich häufiger wünschte.

In jeder Bundestagsdebatte wird der Fetisch des Wachstums noch immer mit einer Inbrunst beschworen, als habe es vor 40 Jahren nicht den Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ gegeben. Aber wahrscheinlich nützt es nichts, der Politik immer nur den Spiegel der exakten Wissenschaften vorzuhalten. Jetzt muss die Ästhetik ran.

Es gehört zu den Paradoxa des Wachstums-Diskurses, dass sein Leitbegriff ausgerechnet der Biologie entlehnt ist. Der passt aber so gar nicht zu dem Stoffwechsel mit der Natur, den sich die Menschheit zu Zwecken massenhafter Konsumbefriedigung angewöhnt hat. Dort endet Wachstum bekanntlich. Aber Natur-Metaphern haben den Vorteil, dass gegen sie immun gegen Gesellschaftskritik sind: Es muss halt alles immer wachsen.

Dabei gönnt der Mensch der Natur das organische Recht, das die Metapher aufruft, kaum irgendwo. Mit ihm sucht sich auch die große Fantasie von der Nachhaltigkeit zu legitimieren. Die Bilder unmerklich konturierter Nadelholzgewächse, die der Fotograf Ulrich Gebert in öffentlichen Parks in England aufgenommen hat, sind ein fast unheimliches Sinnbild für den tatsächlichen Umgang mit ihr: Kontrolle, Verformung und Selektion.

Die Frankfurter Ausstellung überzeugt, weil Kurator Holger Kube Ventura seinen Parcours nicht alarmistisch eng führt. Zwar verteilt das Künstlerkollektiv Mindpirates ein paar didaktische Denkanstöße. In seiner raumfüllenden Installation „Verschwendung ist die größte Energiequelle“ plakatiert es Zahlen und Fakten zum weltweiten Ressourcenverbrauch an die Wand: Weltweit werden pro Jahr 600 Milliarden Plastiktüten produziert.

Natürlich geht es nicht ohne politische Kunst: In der Videoinstallation „All that is Solid Melts into Air“ des Amerikaners Mark Boulos stehen sich zwei Schauplätze der wachstumshungrigen Globalisierung direkt gegenüber: Rechts tobt der Parkettkrieg an der Chicagoer Börse. Links proben nigerianische Fischer den Aufstand gegen die dort gehandelten Ölmultis. Deren Absturz thematisiert das Duo bankleer in seiner Arbeit „Headfonds“: Hinter dem Schutzwall seiner Computer mit abgestürzten Aktienkursen steigt die Figur eines Mannes steil mit dem Kopf zuerst durch die Glasdecke.

Die Ausstellung lotet aber auch die Ambivalenzen eines in Misskredit geratenen Begriffs aus. Indem sie zwei profane Alltagsgegenstände wie eine Leiter und einen Papierkorb mit 23,5 Karat Gold belegt, markiert die amerikanische Künstlerin Sylvie Fleurie den Wechsel vom Gebrauchswert zum Tauschwert, der Triebkraft hinter dem Prinzip Wachstum. Der Lockung von Luxus und Glamour kann man sich aber genauso wenig entziehen wie dem Bild der pink wuchernden Orchidee auf einer Wandtapete der Mindpirates.

Peter Buggenhout „The blind leading the blind (Herzliya piece) #1“, 2009 Foto/Photo: Yigal Pardo

Der hypertrophe Parasit ist Verschwendung pur. Ohne ihn gäbe es womöglich keine Evolution. Gerade deren unnütze Auswüchse produzieren Schönheit. Als negatives Pendant dazu fungiert Peter Buggenhouts Skulptur „The Blind leading the blind“. In den von dicken Staubschichten überzogenen Skulpturen aus nicht beschreibbaren Resten und Formen wird das Prinzip Werden und Vergehen endgültig zu der abstrakten Metapher, die der Ausstellungstitel verspricht.

So klug und assoziationsreich diese Ausstellung zusammengestellt ist. So sehr vermisst man den Blick der Kuratoren über den prekären Ist-Zustand hinaus. Folgt dem Zeitalter des Wachstums das der Askese, geht es um kreative Verschwendung oder doch eher auf Verzicht? Die zeitgenössische Kunst geriert sich gern als die bessere Wissenschaft. Da muss es doch irgendein Bild geben, das konkret macht, was der Ökonom Hans-Christoph Binswanger im Katalog zum Überleben empfiehlt: Mäßigung, intelligent schrumpfen.

© Ingo Arend

Bild oben: Mark Boulos „All that is solid melts into the air“, 2008, 2-Kanal Video / 2 channel video © and Courtesy the artist

Die Metapher des Wachstums.

Frankfurter Kunstverein. Noch bis zum 31. Juli. 2011.

Katalog, Christoph Merian Verlag

bei amazon kaufen

Solo für Gülsün Karamustafa

Gülsün Karamustafa "Etiquette" (Die Zähmung des Ostens), 2011, Installationsansicht  © Gülsün Karamustafa

Gülsün Karamustafa "Etiquette" (Die Zähmung des Ostens), 2011, Installationsansicht © Gülsün Karamustafa

 

Die Bühne ist bereitet
ERZIEHUNG ZUR MODERNE Ein Sinnbild der Türkei kurz vor dem Etikettenwechsel: Mit einer Soloausstellung bringt die ifa-Galerie Gülsün Karamustafa, Grande Dame der kritischen türkischen Gegenwartskunst, nach Berlin


Ein bekanntes Foto zeigt Mustafa Kemal Atatürk an einer Schiefertafel. Der Begründer der „modernen“, sprich: westlichen, Türkei reiste zu Beginn der dreißiger Jahre wie ein Dorfschullehrer über Land, um seinem Volk das gerade eingeführte, lateinische Alphabet einzubläuen. Schwer zu sagen, welche Wunden es schlägt, wenn ein ganzes Volk von heute auf morgen eine neue Sprache lernen muss. Die Zahl der Kunstwerke in der Türkei, die dieses Bildikone zitieren, ist jedenfalls Legion.

Auf genau diesen traumatischen Punkt der türkischen Identität zielt auch das neueste Werk der Künstlerin Gülsün Karamustafa. Denn „Etiquette“, die Installation, die derzeit in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) zu sehen ist, zielt auf die mentalen Verschiebungen, die diese abrupten Übernahme der westlichen Zivilisation begleiteten – den Wechsel des Habitus. Zum Rest des Beitrags »

Kapitalistischer Realismus, Porträts und die Berghain Novelle

Grafik des kapitalistischen Realismus
KP Brehmer, KH Hödicke, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Wolf Vostell, Druckgrafik bis 1971.

Edition Block, Berlin, bis zum 30. Juli 2011

„Kapitalistischer Realismus“ hieß im Oktober 1963 ein legendäres Happening im Düsseldorfer Möbelhaus Berges. Damit wollten sich Künstler wie Konrad Lueg, Gerhard Richter und Sigmar Polke vom „Sozialistischen Realismus“ abgrenzen. Irgendwie konnte man aus der Performance zwischen Nierentischen, Fernsehgeräten und Kleidern von Joseph Beuys aber auch eine ironische Distanzierung von der Konsumkultur des Kapitalismus herauslesen. Doch immerhin warben sie damals für ein „Leben mit Pop“. Die alte Frage, ob der „Kapitalistische Realismus“ nun eine Methode der künstlerischen Gesellschaftskritik war oder nicht, lässt sich auch in René Blocks Ausstellung mit Druckgrafiken aus dieser Zeit nicht endgültig klären. Es finden sich darin ebenso viele Belege für die These wie gegen sie. Wer sie noch nicht kennt, kann an den letzten Exemplaren von Blocks legendärer Edition zur Druckgrafik, die der ersten Ausstellung der „Kapitalistischen Realisten“ in Schöneberg 1964 vier Jahre später folgte, noch einmal den Siegeszug der populären Bildmotive in der Kunst nachvollziehen: Mit KP Brehmers Badenixe aus der Werbung bis zu Wolf Vostells Handmixer. An Werken wie diesen lässt sich ermessen, wie weit der Pop heute gekommen ist. (Katalog, Kerber-Verlag, 18 EUR)

Wolf Vostell: Phantom, 1968 (Siebdruck auf Pappe, mit verspiegelten Glühbirnen, © Edition Block, Berlin)

Wolf Vostell: Phantom, 1968 (Siebdruck auf Pappe, mit verspiegelten Glühbirnen, © Edition Block, Berlin)

mehr Informationen via editionblock.de

Sven Marquardt. Portraits

Galerie Pixel Grain, Rosenstr 16/17, Berlin-Mitte, bis 21. April 2011

„Manche Gesichter bleiben hängen“. Dass Sven Marquardt ein Gespür für Gesichter hat, merkt man den Fotografien des 1962 im damaligen Ost-Berlin geborenen Künstlers auf Anhieb an. Auch wenn sie alles andere als „authentisch“ sind. Sondern hochgradig inszeniert. In seinen sorgfältig arrangierten schwarz-weiß Fotografien schafft er es, einen Zustand zwischen Exaltation und Kontemplation, zwischen Stärke und Verletzlichkeit aufscheinen zu lassen. Dieses besondere Vermögen hängt womöglich mit seiner Ausbildung zusammen. In der DDR hat Marquardt lange für die DEFA und die Modezeitschrift Sibylle gearbeitet. Zum Rest des Beitrags »

Blumenstrauß im Gegenwert von zweisiebenundsiebzig

Cut&Mix – Kulturelle Aneignung und künstlerische Behauptung:

Zeitgenössische Kunst aus Peru und Chile

Kulturtransfers 2 der ifa-Galerie Berlin, bis zum 17. April 2011

Berlin ringt um das Humboldt-Forum. Keiner weiß, wie der Anachronismus gelingen kann, in den Mauern eines gefakten Barockschlosses ein Forum für den interkulturellen Dialog von morgen zu installieren. Dabei gibt es in Berlin längst genügend Institutionen dafür. Eine von ihnen ist die Kunstgalerie des staatlichen Instituts für Auslandsbeziehungen (IFA). Ihre jüngste Ausstellung zu zeitgenössischer Kunst aus Peru und Chile gibt einen Vorgeschmack auf die Dimensionen dieses Dialogs. Nicht nur, weil sie mit den Künstlern Gilda Mantilla und Raimond Chaves Dibujando eine Art Nachfahren Alexander von Humboldts präsentiert. Ihr Serie mit Zeichnungen „Dibujando América/Amerika zeichnend“, eine Art moderne Reisemalerei, erinnert nämlich an genau die Naturzeichnungen, mit denen der Gelehrte zu Beginn des 19. Jahrhunderts berühmt wurde und das Bild des lateinamerikanischen Kontinents hierzulande geprägt hat. Die Ausstellung zeigt aber auch, mit welchen inneren Widersprüchen die dialogbereiten Länder zu kämpfen haben: Eine Arbeit wie „Inkarri“ von José Carlos Martinat und Enrique Mayorga legt das Identitätsdilemma zwischen Moderne und Mythos frei: Auf einer Fotografie sieht man einen in Form eines Inka-Kopfes geschnitten Zierbusch, der Boden davor ist mit Ausdrucken aus dem Internet übersät. (Katalog, Kerber-Verlag, 16,50 EUR)

Foto: José Carlos Martinat und Enrique Mayorga: Inkarri. Ambiente de Estéreo Realidad 3 / Rauminstallation Stereo-Realität 3, 2005, Digitalfotografie, drei Drucker mit automatischem Papierschneider, ein PC und Sensoren, verschiedene Größen, Reproduktion eines Werkes aus der Sammlung MALI, Museo de Arte de Lima, Schenkung des Künstlers. Courtesy/Copyright: ifa.

Foto: José Carlos Martinat und Enrique Mayorga: Inkarri. Ambiente de Estéreo Realidad 3 / Rauminstallation Stereo-Realität 3, 2005, Digitalfotografie, drei Drucker mit automatischem Papierschneider, ein PC und Sensoren, verschiedene Größen, Reproduktion eines Werkes aus der Sammlung MALI, Museo de Arte de Lima, Schenkung des Künstlers. Courtesy/Copyright: ifa.


James Franco: The Dangerous Book for Boys

Peres Projects, Berlin, bis zum 23. April 2011

Hierzulande firmiert James Franco immer noch unter „Hollywood-Schönling“. Schuld daran ist vermutlich seine Mutter, die den 1978 im kalifornischen Palo Alto-geborenen Schauspieler als kleinen Jungen dazu überredete, seine schief stehenden „Hasenzähne“ mittels einer Spange so ins Ebenmaß zu rücken, dass der Aufstieg zum Leinwandstar unausweichlich war. Sein Rolle als bester Freund Spidermans, der Auftritt als Oscar-Moderator oder die Rolle in dem jetzt anlaufenden Extremsport-Thriller „127 Hours“ verdecken, dass in Franco ein ästhetisches Multitalent schlummert. Dass er nicht nur, wie er es einmal für Schauspielerei konstatierte, „komplexere Rollen“ schätzt, belegt auch seine erste Kunstausstellung. Installationen wie das „Burning House“ oder das wiederkehrende Motiv eines zerstörten Spielzeughauses aus Plastik wirken wie die Austreibung der Kindheit. Der Titel der Schau spielt an auf ein in den USA legendäres Handbuch: „The Dangerous Book for Boys“. Zum Rest des Beitrags »

Ein kolorierter Büffel, pattern matching und getippte Bilder

Via Lewandowsky: Neverbeenthere
Künstlerhaus Bethanien, bis 19. Dezember 2010

Afrika, dunkel lockende Welt. Der Erfolg von Tania Blixens 1937 erschienenem Roman ist ein Beleg für die These, dass die Wahrnehmung Afrikas von einer Projektion geprägt war, in der die Sehnsucht nach einer vormodernen Lebensform, romantischer Sexismus und offener Rassismus eine prägestarke Mischung eingegangen sind. Genau dieses Bildgedächtnis versucht Via Lewandowsky in seinem „Zuspiel“ freizulegen, einer neuen Reihe im Ausstellungsprogramm des Künstlerhauses Bethanien, in dem auch solche Künstler zum Zuge kommen, die nicht gerade Stipendiaten des Hauses sind. Der 1963 in Dresden geborene Künstler, der heute in Berlin lebt und arbeitet, zeigt eine 16-teilige Fotoserie, deren Motive aus historischen Fotografie-Bänden zu Afrika (Die Karawane ruft, Die nackten Nagas, Ins Innerste Afrika) aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen: Büffel, nackte Afrikanerinnen, verwunschene Natur. Lewandowsky hat die Bilder leicht verändert, nämlich koloriert. Ob man das wirklich als Reenactment bezeichnen kann, wie es im Begleittext heißt, ist zweitrangig. Der Kunstkniff ermöglicht jedenfalls den retrospektiven Blick auf eine historisch gewordene Wahrnehmung des „schwarzen Kontinents“, die unser Bewusstsein noch bis vor wenigen Jahrzehnten dominierte.

Texte: Ingo Arend

Foto: Via Lewandowsky, (Courtesy Charim Galerie, Wien

Die 16-teilige Fotoserie “Neverbeenthere” (1997) untersucht Bildmotive von Afrika-Büchern, wie sie unter Titeln wie “Die Karawane ruft” (Hansjoachim von der Esch), “Die nackten Nagas” (Christoph von Fürer-Haimendorf) oder “Ins innerste Afrika” (Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg) bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Deutschland herausgegeben wurden. Im Sinne der Anpassung an die heutige Wahrnehmung von Fotografien wurden die Abbildungen leicht verändert. Das fotografische Reenactment ermöglicht die Betrachtung dessen, was schon einmal betrachtet wurde, aber so nicht mehr betrachtet werden kann. Die imaginative Reise in diesen Bildern wird damit zur Gratwanderung zwischen unserem gewachsenen politischen Wahrnehmungsbewußtsein und dem historischen Blick. (Via Lewandowsky)



Nevin Aladag: Pattern Matching
Wentrup Projects, Berlin, bis 22. Dezember 2010

Seit Samuel Huntington 1996 sein Buch „Kampf der Kulturen“ vorlegte, hat sich die These in den Köpfen festgesetzt, dass der westliche und der islamische Kulturkreis Muster seien, die nicht zusammen passen. So unverrückbar wie ein binärer Code steht seitdem West gegen Ost: Fortschritt versus Rückschritt, Moderne gegen Vormoderne. Nevin Aladag hat versucht, diese ebenso falsche wie gefährliche Frontstellung aufzubrechen. „Pattern Matching“ hat die 1972 im türkischen Van geborene und in Berlin lebende Künstlerin ihre neuesten Arbeiten genannt. Aus Wollflor, Sisal und Kelim-Stücken hat sie Teppiche gewoben, in den sich orientalische und westliche Muster und Materialien auf der einen Seite „begegnen“: Linie und Arabeske bilden zusammen ein Spielfeld wie beim Fuß- oder Basketball. Und überführen den Kampf der Kulturen so in einen sportlichen Wettkampf. In Zeiten, wo allenthalben das Ende von Multikulti ausgerufen wird, zeigen Aladags bestechende Arbeiten den Vorschein dieser abgeschriebenen Utopie. Wie man nämlich scheinbar entgegengesetzten Mustern eine „schöne“ Einheit formen kann. Muster ohne Wert sind ihre „pattern‘s“ jedenfalls nicht.

Foto: Courtesy Wentrup Projects



Dirk Krecker: “Pink Gelb Grün Blau“
Hello Again. Laura Mars, Berlin, bis 30. Januar 2011

„Um Bilder ging es uns nur in zweiter Linie.“ Mit diesem denkwürdigen Satz hat vor kurzem die Kunstwissenschaftlerin Isabelle Graw erklärt, was vor zwanzig Jahren das Motiv für die Gründung der links-kritischen Zeitschrift „Texte zur Kunst“ gewesen. Dass der Gegensatz beziehungsweise das Konkurrenzverhältnis zwischen Text und Bild, das hier tendenziell aufgemacht wird, einigermaßen problematisch ist, kann man in der Ausstellung Hello again sehen. Und zwar nicht nur weil Text – nicht erst seit der Klassischen Moderne – immer ein Bestandteil von Bild, sogar von Skulptur war, wie man Jan Jelineks beschrifteten Geschirrstapeln aus der Serie „Die Symmetrie aus Sicht der Gastronomie“ sehen kann. Sondern auch, weil sich mit Buchstaben und Text Zustände jenseits des Fixierbaren und Beschreibbaren sichtbar machen lassen; jedenfalls ein Feld dazwischen öffnen, dass auszuloten sich lohnt. Die faszinierenden Photogramme von Margret Holz etwa spiegeln einen Zustand vorsprachlicher Bewusstheit. Und Dirk Kreckers Bilder, die aus der Typografie der Schreibmaschine entstanden sind, gleichen Zeichenteppichen. Ein kleine, präzise kuratierte Ausstellung für Genießer, die gern ganz genau hinschauen.

Bild: Dirk Krecker: “Pink Gelb Grün Blau“, Courtesy Laura Mars Grp.

Nan Goldin und Peter Lindbergh


Tristesse, Glamour, Sinnlichkeit und Inszenierung
Nan Goldin und  Peter Lindbergh - zwei Ausstellungen in Berlin

„Ich fotografiere nur Menschen, die ich liebe.“ Das ist so ein echter Nan Goldin-Satz. Dieser Ton der Unbedingtheit, der Hingabe und der Obsession. Doch man nimmt es ihr ab, wenn man jetzt in der Berlinischen Galerie, Berlins Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, ihre Bilder aus den achtziger Jahren wieder sieht: Niko Utermöhlen von der „Tödlichen Doris“ mit seinem Freund Oli am Tresen im legendären Club Dschungel, Käthe Kruse nackt unter der Dusche in Nans Bad in Kreuzberg, ihre langjährige Geliebte Siobhan liegend in ihrer Badewanne. Diese Fotografien sind keine distanzierten soziologischen Milieu-Studien. Es sind auch immer fotografische Liebeserklärungen. Zum Rest des Beitrags »

Wie durch eine Sicherheitsschleuse

Cedric Bomfort: Das Amt
Künstlerhaus Bethanien, bis zum 20. Oktober 2010

Cedric Bomford: Das Amt Installation, Foto: Trevor Good

Cedric Bomford: Das Amt Installation, Foto: Trevor Good

Eine Arbeit, wie sie nicht besser nach Berlin passen könnte: Ein Jahr lang hat der kanadische Künstler Cedric Bomfort hier übrig gelassene Bauhölzer gesammelt. Die Skulptur, die er daraus gebaut hat, erinnert an die experimentelle Architektur der Nachwendezeit, die die Künstler in Berlin zu paradigmatischen Pionieren des Provisoire hat werden lassen. Die „urbane Reflexion“, als die das Kunstwerk beschrieben wird, ist eine sachte Untertreibung. Denn der 1975 in Vancouver geborene Bodric, der in Schweden studiert hat und in Berlin und Vancouver lebt, ruft mit seiner Skulptur, die wie eine Sicherheitsschleuse passieren muss, wer vom vorderen Ausstellungsraum des neuen Domizils des Künstlerhauses Bethanien in die hinteren gelangen will, Zum Rest des Beitrags »

Elmgreen & Dragset


Portrait Michael Elmgreen & Ingar Dragset (v.l.n.r.), © Emmanuele Cremaschi


Die Zukunft der Wohlfahrt

Das Berliner Künstlerduo Elmgreen&Dragset bereitet seine “Celebrity”-Schau in Karlsruhe vor

Death of a collector – Tod eines Sammlers. So hieß der mit Sicherheit spektakulärste Beitrag auf der letzten Venedig-Biennale im Sommer 2009. Das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen&Dragset hatte dort eine einzigartige Installation in Szene gesetzt. Den dänischen und den nordischen Pavillon hatten die beiden zur Residenz eines betuchten Industriellen umgebaut, der sein ganzes Geld in Kunst angelegt hatte und nach dem Börsenkrach pleite gegangen war. Das Anwesen wurde von einer fiktiven Immobilienfirma namens Vigilante Real Estate zum Kauf angeboten. Die Leiche des Sammlers schwamm in dem Pool vor dem Pavillon. Eine ebenso böse wie gelungene Satire auf den Kunstmarkt und –betrieb.

Man muss unwillkürlich an die – sogar ausgezeichnete – Collectors-Arbeit denken, wenn man das „Anwesen“ der beiden Künstler in Berlin betritt. Seit gut einem Jahr arbeitet das Duo nämlich in einem neuen Atelier. Zum Rest des Beitrags »