Der Schatzgräber Robert Hültner


<img src="http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2009/01/walching1.jpg" alt="walching1" title="walching1" width="170" height="273" class="alignleft size-full wp-ima

ge-3327″ />

Volksschriftsteller, so nennt man heute keinen mehr. Schon der Begriff klingt befremdlich. Einen jener eigentlich Ausgestorbenen gibt es noch, er ist wohlauf und schreibt. Zehn Bücher sind es bisher, vier Theaterstücke, einen „Tatort“ und drei Hörspiele. Die Buchhandlung Naumann & Eisenblätter auf der Berger Straße in Frankfurt war nicht unwesentlich am Erfolg seiner ersten Romane beteiligt.



Robert Hültner, 1950 in Inzell im Chiemgau geboren, ging mit 16 nach München, um eine Schriftsetzerlehre zu machen. Vielleicht sollte es ein Gesetz geben, dass Schriftsteller nur werden darf, wer zuvor eigenhändig die in Blei gegossenen Buchstaben auf dem Winkelhaken setzte, das Leistungsziel im Handsatz 30 bis 35 Zeilen in der Stunde. Gewicht, Präzision und Schönheit der Worte messen sich in der Handarbeit des Schriftsetzers anders als heute mit Microsoft-Word und Lösch-Taste. Hültner hat ein skrupulöses Verhältnis zur Sprache, ein liebesvolles, zärtliches. Schnell hingeschrieben ist da nichts. Das hat eine altmodische Qualität, lässt ganz plastisch und mit vielen Alltagsdingen eine Welt auferstehen. Welten, muss man sagen. Denn Hültner hat einen präzise beobachtenden Blick für die Ränder von Moderne und Beharrlichkeit und von Stadt und Land, für politische Untertöne, für Mundart. Die feine und lustvolle Zeichnung des Regionalen und Proletarischen, der sozialen und politischen Verhältnisse, die Charakterisierung der Personen auch über ihren sprachlichen Ausdruck, erinnert nicht von ungefähr an William Faulkners fiktives Yoknapatawpha County.

Faulkner ist einer von Hültners Lieblingsautoren, aber auch die 1920 gestorbene Lena Christ, die Autorin der „Rumplhanni“ und der „Erinnerungen einer Überflüssigen“. Beim Vergleich mit Oskar Maria Graf wird Hültner verlegen, das will er nicht hören, warten wir da also noch einmal eine Dekade. Nehmen wir den als Tatort-Kommissar bekannten Schauspieler Udo Wachtveitl. Der ist seit gut zehn Jahren mit einer Collage aus Hültners Texten unterwegs, begleitet von einer kleinen Band, stets vor ausverkauftem Haus – „Und es wird und wird nicht langweilig. Hültners Humor ist nicht der eines Witze-Erzählers, er kommt aus den Tiefen der einfühlsamen Betrachtung“, sagt Wachtveitl. „Mörderisches Bayern“ heißt das Lesespektakel, das Internet verrät die Termine, zum Beispiel im Juli in Bregenz.

Markus Hausham Rosenmüller, der Regisseur des auch weit außerhalb Bayerns erfolgreichen Films „Wer früher stirbt ist länger tot“, arbeitet an einer Hültner-Geschichte. Auch hier schließt sich ein Kreis. Robert Hültner betrieb einige Jahre ein Wanderkino, zog mit einem 35-mm-Projektor durch die Lande, kam so nebenbei zu einem Dramaturgiestudium eigener Art, etwa warum ein immer neues Publikum an immer an den gleichen Stellen reagiert. Großen Spaß macht Hültner auch die Arbeit fürs Theater. Ein Roman freilich stellt andere Anforderungen, seine szenische Entwicklung profitiert von solch interdisziplinären Interessen.


Hültner ist ein immer wieder überraschender Erzähler, in anderen Kulturen sitzt so einer auf dem Marktplatz und die Leute hören zu. Wollen Zugaben. Mündlich überlieferte Geschichten sind oft der Kern seiner Romane. Er ist ein Schatzgräber, sein Feld die jüngere Vergangenheit. Bayern in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, die Links-Opposition der kleinen Leute. Proletarische Vorstadtballaden, der Mikrokosmos der Dörfer, das Erstarken der Nazis, die Mitmacher und Anständigen, Starrköpfe und eigensinnige

Frauen, Sozen und Kommunisten, Sozialpriester, Volksjäger, Räterepublik, Freikorps, der linke Bauernbund sind seine Themen. Da werden keine Idyllen gezeichnet, keine Klischees bedient. Politik reibt sich im Alltag, die Lebenshärte ist oft gnadenlos.

In einem Rundfunkinterview meinte Robert Hültner: „Ich glaube, dass wir die 20er Jahre von heute aus falsch sehen: Das war nämlich eine unglaublich produktive, ganz explosive Zeit mit hoch interessanten Entwicklungen, von denen wir heute noch zehren. Weil wir wissen, dass es danach das Jahr 1933 und den Faschismus gegeben hat, erscheint uns diese Zeit immer so als verlorene, missglückte Zeit. Aber die Leute damals wussten natürlich nicht, wie das alles ausgehen wird und haben mit einer unglaublichen Lust und Energie versucht, die Zukunft zu entwickeln. Es gibt noch ganz viel, was wir von dieser Zeit lernen können. Ich glaube, dass diese 20er Jahre eigentlich gar nicht so lange zurückliegen. Je mehr ich mich mit dieser Zeit auseinandersetze, desto weniger habe ich das Gefühl, dass das Vergangenheit ist. Im Gegenteil, ganz viele Dinge von damals erscheinen mir unglaublich heutig. Ich finde da zum Beispiel manchmal Briefe, von denen ich mir denke, dass das auch genauso gut von jemandem geschrieben sein könnte, der heute lebt.“

Wenn ein Volksschriftsteller jemand ist, der dem Volk aufs Maul schaut und die Seele der Leute kennt, dann ist Robert Hültner der Chronist einer verdrängten, vergessenen Zeit, einer proletarisch und/oder ländlich geprägten Kultur, einer Politikerfahrung der einfachen Leute. Alles ist erfunden, alles ist authentisch. Schönheit hat bei ihm mit etwas Wesentlichen zu tun. Billige Effekte gibt es nicht. Aber jede Menge alter Worte. Ein Weiberheld

ist da ein Weiberer, der Unsinn Schmarrn, ein Schutzpolizist der Wachtl, Mönche Kuttenbrunzer und das Geld nur Diridari. Die erste Wirtschaftskrise übrigens fiel in genau diese Zeit.

Zwei Mal schon wurde Hültner mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet, einmal mit dem „Glauser“. Die Veröffentlichung seiner ersten beiden Romane riskierte 1993 und 1995 der Lektor und Kleinverleger Georg Simader. Aus der Buchhandlung Naumann & Eisenblätter auf der Frankfurter Berger Straße kamen damals immer wieder Nachbestellungen, erstaunlich und ermutigend viele. Die sind mit am Erfolg von Robert Hültner schuld, der heute vom Verlag btb vorbildlich gepflegt wird. Gerade ist ein neues Buch erschienen.

Autor: Alf Mayer

Krimi-Kolumne: Blutige Ernte

Text geschrieben April 2009

Text: veröffentlicht in www.strandgut.de


Die Romane von Robert Hültner:


Walching


Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski


Die Godin


Der Hüter der köstlichen Dinge


Inspektor Kajetan und die Betrüger


Das schlafende Grab


Fluch der wilden Jahre


Der Sommer der Gaukler


Ende der Ermittlungen


Inspektor Kajetan kehrt zurück

Share