Kalter Kaffee

Seit der heilige Joseph den oft falsch zitierten Satz „Jeder Mensch ist Künstler“ sagte, behaupten illustre Zeitgenossen, sie seien Künstler und alles, was sie anfassen oder betreten, wäre Kunst. Ob Schamane oder Scharlatan, Beuys rackerte sich mächtig ab und veränderte die banalsten Dinge mit Worten und handwerklichem Talent. Der Allroundkünstler Peter Kees, bekannt durch sinnfreie, witzige Aktionen wie Ich AG., Schießmich, Leben ohne Geld, hat sich mit seinem neuesten Angriff auf die deutsche Gegenwart …oder die Kunst, einfach da zu sein selbst übertroffen. Ausgerechnet das meistfrequentierte, sozial durchmischteste und multilingualste Café am Prenzlauer Berg erklärte der Provinzler aus Bayreuth samt seiner Gäste zum Kunstwerk. Er unterstellt ihnen, dass sie politisch motiviert Kaffee und Kuchen konsumieren, weil sie dort nicht einfach untätig da sitzen, sondern aus Protest gegen den protestantischen Arbeitseifer der Erfolgsmenschen da sitzen. Damit liegt der Künstler so schief wie das Berliner Trottoir, das nicht fürs Rumsitzen taugt, weshalb Herr Mutlu vor seiner Backstube einen Lustgarten mit Sitzkissen auf der Fensterbank und gepolsterten Ölkanistern betreibt. Dort konnte Mann und Frau lange Zeit ungestört Zeitung lesen, mit sich allein sein oder ungeniert miteinander plaudern. Nichtangeleinte Hunde und Kinder sind hier so selbstverständlich wie Spatzen auf dem Tellerrand. Bei den alten Ägyptern galten die drolligen Quälgeister als heilig, doch es scherte sie nicht. Auch der Mensch wusste bisher nicht, dass sein tägliches Dasein beim Kollwitz-Bäcker Ausdruck einer rituellen Transformation in Kunst ist. Dagegen regt sich tätiger Unmut und stilles Nichteinvernehmen. Denn der kindische Peter versteht nicht, dass Freiberufler auch tätig sind, wenn sie Kaffee trinken, Mütter auch erziehen, wenn sie ihre Kinder mit Bretzeln und Bionade füttern, Bauarbeiter das nächste Verkehrshindernis planen, wenn sie telefonieren, Studenten permanent auf Wohnungssuche sind, wenn sie Özkans starken Ein-Euro-Kaffee trinken; er begreift auch nicht, dass Kunst etwas anderes ist, als Orte und Leute mit Verweisen über Marcel Duchamps Ready-mades auf Volksschulniveau zu besetzen. Aus solchem Quark kann man keine Torte anrühren, aber schlagartig auf sich aufmerksam machen. Bei der wortreichen Ernennung des Kollwitz-Bäckers zum Kunstwerk vorletzten Donnerstag war fast soviel Presse und TV zugegen wie bei Kurt Becks Buchpräsentation, doch der Umsatz blieb hinter den Erwartungen zurück und die Stimmung war herbstlich-kühl, weil die echten (Lebens)-Künstler fehlten. Z.B. Manfredo, der Kölner Kunstmaler oder Ernst Volland, der als „junger Wilder“ Jean-Michel Vincent einst den größten Kunstfake der 80er Jahre inszenierte. Keese-Peter will wahrhaftig sein und die stark befahrene Sredzkistraße durch ein kollektives Untätig-Sein entschleunigen. In der Hoffnung, die Aufmerksamkeit von Frauen zu erringen, die ihn sonst kaum ernst nehmen. Seit Sigmund Freud wissen wir, dass Kunstwillen Sublimation ist, die Verwandlung des Sexuellen ins Erhabene. Das muss man können, denn Kunst ist schwer und macht viel Arbeit. Der Faule sieht in den anderen nur ein Objekt sublimer Faulheit. Das einfach Dasein ist ihm ein Greuel, weil es sich selbst genügt und auch öffentlich privat sein will. Sollte Herr Mutlu auf seine Backwaren schreiben „Das ist keine Kunst“ und die Gäste T-Shirts tragen mit der Aufschrift „Ich bin kein Künstler?“ Aber dann hätte P. K. erreicht, was er wollte: Wahrnehmung und Interaktion. So bleibt uns nur, berlinisch zu reagieren mit „Das jeht uns afjanischt an!“

Text: Thomas Knauf

(Café – Bäckerei Kollwitz, Berlin – Prenzlauer Berg, Sredzkistr. 51)


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