Beat-Club III: Verhexte Thiere

Warum die Herstellung von Rockmusik Knochenarbeit ist, erklärt uns eine DVD-Edition des „Beat-Club“.
Dritter Teil einer Expedition ins Reich der Haarmenschen

Und lieg´ ich dereinst auf der Bahre,
dann denkt an meine Gu-i-tah-re!

Und gebt sie mir mit in mein Grab!

Quelle Zitat: „Donald Duck: Der rührselige Cowboy“

Auch Tiere durften im „Beat-Club“ auftreten, wie im Juni 1970 eine singende Ziege, der man nach dem Vorbild Charles Mansons die Worte „Liebe“ und „Haß“ auf die Füße tätowiert hatte. (Apropos: „Mit nach oben, ins Bett also, nahm ich … das Rowohlt-Buch The Family, der Mörder Manson mit seinen Mördermädchen“, schreibt Walter Kempowski am 16. Juni 1983 in sein Tagebuch: „Ich spüre ein merkwürdiges Verlangen, zu so einer ´Family´ zu gehören, dieses Vegetieren in einer verfallenen Ranch.“) Die Ziege ließ im Kreise ihrer Family ihr freudiges Meckern erschallen, und am Tag nach der Sendung wußte man in Stadt und Land: Wenn Roger Chapman den Mund auftut, springen die Mohrrüben aus der Erde. „Dieser Sänger von der Family, dieser Roger Chapman, das is vielleicht ne Type“, hatte schon bei früherer Gelegenheit ein Konzertbesucher geschwärmt,  „der wirft ja auch immer seinen Kopf so hin und her, ganz schnell, da wirst du ja stoned von.“

Sei´s Eric Clapton mit seiner Pudelfrisur, sei´s der Sänger der Stones, von dem Gerüchte gingen, daß er´s beim Zubettgehen ähnlich halte wie jene mythischen Mondbewohner, von denen der Freiherr von Münchhausen in seinen See-Abenteuern spricht: „Sie haben keine Augenlider, sondern bedecken ihre Augen, wenn sie schlafen gehen, mit ihrer Zunge“ – nicht selten legt sich dem Betrachter, kaum ist die Titelmelodie „A Touch Of Velvet“ verklungen, „eine seltsame Mischung von Grauen und Lachlust“ auf Seele und Gesicht. Ganz wie dem Ritter Asamund, als sich ihm, freilich nur im Roman (Die vier Brüder von der Weserburg, Seite 166), „verhexte Thiere“ zeigen.

Das ist auch kein Wunder bei den vielen Fabelwesen, die im „Beat-Club“ ihr musikalisches Gerümpel abladen. Quinkelierer in wunderlicher Toilette (der „Beat-Club“ hatte keine eigene Kostümkammer, die Interpreten – egal ob „die Who“, „die Move“ oder „die If“ – mußten ihre Klamotten selber mitbringen), umkreist von Bongo- und Banjospielern, Fiedlern und Flötisten, die vor den Kameras die unmöglichsten Albernheiten begehen: Wem immer ein Zupf-, Blas- oder Klopfinstrument zu Gebote steht, der verhökert in Bremen seinen Nippes, dreht an seiner Echolette oder „hawonkt“, wie der Dichter Tom Wolfe das nennt, „auf dem gottverdammten alten Fotzenhobel“.

(Bleistiftzeichnung von Wenzel Storch)

Kapellen mit gefährlich klingenden Namen wie Peanut Butter Conspiracy oder Bonzo Dog Doo Dah Band treffen auf Schreckensmänner wie Chris Farlowe, den Vadim Glowna des Rythm & Blues, oder Keith Stokes von Remo Four, ein ungezogener Mensch, der seiner Gitarre obszöne Zeichen gibt. Oder Rory Gallagher, ein Neurotiker, der stets mit frischgewaschener „Klampfe“ erscheint und mindestens einmal zu oft in Bremen aufschlägt.

Mal gibt´s “ein Mordsprogramm extra für euch“ – kein Wunder, Blue Cheer sind im Studio –, dann wieder haben T. Rex „ein paar feine Songs“ (Nerke) mitgebracht. Oder Alice Cooper schneit herein, der von ferne an Peggy Parnass erinnert und aus der Nähe wie Resl von Konnersreuth aussieht, die große alte Dame des katholischen Grand-Guignol, bei der Cooper sich augenscheinlich seine Schminktips holt.

Licht und Schatten liegen im „Beat-Club“ nah beieinander, besonders, wenn man die 24 DVDs wild durcheinanderguckt. Hat man sich eben an den Backpfeifengesichtern der Byrds delektiert (vor allem an der Geiz-ist-geil-Visage des Roger McGuinn), schon schaut der liebe Kasperkopf von Ray Davis um die Ecke, oder eine singende Kleiderpuppe vom Flohmarkt buhlt um Aufmerksamkeit, komplett mit mottenzerfressener Federboa und Schlapphut. (Schön anzuschauen, wie Brian Auger der Puppe – Glanz und Zauber der Doppelbelichtung  – beim Orgelspiel in die Augen greift.)

Wer wie ich an einer Melanie-Safka-Fixierung leidet, wird genauso bedient wie Leute, die immer noch nicht aus dem Bubblegumalter raus sind: Als ich den Sänger des Ohio Express, von dem ich bislang nichts kannte außer dem Klang seiner Stimme, leibhaftig zu Gesicht bekam – zuerst mit „Mercy Mercy“, dann mit „Chewy Chewy“ – , bin ich vor Glück fast vom Stuhl gefallen.

Wollten wir unseren Onkels und Tanten glauben, dann war es immer wieder ein kleines Wunder, daß die Sendung überhaupt stattfinden konnte. Angeblich kamen all die Taugenichtse und Tagediebe „nach eigenem arbeitscheuen Dünken“ in den Club – um das Wort eines fleißigen Mannes zu gebrauchen. Der fleißige Mann, Peter Hacks, hatte schon im Stall von Bethlehem himmelschreiende Zustände ausgemacht: „Herumtreiber, Ochsen, Esel, Clowns. / Das ist ein wahrer Ort des Grauns. / Was auf der Welt die Ordnung scheut und gammelt, / Find ich in diesem Loch versammelt“, läßt er Herodes in Maries Baby klagen, einem Krippenspiel aus der Honecker-Ära. („Er ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht“, rühmt hingegen Brecht den Müßiggang in „Lob der Faulheit“ von 1931: „Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.“)

Werfen wir zwischendurch einen Blick in die Geschichtsbücher. Jungs, die dufte Eltern hatten, bekamen um 1970 – das neue Jahrzehnt sollte das bunteste des Jahrhunderts werden – bemalte Fahrräder zum Fest, und Mädchen schrieben nach den Weihnachtsferien ihre Mathearbeiten mit dem „zärtlichsten Gänsekiel der Welt“. Die Zeit war aus den Fugen geraten, die Welt – zumindest westlich der Elbe – wie durch den Wolf gedreht. Ämter und Titel galten nichts mehr, und im August ´73 meldeten die Tageszeitungen: „Goethe-Preis für Hamburger Polizisten-Sohn“.

Der Polizistensohn aus dem Landkreis Celle revanchierte sich für die Ehrbezeigung mit einer „Dankadresse“, die er in der Paulskirche von seiner Frau vorlesen ließ. Darin nahm Arno Schmidt, der sich lange genug am „bunten Moreskenzug unser Teenager“ erfreut hatte („laßt sie Radau machen“, hatte er einst auf eine Umfrage geantwortet), zu Tagesfragen Stellung, speziell zur 40-Stunden-Woche. „Unser ganzes Volk, an der Spitze natürlich die Jugend“, sei „typisch unterarbeitet“, klagte Frau Schmidt und schlug im Namen des Gatten die 100-Stunden-Woche vor. „Ansichten eines Snobs“ nannte das Gerhard Zwerenz in der Nacktpostille „das da“.

Hätte das Ehepaar Schmidt bloß drei Jahre vorher, am Nachmittag des 15. August 1970, den Fernseher eingeschaltet, dann wäre ihm ein Licht aufgegangen, es hätte milder über die Jugend geurteilt, und das Gezeter wäre ihm erspart geblieben. Denn an diesem Tage besuchte Jethro Tull den „Beat-Club“, eine Gruppe, bei deren Gestaltung die Natur verrückt gespielt hatte. Noch heute steht ihr ein Mann – am liebsten auf einem Bein – vor, der im Londoner Zoo besser aufgehoben wäre als auf den Bühnen der Welt (als „Hans Huckebein, der Blues-Rabe“ führt ihn das berühmte Rock-Lexikon).

Während Ian Anderson und seine Jethro Tull ihr „Nothing Is Easy“ zu Gehör bringen, eine Mixtur aus Tasten- und  Saitengeschrumpel, vermischt mit häßlichem Flötengespucke, informiert eine Schrift über den „Arbeitsplan der Band von Januar bis Juni 70“. „In 6 Monaten hatte die Gruppe 9 freie Tage“, lesen wir bestürzt, und daß „1 Woche = 7 Arbeitstage“ sind, hätte der sprechende Sack Schockschock nicht besser ausrechnen können (hinter dem sich, Augsburger-Puppenkiste-Freunde wissen es, Kater Mikesch aus Holleschitz  verbirgt).

Doch wer will päpstlicher sein als der Papst, und damit zurück zu Arno Schmidt: In den Siebzigern war der Dichter der Tina bereits im Besitz der Gnade und durfte, wenn nicht im „Beat-Club“, so doch in Margret Dünsers “V.I.P.-Schaukel” auftreten. Da war Schmidt längst zur Very Impotent Person gereift beziehungsweise zur Vierten Instanz vorgestoßen. (Diesen Teil der Seele hatte Schmidt per Zufall entdeckt, ein von Freud übersehenes Séparée, das sich ausgewählten Personen mit Erreichen der Impotenz öffnet – ein Areal, das freilich nur Mannsbildern und, wie Schmidt einschränkt, “Genialen” zur Verfügung steht.)

Apropos genial: Auch Vanilla Fudge arbeiteten hart. Die Band hatte sich auf rauschhaften Unterwassersoul spezialisiert und entfaltete auf der Bühne eine Schmierlappen-Psychedelic, die ihresgleichen sucht. Über die berühmten Sprüche der Pariser Clochards – Weisheiten wie „Die Tat ist das Grab der Idee“ – konnten diese Männer nur lächeln, wenn sie nach Austüfteln ihrer Choreographie (verzücktes Getue, bei dem sich der Raum zerbeult und die Zeit stehenbleibt) im Morgengrauen in ihre Betten fielen.

Der Geniedarsteller Mark Stein und seine Vanilla Fudge stehen im Zentrum eines jener „Filmberichte“, die eine neue Ära einläuten sollten. Pünktlich zum dritten Geburtstag des Clubs war die Sendezeit verdoppelt worden, und die Jugendredaktion des WDR unter der Leitung Hans-Gerd Wiegands lieferte Filmbeiträge zu „jugend-spezifischen Themen“. Pionier Wiegand hatte gerade das Jugendmagazin „baff“ erfunden – jene „Irren-Show“, die ohne Vorwarnung von frisierten Pudeln auf verhungerte Babys, von Nackttänzerinnen auf Kriegskrüppel blendete und dem Gebührenzahler eine nie dagewesene „Kommunisten-Scheiße, die zum Himmel stinkt“ (Brief an „baff“) servierte.

Damit war der „Beat-Club“ auf einen Schlag und auf Jahre hinaus konkurrenzfähig, und das war auch höchste Eisenbahn. Denn auf den Nachmittagssendeplätzen drängelten sich neue, von mal zu mal frecher werdende Jugendmagazine. Sogar Radio Bremen wollte sich mit „in“,  einer von einer „Kommune Lorenz“ hergestellten Politshow, seine eigene „Beat-Club“-Konkurrenz leisten, gegen die die anderen Anstalten wacker ansendeten: Berlin mit “Tele-Skop”, Köln mit „baff“, Stuttgart mit “p”, wobei „p“ laut „Spiegel“ für alles stand, „was bei der Jugend ankommt: Pop und Penne, Pubertät und Pille, Penis und Politik“.

Bevor nun all diese Magazine auf DVD erscheinen, muß der KONKRET-Leser sich damit begnügen, „The Story of Beat-Club“ in sein Abspielgerät zu schieben – eine Story, die mit dem Buschmesser durch die Irrungen und Wirrungen der Rockgeschichte führt und wie nebenbei (sozusagen zum Verschnaufen) mit rund 800 Minuten WDR-Dokumentation  aufwartet. Und schon kann sie losgehen, die Rutschpartie ins Goldene Zeitalter – hinein in die Zeit, als die Kleidung noch hautsympathisch und pflegeleicht war. Und als die Zauberworte noch Polyacryl, Polyamid und Polyurethan lauteten.

Autor: Wenzel Storch

FORTSETZUNG:

Uschi empfiehlt „Badeurlaub im Mekong-Delta“. Und: Götterdämmerung – auch für den „Beat-Club“ bricht die Nacht ohne Morgen an.

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