Jamie Dornan spielt die Hauptrolle in „Fifty Shades of Grey“

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Jamie Dornan via www.calvinklein.com

Der Sexgott                   

Der irische Schauspieler beglückte schon Marie Antoinette, Kate Moss und Keira Knightley. Wer ist der 31-Jährige aus Belfast?

Man muss jetzt endlich nicht mehr so tun, als ob so ein bisschen Sadomaso im Schlafzimmer ganz gesund sei für die Libido und überhaupt total normal. Man darf jetzt offenherzig fragen: Wie krank ist eigentlich «Fifty Shades of Grey»? Wie viel Psycho steckt in Christian Grey, diesem von einer schottischen Autorin erfundenen Amerikaner, der den Sadomaso-Sex haushaltsfähig gemacht und Bondage zum neuen Damenkränzchen-Hobby erhoben hat? Jamie Dornan, der irische Schauspieler, der jetzt den Film-Grey spielen soll und hoffentlich nicht wieder, wie so manch anderer vor ihm, den – pardon – Schwanz einzieht, sagte nämlich in einem Interview mit dem britischen Blogger JP Watson: «Ich könnte gut für den Rest meines Lebens Psychopathen spielen, ich wäre dazu bereit.»

Das war im Mai. Kurz bevor die Serie «The Fall» auf BBC startete. Und damit Jamie Dornans bisher größte Rolle. Als Paul Spector, Psychokiller von Belfast. Der bei Tage als Trauerberater arbeitet und nachts Karrierefrauen erdrosselt (quasi die Übersteigerung von Bondage) und mit ihren Leichen perverse Reinigungsorgien anstellt. Im Gegensatz zu Christian Grey geht es Paul Spector nicht um Sex, aber definitiv auch um Möglichkeiten der Kontrolle über Frauenkörper. Die Lust, die ist dabei allein auf seiner Seite. Privat ist er ein liebevoller Vater, der seine Mordwerkzeuge und Tagebuchaufzeichnungen im Estrich direkt über dem Bett seiner kleinen Tochter versteckt.

Greer Garson und Keira Knightley

Gejagt wird Spector von der pragmatischen Kommissarin Stella Gibson (Gillian Anderson), die im Nahkontakt mit dem anderen Geschlecht vor allem eines will: die Kontrolle behalten. Sei es durch ihren Intellekt oder durch kühlen, effizienten, emotionslosen Sex. Und so treffen in «The Fall» ein Tier und eine Eiskönigin aufeinander, und in ihrer Differenz, die natürlich auch ein Spiegelbild ist, liegt so viel Spannung, dass einen der Cliffhanger am Ende der ersten Staffel laut fluchend zurücklässt. Aber die zweite Staffel wird folgen. Zum Glück.

Jamie Dornan spielt diesen Paul Spector mit braunäugiger, stoppelbärtiger Tschoolihaftigkeit, die zur Stunde der Dämmerung in eine zunehmend bedrohliche, sehnige Verbissenheit umschlägt. Er hat dafür monatelang das Werk und Wirken von Serienkillern studiert, besonders von Ted Bundy, dem smarten Amerikaner, der in den 70er-Jahren über 30 Frauen ermordete. Der Dreh zu «The Fall» war für Dornan, dessen Mutter an Krebs starb, als er 16 Jahre alt war, und der seither eine besonders enge Bindung zu seinem Vater, einem Geburtshelfer in Belfast, hat, eine vollkommen schizophrene Situation: «Ich habe meine Arbeitstage damit verbracht, Frauen zu strangulieren, während mein Vater Babys zur Welt brachte.»

Aufgewachsen ist Dornan im kleinen Hollywood, nämlich in Holywood mit nur einem «l», einem etwas besseren Vorort von Belfast. Seine Urgroßtante ist die britische Filmdiva Greer Garson, das Gen zur grossen Filmkarriere liegt also in der Familie. Jamie Dornan hat zwei Schwestern, spielte mit 12 zum ersten Mal Tschechow, ist Protestant, Fan der Insel-Mystery-Serie «Lost», liebt Tiere, Pedro Almodóvar, Tim Burton und Woody Allen, liest am liebsten Paul Auster, ist 1,83 m gross, verheiratet und wird demnächst Vater. 2003 bis 2005 war er mit Keira Knightley liiert. Im Februar 2006 gestand er der «Mail on Sunday» über seine Beziehung zu Knightley: «Ich war nicht genug Alphamännchen, um sie halten zu können.»

„Der klügste Casting-Entscheid seit langem“

Ebenfalls 2006 wurde Dornan zwar nicht von einer Frau, aber von den Medien in den Stand eines Alphamännchens erhoben. Die «New York Times» porträtierte ihn als «The Golden Torso»: Dornans Oberkörper hatte nämlich einen Nacktjob ergattert als Calvin-Klein-Model, und das war vor allem deshalb so aufregend, weil sich eine obenherum ebenfalls nackte Kate Moss an ihn schmiegte. Es folgten Dior und Armani, bald war Dornan das bestbezahlte Männer-Model der Welt. Er hatte schon früher ein bisschen gemodelt und Musik gemacht, war dabei aber so arm gewesen, dass er sich nicht einmal getraute, einen Wasserkocher zu kaufen. 2006 war dann auch noch das Jahr seiner ersten Filmrolle, in Sofia Coppolas «Marie Antoinette» spielte er einen charismatischen Schweden, der die französische Königin weit mehr zu beglücken wusste als ihr Mann.

Jetzt, sieben Jahre später, ist es also beschlossene Sache, dass er den Quälgeist spielen soll, der multiple Orgasmen möglich macht. Bret Easton Ellis, der Schriftsteller mit dem grossen Herzen für amerikanische Psychopathen und Pornos, findet dies «den klügsten Casting-Entscheid seit langem». Interessant ist er auf jeden Fall. Und wenn sich in Christian Grey nicht nur der goldene Torso, sondern auch die perverse Schwärze des Paul Spector wiederfindet, dann schafft es die Verfilmung durch die britische Filmemacherin und Videokünstlerin Sam Taylor-Wood vielleicht tatsächlich, «Fifty Shades of Grey» weg von der massentauglichen Erweckungslektüre verklemmter Hausfrauen zu führen. Hin zu einem Kinoereignis, das so gewagt und prickelnd ist wie der Schlag mit der neunschwänzigen Katze.

Simone Meier, Tagesanzeiger.ch 29.10.2013

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Die erste Staffel von «The Fall» mit Jamie Dornan und Gillian Anderson ist als DVD (Ländercode 2, englisch) erschienen.

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