Zwei Leben

Der eine heißt Leonid. Als die deutschen Truppen sein Land überfallen, meldet er sich freiwillig. Er marschiert mit seinem Aufklärungsbataillon durch die halbe Ukraine.

Im Mai 1945, als die Vierte Ukrainische Front in Prag einzieht, ist er unter den Befreiern. Ein Foto aus diesen Tagen zeigt, wie er sich fühlt: Mit einem kaum sichtbaren Lächeln, unter einem blühenden Baum sitzend, das Armeekäppi weit aus der Stirn geschoben. Ein Rotarmist.

Der andere heißt Peter. Er hat gerade das Abitur gemacht, da ziehen sie ihn ein. Ein Gefreiter der deutschen Wehrmacht. Sie schicken ihn in den Osten, irgendwo bei Königsberg. Später nach Norwegen. Die Splitter einer Granate verkrüppeln seine rechte Hand, zerstören ein Auge. Kriegsgefangenschaft in der Bretagne, die Arbeit auf einem Bauernhof und eine lebenslange Liebe zur französischen Sprache.

Sie kehren beide aus diesem Krieg zurück.

Leonid beendet ein Studium und wird Tierarzt. Er bleibt es nicht lang. Übernimmt einen Kolchos, später die Leitung der ganzen Landwirtschaft des Lugansker Gebiets in der Ostukraine. Er lässt viele Bäume pflanzen in der Steppe. Wenn man heute hoch über dem Ufer des Flüsschens Donez über die Ebene blickt, kann man sie sehen, lauter Wäldchen. Er ist ein beschäftigter Mann. Seine Frau und die drei Töchter sehen ihn nur selten. Wenn es der Dienst erlaubt, zieht er sich für Tage an die Ufer des Don zurück. Angeln ist eine Leidenschaft. Später baut er vor der Stadt eine Datscha, da zieht er Tomaten und Weintrauben.

Peter heiratet eine Witwe, deren Mann seit 1942 vermisst wird, abgeschossen irgendwo über Nordafrika. Ihre zwei Kinder zieht er auf wie die beiden, die er mit ihr bekommt, Kinder sind Kinder. Er hätte gern Jura studiert. Aber es ist die Zeit des Aufbaus und sie suchen Neulehrer. Mathe und Physik. Seine Schüler erinnern sich bis heute an seinen Humor, seine Güte. Strenge liegt ihm nicht. Niemand in seiner Familie hat ihn je laut werden hören. Er bringt sie gern zum Lachen. Er liebt die Oper und er liebt Schiller. Fast immer hat er ein passendes Zitat parat. Regelmäßig, auch als er schon wegen der Granatsplitter invalidisiert ist, geht er zum Französischkurs in die Volkshochschule. Einmal, es ist kurz nach der Wende, besucht er den bretonischen Ort seiner Kriegsgefangenschaft.

Irgendwann tritt er in die CDU ein. Am Telefon meldet er sich stets mit einem freundlichen „Grüß Gott!“. Manche finden das merkwürdig. In der Wendezeit verlässt er die Partei.

Leonid legt an jedem 9. Mai seine Uniform mit den Orden an und sieht auf der Tribüne der Parade zu. Später geht er zu den Veteranen, die auf der Straße Walzer tanzen zum Akkordeon, und trinkt einen scharfen Perzowka auf die Gefallenen seines Bataillons.

Den Zerfall der Sowjetunion hat er nie verwunden.

Peter spricht nicht viel vom Krieg. Einmal nur, ein einziges Mal nur, erzählt er von der Erschießung eines Deserteurs in seiner Einheit. Die Bitterkeit, mit der er davon spricht, klingt fremd in seiner Stimme. Er ist ein heiterer Mensch. Manchmal schmerzen die Splitter der Granate, die sie nicht aus seinem Körper herausholen konnten damals. Einige bleiben immer sichtbar, blauschwarze harte Einschlüsse unter der Haut.

Leonid lebt jetzt bei seiner Tochter in Lugansk. Auf die Datscha, die er baute, kann er nicht mehr fahren. Die Siegesparaden am 9. Mai erlebt er schon lange nur noch im Bett, der Fernseher läuft.

Peter starb vor sechs Jahren. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof des Dorfes unweit vonErfurt, wo er seine letzten Jahre verbrachte.

Die beiden Männer sind sich nie begegnet, die Umstände waren nicht danach.

Ich bin beiden begegnet, oft, in Thüringen und in der Ukraine. Sie sind meine Großväter.

Text: Elena Rauch

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