„Wirf das Schnupftuch aufs Hackbrett!“

Vor zwanzig Jahren war Mircea Dinescu der berühmteste lebende rumänische Dichter, innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Im Frühjahr 1989 hatte er der französischen Tageszeitung Liberation ein Interview gegeben, in dem er unverhohlen mit dem heimischen Regime abrechnete, was ihm postwendend Hausarrest eintrug. Mit seinem Aufruf zum Hungerstreik vom November 1989 stieß er bei seinen Schriftstellerkollegen zwar auf taube Ohren. Doch schließlich war er es, der am 22. Dezember `89, in selbstgestricktem Pullover auf den Fernsehschirmen der Nation erschien. Die Finger zum V-Zeichen erhoben, verkündete er den Sieg der Revolution, wobei seine Zahnlücke zum Vorschein kam, die nur das äußerliche Merkmal der Originalität dieses Dichters, wortgewaltigen Pamphletisten, temperamentvollen Redners, Volkstribunen, Epikureers und großen Jungen Mircea Dinescu ist. Über Nacht war er zum Helden der Nation geworden.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der seinerzeit knapp Vierzigjährige neun Lyrikbände veröffentlicht. Von Anfang an belegten Dinescus Verse eine ungewöhnliche metaphorische Erfindungskraft. Aber der jugendlich überschwengliche Ton der ersten Bücher machte bald einer poetisch-polemischen Gedichtsprache Platz. In der Maske des Possenreißers protestierte der Autor gegen die grotesken Verhältnisse des Feudalkommunismus. Auch wenn Dinescu den „Pakt mit der Wirklichkeit“ geschlossen hatte, blieb seinen Versen der Metaphernreichtum, die Spiel- und Sprachlust erhalten. Dass sie bis heute unverbraucht klingen, wie etwa in den Versen: „Denn seit ich einst zur Welt/ kam, liegt eine Schnur um meinen Hals, die jemand hält/ und fest, ganz fest zusammenzieht“, liegt nicht zuletzt daran, dass der politische Dichter Dinescu in Wahrheit ein Metaphysiker war. Wenn man so will: Ein Metaphysiker des falschen Lebens.

Und nun geschieht das Eigenartige. Der Held der Nation verstummt als Dichter, und wird, wie weiland Rimbaud, dem er bereits 1984 einen Gedichtbandtitel gewidmet hatte (Rimbaud als Kaufmann) selbst zum Händler. Allerdings heißen Dinescus Waffen: Publizistik und Satire. Er gründet die erfolgreiche Wochenzeitung Academia Catavencu. Es folgt das Hochglanzmagazin Plai cu Boi (etwa: Land mit Ochsen), das nicht nur bereits im Titel auf den Playboy anspielt, sondern neben Essays zu aktuellen und historischen Themen, obszöne Karikaturen und Nacktfotos enthält. Das Konzept des listigen Spötters Dinescu lautet, er wolle die Rumänen so arm, natürlich und nackt zeigen, wie sie eben seien. Bald zieht Dinescu seine Anteile aus dem Satiremagazin Academia Catavencu zurück, um den alten Getreidehafen Port Cetate im Dreiländereck Serbien-Bulgarien-Rumänien am Donauufer zu kaufen und eine Stiftung ins Leben zu rufen, die es bildenden Künstlern gestattet, in den sanierten Hafengebäuden zu arbeiten.

Doch das reicht dem Tausendsassa nicht. Erneut hebt er ein satirisches Wochenblatt aus der Taufe, Aspirina Saracului (Die Aspirin des Armen) benannt. Schließlich wird er Mitinhaber der kritischen Tageszeitung Gandul, für die er Tag um Tag eine politische Glosse schreibt, bis er nach anderthalb Jahren die Lust an diesem sauren Geschäft verliert. Häufig ist er Gast in politischen Talk-Shows, wo er durch seinen Witz glänzt – und durch eine Klugheit, in der sich aufgeklärtes Denken, balkanische Schläue und rumänische Lebensweisheit aufs Glücklichste miteinander vermählt haben. Dinescu bekommt seine eigene Fernsehsendung, in der er das Leben des armen rumänischen Südwestens, seiner neuen Heimat Cetate, in liebevollen Collagen aus Wort und Bild porträtiert, die dem Publikum die Diskrepanz zwischen Bukarester Politik und realen Verhältnissen umso unnachgiebiger vor Augen führen. Unter dem Vorwand, Dinescus Fernsehauftritte seien mit seiner Tätigkeit in einem

Gremium wie der CNSAS, das die Securitateakten von Parlamentariern und Ministern unter die Lupe nimmt, nicht vereinbar, muß er die  Sendung wieder einstellen. Dann wechselt die Regierung, und Dinescu wird zum wöchentlichen Studiogast des Publizisten Stelian Tanase, bei dem er freitags abends vom politischen Leder zieht.

Wer aber ist dieser Hansdampf in allen Gassen, der in den vergangenen 17 Jahren entscheidend zur Herstellung einer modernen rumänischen Öffentlichkeit beigetragen hat? Wer ist dieser verstummte Dichter und produktive Glossenschreiber, der es liebt, Feste zu feiern, auf denen sich auch der Staatspräsident blicken lässt, dessen Leibwächter von Dinescu in die Küche geschickt werden, wo sie „verwirrt, verängstigt und melancholisch“ gestampfte Bohnen zu essen bekommen, wie der Verleger Gabriel Liiceanu berichtet? Das war im Jahr 2001, der Staatspräsident hieß noch Iliescu und stand dem Gastgeber politisch nicht gerade nahe. Wer ist dieser von seinen Landsleuten belächelte, dann doch wieder ernst genommene und durchaus verehrte Wörterclown, der auf einer Bukarester Kneipenterrasse ein Ausstellungshappening mit nackten, von Kopf bis Fuß bemalten Mädchen veranstaltet, dazu Schnaps und Wein aus dem eigenen Weingut auffahren und eine Vorstadtkapelle mit Pauken und Trompeten aufspielen lässt, um selbst ans Mikrophon zu treten und Romanzen zu schmettern – diesmal im Beisein des Bukarester Bürgermeisters Basescu, inzwischen seinerseits Staatspräsident des Landes?

Wer ist dieser großzügige und nie arrogante Mensch Dinescu, der, trotz seiner ätzenden Kritik, zumindest zeitweise, an die Höfe politischer Führer geladen wird, und zwar nicht als volkstümlicher Buffone, mit dem man sich schmücken möchte, sondern als politischer Ratgeber? Unter den politischen Schwergewichten hat Dinescu nur einen wirklich eingeschworenen Feind: den rechtsextremen Corneliu Vadim Tudor, der ebenfalls einmal Dichter war, den Diktator Ceausescu in geschmacklosen Oden besang, nach kurzem Untertauchen zu Revolutionszeiten, die Partei Romania Mare (Großrumänien) gründete und zum ersten Schmäh- und Hetzschreiber des gleichnamigen Parteiblattes wurde.

Tudor ist das Zerrbild Dinescus. Statt ironisch zu argumentieren, wie Dinescu, wirft Tudor in seinen Reden und Zeitungsbeiträgen mit Dreck um sich – und lügt, daß sich die Balken biegen. Nie subtil, aber umso gewalttätiger, kann einen Tudors   aggressive Rhetorik das Gruseln lehren. Kein Wunder, dass der Sanguiniker mit barocker Körperfülle, der Hofdichter von einst, den freigeistigen und ebenso barocken „Hofnarren“ von heute aus tiefstem Herzen hasst und mit seinen Furor über 17 Jahre lang verfolgt hat, was dazu führte, dass Dinescu bei einem Wahlkampfaufritt in der Provinz im Jahre 2000 von den Anhängern Tudors beinahe gelyncht wurde. Anschließend ließ dessen Pressesprecher verlauten, die Gewaltaktion sei als eine Warnung zu verstehen, dass nicht einmal eine so bekannte Persönlichkeit wie Dinescu von der Rache der Partei verschont bleibe. Dinescu hatte Glück. Vadim Tudor verlor die Präsidentschaftswahlen – allerdings mit bedrohlichen 33 %.

Wer also ist Mircea Dinescu, der 1950 im rumänischen Südosten, der kargen Distellandschaft des Baragan, als Sohn eines Metallarbeiters zur Welt kam? Der in seiner leider Fragment gebliebenen Prosa mit dem Titel „Memoiren eines Vergesslichen“, in der es Frösche regnet und die Mäuse nach den Roquefortresten vom Tisch der Parteisekretäre riechen, davon berichtet, dass er „Splitter bitteren Holzes von den Zäunen“ kaute und mit „jedem Schritt über die Schwelle des Hoftors … ein Abenteuer antrat, das auf etwas Essbares hinauslief“?

Nicht unbedingt der nackte Hunger war es, der den jungen Mann nach Bukarest verschlug, wo er als Pförtner beim Schriftstellerverband anheuerte, zu dessen Vorsitzender er dreizehn Jahre später avancieren sollte. Obwohl Dinescu bis heute ein ausgesprochener Freund des Essens und Trinkens ist, ja, von eigener Hand einen Apfelstrudel herzustellen weiß, bei dem sogar seine österreichischen Gäste vor Verzückung die Augen verdrehen, waren es wohl eher Lebenshunger und Hunger nach Anerkennung, die ihn antrieben.

Mircea Dinescu ist ein Phänomen, weil er auf hohem Niveau die besten – und ein paar fragwürdige – Seiten seines Volkes personifiziert. Native Intelligenz paart sich mit einem Sprachreichtum, der so konkret wie bildhaft ist, der so viel Mutterwitz wie saftiges Argot bereithält. Passend, einprägsam und zugleich höchst amüsant vergleicht er bei einer Fernsehsendung den Ex-Staatschef Iliescu mit jenem Riesen in den Tuilerien, unter dessen weitem Mantel die Spaziergänger im 19. Jahrhundert ihre Bedürfnisse verrichteten. So habe auch der – selbst unbestechliche – Iliescu seinen weiten Mantel über Leute gehalten, die in seinem Schutz ihre zweifelhaften Geschäfte erledigten.

Auch Dinescus Gastfreundschaft ist typisch für den Rumänen, der noch halb vom Land kommt. Und genauso typisch, daß der sozial Aufgestiegene den späten Bojaren hervorkehrt, der weder den Fahrer seiner Gäste, noch sonstiges Personal an der reichgedeckten Tafel duldet. Dann wieder kann Dinescu im Fernsehen minutenlang gerührt – und anrührend – vom Wunder unscheinbarer Melonenkerne schwärmen, die binnen weniger Monate zur großen, saftigen Frucht heranreifen.

Und schließlich ist der Metaphysiker wieder ganz pragmatisch, wenn er dem lautstark gegen die Korruption zu Felde ziehenden Staatspräsidenten Basescu zuruft: „Mensch Traian, wirf das Schnupftuch aufs Hackbrett! Lass sie doch in Frieden! Sei nicht so kratzbürstig! Das Leben ist eh schon so kurz!“ Und das von Dinescu, der selber mit der Korruption im Land ins Gericht ging? Ist das etwa kohärent?

Aber wer so fragt, ist zu protestantisch erzogen, um zu begreifen, was man in Rumänien gemeinhin unter Kohärenz versteht – die letztlich eine Frage des Interesses oder des richtigen Zeitpunkts ist.


Text: Jan Koneffke

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