Vielleicht ist ja alles nur ein geschickter PR-Trick, und der Glaube, der Bachmann-Preis finde zum letzten Mal statt, wird ihm wieder größere Aufmerksamkeit bescheren. Noch liegt kein Beschluss des ORF vor, sondern nur eine Ankündigung, den Wettbewerb und damit ein paar hunderttausend Euro einzusparen. Das ist natürlich ein schlechter Witz, denn jede depperte Vorabendserie kostet ein Vielfaches davon. Da ist es leicht, sich zu empören, und es versteht sich, dass Autoren, Juroren, literarische Institutionen und die Stadt Klagenfurt nun reflexhaft Verteidigungsposition einnehmen.

Eine andere Sache wäre es gewesen, wenn der Sender gesagt hätte: Der Wettbewerb hat sich überlebt. Denn damit läge er nicht so falsch. Der Unterhaltungswert ist gering, die dargebotene Literatur in den letzen Jahren ziemlich mittelmäßig, das ritualhafte Geschehen ermüdend, der Hochkultur-Tonfall des Fernsehens unerträglich. Seit einigen Jahren kennen die Juroren die Texte schon vorher, müssen also nicht mehr spontan regieren, sondern können ihre Statements schon zu Hause vorfertigen. Seither ist auch der schöne Glaube dahin, dort, in der Arena, Experten bei der Urteilsfindung zuzusehen. Stattdessen lesen Autorendarsteller und lauschen dann den Kritikerdarstellern vor Publikumsdarstellern im Theater der Eitelkeiten. Kein Wunder, dass die aufgeführten Debatten oft so leblos wirken. Der entscheidende Teil des Events findet sowieso nicht vor den Kameras statt, sondern draußen am Wörther-See und abends im Restaurant. Nicht umsonst gilt Klagenfurt als „schönster Betriebsausflug“ der Branche. Das allerdings ist kein hinreichender Grund für seine Fortdauer.

Als Ereignis, das auch über die enge literarische Öffentlichkeit hinaus Wirkung entfaltet, hat der Bachmann-Preis ausgedient. Er wurde abgelöst durch den Deutschen Buchpreis, der sich etabliert hat als kraftvolles Instrument, das die Aufmerksamkeit auf bestimmte Titel lenkt. Das ist ein Indiz für den Wandel einer Öffentlichkeit, die sich immer stärker am Markt orientiert und nicht so sehr am Urteil der Experten. Die letzten Bachmann-Preisträger, Olga Martynowa, Maja Haderlap, Peter Wawerzinek oder Jens Petersen, konnten ihre Triumphe jedenfalls nicht in Verkaufserfolge oder wenigstens in Bekanntheit ummünzen. Etablierte Autoren scheuen das Risiko des Wettbewerbs und bleiben ihm lieber fern. Und die Jahre, in denen Debütanten gefeiert wurden, sind so lange her wie der große Hype an der Börse. All das ist schlecht für den Bachmann-Preis.

Literatur kommt im Fernsehen nicht um, wie konservative Kritiker einst fürchteten. Sie kommt im Fernsehen aber auch nicht voran. Und sie ist heute über das Fernsehen hinaus. Falls der Bachmann-Preis wirklich eine Lücke hinterlassen sollte, dann könnte die ja zum Beispiel eine Übertragung des open mike der Berliner Literaturwerkstatt füllen. Dieser Nachwuchs-Wettbewerb funktioniert als eine lebendige Bühne, auf der Verlage Entdeckungen machen können. Wirklich schade wäre es nur, um das schöne Baden im Wörthersee.

Jörg Magenau, kulturradio rbb 02.07.2013

website: bachmannpreis.eu

bachmann 680

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