Zur jugoslawischen Idee und zum Attentat von Sarajevo

„Unsere Sache von 1914“

Trotz der unbestreitbaren Relevanz des Ereignisses für die weitere Entwicklung war das Attentat von Sarajevo sehr lange ein vernachlässigtes Kapitel in den historiographischen Darstellungen des Ersten Weltkriegs. Man begnügte sich meist mit der Feststellung, es handele sich bloß um einen Anlaß und nicht um die Ursache für den Ausbruch des Kriegs. Eine klare Unterscheidung zwischen Ursache und Anlaß scheint jedoch aus neuerer geschichtstheoretischer Sicht fragwürdig und huldigt einem hegelianischen Schema, wonach sich das geschichtliche Ereignis in ein verborgenes Wesentliches und ein akzidentelles Oberflächliches spalte. Im Attentat selbst kommen aber schon die entscheidenden Triebkräfte der Entwicklung deutlich zum Zuge und zum Vorschein, wenn wir im Attentäter und in seinen Opfern nominell emanzipatorischen Ethnonationalismus und imperialistischen Kolonialismus am Werk sehen. Ideologiegeschichtlich stand bislang zu Recht der Imperialismus im Mittelpunkt des Interesses. Doch auch sein Widerpart, der Ethnonationalismus in seiner südslawischen Variante, sollte von seiner historischen Verantwortung nicht ganz freigesprochen werden.
Aus südslawischer Perspektive war 1914 ein „Schicksalsjahr“. Das Attentat von Sarajevo ist die Urszene des neuen jugoslawischen Staatsgebildes, das sich 1918 aus den Trümmern des Habsburgischen und Osmanischen Reiches unter serbisch-dynastischer Federführung formiert. Man übertreibt sicherlich nicht, wenn man im Attentat die Gründungsgeschichte des neuen Staates erblickt; wie immer man es drehen will: Jugoslawien war ein zutiefst postimperiales Phänomen.

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Gavrilo Princip erschießt Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau. Zeitgenössische, nachempfundende Darstellung

In der offiziellen jugoslawischen (der monarchistischen wie der sozialistischen) Version der Geschichte galt das Attentat als eine Befreiungsaktion: Gavrilo Princip und seine Kameraden waren Helden, deren mythologische Bedeutung für die neue Nation in dem Mausoleum am Sarajevoer Friedhof Koševo verewigt wurde. Das Denkmal trägt den bezeichnenden Namen: Kapelle der Helden vom St.-Veits-Tag.
Literaturnobelpreisträger Ivo Andrić, der dem weiteren Kreis des Mlada Bosna (Junges Bosnien) nahestand, sprach noch lange von „unserer Sache von 1914“, die „schrecklich und herrlich und groß“ war. Der Sommer 1914, sagte Andrić in einem Interview in den 1930er Jahren, „jener hitzige und ruhige Sommer mit seinem Geschmack des Feuers und seinem kalten Atem der Tragödie, den man überall spürte: er ist unser wahres Schicksal.“ Andrić’ Einschätzung teilten viele jugoslawiche Intellektuelle jener Zeit. Das Attentat bahnte den Weg zur Verwirklichung eines alten Traums: nach Jahrhunderten imperialer Unterdrückung sollten die vereinigten Balkanvölker endlich als Subjekt die Bühne der Geschichte betreten.
Das Attentat von Sarajevo haben maßgeblich – direkt oder indirekt – einige junge Männer vorbereitet und ausgeführt, deren Gruppe sich in Anlehnung an verwandte europäische Beispiele (Junges Italien, Junges Deutschland etc.) Junges Bosnien nannte. Führende Mitglieder dieser informellen literarischen Gesellschaft waren politisch engagierte Publizisten und Schriftsteller aus Bosnien, die ein dichtes Netzwerk bildeten, das Verbindungen in der ganzen Monarchie, aber auch in Serbien pflegte und teilweise Züge einer Geheimorganisation trug. Der Begriff Junges Bosnien taucht zuerst in der bosnischen Publizistik als vage literarische Bezeichnung für eine „junge bosnische Bewegung“, die sich „für die Erneuerung ihres Landes einsetzt und auf einer tiefen Liebe zum Volk und auf einem großen schöpferischen Willen beruht“ (Vladimir Gaćinović). Borivoje Jevtić, einer der Herausgeber der bosnisch-serbischen Zeitschrift „Bosanska Vila“, beschreibt das Junge Bosnien in einem Artikel aus dem Jahr 1913 als eine lose Gruppe junger talentierter Autoren, die jedoch noch keine ausgegorene Poetik entwickelt haben. Er erhofft sich von ihnen die Vermittlung „unserer Werte, den Duft unseres Landes und die Ruhe unserer Toten, wie sie für das Junge Belgien Maurice Barrès formuliert hat“. Barrès, zunächst als Vertreter des dekadenten Ich-Kults bekannt, entwickelte schon seit den frühen neunziger Jahren des 19. Jahhunderts ein Konzept des rassisch begründeten Nationalismus und avancierte zur Gallionsfigur der französischen Rechten. Der Verweis auf Barrès signalisiert, daß die jungbosnische Ideologie im Kontext der europäischen Diskursgeschichte um 1900 und nicht einfach als verspätete balkanische Entwicklung gesehen werden muß; vor allem die neue – verhängnisvolle – Idee der Rasse wird eine entscheidende Rolle für die Idee der Vereinigung der Südslawen in einem Staat spielen.

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Die drei unterschiedlichen Jugoslawien

Auch das sozialistische Jugoslawien von 1945 wollte sich eine solche gedächtsnispolitische Vorlage wie das Attentat von Sarajevo natürlich nicht entgehen lassen. In einer Uminterpretation, die unter anderem der Tito-Biograph Vladimir Dedijer im Standardwerk Sarajevo 1914 vornimmt und die bis heute nachwirkt, erscheinen die Attentäter, die meist wie aus den Prozeßakten und sonstigen biographischen Zeugnissen hervorgeht, für einen dynastischen Nationalstaat gekämpft haben, als Revolutionäre oder gar als Sozialisten, deren Träume Tito-Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg realisierten. So wurde eine Kontinuität konstruiert, die jedoch brüchig ist. Obwohl einige der Attentäter am Sozialismus interessiert waren, ist ihre Grundorientierung nationalistisch. Die Organisation Vereinigung oder Tod, populär Schwarze Hand genannt, die nach Einschätzung der meisten (auch serbischen) Historiker, maßgeblich beteiligt, wenn nicht federführend war an der Vorbereitung des Attentats, huldigte ihrer Satzung gemäß einem eindeutig monoethnischen und chauvinistischen Nationalismus.

Erst nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens haben sich die Historiker des Themas unter neuen Vorzeichen angenommen, freilich nicht immer mit zufriedenstellenden Ergebnissen. Den jugoslawischen Helden Princip reduzieren die serbische Historiographie und der politische Alltagasdiskurs wieder auf seine serbische Identität; er wird zu einer Figur des serbischen Widerstands gegen europäische neokoloniale Bestrebungen verklärt. Einem „Spiegel“-Bericht von 1993 zufolge wollte der bosnische Serbenführer Karadžić Sarajevo nach der geplanten Eroberung in Principovo (Princip-Stadt) umbenennen. Die Gegenseite degradiert Princip oft zum bloßen Terroristen, der das Ende der herrlichen kakanischen Belle Epoque einläutete. Die imperiale Konstellation dieser Epoche berücksichtigen die, die ihr hinterherweinen, freilich nicht.

Der Erinnerungskrieg tobt heute, 100 Jahre nach dem Ereignis, im Konflikt um die Denkmäler: Während dieses Jahr auf der serbischen Seite gleich zwei Büsten von Gavrilo Princip eingeweiht werden sollen, haben einige Kreise in Sarajevo mit dem Gedanken gespielt, das Denkmal Franz Ferdinands, das nach dem Ersten Weltkrieg entfernt wurde, zu restaurieren. Diese extremen Positionen, die man in milderer Form auch im weiteren europäischen Kontext verfolgen kann, treiben die Ideologisierung und Verklärung der Personen und Ereignisse von 1914 weiter voran und verhindern die Entstehung einer kritischen Erinnerungskultur, die weder Heroisierung noch Dämonisierung zuläßt.

Vahidin Preljevic, konkret

Der Autor unterrichtet deutschsprachige Literatur an der Universität Sarajevo und ist Mitorganisator kulturwissenschaftlicher Konferenzen zum Jahrestag des Attentats von Sarajevo

Bild unten: History of Yugoslavia CC BY-SA 3.0 This is a map of the evolution of Yugoslavia/Serbia and Montenegro from 1918 to 2006

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