Erwin Strittmatter – zum 100. Geburtstag (*14.08.1912)

Dort wo er lebte, da liegt er auch begraben. Wer von Dollgow im Ruppiner Land das holprige Sträßchen nach Schulzenhof hinausfährt, kommt kurz vor dem Vorwerk an einem kleinen, auf einer Anhöhe am Waldrand gelegenen Friedhof vorbei. Von hier aus kann man über Wiesen und Pferdekoppel zum Hof der Strittmatters hinüberschauen. Den Grabplatz unter der Tanne, den Findling aus dem Wald und seinen Grabspruch hat Erwin Strittmatter noch selbst ausgesucht. Die Verse stammen aus einem Gedicht seiner Frau, der Lyrikerin Eva Strittmatter: „Löscht meine Worte aus und seht: der Nebel geht über die Wiesen.“ Der Satz ist in die Landschaft eingeschrieben, geht wie der Nebel aus ihr hervor. Doch so gut er zu diesem naturnahen, bäuerlichen Schriftsteller passt, verwundert er auch. Tatsächlich schrieb er „jahrzehntelang wie ein Besessener gegen den Gedanken an Auslöschen und Vergessen“ an, hält die Historikerin Annette Leo in ihrer gerade erschienenen Strittmatter-Biographie dagegen. Wie könnte es bei einem Schriftsteller auch anders sein.

Leo deutet das letzte Bekenntnis als unfreiwilligen Hinweis auf die Widersprüche, die ihn prägten, ja, als einen „Nebelvorhang“, der seine Lebenslüge verhüllt – auch wenn er selbst dabei wohl kaum an die nach 1945 verschwiegenen, vergessenen, verfälschten Dienstjahre im zweiten Weltkrieg gedacht habe. In der Tat wäre das etwas zuviel hineingedeutet in einen Grabspruch, der doch vor allem ein Loslassen und eine Gelassenheit ausdrückt, wie sie Strittmatter zeitlebens nur selten vergönnt war. Seine nun ebenfall publizierten Tagebücher der Jahre 1954-1973 vermitteln das Bild eines mal von Depressionen, mal von Jähzorn gequälten Menschen, der immer unter Hochspannung stand. Alles war aufs Schreiben ausgerichtet. Kinder und Ehefrau hatten sich diesem Ziel unterzuordnen. Sie litten unter ihm und seinen Ausbrüchen, so wie er auch selbst darunter litt. Selbst die Pferde bekamen gelegentlich seinen Jähzorn zu spüren.

Niemand kann sich die Zeit aussuchen, in die er geboren wird. Wer wie Erwin Strittmatter 1912 in der Niederlausitz zur Welt kam, hatte immerhin das Glück, zu jung zu sein, um schon im ersten Weltkrieg umzukommen. Und doch geriet er mitten hinein in die deutsche Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts. Seine Vater kehrte wie so viele traumatisiert aus dem Krieg zurück; dessen ruppige Lieblosigkeit und dessen Schweigen über die Kriegserlebnisse setzte Strittmatter eine Generation und einen Krieg später fort und erschrak darüber, als er es erkannte. Er gehörte zu einer Generation, die unweigerlich ins politische Geschehen hineingestellt wurde und für die es kein Außerhalb gab. Ihre Vertreter werden daran gemessen, wie eigensinnig oder widerständig, wie mutig oder opportunistisch sie sich verhielten im Nationalsozialismus oder später in der DDR. Für einen wie Strittmatter, der doch am liebsten einfach nur Pferde gezüchtet und Tiere im Wald beobachtet hätte, war es besonders tragisch, in einer Zeit zu leben, wo bekanntermaßen auch das Gespräch über Bäume nicht unschuldig war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beanspruchte er für sich, nichts als ein Schreiber gewesen zu sein, der in der Dienststube saß und Berichte schrieb, ohne selbst am Kriegsgeschehen teilgenommen zu haben. Und auch später als Schriftsteller in der DDR bevorzugte er die Rolle des unabhängigen Beobachters und politikfernen Bauern, obwohl er doch – wider Willen, aber auch ohne echten Widerstand – seine Pflichten als Funktionär und stets loyales Parteimitglied absolvierte und nicht daran zweifelte, dass auch der Autor parteilich zu sein habe im Dienste des sozialistischen Fortschritts.

Annette Leo hat im Nachlass eine frühe, unveröffentlichte Erzählung gefunden, in der Strittmatter diesen Platz exemplarisch bezieht. Sie heißt „Der Sargträger“ und beschreibt ein Ereignis aus den letzten Kriegswochen, das ihn tief verstört haben muss. Er befand sich damals im böhmischen Örtchen Wallern; in seinen Lebensläufen gab er später an, er sei desertiert und habe sich dort versteckt. Doch Leo zeigt, dass auch diese Angabe fragwürdig. Dort erlebte er, wie SS-Männer einen Zug völlig entkräfteter jüdischer Frauen aus einem KZ durchs Dorf trieben. Etwa hundert von ihnen, die nicht mehr gehen konnten, blieben in einem Schuppen zurück. Viele starben. Nach dem Einzug der US-Army mussten die Dorfbewohner an den Toten vorbeigehen und sie bestatten. In Strittmatters Erzählung steht ein Mann etwas abseits, an ein Grabkreuz gelehnt, und betrachtet das Geschehen. Als er von einem Soldaten aufgefordert wird, beim Tragen der Särge mitzuhelfen, wehrt er sich dagegen, weil ihm damit eine Schuld am Massenmord zugewiesen wird, die er ablehnt. Aber schließlich akzeptiert er, dass er als Schuldloser die Schuld der anderen mittragen muss, um, wie es dann hießt, „ein Tropfen im Maß zu werden, in dem der Edelmut der Menschheit gemessen wird.“

Von diesem literarischen Entwurf aus lässt sich Strittmatters Biographie in ein Vorher und ein Nachher trennen. Nach vorn beginnt hier die antifaschistische Moral, die Gewissheit, auf die Seite des Guten und Wahren zu gehören und diese Entscheidung durch Parteimitgliedschaft und den Aufbau eines neuen, sozialistischen Staates zu dokumentieren. Nach rückwärts aber geht das nicht ohne Verdrängung. Dieses Muster entspricht im übrigen durchaus dem westlichen Modell. Bei einem Moralisten wie Günter Grass lief es unter sozialdemokratischer Prämisse ganz ähnlich. Ob einer im Osten oder im Westen landete, hing manchmal nur von Frontverläufen ab und gehört zu den biographischen Zufällen, die erst im Rückblick ihre Zwangsläufigkeit erhalten.

Strittmatter leugnete, um als Antifaschist glaubhaft zu sein, seine Jahre in einem Polizeibataillon, das 1943 die Bezeichnung „SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment Nr. 18“ erhielt (das aber nicht mit der SS verwechselt werden darf). Die Einheit wurde vor allem in Slowenien und in Griechenland im Kampf gegen Partisanen eingesetzt. Die Recherchen der Historikerin belegen, dass Strittmatter sehr viel stärker in Kriegshandlungen und Kriegsverbrechen involviert war, als es allen seinen späteren Selbstauskünften zu entnehmen ist. Das ist seit den Enthüllungen des Publizisten Werner Liersch im Jahr 2008 grundsätzlich bekannt, ist jetzt aber mit weiteren Dokumenten belegt. Ob Strittmatter nun – entgegen seiner Behauptung, keinen einzigen Schuss abgegeben zu haben – doch geschossen hat, bleibt dahingestellt und ist wohl auch nicht entscheidend. Sicher aber ist – und das belegen die Briefe an seine Eltern -, dass er an militärischen Operationen beteiligt war, die er ganz und gar als seine Sache begriff, so dass er auch das Beutemachen und das Niederbrennen eines slowenischen Dorfes als Heldentaten beschrieb.

Leo legt den Schwerpunkt ihrer Biographie eindeutig auf diese Jahre. Die Jahrzehnte in der DDR und Strittmatters Weg vom überzeugten Stalinisten zum skeptischen und zunehmenden desillusionierten Mitläufer interessiert sie weniger. Als Historikerin ist sie nicht so sehr an der Literatur und am Werk interessiert, als an Akten und Fakten. Der Glaube, dass sich aus gründlicher Recherche und umsichtiger Bewertung so etwas wie eine biographische Wahrheit ergebe, ist die positive Fiktion jedes Historikers. Literatur aber funktioniert nach anderen Gesetzen. „Ungerechtigkeiten sind eine Schwankung von Raum und Zeit“, zitiert Leo einen Satz aus einem unveröffentlichten Manuskript Strittmatters. Eine solche Schwankung ist aber auch das nachträgliche Ausdeuten eines Lebens, in dem das bewusste Verschweigen eines fragwürdigen Kapitels den Boden bildet für alles, was folgt und der Antifaschismus dadurch zu einer großen Verdrängungsleistung schrumpft.

Gleichwohl war Strittmatter ein prototypischer Arbeiter- und Bauernschriftsteller. Seine Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, die Bäckerlehre, die Jahre als Hilfsarbeiter und als Tierzüchter prädestinierten ihn zum proletarischen Vorzeigedichter, der seine Lehrejahre noch bei Brecht absolvierte. Doch seine Romane – vom „Wundertäter“ über „Ole Bienkopp“ bis zum spätern Kindheitsroman „Der Laden“ waren keine gradlinige Parteiliteratur. Strittmatter war Realist genug, um die realen Widersprüche darzustellen, Funktionäre als Holzköpfe zu zeigen und die verheerenden Auswirkungen planwirtschaftlicher Vorgaben auf dem Land nicht zu verschweigen. Die Einführung der Offenställe beispielsweise, die dazu führte, dass im Winter massenhaft Kühe erfroren, regte ihn so sehr auf, dass er nicht nur an der Partei, sondern auch am Sozialismus zu zweifeln begann. Den Bau der Berliner Mauer akzeptierte er dagegen, ja, befürwortete ihn als Notwendigkeit. Solidarität tatsächlich aufzukündigen, wäre für ihn nie in Frage gekommen. Dass er in der DDR zum Volksschriftsteller wurde, hatte mit seinem Eigensinn zu tun, mit einer bäuerlichen Dickschädeligkeit, die seinen Lesern Trost gewesen ist.

Mehr und mehr zog er sich im Lauf der Jahre in die Abgeschiedenheit des Schulzenhofs zurück und wurde, auch wenn er mit Nationalpreisen ausgezeichnet wurde, doch als einer wahrgenommen, der sich abseits hält, der nicht dazugehören will und der seinen eigenen Maßstäbe bewahrt. Nun aber steht mit der Debatte um seine Kriegszeit genau diese Positionierung in Frage. Sein Werk wird das aushalten, sagten die Söhne, als sie sich dafür entschieden, der Biographin das einschlägige Material zur Einsicht zu überlassen. Vermutlich werden sie recht behalten.

Jörg Magenau, Süddeutsche Zeitung, 14.08.2012

Bild: via website Erwin-Strittmatter-Verein e. V.

 

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