Gedichte waren noch nie die Stärke von Günter Grass. Das Verkünden politischer Meinungen lag ihm immer sehr viel näher. Offenbar hat er aber bis heute nicht begriffen, dass Meinen und Dichten zwei grundverschiedene Dinge sind. Sonst hätte er kaum die Gedichtform missbraucht, um seiner Ansicht, Deutschland dürfe kein weiteres U-Boot an Israel liefern, zur medialen Weltgeltung zu verhelfen. Gedichte sind – im Unterschied zu politischen Stellungnahmen – niemals eindeutig. Sie leben vielmehr von Ambivalenzen, Stimmungen, Unklarheiten. Grass zielt in seinem lyrischen Bemühen jedoch auf nichts Geringeres als das, was er als „Tatsache“ und „Wahrheit“ bezeichnet. So etwas gibt es ansonsten allenfalls in aufgeblasenen Leitartikeln.

Der Konflikt mit dem Iran um atomare Bewaffnung, das Existenzrecht Israels und die Besetzung palästinensischer Gebiete vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, sind keine geeigneten lyrischen Themen. Sie mit tremolierendem „Warum schwieg ich so lange“ vorzutragen und den pathetischen Titel „Was gesagt werden muss“ darüber zu setzen – das kann nicht gut gehen, und das geht nicht gut. Dass dann allerdings sofort und so zuverlässig wie ein mechanischer Kasper Henryk M. Broder aus der Kiste springt und „Antisemitismus“ schreit – wäre ein letzter Grund, mit Günter Grass zu sympathisieren. „Gealtert und mit letzter Tinte“ – so heißt es im Gedicht – begab er sich an den Schreibtisch. Wenn das nun aber wirklich sein Letztes gewesen sein soll, müsste man vor allem Mitleid mit ihm haben. Die Tinte ist eingetrocknet.

Man muss nicht lange darüber reden, wie schlecht dieses Gedicht ist. Aber vielleicht ist die lyrische Form tatsächlich die letzte verbliebene Möglichkeit, um die überlebte Rolle der Kassandra und des Künders der Apokalypse und einer geläuterten deutschen Geschichtsmoral sprachlich angemessen vorzutragen. Das alttestamentarische Prophetentum, mit dem Grass sein Intellektuellendasein in der alten Bundesrepublik recht erfolgreich bestritt, hat seither an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft eingebüßt. Der Auftritt als Dichter, der traditionellerweise durch die Sprache unmittelbaren Umgang mit Göttern und ewigen Wahrheiten unterhielt, ist ein letzter, verzweifelter Versuch, Gehör zu finden und höhere Gültigkeit vorzutäuschen.

Über die westliche Scheinheiligkeit, die Atommacht Iran für unzumutbar zu halten, der arabischen Welt die Atommacht Israel aber zuzumuten, kann man durchaus diskutieren. Diese weltpolitische Problemlage aber mit einer aus der deutschen Geschichte abgeleiteten höheren Moral zu versehen und sich selbstquälerisch darin zu verheddern, wirkt allenfalls peinlich. Aus den deutschen Verbrechen folgen weder U-Boot-Lieferungen, noch deren Verweigerung. Wenn Grass eine Debatte darüber anstoßen wollte, so hat er sich verrechnet. Jetzt ist er mit seinem lyrischen Präventivschlag selbst zum Thema und zum Gegenstand der Häme geworden. Das politische Anliegen geht darin unter.

Jörg Magenau, Kulturradio rbb

 

Bild: Günter Grass, CC BY-SA Hans Weingartz (Leonce49)


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