Eichmann-Prozess auf YouTube (Bild: Eichmann-Prozess auf YouTube, (c) screenshot (YouTube.com)


Der Prozess gegen Adolf Eichmann ist seit dieser Woche auf Youtube zu sehen

Ein Kommentar von Jörg Magenau

Vermutlich wird es niemand schaffen, 200 Stunden lang bei you tube auszuharren. 200 Stunden Eichmannprozess sind mehr, als selbst hartgesottenste Historiker bewältigen können. Die Kameraperspektive bietet wenig Abwechslung: ein starrer Blick in den Gerichtssaal. Nach Minuten brummtongrundierten Stühlerückens und Saalgemurmels nimmt der Angeklagte in einem Glaskasten Platz, der an den Aufbau des Papamobils erinnert. Adolf Eichmann ist eine jämmerliche Schwarzweiß-Figur mit traurigem Blick, so fern in Zeit und Raum wie der Mann im Mond. Er trägt eine wuchtige Hornbrille, mit der er heutzutage in Kreisen der digitalen Bohéme im Café Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz nicht auffallen würde. Doch ob die jungen Menschen, die dort unter Kopfhörern vor ihren Notebooks sitzen, so viel Zeit für den Eichmann-Prozess haben? Sie könnten ihn ja auch erst einmal unter „Favoriten“ abspeichern und dann den „Mag ich“ oder „Mag ich nicht“ Button betätigen. Holocaust: Mag ich nicht. Das ist doch mal eine klare Ansage.

Das Internet wird damit einmal mehr seiner Funktion als riesiger Gedächtnisspeicher gerecht. Ob es ein Ereignis wirklich gab und welche Relevanz es hatte, erweist sich daran, ob es im Netz existiert und wie oft es aufgerufen wird. Der Zugang zur Geschichte verändert sich dabei. Er wird operativ, und wir zählen die Klicks. Wir können hineinzoomen in einzelne Bilder und herausfischen, was wir brauchen. Geschichte wird greifbar, sichtbar, allgegenwärtig. Gleichzeitig aber – das belegen Umfragen unter Schülern – nehmen historisches Wissen und Geschichtssinn kontinuierlich ab. Wir leben in einer Gesellschaft des rasanten Vergessens, in der bereits die Begebenheiten der letzten Woche historisch geworden sind. Deshalb werden ständig neue Gedenktafeln, Mahnmale und ganze Erinnerungslandschaften aufgestellt. Selbst Prozesse, die noch gar nicht beendet sind, wie die deutsche Einheit, müssen schon erinnert und folglich mahnmalförmig werden.

Adolf Eichmann galt jahrzehntelang als Personifizierung der „Banalität des Bösen“ – ein Begriff, den Hannah Arendt prägte. Eine neue Biographie über ihn zeigt nun aber, dass dieses Bild eher seiner Selbstinszenierung vor Gericht entsprach – wie nun im Internet zu sehen – aber wenig mit den historischen Tatsachen zu tun hat. Eichmann war eben nicht nur der biedere Bürokrat am Schreibtisch, sondern ein Überzeugungstäter, der viel herumreiste und die Vernichtungsstätten, die er optimierte, aus eigener Anschauung kannte. Um das Bild, das von ihm existiert, zu korrigieren, sind umfassende biographische Kenntnisse erforderlich, die 200 Stunden Eichmannprozess auf you tube nicht ersetzen können. Historisches Bewusstsein entsteht eben nicht durch das Betrachten von Filmen, sondern ist die Voraussetzung dafür. Daran wird sich auch dann nichts ändern, wenn eines Tages jede Sekunde der Vergangenheit im Netz präsent sein wird. Wem das zu komplex wird, der kann ja auf den „Mag ich nicht“ Button klicken.

Text: Jörg Magenau

gesendet auf rbb-kulturradio am 15.04.2011


Jerusalem (KNA) Anlässlich des Beginns des Eichmann-Prozesses vor 50 Jahren hat die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem 
zusammen mit dem israelischen Staatsarchiv Videomitschnitte aus dem Prozess ins Internet gestellt. In einem eigenen You-Tube-Kanal 
werden über 200 Stunden aus dem Prozess des 1962 wegen Kriegsverbrechen hingerichteten Nationalsozialisten gezeigt. Weitere 
Videos zeigen Zeugenaussagen, wie die Gedenkstätte am Sonntag 
mitteilte. 
Eichmann, der von seinem Schreibtisch aus den Holocaust 
organisierte, war nach dem Krieg untergetaucht und nach Argentinien 
geflohen. Von dort entführte ihn der israelische Geheimdienst Mossad 
im Mai 1960. Im Eichmann-Prozess, der am 11. April 1961 vor dem 
Jerusalemer Bezirksgericht begann, warf die Anklage ihm unter 
anderem Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die 
Menschheit und Kriegsverbrechen vor. Am 11. Dezember 1961 wurde das 
Todesurteil gegen ihn verkündet.

http://www.youtube.com/user/EichmannTrialEN

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