Für ein realkomplexes Raketenmuseum

prüfstand_plakatIm Oktober 2008 habe ich mich gefreut, in Braunschweig meinen Film Prüfstand 7 [1] im interdisziplinären Zusammenhang des Symposiums Planetarische Perspektiven präsentieren zu können. Der Film ist eine dokufiktionale „Charakterstudie der Rakete“ mit der Hauptdarstellerin Inga Busch als zur Erde zurückgekehrtem ‚Geist der Rakete’. Dieses Wesen, das sich Bianca nennt, erforscht auf der Suche nach ihrem Ursprung ein 1999 aktuelles ‚Raketendreieck’ zwischen Bremen, Peenemünde und Nordhausen; es oszilliert zwischen Ursprung und Zukunft der Rakete und damit zusammenhängenden Sphären; es durchquert dabei auch Motive aus Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow auf eine filmische Weise.

Für mich als Filmemacher, der hier versucht, im Passagenraum, an der Schwelle von Kunst und Wissenschaft zu schreiben und das Projekt eines realkomplexen Raketenmuseums zu skizzieren, war es zehn Jahre nach den Dreharbeiten zum Film ein besonderer Moment, seine Ankunft in dem mehrpoligen Zusammenhang des Symposiums zu erleben. Der Film kam nämlich real in eben der vielstimmigen Situation an, die er zuvor nur ästhetisch modellieren konnte; nur durch Montage von Fakten und Erfindung wird filmisch ein realkomplexer Zusammenhang spürbar, der dann ermöglicht, vom „Raketengeschehen“ zu handeln. Mit einer realitätsnahen Unschärfe, eher unwissenschaftlich, möchte ich als Raketengeschehen[2] die Abfolge ziviler oder militärischer, wichtiger oder übersehener Ereignisse und Zustände bezeichnen, mit der die Rakete machtvoll in eine unbewusst große Zahl von Realitäten hineinregiert. Das Raketengeschehen zeigt sich insofern erst, wenn man die Rakete als eigensinnige Akteurin betrachtet. Man sieht dann ihre besondere Leistung, die sich mit einer Filmfigur umgangssprachlich präzisieren lässt: „Die Rakete bringt alles auf den Punkt – Ursprung, Raketenspitze, Einschlagspunkt – was wir nicht mal mehr zusammenbringen.“ Der Zusammenhang muss demnach sehr weit gespannt werden, will man der faszinierenden, eigenwilligen Performanz der Rakete gerecht werden – er muss realkomplex sein, statt unterkomplex.

In Braunschweig hatte sich eine diskursiv mehrpolige Realität samt zugehörigen ExpertInnen und Institutionen, samt berufsbedingten Perspektiven und Interessen in ein und demselben Raum materialisiert: Vertreter von ESA und DLR, Physiker, KunsthistorikerInnen, Satelliteningenieure der TU, KünstlerInnen, Filmer, PhilosophInnen. Sieht man von Vertretern der Politik, der Waffenindustrie sowie der Organisation der Überlebenden des KZ Mittelbau-Dora und der zugehörigen, unterirdischen Raketenfabrik Mittelwerke[3] ab, die allesamt immerhin medial anwesend waren, so waren die wichtigsten Parteien des Raketengeschehens zusammengekommen. Bevor ich begründe, warum dies ein Novum war, möchte ich voranschicken, was ich mir für die Zukunft davon verspreche und was ich hier als künstlerisch-wissenschaftliche Anschlusshandlung vorschlage, die erstmals möglich zu sein scheint.

Ich wünsche mir, als Abwechslung zu dem Retro-Biedermeier des deutschen Films, der nach zwanzig Jahren Reduzierung von Komplexität geradezu ‚totalitär’ mit allen verfügbaren Budgets die filmische Phantasie limitiert, das modernste Raketenmuseum der Welt. Wie ein Kunstmuseum sammelt es nicht nur Artefakte, die es thematisch präsentiert, sondern betreibt ebenso Forschung und Politik. Da nach Friedrich Kittler gelten darf, „Raketentechnologie braucht Filmtechnologie und umgekehrt“[4], wäre ein derart forschendes Museum auch ein exemplarisches Praxisfeld für realkomplexes Filmemachen. Ziel des Raketenmuseums wäre es, zugleich publikums- und forschungsorientiert alle im Raketengeschehen zusammenfließenden Realitäten auf unterschiedlichste Weise versuchsweise zu verbinden, künstlerisch und wissenschaftlich zu erforschen, zu modellieren und zu vermitteln, damit auf diese Weise wirksame Aufklärung oder Abklärung geleistet werden kann. Vielleicht reicht das noch nicht, aber beispielsweise wäre es sehr schön, wenn ein solches Raketenmuseum in Zukunft dazu beitragen würde, die hochgefährliche Eskalierung zu vermeiden, die US-Außenministerin Rice erzeugte, als sie den russischen Entscheidungsträgern mitteilte, sie würde „gar nicht verstehen, warum die sich so aufregen, es handele sich doch nur um einige wenige Raketen“[5] vor ihrer Grenze. Die besondere und mehrfache Demütigung, die teilweise wohl unbewusst mit dieser Bemerkung einherging, könnte fiktional als Szenario entfaltet werden, aber gehört wohl gerade deshalb in eine Abteilung des vielstimmigen Raketenmuseums. Thema dieses Raumes wäre Raketeneinsatz als letzter Ausweg einer uneingestanden verzweifelten und desorientierten Partei. Denn immer dann, wenn die Rakete ins Zentrum der politischen, kollektivsymbolischen und militärischen Wahrnehmung gerückt wird, weiß mindestens eine der beteiligten Parteien nicht mehr ein noch aus. Wer Raketen startet oder stationiert, versucht, die gesamte, nicht mehr zu bewältigende Komplexität (etwa im Irak) auf die Gestalt eines simpel schönen Objekts zu reduzieren und mittels einer Tat zu bannen, die Erlösung verspricht. Klarheit. Eindeutigkeit. Treffer. Countdown. Eine Rakete starten, bedeutet dann, aus der Verzweiflung heraus in radikaler Ambivalenz einen Hilferuf absetzen und eindeutig Stärke behaupten, was allerdings keine gestaltenden Handlungen, sondern das Auslösen einer unkontrollierbaren Eigendynamik zur Folge hat – zwischen Zerstörung und Weltraumträumerei schwankend. Das klingt schizo – und ist es auch. Es entspricht dem Charakter der Rakete, die eine Show garantiert, aber nicht sagt, welche. Man sollte diesen Charakter aus dem Zentrum politischer Entscheidungsprozesse und medialer Kommunikation herausrücken und ‚erden’.

Das Raketenmuseum könnte mit vielen Medien die Raketengeschichte realkomplex entfalten und massenmedial wahrnehmbar machen, Faszination und Denken in Beziehung setzen und auf dieser Basis als medialer Akteur fähig sein, das tagesaktuelle Raketengeschehen öffentlichkeitswirksam zu beeinflussen. Die analog zur Rakete eben auch in diesem Museum zusammenfließenden Realitäten müssen das akademisch Interdisziplinäre überschreiten, da sie auch unakademische Sphären wie Space Park Rides, Filme aller Couleur und Fandoms von unterschiedlichem Niveau sowie andere Formen der populären Interaktion umfassen sollten. Als Modell für die nötige, enzyklopädische Grundhaltung darf weiterhin „der genaueste aller Romane“[6] gelten, der unter anderem wegen seiner extremen Spannbreite von Perspektiven und Tonlagen nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt hat. Will man der Rakete und den ‚planetarischen Perspektiven’, die sie uns eröffnet hat, auf die Schliche kommen, empfiehlt es sich, die faustische Show zu transzendieren und mit Pynchon zu konstatieren, dass die Rakete „jenseits der simplen Erektion aus Stahl ein ganzes System ist, abgewonnen einem weiblichen Dunkel.“[7] Dieses vielschichtige System regiert hinein in viel mehr emotionale, politische, technische und diskursive Realitäten, als wir in der Regel in unserer Lebenszeit erfahren, geschweige denn sinnvoll kombinieren können. Nur der liebe Gott überblickt, was da genau geschieht, aber angenommen: Die Rakete ist eine Göttin und regiert die Tagesschau, wann immer es ihr beliebt. Selbst 67 Jahre nach ihrem ersten Flug ins All[8] erscheint sie noch immer privilegiert in den 20.15 Uhr-Nachrichten, wenn irgendwo eine ihrer größeren Inkarnationen startet; unabhängig davon, ob sie aus Russland, Europa, den USA, Nord-Korea, China oder dem Iran kommt: Ihr Start ist Ereignis. Nicht nur, weil er nicht Routine werden will und jederzeit zum Fehlstart werden kann. Sondern auch, weil jeder Start, der glückt, Teil eines medialen Regierungsprogramms ist. Wenn die Rakete sich einmischt, verbindet sie nicht nur jene Realitätssegmente, die wir oder unsere Systeme nicht mehr zusammenbekommen, plötzlich und auf zwingende Weise, sondern sie tut dies auch höchst unvorhersehbar. Kein Start ist redundant, denn die Rakete steckt voller Widersprüche. Ob sie gerade gut oder böse handelt, können wir nicht wissen. Ob sie Tod bringt oder Leben sucht, weiß die Rakete manchmal selbst nicht. Entscheidend ist, dass es wenigsten Eine gibt, die selbst in der unübersichtlichsten Situation qua Start oder Startversuch handlungsfähig bleibt. Darauf können wir uns verlassen. So lädt die Rakete als dramatisch veranlagtes Einzelwesen zur Identifikation[9] ein und ist uns zugleich überlegen. Sie ist ein derart vergrößertes Einzelwesen, dass sie uns Normalsterblichen mit jedem Start Demut einflößt, während sie selbst hinweg fliegt in ein bestimmtes/diskretes technisches Walhalla, das die Normalsterblichkeit zu beenden verspricht.[10] Wir sind jedes Mal hin- und hergerissen. Jeder Regierungsakt der Rakete ist klare, mediale Performanz at it’s best und zeigt zugleich ihren eigentlichen, undurchdringlichen Charakter. Sie ist die göttliche Königin der Ambivalenz. In bestimmten Momenten regiert sie Alles, weil sie jede unserer Fragen mit einem klaren JEIN beantworten kann, das keinen Widerspruch zulässt. Ihr Start IST zugleich das letzte Wort und das Ende der Sprache.

Zum Beleg meiner These –  an der Schwelle von Kunst und Wissenschaft argumentierend – möchte ich im Folgenden eine etwa zehn Jahre währende Langzeitbeobachtung skizzieren, die das Agieren der Rakete in der Rolle eines Kollektivsymbols, im Sinne von Jürgen Link, nachzeichnet.[11] Link unterscheidet nach Pictura und Subscriptiones der Kollektivsymbole. Einer spezifischen Bildlichkeit wachsen von verschiedenen Seiten veränderbare Subscriptiones zu. So entsteht die realitätswirksame Illusion eines Gesamtbildes. Im 18. Jahrhundert wirkte etwa der Ballon, im 19. Jahrhundert der ‚Zug des Fortschritts’, später der ‚Supertanker SPD’, und bis heute wirkt unter anderem auf diese Weise auch: die Rakete. Ich behaupte, dass in der massenmedialen Präsenz der Rakete eine systematische Abfolge von guten und bösen Handlungen kommuniziert wird, die ihren ambivalenten Charakter dauerhaft am Leben erhält. Nur damit er jederzeit zu einer extremen und dramatischen Widersprüchlichkeit gesteigert werden kann – zur radikalen Ambivalenz; dabei entsteht das JEIN, das den Ernstfall produziert und regiert.

Das realkomplexe Raketenmuseum soll in einem zu schaffenden Zusammenhang all die Pole erforschen, als Elemente ihrer Subscriptio anschaulich machen, die von der Performanz der Rakete angesprochen werden oder die für ihre Performanz zwischen Eindeutigkeit, prozesshafter, narrativer Zweideutigkeit und radikaler Ambivalenz die Voraussetzung bilden. Anders lässt sich das Raketengeschehen nicht verstehen. Wie wertvoll deshalb die interdisziplinäre Option auf mehrpolige ‚planetarische Perspektiven’ im Augenblick ist, zeigt ein Vergleich mit der Situation vor zehn Jahren.

1999, zur Entstehungszeit des Films, konnten in Deutschland die Pole von a) aktueller Raumfahrtindustrie samt Zukunftsprogramm und Zukunfts-PR, b) historischer Aufarbeitung der Naziverbrechen und c) Technikgeschichte praktisch nicht miteinander kombiniert werden. Es herrschte radikale Funkstille zwischen den Parteien. Die Erwähnung des Wortes „Peenemünde“ führte bei den Space Park-Planern und verwandten Industrien nicht nur in Bremen zum Gesprächsabbruch. Die jüngste Rakete, die auf PR-Illustrationen zum Bremer Space Park dargestellt wurde, war eine V2/A4, die mit einer amerikanischen Flagge bedruckt war. Nicht nur die klassische ‚Vergangenheitsbewältigung’, sondern auch alle bis in die Gegenwart fortbestehenden Fragestellungen, die sich mit dem Urobjekt der deutschten V2/A4- Rakete verbinden, sollten durch diese Anti-Traditionsstrategie[12] gelöscht werden, weder stattgefunden haben noch fortleben. Die ganze Sache kam von ganz woanders her, wurde reduziert zur ‚Raumfahrt’ und war „nahezu ausschließlich eine Sache der Großen, der sogenannten Supermächte. Später erhielten oder erschlossen sich auch Nationen wie Deutschland die Chance zur Beteiligung“[13] an dieser Raketengeschichte.

Aus anderen Gründen wurde das Ur-Objekt, die deutsche A4/V2-Rakete, ausgeschlossen aus der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora – und damit jeglicher Hinweis auf die Herkunft der Rakete vermieden. Denn die wenigen noch lebenden Häftlinge, die zu historischer Aufklärungsarbeit motiviert die Gedenkstätte besuchten, wollten keine V2-Rakete oder anderen Nazi-Hightechschrott dort dulden. Zuletzt fiel dem Historisch-Technischen Informationszentrum (HTI) in Peenemünde angesichts dieser Kommunikationslage wenig mehr ein, als zwischen dem kritischen Hinweis auf die todbringenden Seiten der Rakete und der ingenieurmäßigen Heldenverehrung der „alten Peenemünder“ zu schwanken. Die unverbundene Koexistenz eigentlich zusammenhängender Sphären verhinderte bei allen Beteiligten die Ausbildung einer zeitgemäßen, der Komplexität angemessenen Haltung zur Rakete und ihren Perspektiven. Zumindest wurde in der „Leeren Ethikabteilung“ (Bianca) im obersten Stockwerk des entstehenden Historisch-Technischen Informationszentrums HTI-Peenemünde dieser Mangel immerhin anschaulich, während das reduktionistische, von kalifornischen Beraterfirmen nach Zwei-Küstenlogik[14] importierte Konzept eines geschichtsfreien Retrofuturismus in Bremen mit dem Scheitern des Space Parks eine 500 Millionen Euro teure Bauruine[15] produzierte.  Angesichts der vom federführenden Mr. Space geschilderten, geplanten Attraktionen und Trips entstand zudem der Verdacht: „Die Planer dieses Parks bauen, unbewusst, die Struktur Peenemünde-Mittelbau Dora nach.“[16] Summarisch funktionierte eine derart geschichts- und kontextferne PR für ‚planetarische Perspektiven’ wie ein in die Praxis umgesetztes Re-Enactment des Kurzfilms Wir verbauen 3 x 27 Milliarden Dollar in einen Angriffsschlachter von Alexander Kluge.

Einen ersten Vorschlag zu möglichen Räumen oder thematischen Abteilungen des realkomplexen Raketenmuseums hat der Geist der Rakete – Bianca – beim finalen Gang durch die ausgeräumten, renovierungsbedürftigen Räume der „leeren Ethikabteilung“ des Historisch-Technischen Museums Peenemünde persönlich vorgetragen.

Auszug Prüfstand 7, Regiebuch (Filmminute 104) IngaBusch_Bianca

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LEERER RAUM

Bianca:            Ich könnte beinahe den sentimentalen Voelkers verstehen, der sich in jedem leeren Raum der Ethikabteilung ausmalte, welche Themen dort nie auftauchen würden.

Melodramatische Musik!

KAMERAGANG durch die LEERE ETHIKABTEILUNG

Handkamera durch mehrere Räume.

2. Raum.

Voelkers:            Der Sex des Raketenkörpers. Superschwanz. Maschinenbraut, Junges Ding, alte Hexe…  immer beides.

Und immer zwei Körper die wegflogen. Die Rakete… und von gleicher Länge und Form: Ihre Flamme.

3. Raum

Bianca:            Romeo und Julia! Mussten auch weg aus der Wiege der Singles!?

4. Raum.

Voelkers:            Ein Beerdigungsritual, statt aller anderen …

Bianca:            Für Unsterbliche? Für Untote?

5. Raum und Schwenk zurück.

Bianca:            Hallo Hand, weißt Du jetzt, ob Du leben willst oder sterben?

Voelkers:            Als das Peenemündefieber nach Kalifornien auswanderte, das war die zweite Stufe. In Bremen wird die Rakete ohne Vergangenheit dastehen und ihre Wahrheit wieder untertage liegen. Ist das Stufe Drei?

Bianca:            Wo steckst Du?

Leere fünf Räume.

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SPACE PARK BREMEN,  WILKE, VOELCKERS UND BIANCA

Wilke (Mr. Space) und Voelkers stehen in der Knüste auf der Baustelle rum. Im HG nähert sich der silberne BMW von Bianca, sie steigt nicht aus.[17]

Voelkers:            Designed von kalifornischen Firmen, mit Baukosten von 500 Mio. DM, entsteht ein neuer Raketen-Tunnel in Deutschland. Er führt zu einer Kristallpyramide. Nur die Spitze ragt aus einer nachgebildeten Marsoberfläche hervor. Was ist der Plan?

Speaker:            A state begins to form. And the rocket is it’s soul.

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Zu den Polen der Rakete gehört unbedingt auch ihre Beziehung zur Sprache, beziehungsweise zu deren Verabschiedung mit einem wortlosen Schwur auf die Raketenspitze, den der Gegenwartsforscher Helmut Höge entdeckt hat.[18]

Ausgehend von diesen Polen und perspektivisch weiterführend, möchte ich einen exemplarischen Vorschlag für die tagesaktuelle Erforschung oder Beeinflussung des Raketengeschehens machen. Das Pendeln der göttlichen Königin der Ambivalenz zwischen Gut und Böse, Lebensförderung und Todesarbeit lässt sich in Form einer Abbildung experimentell veranschaulichen. Zwei Faktoren werden dabei deutlich. Erstens: Die Amplitude. Ist die Rakete gerade nur etwas böse oder enorm brutal? Oder ist sie überzeugend zivil, optimistisch, begeisternd? Zweitens: Die Frequenz. Hier lautet meine These, dass eine schnelle Abfolge von widersprüchlichen massenmedialen Signalen, verdichtet in nur wenigen Tagen und mit hoher Amplitude durchgeführt, eine intensive Form von Propaganda oder Manipulation produziert, die man vielleicht ‚Raketenstunde’ nennen darf. Gemeint ist der Zeitraum, in dem sich die Rakete tatsächlich als Souverän im Ausnahmezustand präsentiert. Wer kein Anhänger von Verschwörungstheorien ist, kann sich verschiedene Ursachen für das launische Verhalten der Königin der Ambivalenz ausmalen. Ob wir es dabei mit gezielter Propaganda zu tun haben, mit Automatismen von Medienmachern, mit Mustern des kollektiven Unbewussten oder mit einem unerkannt fortwirkenden, quasireligiösen Ishtar-Kult[19] – das müsste sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich noch erforscht werden.

Sind es die Kommunikationen selbst, die Raketenpropaganda mit systemischem Eigensinn kommunizieren, oder stecken planvolle Kommunikatoren dahinter, wenn nicht sogar eine raffinierte Instanz?[20] In jedem Fall gilt: Raketenpropaganda erfordert heute das Schwanken der Rakete zwischen Gut und Böse, zwischen Rettung und Bedrohung, Leben und Tod, Space Traum und irdischer Realität, um die Rakete im weltweiten Nachrichtenverbund dauerhaft präsent zu halten. Nur auf dieser Basis kann ihr Regierungsprogramm im gewünschten Moment zur intensiven, radikalen Ambivalenz gesteigert werden. Erkennbar gelingt es kriegsführenden Parteien zuverlässig, mit der Rakete alle anderen Themen zu überlagern. So kann im ‚Ernstfall’ nicht nur der Nachrichtenfluss in Richtung ‚Ernstfall’ gesteuert werden. Als einzig noch handlungsfähig erscheint stets, wer Raketen schießen kann, was einer Propagandaabteilung, die über viele Raketen oder Cruise Missiles verfügt, sicher entgegenkommt. Für die kritische Öffentlichkeit bedeutet diese Raketenpropaganda, dass sie regelmäßig stillgestellt werden kann, sobald ‚die Rakete’ auf die beschriebene Weise ernst macht. Das realkomplexe Raketenmuseum sollte deshalb vorausschauende, vorgefertigte Parodien für verschiedene Ernstfallmuster entwickeln und ständig in homöopathischen Dosen ausgeben.

Basierend auf einem seit 1998 mehr oder minder detailliert zusammengetragenen Überblick zum Raketengeschehen folgt auf der nächsten Seite eine Skizze. In Zusammenarbeit mit den Planetarischen Perspektiven, der HfbK und dem in ihrer Nähe gerade gegründeten IFF Hamburg Institut Forschender Film GmbH würde ich die skizzierte Beobachtungsperspektive als eine exemplarische ‚Baustelle’ neben anderen in einem realkomplexen Raketenmuseum gerne ausarbeiten, konkretisieren, belegen und/oder fiktionalisieren.

Die überwiegend verwendeten Quellen repräsentieren drei unterschiedliche Wahrnehmungsschwellen und Wahrnehmungsformen:

1. Die Tageszeitung, taz

2. Tageschau, Heute

3. Bild, BZ.

Der erste Vorfall ereignete sich nach zehn Jahren ausdauernder Propaganda für eine deutsche Remilitarisierung im zerfallenden Jugoslawien. Er wurde mitten hineinplatziert in den einfallslosen Retrofuturismus der nahenden Jahrtausendwende, den der Reiseveranstalter TUI unfreiwillig zynisch auf den Punkt brachte mit seiner Mondlandungswerbung „Machen Sie doch mal Neue Bilder“, die ein bekanntes Apollo 17-Foto aus dem Jahr 1973 als Plakatwerbung zeigte. Eine Nato-Rakete aus dem Krieg der NATO – unter deutscher Beteiligung – gegen Serbien hatte einen Zug mit Flüchtlingen getroffen und 75 Menschen getötet.[21] Diese Rakete war, laut BZ vom 15. April 1999, „die Rakete, die auch uns trifft.“ Durch diese erste kriegerische, mehr oder weniger deutsche Rakete seit dem Zweiten Weltkrieg wurde ‚Deutschland’ wieder zum ‚militärischen Akteur’. Aber war damit auch das beigesellte Therapieziel erreicht? Wiederholt scheiterte seit den 80er Jahren das therapeutische und selbsttherapierende Verlangen der Remilitarisierer, zur „Normalität“ (Volker Rühe) zurückzukehren. „Normalität“ sollte bedeuten, dass deutsche Soldaten im Ausland wieder mit dem Tod arbeiteten, indem sie andere töten oder selbst einen Heldentod sterben. Stattdessen ereignete sich über lange Jahre nur ein banal unheroischer tödlicher Unfall nach dem anderen. Schließlich kamen drei deutsche Soldaten aus Münster um, als sie in Zentralasien mit einem Hammer auf den Kopf sowjetischer Flugabwehrraketen aus den 50er Jahren einschlugen. Die Raketenköpfe explodierten. So brutal und traurig, grotesk und banal ist das Raketen-Buffo, das eben nicht in die ‚normale Aktion’ führt, dennoch – wie in der Oper – der ambivalenten Faszinationskraft der Hauptdarstellerin Rakete zuarbeitet (vgl. „Rakete zerfetzt Deutsche Soldaten“, Skizze, 7). Auffallend ist, wie im Raketengeschehen von 1999 bis 2009 Elemente der deutschen Remilitarisierung, von Nazivergangenheit und Holocaust, sowie des Nah-Ost-Konflikts und seiner Parteien oft eng mit der Ambivalenz der Rakete, die zwischen Gut und Böse changiert, verkoppelt sind. Plötzlich – im Mai 2009 – hat sich diese starre Koppelung in eine lose verwandelt. Zwischen dem 12. und dem 15. Mai 2009 gruppierten sich drei Ereignisse, scheinbar ohne jeden Zusammenhang, nebeneinander.

1. NASA und ESA inszenieren mit den Starts von Atlantis und Ariane, den Raumkörpern Hubble, Herschel und Planck das Vollbild ziviler Weltraumbegeisterung, wobei die Forschungen zur Entstehungsgeschichte der Planeten „letztlich auch Hinweise auf unser Schicksal“[22] zu geben versprechen. Das ist der Höchstwert für die ‚gute Rakete’.

2. Der deutsche Papst Benedikt II. betrauert in Yad Vashem, Israel, den Holocaust.

3. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gibt die Bundeswehr öffentlich zu, dass deutsche Soldaten im Ausland Gegner getötet haben, allerdings nicht absichtlich, sondern „aufgrund der unübersichtlichen Lage“[23].

Raketengrafik_Bramkamp-1

(für eine vergrößerte Ansicht – auf die Grafik klicken)


Autor: Robert Bramkamp

Text geschrieben 05/2009

Text: veröffentlicht in Kritische Berichte,  Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, 37/ 2009



[1] Prüfstand7, Deutschland 2001, 114 Min., Farbe & SW, digi/35mm, nextfilm, ZDF-3sat, Bramkamp. Buch und Regie: Robert Bramkamp, mit Motiven aus Thomas Pynchons Die Enden der Parabel; mit Inga Busch, Peter Lohmeyer, Helmut Höge, Friedrich Kittler; www.pruefstand7.de DVD lieferbar via www.bramkamp.info.

Eine studentische Arbeitsgruppe, betreut von Georg Seeßlen, hat ein umfassendes Presseheft “Special Interest” zu Prüfstand7 verfaßt, das als pdf verfügbar ist.

[2] Von amerikanisch „Rocketry“. Oder als Romanidee, die Dinge mal aus der Perspektive der königlich herrschenden Rakete zu betrachten, die das Raketengeschehen planvoll bewirkt und lenkt.

[3] Vgl. Yves Béon, Planet Dora. Als Gefangener im Schatten der V2-Rakete, Gerlingen 1999.

[4] Friedrich Kittler, Medien und Drogen in Pynchons Zweitem Weltkrieg, in: Robert Bramkamp, Robert/Olga Fedianina (Hrsg.): Prüfstand7. Das Buch zum Film. Material zum Film und andere Forschungen zum Geist der Rakete, Berlin 2002, S. 61.

[5] Vgl. Fußnote zu den Textblasen in der Skizze “Die Ambivalenz der Rakete”

[6] Kittler 2002 (Anm. 4). S. 63.

[7] Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel, Reinbek bei Hamburg, 1994

[8] Am 3. Oktober 1942 hat das Versuchsmuster IV der A4-Rakete vom Peenemünder Prüfstand VII die juristische und metaphorische Grenze zum Weltall durchbrochen.

[9] Große Raketen sind solistische Individuen. Man hat noch nie eine Apollo oder Ariane im Pulk oder auch nur als Duo starten sehen. Als Kollektivsymbol funktioniert die Rakete aber unabhängig von ihrer Größe. Auch eine ein Meter lange palästinensische Papprakete ist eine Rakete. Ob sich dieser ‚Individualismus’, der alle Inkarnationen der Rakete medial gleichstellt, durch die etwas größeren Raketen iranischer Bauart, die gruppenweise auftraten im Zweiten Libanonkrieg verändert hat – „more then 4000 rockets“ laut Guardian – müsste untersucht werden. Vgl. http://www.guardian.co.uk/world/2006/aug/14/syria.israel2.

[10] Das „technische Jenseits“ (technological beyond), das Avital Ronell in ihrer Studie zum Telefon entdeckt hat, ist für Untersuchungen zur Faszination der Technologie wohl zentral. Vgl. Avital Ronell, The Telephone Book. Technology, Schizophrenia, Electric Speech, London/University of Nebraska Press 1989.

[11] „Mit der Abbildung der pictura auf das Analogiengitter der subscriptiones entsteht das Kollektivsymbol als ein semantisches Raster, an dem kollektiv, spontan und anonym weitergedichtet werden kann, indem z.B. weitere Elemente von pictura und subscriptio oder auch neue subscriptiones eingebaut werden.“ Petra Kuhnau, Masse und Macht der Geschichte: Zur Konzeption anthropologischer Konstanten in Elias Canettis Werk Masse und Macht, Würzburg 1996, S. 121.

[12] Vorausgegangen war eine als V2-„Jubelfeier“ kritisierte Traditionsstrategie der deutschen Raumfahrtindustrie, die europaweite Medienempörung ausgelöst hatte. Vgl. Prüfstand7, Min. 31.

[13] Vgl. Prüfstand7,  Minute 100; In: Kröll, Walter: BDLR Broschüre, 1998

[14] Unter dem Stichwort „bicoastal logic“ / Zweiküsten-Logik untersucht Rickels das gemeinsame Unbewusste von Deutschland und Kalifornien. Vgl. Laurence A. Rickels, The Case of California, Baltimore/London 1991.

[15] „Womöglich wird nicht ein einziger Laden in der 57 000 Quadratmeter großen Shoppingmall, die zusammen mit dem angeschlossenen Vergnügungspark ‚Space Center’ mehr als 500 Mill. Euro Investitionskosten verschlungen hat, jemals in Betrieb gehen. ‚So etwas hat es bei einem fertig gestellten Center in ganz Deutschland noch nie gegeben’, wundert sich Einkaufsimmobilien- Experte Peter Fuhrmann.“ Christoph Schlautmann, Bremer Space Park wird zur Mega-Bauruine, in: Handelsblatt, 20. Mai 2003.

[16] Michael Girke, Die Zeit der Rakete. Gespräch mit Robert Bramkamp zu seinem Film ‚Prüfstand 7’ (& beyond) in: Jungle World, 2002, Nr. 22.

[17] Vgl. Prüfstand7, Min. 110.

[18] Vgl. Prüfstand7, Min. 59.

[19] Im Rahmen dieser Versuchsanordnung tippe ich auf Ishtar/Inanna aus dem mesopotamischen Kulturkreis.

[20] Es gibt allerdings auch die kritische These politischer Gruppen im Internet, wonach das Pentagon die Ambivalenz der Rakete durch globale Medienarbeit steuert, weil zivile Weltraumbegeisterung für die Durchsetzung von „Starwars“ und „Leadership in Space“, die offizielle US Militärdoktrin sind, unverzichtbar ist. Gibt es eine friedlichere, demokratische Strategie? Vielleicht sollte jede zivile Mission immer auch reflektieren, welche Rolle sie im Ambivalenztheater der Rakete einnimmt oder einnehmen könnte. Wenn daraus ein ästhetisches Handeln folgen würde, das sich mit der technischen Eloquenz heutiger Weltraumtechnik auf gleichermaßen komplexem Niveau verbinden könnte, wäre glücklicherweise nicht nur das Filmbiedermeier zu Ende, sondern auch der ‚Retrofuturismus’, um das schön polemische Wort aufzugreifen, das in Braunschweig Tristan Weddigen in die Debatte einführte.

[21] Vgl. Prüfstand7, Min. 82.

[22] Tagesschau, ARD, 14. Mai 2009.

[23] „Zum ersten Mal hat die Bundeswehr nun zugegeben selbst Angreifer getötet zu haben.“ Hamburger Morgenpost, 12. Mai 2009, S.5.

„Die Bundeswehr hat bei den Gefechten der vorigen Woche in Afghanistan mehrere Aufständische erschossen. Wie das Verteidigungsministerium in Berlin erst gestern mitteilte, wurden bei dem stundenlangen Feuergefecht am vergangenen Donnerstag mindestens zwei Einheimische durch deutsche Soldaten getötet. Dies habe sich ‚aufgrund der unübersichtlichen Lage’ erst später herausgestellt.“ WELT Kompakt, 12. Mai 2009, S. 6.



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