Jetzt wird Bob Dylan also Siebzig. Sind siebzig Jahre eine lange Zeit? Und wem gehören die Jahre und die Lieder?

Bob Dylan lebt, denn er ist unsterblich. Vor Jahrzehnten hat er sich auf die „Never Ending Tour“ begeben, die definitionsgemäß unabschließbar ist. Ob und wie die Zeiten vergehen und sich dabei ändern und was die Zeit überhaupt ist, das entscheidet im Zweifelsfall er selbst. Derzeit surft er von Ostasien kommend via Australien über Irland nach Europa hinein, macht sich also die Kräfte der Erdrotation zunutze für kosmische Allgegenwart. Die Länder, in denen er noch nicht gewesen ist, werden allmählich knapp, nachdem er zuletzt, nicht unumstritten, auch die Volksrepublik China besuchte und dort sein virtuelles Fähnchen platzierte wie einst Neil Armstrong auf dem Mond. Hat man von Armstrong etwa aktuelles gesellschaftskritisches Engagement erwartet? Solche kleinlichen Debatten verkennen die Großdimension von Raum und Zeit.

Die Plakate, die für seine Konzerte werben, versprechen nicht einfach nur Bob Dylan, wie das bei Normalsterblichen üblich wäre, sondern in einer merkwürdigen Steigerung „Bob Dylan live and in person“, als ob die Tatsache seiner persönlichen Anwesenheit zur vorgegebenen Zeit besonderer Erwähnung wert wäre. Und vielleicht ist sie das ja auch. Dylans Personwerdung klingt irgendwie messianisch, nach Auferstehung und pfingstlichem Erscheinungswunder. Es ist nicht nur für seine Jünger wunderbar, dass er, der überall und nirgends zu finden ist, sich tatsächlich Abend für Abend an einem konkreten Ort materialisiert, in irgendeiner verdammten Veranstaltungshalle dieser verdammten Welt. It’s an O2 World, babe. Zu Konzertbeginn kann man an solchen unwirklichen Orten ein Raunen im Publikum hören: „Mensch, er ist es wirklich, seht, da steht er, Bob Dylan, live and in person, ich fass’ es nicht!“ So wurde auch Jesus Christus im Kreise seiner Jünger bestaunt, als er wiederkehrte, denn für tot konnten ihn nur die Ungläubigen halten. Jesus war allerdings ein vergleichsweise junger Mann, als er das Projekt Ewigkeit anging.

Bob Dylan lebt also, auch wenn der Eindruck, den er auf seinen Konzerten hinterlässt, ein anderer sein mag. Da steht er unverkennbar als Bob Dylan mit seinem weißen, flachen Bob-Dylan-Hut am Keyboard, das ihm die Möglichkeit bietet, sich mit allen zehn gespreizten Fingern darauf abzustützen, um zugleich den einen Akkord anzuschlagen, den zu umspielen und zu übertönen die vornehmste Aufgabe seiner Band ist. Zur Gitarre greift er persönlich nur noch selten, weil seine gichtsteifen Hände nicht mehr so beweglich sind. Gesprochen hat er auf der Bühne noch nie viel mehr als die Namen der Bandmitglieder, so dass sein Schweigen nicht weiter auffällt. Wie ein alter Sack (er IST ein alter Sack!) hängt er über der Orgel, als wäre er ausgestopft und schon zuvor im Dunkeln da abgestellt worden, während die An- oder vielmehr Verkündigung vom Band ihn mit dem immergleichen Satz als „Columbia Artist“ vorstellt. Columbia – ist das nicht diese uralte amerikanische Raumfähre, die die Erde weiß der Teufel wie oft umkreiste? Lange her. Auch Astronauten werden alt.

Und so geht es dann los: „Ladies and gentlemen, please welcome the poet laureate of Rock ‘n’ Roll. The voice of the promise of the 60’s counterculture. The guy who forced folk into bed with rock. Who donned makeup in the 70’s and disappeared into a haze of substance abuse. Who emerged to find Jesus. Who was written off as a has-been by the end of the 80’s, and who suddenly shifted gears releasing some of the strongest music of his career beginning in the late 90’s. Ladies and gentlemen – Columbia recording artist Bob Dylan!” Mehr gibt es dazu ja auch gar nicht zu sagen.

Man muss schon ein Fernglas dabei haben, um zu erkennen, dass er sich bewegt, dass der Mund der Dylan-Gestalt sich öffnet und schließt und dieses Krächzen aus den Lautsprechern, zu dem sein Gesang im Lauf der Jahrzehnte geworden ist, tatsächlich von dort zu kommen scheint. Die Melodien haben sich unterwegs abgeschliffen wie Kieselsteine im Flussbett. Ein Rollen und Grollen, Klirren und Scheppern ist übrig geblieben, in dem die klampf- und pfeifbaren Lagerfeuerträllereien von Dunnemals die ungestalte Urzeitlichkeit zurückgewinnen, aus der sie emporgestiegen sind wie frühes Leben aus der Ursuppe. Manchmal, wenn man Glück hat, macht Dylan auf der Bühne ein paar Schritte und geht mit der Mundharmonika zum Mikrophon im Vordergrund. Dann beharrt er lang und ausdauernd auf einem einzigen, endlos wiederholten Ton, denn darauf lässt sich jeder Song reduzieren, und das Publikum weiß sowieso, was er meint. Forever young, zum Beispiel. Ja, wir können uns auch ewige Jugend vorstellen, wenn wir ihn so sehen als alten Mann, wie er sich bedächtig einmal um die eigene Achse dreht, als wäre er ein müder Tanzbär, der beweist, dass er es immer noch kann.

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Forever young und für immer alt. In der Ewigkeit

überlagern sich die Zeiten. Herzlichen Glückwunsch, Bob.

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Um aus dem für jeden Künstler schmerzlichen Status der Vergänglichkeit in eine andauernde Gegenwart und von dort aus in die Ewigkeit einzutreten, muss man die plumpe Existenz vergessen lernen und sich zurückziehen ins Überzeitliche. „Time out of mind“ aus dem Jahr 1997 markiert deshalb programmatisch den Beginn des Alterswerkes, auch wenn Liedzeilen wie „Trying to get to heaven before they close the door“ noch eine gewisse Unrast, jedenfalls ein Verhaftetsein im Zeitlichen erkennen lassen. „It’s not dark yet, but it’s getting there“ ging schon einen Schritt darüber hinaus ins Transzendente. Oder, wie Dylan ein paar Jahre zuvor dichtete: „In the hills of mystery / In the foggy web of destiny / You can have what’s left of me / Where we were born in time.” Aber was ist das, was übrig bleibt von einem Menschen?

Nicht nur Dylan hat sich verändert, indem er alt und älter wurde, sondern, mehr noch, die Zeiten: „The Times they are a-changin’“. So fing es an, in den 60er Jahren, und weil alle, die das Lied hörten, glaubten, sie selbst könnten die Zeiten ändern und Dylan fordere dazu auf, die Veränderung zu beschleunigen, hielten sie ihn für einen Protestsänger. Dabei sagte er nicht mehr, als dass es keinen Sinn habe, den Lauf der Zeit aufhalten zu wollen. Denn die Zeit war damals ein rasender Fluss, der alles mit sich riss, die Reichen und die Armen, die Schreiber und Kritiker, Senatoren und Kongressleute, Mütter und Väter: „The slow one now / Will later be fast / As the present now / Will later be past / The order is rapidly fadin’ / And the first one now will later be last / For the times they are a-changin’“. So spricht die Jugend, der alles nicht schnell genug geht und die im Einsturz der Ordnung die Chance sieht, die Positionen und die Dinge neu zu verteilen.

Doch je älter der Mensch wird, umso mehr schätzt er Ruhe und Verlässlichkeit. Das trifft auch auf Dylan zu. Er hat schon zu viele Umstürze, Kriege, Veränderungen erlebt, um daran zu glauben, dass es darauf ankäme und dass sich wirklich etwas verändert, wenn die Zeiten sich ändern. „Things have changed“ schrieb er deshalb als alter Mann am Ende des 20. Jahrhunderts in der Vergangenheitsform, als nicht nur er sich selber, sondern ihm auch die Veränderbarkeit der Welt historisch geworden war und damit die ganze Zeit in die Vergangenheit entrückte. Nichts kann ihn jetzt noch aus der Ruhe bringen, egal wie verrückt „die Zeiten“ oder was wir so nennen noch werden sollten: „People are crazy and times are strange / I’m locked in tight, I’m out of range / I used to care, but things have changed“.

Die Ewigkeit ist trotzdem kein Vergnügen, so viel steht fest. Doch was kann einer tun, der schon zu Lebzeiten die Ewigkeit betreten hat? Es sind ja nicht nur die Songs, die bleiben und überdauern, auch wenn sie sich von ihm ablösen und ihr eigenes Leben führen. Es sind auch nicht die Artikel, die Tag für Tag über ihn geschrieben werden, denn es ist ja längst alles nur irgend Denkbare gesagt, und zwar schon viele tausend Mal. Dylan ist unterdessen zum Sisyphos seiner selbst geworden ist, zum ewigen Steineschlepper. Nichts anderes ist es, was er allabendlich in seinen Konzerten zelebriert. Es ist Arbeit und nichts als harte Arbeit, schon wieder „Like a Rolling Stone“ zu singen oder gar „Blowin’ in the Wind“, auch wenn selbst dieses Lied melodisch so tief ins Geröll der Zeiten abgesunken ist, dass man es schon wieder ertragen kann, weil es sich dabei in etwas ganz anderes verwandet hat. Ewigkeit ist eine ewige Anstrengung, doch Bob Dylan lässt sich nichts anmerken. Weil er sich kaum noch bewegt, weil er das Gesicht nicht verzieht, weil er die Stimme kaum noch moduliert, ist das Publikum darauf angewiesen, die Andeutungen von Leben für die Sache selbst zu nehmen und die Abstraktionen, die da erklingen, im eigenen Kopf mit Geschichte, Klang und Fleisch und Blut auszustatten. Doch Bob Dylan ist dann schon wieder an einem anderen Ort. Er muss immer weiter seine Lieder singen, damit sie nicht untergehen, immer und überall, ein Steinewälzer im Fluss der Zeit.

Kein Song bleibt sich gleich, und kein Konzert gleicht ganz dem anderen. Dylans Repertoire umfasst – die Dylanologen sind sich da nicht einig – rund siebenhundert Titel. Genau ist das schon deshalb nicht zu sagen, weil die Grenzen zwischen Eigenem und Fremdem fließend sind. So wie Dylan-Songs in allen denkbaren Sprachen und Musikrichtungen gecovert wurden, so übernahm er selbst Textstücke und Melodien aus dem Archiv der amerikanischen Musikgeschichte. In der Ewigkeit gibt es keine Urheberrechte. Zählt man dann noch all die Versionen und Livemitschnitte dazu, die im Internet kursieren, ist klar, dass Dylan-Sammlungen per se unabschließbar sind. Never ending, auch hier. Und mit jedem Konzert kommen neue hinzu. Dylan musste nichts weiter tun, um in den Zeiten der Digitalität dabei zu sein, als immer nur weiterzumachen. Ewigkeit stellt sich ja heutzutage vor allem über die virtuelle Präsenz im Netz her, wo nicht nur die Toten jahrzehntelang weiter automatische Geburtstaggrüße via Facebook versenden, sondern auch die Musik von Bob Dylan auf immer da sein wird. Da ist nichts mehr zu löschen.

In seiner nicht anders als legendär zu nennenden Radiosendung „Theme Time Radio Hour“, die inzwischen auch schon wieder ein paar Jahre der Vergangenheit angehört (aber im Internet zu finden ist), gab es selbstverständlich auch eine Stunde zum Thema Zeit. Dylan begann mit „Time is on my side“ von Irma Thomas, vergaß nicht „As time goes by” und endete mit „Armigedion Times” von Willi Williams. Als Moderator nuschelte er dermaßen, dass es immer so klang als rollten Steine in seinem Mund herum, allerdings nicht, um wie einst Demosthenes gegen die Meeresbrandung anzusprechen und Verständlichkeit zu trainieren, sondern um gänzlich und ein für alle mal unverständlich zu sein. Like a Rolling Stone: Die Ewigkeit beginnt mit Kieseln im Mund.

Jetzt wird Bob Dylan also Siebzig. Sind siebzig Jahre eine lange Zeit? Und wem gehören die Jahre und die Lieder? Für einen, der seine Musik ein- und ausatmet, ist das eine müßige Frage. Bob Dylan existiert. Er lebt. Live and in person. Daran wird sich nichts mehr ändern. Forever young und für immer alt. In der Ewigkeit überlagern sich die Zeiten. Herzlichen Glückwunsch, Bob.

Text: Jörg Magenau

Text aus Falter 20-2011

Foto: Bob Dylan auf dem Azkena Rock Festival, 26. Juni 2010

Urheber: Alberto Cabello from Vitoria Gasteiz; unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert) lizenziert

Quelle: Bob Dylan


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