Samuel Beckett, Bild: John Haynes, @ Cambridge University Press 2005

Endspiele

Im Januar 1937 besucht Samuel Beckett das Erfurter Angermuseum. Er wollte hier eine der wichtigsten Sammlungen moderner deutscher Malerei sehen. Wenige Monate später war dies entartete Kunst. Es scheint, als hätte Beckett eine natürliche Affinität zu Endspielen.

Endspiele waren alle seine Dramen, nicht nur das Endspiel. Es war dieser Verlust an zukunftsfroher Perspektive, der den Wegbreiter der Absurden für das Theater der DDR zur  unerwünschten Person werden ließ. Eine Gesellschaft mit eingebauter Glücksgarantie musste derlei Hoffnungslosigkeit als Provokation empfinden. Das Nichtvorkommen dieser Dramatik in der DDR ist weniger erstaunlich als der Umstand, dass sie schließlich doch vorkam. Mitte der achtziger Jahre gab es den allerersten Beckett in der DDR, eine stille Sensation. Das Berliner Theater im Palast, dem der Republik nämlich, inszenierte das Monodrama Das letzte Band. Mag sein, die Nähe zur Macht der Intendantin Vera Oelschlegel und die besondere Stellung des Schauspielers Ekkehard Schall hatten dieses Projekt ermöglicht, eine Tat bleibt es doch. Eine Tat, die Hoffnung auf Weiterungen machte, und tatsächlich gelang Wolfgang Engel 1987 in Dresden die DDR-Erstaufführung von Warten auf Godot. Es scheint ein beinahe heiter zu nennendes Timing, dass diese beiden Inszenierungen möglich wurden, als das Endspiel der DDR, wenn auch damals nicht so deutlich sichtbar, begonnen hatte. Als hätte das Land gewartet, bis es sich auf Augenhöhe dieser Texte befand.

Als Samuel Beckett 1989 starb, nahm das hier kaum jemand zur Kenntnis: Es war Endspiel in Deutschland.

Autor: Henryk Goldberg

erschienen in Thüringer Allgemeine, Dezember 2006 anlässlich des 100. Geburtstages von Samuel Beckett

Samuel Beckett starb am 22.12. 1989

Bild via cambridge.org

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