Sexy, bürgerlich, politisch, deutsch & cool
Die immer wieder überraschend stetige Karriere der Schauspielerin Senta Berger

Es gibt Stars im alten deutschen Film. Und es gibt Stars im neuen deutschen Film. Es gibt Stars für das Kino und Stars im Fernsehen. Es gibt Stars, die einen nationalen Mythos kreieren, und es gibt Stars für das internationale Genrekino. Es gibt Stars der sechziger, der siebziger, der achtziger und der neunziger Jahre. Es gibt Stars für anspruchsvolle Filme und es gibt Stars für schönen Unfug. Es gibt Stars im Theater und Stars in Serien. Es gibt Stars, die Werbung für Seife machen, und es gibt Stars, die politisch Stellung beziehen. Es gibt Stars für das dramatische und Stars für das heitere Fach. Und dann gibt es noch Senta Berger.

Die in Wien geborene Schauspielerin ist eine der ganz wenigen Konstanten der deutschen und europäischen Mediengeschichte. Sie trat in Filmen auf, wie man sie sich unterschiedlicher nicht vorstellen kann: Fantasy wie „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ (nicht was Sie denken, aber doch eine ziemlich derbe Steinzeit-Klamotte) oder Weltkriegsfilme wie „Steiner – Das Eiserne Kreuz“, Agententhriller wie „Unser Mann in Marrakesch“ waren darunter, italienische „Sittenkomödien“ wie „Die Herrenreiterin“, Gaunerkomödien wie „Lange Beine – lange Finger“ und die Arztserie „Dr. Schwarz und Dr. Martin“. Wenn man sich an etwas gemeinsames erinnern möchte: Immer gibt es da die eine oder andere Einstellung, da hat man das Gefühl, die Schauspielerin nehme gerade in ihrem leichten Lächeln ein ganz klein bisschen Abstand von sich selbst und von ihrer Rolle. Wenn sie ein Mann wäre, würde man ihren Schauspielstil wahrscheinlich „cool“ nennen. Stoisch unterspielend, aber gerade mit den sparsameren Mitteln sehr genau. Das einzige, was man Senta Berger nicht recht abnehmen würde, ist ein hysterischer Zusammenbruch.
Senta Berger kommt, wie man so sagt, aus bescheidenen Verhältnissen. Ihr Vater konnte seinen großen Traum, Musiker zu werden, nicht verwirklichen, da er den kleinen handwerklichen Betrieb der Familie übernehmen musste. So wurde die Tochter zur Erfüllung des Kunsttraums; sie besucht Hedy Pfundmayers Ballettschule in Wien. Vier Jahre später geht sie an die Akademie für Darstellende Künste, danach ans Realgymnasium. Der Entschluss, Schauspielerin zu werden, steht jetzt bereits fest. Seit Frühjahr 1956 nimmt Senta dreimal im Monat Privatunterricht bei Dorothea Neff, und die bringt sie im Jahr darauf dazu, ins Besetzungsbüro der Sascha-Filmgesellschaft zu fahren, wo Willi Forst ein paar Schulmädchen für seinen neuen Film, „Die unentschuldigte Stunde“, sucht. Es ist die letzte große Zeit des Wiener Films; Senta Berger tritt an der Seite von Adrian Hoven, Erika Remberg und dem unvermeidlichen Hans Moser in einer Phantasie über Schulmädchen, Ehefrauen und Ärzte auf, die wir lieber nicht genauer psychologisch untersuchen wollen. Und ihren großen Auftritt hat sie als Mädchen, das zum Entsetzen der Lehrer auf den Schulbänken Boogie Woogie tanzt.
1957 beginnt sie das Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Zwischendurch spielt sie in kleinen Rollen in Filmen wie „Die Lindenwirtin vom Donaustrand“. Als Zimmermädchen darf sie da ein paar Sätze sprechen, vor allem aber aussehen wie ein „niedliches Zimmermädchen“. Aber das Seminar sieht solche Ablenkung nicht gern, und nachdem Senta Berger dem Angebot, in der internationalen Produktion „Die Reise“ von Anatole Litvak mitzuwirken, nicht widerstehen konnte, nimmt sie die Entlassung in Kauf. Während sie wieder in deutschen Filmen wie Ernst Marischkas „Der veruntreute Himmel“ Nebenrollen spielt, erhält sie das erste Theaterangebot, und es ist gleich das Theater an der Josefstadt, was sie als jüngste Schauspielerin aller Zeiten (im Alter von 17 Jahren, um genau zu sein) in einer Hauptrolle besetzt. Aber zu dieser Zeit ist wohl schon klar, dass Senta Bergers Ehrgeiz eher in Richtung Kino geht, auch wenn da am Ende der fünfziger Jahre nicht gerade große Kunst gefragt ist. Im Sommer 1959 spielt sie unter der Regie von Wolfgang Liebeneiner in der Komödie „Ich heirate Herrn Direktor“ die typische Ware dieser Zeit. Größere Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen immerhin Axel von Ambessers „Der brave Soldat Schwejk“ mit Heinz Rühmann und Bernhard Wickis „Das Wunder des Malachias“. Ein Vertrag mit dem Produzenten Artur Brauner ist zugleich Chance und Karrierefalle; es scheint, als sei die Rolle des dritten Girls in Revue- und Musikfilmen vorprogrammiert. Die ironischen Agentenfilme nach Johannes Mario Simmel, „Es muss nicht immer Kaviar sein“ und „Diesmal muss es Kaviar sein“ an der Seite von Eva Bartok und O.W. Fischer, werden große Erfolge, auch für die Schauspielerin, die zum ersten Mal dem komödiantischen Affen richtig Zucker geben darf: Senta Berger ist cool. Es folgen Ausflüge ins Genre des Eurothrillers, „Das Testament des Dr. Mabuse“ oder „Sherlock Holmes und das Halsband des Todes“ und schließlich, um den Vertrag mit Brauner zu erfüllen, der ironische Caper-Film „Lange Beine – lange Finger“. Zu dieser Zeit, im Jahr 1966, ist allerdings die Krise im deutschen Unterhaltungsfilm wirklich nicht mehr zu übersehen.
So hat Senta Berger schon, wie viele deutsche Stars, begonnen, an einer zweiten Karriere in Hollywood zu basteln, der Weltkriegsfilm „Die Sieger“ (1963) und gar ein Western wie Sam Peckinpahs grandioser „Sierra Charriba“ gehören dazu. Obwohl sie gelegentlich in Talkshows zu sehen ist, lehnt sie das Angebot einer Titelrolle für eine langfristige TV-Serie ab. Routine ist okay, aber fünf Jahre nichts als Routine… Mit dem „Quiller Memorandum“ (1966) ist vorläufig die Hollywood-Karriere vorbei. Zum zweiten Mal hatte Senta Berger, bei allem Erfolg, den magischen Punkt verpasst, und New Hollywood benötigte keine europäischen Sex-Symbole für die zweite Reihe. „Auch in Amerika bin ich genau zu einem Zeitpunkt angekommen, wo ein altes System überrollt worden ist. Als das Kino erneuert und interessant wurde in Amerika, habe ich wieder nicht dazugehört.“
Die nächste Chance bietet das Konkurrenzmedium TV: 1968 macht Senta Berger ihre erste Fernsehschau im deutschen Fernsehen und zum ersten Mal nutzt die Schauspielerin ihre steigende Popularität, um politische und moralische Botschaften zu verbreiten. Wie nebenan Dietmar Schönherr und Vivi Bach gehört sie zu den Leuten, die an intelligente Unterhaltung im deutschen Fernsehen glauben. Die Karriere bringt das nun auch wieder nicht recht weiter, und das deutsche Fernsehen will es mit der Intelligenz in der Unterhaltung nicht übertreiben. Und so folgt Karriere-Abschnitt Nummer vier, der sie nach Rom, in die Studios von Cinecittá führt, wo Komödien, Krimis und Abenteuerfilme vom Band gedreht werden. Nichts, wofür man sich zu schämen bräuchte, aber auch kaum etwas, was man als „schauspielerische Herausforderung“ werten könnte. Senta Berger war ein „regular“ im europäischen Kino, beliebt beim Publikum und wegen ihrer Professionalität auch bei den Produzenten. Aber was fehlte, das war der große Senta-Berger-Film, die glückliche Begegnung von Handwerk und Ambition.
Karriere-Segment Nummer 5 findet wieder in Deutschland statt. Am 26. September 1966 heiratet Senta Berger den Schauspieler, Arzt und Filmregisseur Michael Verhoeven, Sohn des Schauspielers und Regisseurs Paul Verhoeven. Schon Jahre zuvor hatte man die gemeinsame Produktionsfirma Sentana gegründet. Mit vollem Risiko, nebenbei: Die erste Produktion der Sentana war ein höchst ambitioniertes und gut ausgestattetes Werk nach Strindbergs „Der Totentanz“ mit Lili Palmer in der Hauptrolle. Danach waren die Firma und die Familie ruiniert, und seitdem wird nur noch mit Fördergeldern und Fernsehbeteiligung produziert.
Die Sentana Filmproduktion konzentriert sich nach dem Debakel mit „Der Totentanz“ erst einmal auf leichtere Kost: „Wer im Glashaus liebt“ (1970), inszeniert von Verhoeven, ist eine der typischen leichten Komödien dieser Zeit, einer der Versuche, der Erdenschwere des Autorenfilms zu entkommen ohne in die Seichtigkeit von Papas Kino zurückzufallen. 1972 spielt Senta Berger unter der Regie von Wim Wenders in dem historischen Hexenfilm „Der scharlachrote Buchstabe“. Noch näher kommen sich Biografie und Ambition in ihren eigenen Produktionen „Mitgift“ (1975) und „Liebe Melanie“, wo man genussvoll und ein wenig böse in der sexuellen Ökonomie des neuen deutschen Kleinbürgertums rumort. Gemeinsam mit Verhoeven produziert Senta Berger Filme über die Zeit des Nationalsozialismus, „Die Weiße Rose“ und „Mutters Courage“, oder über Chancen und Risiken jugendlicher Dissidenz in der bayrischen Provinz: „Das schreckliche Mädchen“.
Zwischendurch gibt es auch ein wenig Theaterarbeit; besonders spektakulär, natürlich, fällt der Auftritt als Buhlschaft im „Jedermann“ über mehrere Jahre bei den Salzburger Festspielen aus, mit Curd Jürgens und später Maximilian Schell in der Titelrolle. Zur gleichen Zeit aber gibt es richtig gute Arbeit im Fernsehen, in Rollen, die genau auf Senta Berger zugeschrieben waren, darunter vor allem die von Michael Verhoeven inszenierte Serie um die patente Taxifahrerin, die man „Die schnelle Gerdi“ nennt. Da beginnt die Erprobung von Frauentypen, die sich von den Klischees der ewigen Mütter und Schwiegertöchter und der ewigen taffen Kommissarinnen im bundesdeutschen Fernsehen abheben. Familie ist was tolles, scheint diese Frau zu sagen, aber Familie ist nicht alles im Leben einer Frau. In Helmut Dietls „Kir Royal“ spielt sie die Freundin von „Baby Schimmerlos“ alias Franz Xaver Kroetz. Und da durchläuft sie gleichsam noch einmal im Schnelldurchlauf die Stationen ihres Lebens und ihrer Karriere: Das Mädchen aus der Vorstadt, das zur eleganten Dame der Society wird, die immer wieder Schiffbruch erleidet, weil sie nie ganz das Intrigenspiel der Bürger beherrscht, die sich immer wieder aber auch aufrappelt und nie den Glauben an das große Glück verliert. Senta Berger hat sich selber ein happy end ins Serien-Drehbuch geschrieben: Statt mit einem der Stiesel aus der Serie Familienglück zu finden, erfindet sich Mona als Sängerin neu. Und natürlich wird Senta Berger ganz nebenbei als Chansonsängerin (wieder) entdeckt.
Seit den achtziger Jahren kann sich Senta Berger leisten, ihre Rollen sehr sorgfältig auszuwählen. Und es sind Rollen, die ihr sehr nahe sind. Die Frau, die in einer endlosen Auseinandersetzung zwischen Selbstbestimmung auf der einen, Ehe und Familie auf der anderen Seite steht, und die es (meistens) schafft, cool zu bleiben. Eine ihrer schönsten Rollen in diesem Fach fand sie in Frank Beyers Zweiteiler „Sie und Er“ (1991). In Xaver Schwarzenbergers „Die Nacht der Nächte“ (1994) ist sie die Frau, die an ihrem fünfzigsten Geburtstag das gutbürgerliche Ehegefängnis verlässt, um sich auf eine Abenteuerreise in die gefährlicheren Bezirke der Stadt zu machen. In Sandra Nettelbecks „Mammamia“ (1997) gibt es ein Mutter-Tochter-Duell mit Christiane Paul, und in Doris Dörries’ „Bin ich schön?“ folgt ein weiteres Portrait der postfeministischen Lebenssituationen.
Senta Berger hat vielleicht die umgekehrte Entwicklung vieler deutscher Schauspieler genommen: Während viele Kollegen und Kolleginnen in brennend autobiografischen und gewagten Rollen des Autorenfilms zu Ruhm gekommen waren, um dann als Gebrauchsdarsteller im Fernsehen gediegenes Handwerk vorzuführen, war Senta Berger als professionelle Handwerkerin gestartet und von Abschnitt zu Abschnitt in ihrer Karriere mehr zu sich selbst und mehr zu einem Engagement gekommen, das über die Arbeit am Set hinausgeht: Bei alledem fand Senta Berger die Energie, sich öffentlich für die Ostpolitik von Willy Brandt, das Recht auf Abtreibung und den Umweltschutz zu engagieren. „Ich bin politisch geworden in dieser Zeit der 68er Jahre, und das hat mir gut getan. Die Verlogenheit, die Doppelmoral der fünfziger Jahre waren unerträglich. Also waren die sechziger und siebziger Jahre wichtig, und darauf könnten die jungen Leute heute aufbauen. Aber sie müssen sich selbst motivieren, während damals die Motivation von der Gruppe ausging“.
Vielleicht könnte man so die Rollen beschreiben, die mehr oder weniger starken, mehr oder weniger coolen Frauen ohne allzu viel Illusionen, aber auch von ungebremster Vitalität: Sie verstehen sich auf die Kunst, sich selbst zu motivieren. Standhaft zu bleiben gegen politische und persönliche Korruption. Senta Berger hatte allerdings, was die Fernseharbeit anbelangt, das Glück, sich von der Dutzendware einigermaßen fern zu halten, reden wir nicht weiter von Auftritten in Serien wie „Ihr Auftritt, Al Mundy“ und „Kommissar Rex“: Nach der „schnellen Gerdi“ und der hippen Mona in „Kir Royal“ kreiert Senta Berger in der Krimi-Serie „Unter Verdacht“ eine eigenwillige Polizistinnen-Gestalt, nicht die taffe Actionheldin, sondern die zähe wie verletzliche Kriminalrätin Eva Prohacek von der inneren Ermittlung, die sich mehr noch als im Kampf mit dem Verbrechen mit der Korruption und dem Opportunismus im eigenen Haus herumschlägt. Drei sehr unterschiedliche weibliche Charaktere, die neben ihrer Eigenwilligkeit eines gemeinsam haben. Sie bleiben einem eigenen Lebensentwurf treu, mit einer gehörigen Portion Selbstironie meistern sie immer neben den emotionalen auch die ökonomischen Probleme des Lebens: Senta Berger, das ist vielleicht die durchgehende Linie in ihrer Arbeit, entwirft weniger ein Star-Image als dass sie Lebensentwürfe ausprobiert zwischen Anpassung an bürgerliche, nicht zuletzt familiäre Lebensformen, persönlicher Revolte und moralischer Integrität. Noch in den weniger gehaltvollen Krimis zeigt sie, dass man als Frau nur so frei sein kann, wie man für sich selber zu sorgen versteht, und zimperlich darf man dabei ebenso wenig sein wie bewusstlos.
Schon mit Mitte Vierzig wurde Senta Berger als öffentliche Erscheinung „die Frau, die sich vor dem Alter nicht fürchtet“, ein Sex-Symbol jenseits des Jugendwahns, aber auch die Frau, die es immer wieder schafft, Emanzipation und bürgerliche Lebensweise unter einen Hut zu bringen. Jetzt, mitten in ihren Sechzigern, ist Senta Berger eines mehr denn je: cool.

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlich in filmspiegel 06/ 2006

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