Blake Edwards (*26.07.1922 † 15.12.2010)

Nie wieder “Frühstück bei Tiffany”

Worüber man nicht trauern kann, darüber muss man lachen. Es ist ein „homerisches“ Lachen in den Filmen von Blake Edwards. Wir erinnern uns: Die Götter brachen in wahrhaft schallendes, echoreiches Gelächter aus, als sie sahen, was Hephaistos mit seiner untreuen Ehefrau und ihrem Liebhaber angestellt hatte. Denn zu nichts ist der Mensch, zum Vergnügen der Götter, so befähigt wie sich und seinesgleichen in komische Situationen zu bringen. Die weiteren Abenteuer von Hephaistos, Aphrodite, Ares, den Meerjungfrauen und all den anderen zwischen Kunst, Liebe, Verlangen und Feier, so könnte man Edwards Filme auch nennen. Nicht weil Blake Edwards, der eleganteste aller amerikanischen Slapstick- und Komödienregisseure, den Mythos weiter gedacht hätte. Sondern weil der Mythos in besonders begabten Menschen weiter denkt.

Kinogeschichten kann man erzählen wie eine Reise, wie ein Opfer, wie das Lösen einen Geheimnisses, wie eine Liebesgeschichte. Man kann sie aber auch erzählen wie eine Party. Komplett mit langsamen Vorbereitungen, Steigerungen, Höhepunkte von Rausch und Sex, Intrigen, Korruption, Ernüchterung, Abschied, Leere, der Suche nach der Toilette oder dem Ausgang. Das schlimmste und das schönste an Parties ist, dass sie, wie das Leben, weitergehen. Auch wenn alle Katastrophen geschehen, alle Tode gestorben, aller Verrat begangen, alle Illusionen geplatzt sind. Einige der schönsten Blake Edwards-Filme nutzen Parties als Welt-Bilder, von „The Party“ bis „S.O.B.“ Wenn man genauer hinsieht, beginnen alle Parties bei Blake Edwards mit einem Todesbild – und sei es der komische Film-Tod des indischen Komparsen in „The Party“ oder das Warten auf eine ärztliche Diagnose in „That’s Life“.

Man weiss nicht ob man eingeladen oder ausgeschlossen ist. Ein seltsamer Erkenntnismoment ist es wohl, zu bemerken, dass man auf der falschen Party ist. Oder jemanden zu beobachten, der es nicht bemerkt. Parties jedenfalls sind in der Regel angenehm dezentral; die Gäste haben ihre Auftritte, die Ordnungen von Tafel, Tanz und Gespräch sind höchst vorläufig, man kann sie mal vom Zentrum aus und mal von den Rändern her dokumentieren. Irgendwo ist immer was los, irgendwo breitet sich Stille aus, und alles, alles wartet auf das Missgeschick.

Das zweite große Thema von Blake Edwards war die Herstellung des Menschen-Bildes. „Frühstück bei Tiffany“, „Ten – Die Traumfrau“ oder „Victor/Victoria“ erzählen von der doppelten Herstellung von Frauen, im Blick der Männer und im eigenen Interesse. Natürlich passt das nie zusammen. Sondern ist immer komisch.

Und dann ist da noch Inspector Clouseau. Er ist das Gegenteil von einem reinen Tor. Nicht einmal ein Kindskopf. Er ist der Mensch, der sich so sehr selber überschätzt, dass die Welt sich ihm beugt. Deswegen schadet er weder sich selbst noch am Ende seinen Gegnern, sondern nur, dies allerdings besonders drastisch, jenen, die seine so vollkommene Idiotie durchschauen. In den Clouseau-Filmen scheitert nicht der Mensch an der Welt, sondern die Welt scheitert am Menschen. Darüber kann man wirklich nicht trauern, sondern nur lachen.

Blake Edwards’ Farbe war das Rosa. Sein Werk beginnt mit der ungeheuerlichen Idee, ein kriegerisches Unterseeboot rosa anmalen zu lassen, es führt über rosa Dinge, Kleider, Steine, und endet, nachdem er in „Switch“ noch einmal das Männliche ins Weibliche verwandelt hatte, natürlich mit einem Pink Panther. Der Mensch ist ein göttlicher Witz, und seine Teilung in unterschiedliche Geschlechter eine besondere Pointe. Wo, wenn nicht mehr in Blake Edwards-Filmen, werden wir nun im Kino das homerische Lachen noch hören?

Text: Georg Seeßlen

Text erschienen in: Die Zeit


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