Szenen, Geschichten und Reflexionen aus der analogen und der digitalen Welt.

In dem 1985 von Alexander Kluge gedrehten Film „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ werden wir Zeuge einer frühen Bearbeitung des Themas Mensch und Computer. In einem meist unwirklich abgelichteten Frankfurt mit Hochhausfassaden werden wir auf eine kleine Familie gelenkt; deren ganzes Interesse gilt dem „Apparat“ (so nennt der Narrator Kluge den Computer) – und zwar bei Tag und bei Nacht. Wodurch diese totale Fixierung gerechtfertigt ist, bleibt uns verborgen: mal rattert der Drucker, wenn der Vater etwas an Text frei gibt, mal starrt der Sohn auf die Screen, mal übt die Frau hoch konzentriert eine Art „Wächterfunktion“ (so der Narrator) gegenüber dem Gerät aus. Und immer wieder wird die Tastatur vom Vater mit geradezu hörbar harten Fingerschlägen bearbeitet. Das alles hat etwas Angestrengtes; die Kleinfamilie scheint schicksalhaft vom Computer in Bann geschlagen – wie eine Notgemeinschaft wirkt sie, die jeden Augenblick als Provisorium für ein mögliches Versagen oder eine Gefahr erlebt.

In einer Szene aus einem ebenfalls in diesen 1980er Jahren produzierten Film erleben wir eine ganz andere Aura um die damals noch frische Beziehung zwischen Mensch und Computer, die uns im Flow unserer gegenwärtigen Zeiterfahrung trifft wie ein flash- back. Die Kamera ist nun durch das Fenster eines Frankfurter Hochhauses focussiert auf einen Mann, der spät abends in seinem Büro am Computer sitzt. Ansonsten ist die Umgebung in schwarz gehüllt. Der Eindruck tiefer Einsamkeit drängt sich auf – eine Einsamkeit, die noch dadurch verstärkt wird, dass sich die Kamera langsam vom oberen Bereich des Hochhauses zurückzieht und die Szene im Büro sich bis auf einen Lichtpunkt zusammenzieht. Aus der Vogelperspektive erkennen wir nun das Panorama einer Großstadt – mit einer tief unten sich windenden Verkehrsschlange voll blinkender roter und gelber Lichter.Ein abendlicher Spaziergänger hätte zu dieser Zeit Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre auch noch folgende Erfahrung machen können. Er geht durch eine städtische Vorstadtstraße und liest „gewohntes“ Leben aus dem Zusammenspiel bläulicher und heller Lichtblitze, die zweifellos von einem TV Gerät in den Wohnstuben rühren. Sie signalisieren ihm damals noch, dass sich vor dem Fernseher Menschen versammelt haben – aber wenn er von draußen näher ans Fenster tritt, sieht er zwar in mehrere Gesichter, die auf einen Bildschirm starren, aber kaum noch in einem Akt gemeinsamen Schauens untereinander verbunden sind.

Deutlich anders erleben wir die Situatio im Film zuvor. Hier ist es zwar nur ein Einzelner, den wir sehen, scheinbar isoliert von anderen und daher fern einer Gemeinschaft. Folgen wir als Zuschauer jedoch der Dramaturgie , so erkennen wir in dieser Film-Szene ein romantisches Urbild wieder, das wir als abendländische Kulturwesen mit dem Regisseur teilen: da geht ein Einsamer auf in einem „ozeanisch“ in diesem Falle urbanen Gefühlsraum. Ähnliches kennen wir ja auch von Bildern des Malers Caspar David Friedrich oder aus amerikanischen Western, wenn der Held am Ende des Films und nach vollbrachter Arbeit am Gemeinwesen in die Ferne zieht und von der Landschaft verschluckt wird. All dies Beispiele eines modernen kollektiven Mythos, der uns hier dazu verführt, davon abzusehen, was der Mann da am Computer wirklich treibt. Schreibt er oder macht er gar schon eine Tabelle für den Bürobedarf ? Was bot der Computer den Menschen damals – was noch nicht ? Wie weit war die Software entwickelt ?- Fragen, die in uns eine Reflexion auslösen könnten. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Mann und uns ? Oder ist der zeitliche Abstand schon zu groß, um eine Erzählung daraus zu destillieren, in der wir gemeinsam als Protagonisten auftreten können ?

Eine verbindende Erzählbarkeit lässt dagegen die Szene mit dem Vorstadtspaziergänger zu. Zumindest aus dem Blickwinkel einer Mentalitätsgeschichte, welche die letzten Jahrzehnte umfasst.

Was wir mit dem Spaziergänger durchs Fenster sehen, ist ja kein exotisch anmutendes Kinopublikum aus den 1950er Jahren mehr, sondern eine uns vertraute moderne eher atomisierte TV-Gemeinde: alle Augen sind starr gerichtet auf das damals noch dickbauchige Gerät (Glotze ist dafür der treffende Ausdruck). Jeder für sich und zugleich außer sich vor Willen, nichts zu verpassen: keinen Werbeclip, keine Sequenz aus der Schwarzwaldklinik oder eine Nachricht aus der Tagesschau. Fernsehen zog die Leute noch an, allerdings nicht mehr das klassische Kinopublikum, das es damals schon nicht mehr gab; eher wandte sich das TV-Gerät an ein Heimkinoassemble, das aber realiter gar kein Publikum war; es bestand vielmehr aus Einzelnen, die den bewegten Bildern in einem latenten Alarmismus folgten. Die entsprechende Szene wirkt denn auch wie das Vorspiel zu jener Screen- und Aufmerksamkeitsökonomie, auf die wir heute zwanghaft eingeschworen werden, wenn auch das Medium Fernsehen selbst inzwischen kaum noch an diesem hocherregten Zusammenspiel aus Zeitverdichtung und fragmentierter Individualität teil hat, vielmehr trotz unzähliger Tatorte und Terra X Panoramen als dosierte Schlaftablette im großen Molloch der trägen Gewohnheiten dahindümpelt – inzwischen fast so etwas wie ein mediales Nebenher in unserer multi-task wahrgenommenen und organisierten Welt. – Beide indes, die Filmszene und die TV-Vorstadtszene, haben eins gemein: sie lassen kaum noch erinnern an das mythische Urbild aller menschlichen Kommunikation: Da versammeln sich vor vielen tausend Jahren Hominiden um eine Feuerstelle, wo sie ihre Identität erproben, indem sie sich Geschichten erzählen, vielleicht auch schon die Figur eines Löwenmenschen umtanzen, ein Artefakt, das einer von ihnen (ein Künstler, der nicht mit auf die so gewichtige Jagd musste) kraft seiner Imagination geschaffen hatte: Unsere Urahnen übten sich dergestalt in einer vielleicht notwendigen Umdeutung des Realen, die ihnen etwas Sicherheit und kommunikativen Sinn verschaffte – einen Sinn, den sie zugleich als göttliches Geschehen veräußerten, ja in einem scheuen Pathos der Distanz verehrten. Als mit Bewusstsein ausgestattete Wesen „in der Welt“ mussten sie diese wohl übersteigen, andernfall hätte sie der Absolutismus einer überkomplexen für sie kaum greifbaren Wirklichkeit getroffen und aus der Welt geschleudert – wie es der Philosoph Hans Blumenberg im Rahmen eines Vergleich zu unserer Lage heute beschrieben hat. Die Frage, die sich auch Blumenberg stellt, wäre dann: Wohin übersteigen wir heute unsere Welt, die so anders ist als die der ersten Hominiden, uns aber ebenso komplex und kaum greifbar erscheint wie den Ahnen ihre Welt vor vierzigtausend Jahren? Sind wir noch fähig, unsere Realität zu transzendieren, um ihr einen Sinn abzutrotzen ? Oder bleiben wir heute in ihren Fallstricken aus Fakten, Kausalketten und Daten hängen – immer in Gefahr, so in die Funktionale abzurutschen, als die Berthold Brecht eine abschüssig gewordene Moderne zeichnete. ?

Zu Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre begann die eigentliche Erfolgsgeschichte des PC, während die neuen TV-Privatsender die zuvor noch medial auf zwei Kanäle geeichte Gemeinde in verschiedene Sehgruppen spaltete. Etwas verschob sich damals im ewigen Wettstreit um die Beschaffung von (kommunikativen) Sinn. Der Siegeszug des PC glich einer romantischen Volte aus dem Geist der neunzehnhundertsiebziger Jahre, einer Zeit mit – so schien es – weit offenem Zeithorizont und hohem Sendungsbewusstsein, die eine Spezies neuer Wahrnehmungs- und Gestaltungssubjekte erschuf. Ihre Geburtsstätte lag bekanntlich in kalifornischen Vorstadtgaragen – dort wo sich vereinzelte Visionäre, technisch versierte Nerds und kapitalistische Impulsgeber zusammenfanden, damals noch von geradezu kreuzbraven Gedanken zur Nutzung des Geräts beseelt, für das bald schon die Namen Rechner und Computer nicht mehr ausreichten. Es ging um mehr als die Erschaffung und Indienstnahme eines Geräts. Es ging um eine Magie, die drum herum entstand: Das Kommunikative, das der schwerfällige Computer-Koloss IBM innerhalb seiner kruden Geheimdienstlogik nie im Sinn hatte und dessen Bedeutung er demzufolge nicht erkannte, trat fortan in den Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung und Geltung – gepuscht von einer ganz anderen Klientel von meist jungen Pionieren, die an Geld, Macht und Kriegsspiele zunächst überhaupt nicht dachten. Dabei klang es selbst dann noch harmlos, als irgendwann später in der Folge eines globalen Hypes von „sozialen Netzwerke“ gesprochen wurde, die Grundlage wurden für Varianten der medialen Kommunikation wie Facebook, Google, Instagram, Tinder; Youtube und WhatsApp. All diese „Anwendungen“ des Interaktiven konnten sich im Milieu des postmodernen Zeitgeistes erst einmal ungehindert entwickeln und zugleich verbergen hinter spielerisch „Gut Gemeintem“, wie Freundschaft, Informationsreichtum, begehrende Anschaulichkeit. Nebenbei lösten diese Apps das Versprechen auf eine all umfassende Vernetzung ein. So etwas hatten ja Philosophen und Soziologen wie Parson, Luhmann und Habermas schon idealiter (Habermas) und in lapidarem Understatement (Luhmann) vorgedacht: Kommunikation sei alles, sei der Schlüssel, die Vollendung der wahren Aufklärung – dazu überall auffindbar: bei den Ameisen wie in der DNS, den Hirnzellen und natürlich da, wo Welt und Sinn generiert werden in den Hippiekommunen, Selbsthilfegruppen, Kongressen und Think Tanks.. Wir kommunizieren und vernetzen uns all together, und das scheint ja auch gut so. – Aber bald schon liefen all die Bestrebungen für die Einlösung des Versprechens auf entfesselte Kommunikation in eine fatal andere Richtung: auf ein immer kleiner werdendes Gerät zu, das Hand, Finger und Augen des Einzelnen in „Betrieb“ nahm – wir wurden user, was heißt: Nutzer, Benutzer und Benutzte: Wer vermag das angesichts täglich stundenlanger Interaktion zwischen Mensch und Gerät heute noch auseinanderzuhalten? Jedenfalls entstand rund um das Gerät ein Fieber, dem man sich kaum entziehen konnte. Da konnte auch das alte Medium TV nicht mithalten, das die Menschen weiter auf die „Glotze“ starren ließ und sich irgendwann, was die Zielgruppe betraf, zurückziehen musste auf die Klientel älterer TV-Konsumenten. Die Digital-Natives, von denen bald die Rede war, ließen sich so nicht mehr reintegrieren in die alte Erzählgemeinschaft – nicht einmal als Kinopublikum ließen sie sich ansprechen und schon gar nicht hatten sie eine Antenne für die mit anderen zu teilende Caspar David Friedrich Einsamkeit, dem vielleicht letzten absurden Mythos der Moderne. Die neue Feuerstelle, wo sie sich ihre Geschichten erzählten und mit anderen teilten (neudeutsch: sharing), das wurde das Netz.

Das Internet: die naiv klingende Bezeichnung für ein Medium der Kommunikation, im privaten und globalen Ausmaß, übrigens von einem sehr netten Mann, Tim Berners Lee, 1993 auf den Weg gebracht: dieses flirrende Netzgeschehen sollte sich bald schon in einer Komplexität und Dynamik entwickeln, die für Verwirrungen und Irrungen sorgte: für die einen bot es eine Möglichkeit zu einem Dasein (!!) im Zwischenraum von Computer-Spiel und ökonomischer Fullspeed-Selbstoptimierung; für die anderen bedeutete es eine stetig wachsende Überforderung und das vage Bewusstsein, irgendwie vom Weltenlauf abgehängt zu werden , ja inzwischen tatsächlich abgehängt worden zu sein. Aber vorher gab es noch ein Highlight, das Erfreulicheres in Aussicht stellte als diese heute kaum noch zu leugnend Auftrennung in Sieger und Verlierer.

Steve Jobs – das Momentum und der heilige Gral

Die Szene kommt uns heute fern und surreal vor – und liegt doch nur eine gute Dekade zurück Es ist jenes Bühnengeschehen aus dem Jahre 2007, als ein von der Krebskrankheit schon schwer gezeichneter Steve Jobs das neue Smartphone von Apple vorstellte: eine Show, die man nicht Show nennen sollte, eher einen Akt der Selbstentäußerung des Daseins. Nur zum Vergleich: Sieben Jahre zuvor hatte der damals aus dem Boden schießende Internetanbieter AOL das alte Schlachtschiff Time Warner geschluckt. Auf einer Bühne sah man einen tänzelnden AOL Boss und einen steif wirkenden Repräsentanten der alten Kinokultur. Beide boten ein Schauspiel der geläufigen Fusions- und Übernahmekultur – nur war alles viel beschleunigter vor sich gegangen als sonst. Der Sieger war die Frucht der New Economy. Und dieser Sieger nahm alles. Letztlich eine peinliche Szene, wie dann auch noch der wippende AOL Mann den Arm seines bewegungsunfähigen Opfers in die Höhe reckte. Da schnurrte etwas zusammen auf einen Vorfall im Zeitprovisorium. Unerzählbar letztlich in seiner gehypten Eventgestalt, worin alles an Vergangenheit zersetzt wurde. Selbst die Melancholie, die aus der Geschichte des Kinos erwächst.

Anders bei Jobs 2007. Er trat allein auf die Bühne und schrie auch nicht umher wie der massige Konkurrent Steve Ballmer von Microsoft.. Es ging hier nicht um einen Gründer, Übernehmer, Werber oder Verkäufer und auch nicht um eine Ware, die der tödlich Gezeichnete irgendwelchen Kunden anpries; es ging um eine neue Kommunikation zwischen Jobs, dem Gerät und einer in Andacht geeinten Gemeinde, kurz: um ein Zusammenspiel aus drei Eckpfeilern gegenwärtiger Kommunikation, woraus sich sogar ein Lebensstil ableiten ließ – und all dies in einer Umgebung, die so etwas wie den heiligen Gral zu beherbergen schien. Was man nun alles mit diesem neuen Gerät machen konnte, vor allem aber, was es mit einem machte, das interessierte damals die unterhalb der Bühne versammelte im weitesten Sinne gläubige Community ebenso wenig wie den Zuschauer im Kluge-Film die Frage, was Menschen am Computer denn wirklich machen. Hier – einmal mehr in Kalifornien – geschah sprichwörtlich etwas: das Ereignis triumphierte noch einmal über die Vermittlung des Ereignisses und das aus sich selbst Erzählende über die Funktion – und Steve Jobs, der schon zuvor weitaus weniger harmlos ausgesehen hatte als Bill Gates und Mark Zuckerberg, erschien in all seiner prophetisch letalen Erglühung wie ein Zarathustra, ein Magier: der erste Künstler und Erzähler an den Feuern der Hominiden, nun mit einem Sinn schaffenden Gerät in der Hand, inmitten einer Schar von Followern, wie es dann später heißen sollte– wirklich ein mythisches Bild. Wer zu Assoziationen neigt, dem könnte dazu das mythische Bild in Mutlangen in den achtziger Jahren in den Sinn kommen, mit Heinrich Böll inmitten einer Schar von gleichgesinnten Protestierern gegen Atomanlagen und allgemein gegen das „System“. Aber selbst da hatte ein Vermittler schon Hand an die Farbgebung des betreffenden Fotos gelegt. Eine bräunliche Tönung suggerierte Patina, Symbolik, beschwor den ewigen mythischen Augenblick.

Das war bei Jobs Auftritt nicht nötig

Bald sollte sich indes herausstellen, dass die Szene mit Jobs und das wundersame Ambiente dazu sich so nicht mehr wiederholen ließen. Events a`la „life unlimited“ oder gar „bigger than life“, nach denen die unter chronischem Mythenmangel leidende Gesellschaft des Westens heute so sehr lechzt, hat es seither nicht mehr gegeben – dafür aber setzte eine gegenläufige Entwicklung ein, die abstrakt wirkt, aber gerade in dieser vagen Weitgefasstheit die Realität trifft: Jeder Versuch fortan, das Ereignishafte, Unmittelbare hervorzuzaubern oder ein romantisches Roll back zurück in die Siebziger Jahre wieder aufleben zu lassen, scheiterten. Seither scheint dies unser Schicksal zu werden: Alles, was geschieht, scheint vermittelt, selbst das Unmittelbare. Womit der Philosoph Hegel recht zu haben scheint: Es gibt nichts unter der Sonne, das in einem puren Da glänzt. Es lauern immer schon im Vorraum und im Hintergrund die Mediatoren. Einen Steve Jobs wird es da nicht mehr geben, auch keine Siebziger Jahre-Community, die ihn damals noch trug. Wie sieht die Community indes heute aus ? Gibt es sie überhaupt noch ? Zuletzt schien diese Gemeinschaftsidee noch einmal aufzublühen als für zwei Jahre die Piraten in Deutschland auf die Bühne des Zeitgeistes traten, in hohem Sendungsbewusstsein, in großen Foren sich versammelnd, bewaffnet mit dem Daseinsbeweis Laptop, immer zur Zwiesprache bereit mit dem Gerät und dem Strauß von Mikrophonen; plötzlich war man Wer, um dann doch recht bald sang- und klanglos in der schnelllebigen Aufmerksamkeitsökonomie ins letzte Glied zurückzutreten. Es machte pfff und die Luft war raus. Ein weiterer Beweis, dass die Zeitdimension der Vergangenheit ins provisorische Jetzt eingedampft wurde – der Tod für die Erzählbarkeit der Welt.

Diese Erzählbarkeit erschien indes in großem Rahmen noch einmal möglich als im Dezember 2010 eine Hochzeit stattfand zwischen einer digital vernetzten Gemeinde und einer moralisch hochgerüsteten Weltgesellschaft, die dem Treiben in den arabischen Staaten emphatisch zusah. Junge user,in Tunis und Kairo fiebernd an ihren Geräten sitzend, von wo aus die dann auf die Straße rannten als analoge Wesen mit revolutionären Zielen. Das mochte für kurze Zeit eine Utopie beschwören, ein Versprechen, das sich politisch einlösen ließ; aber wie einst am Ende der französischen Revolution, als Napoleon das Erbe der Umwälzung antrat, waren die Sieger, die aus dieser Geschichte hervor gingen, andere. Das Gerät hatte in seinem technisch operationalisierten Anspruch auf Unmittelbarkeit eine Dynamik entfesselt, die einen neuen ägyptischen Präsidenten aus dem Hut der Geschichte hervorzauberte der sich fortan als Krisenbewältiger verstand – damit vielleicht die Zukunft der gesamten Politik andeutete: von einem heiß gelaufenen Jetzt aus betrachtet ,zu dem das Gerät ja bedingungslos einlädt, wird alle Zeit zur Jetztzeit mit Problemlösungsaufgaben. Vergangenheit und die sie tragende Erzählbarkeit der Welt, werden außer Kraft gesetzt – und nehmen am Spiel um die Zukunft nicht mehr teil.

Seither wird viel geredet von der Community. Aber gibt es sie überhaupt jenseits von links, likes, und updates ? Um dafür ein Bild zu finden, könnte man eine Drohne mit Kamera über Silikon Valley fliegen lassen, über gewölbte Rasenflächen und gläserne Heimstätten, in denen Personen als kleine Punkte herumwirbeln. Was tun sie da hinter den transparenten oder abgetönten Fenstern ? – Will man das überhaupt noch wissen wenn man es ohnehin nicht schon weiß ? Den einsamen Mann im Kluge Film könnte man sich in diesem fiebrigen Ambiente nicht mehr vorstellen. Er erschiene den Digital Natives heute wie ein Wesen aus einer weit zurückliegenden Zeit. Um von beiden einen Eindruck zu bekommen bedürfte es keiner „großen Erzählung“ – wohl aber Einblicke in den Alltag.

Von analog und digital

Anlässlich eines Interviews irgendwo in der Provinz nördlich von Osnabrück harrt der vom Sender Beauftragte an einer Haltestelle auf einen Bus, der aber partout nicht kommen will. Um die Bushaltestelle herum erstreckt sich viel Wald und Feld – und es sickert das Gefühl von Sinnlosigkeit und durch Regen verursachter Feuchtigkeit in die Kleider des Wartenden. Früher hätte der Free-Lancer an den gläsernen Wänden des Haltestellenunterstands vielleicht verschmierte Sinnsprüche von Schülern lesen können oder gar überdimensioniert gezeichnete Penisse bestaunt – hätte so einen dumpfen Sinn entwickelt für das abgründig Unfassbare vergehender Zeit. Heute jedoch zeugt nichts mehr von derlei existentiellem „Hineingehaltensein ins Nichts“ (Heidegger). Der Frust im Wartenden steigt. Endlich hält dann doch noch ein Bus.

Der vor Kälte Steifgewordene steigt ein, hochgradig gereizt, wird dann aber sofort von der Wärme, die ihm entgegen schlägt, milde gestimmt – er schaut sich um und erblickt eine dicht gedrängte Schar von Schülern, bis in die hinteren Sitze des Busses verteilt; sie alle halten ein I-Phone in den Händen. Nach der Erfahrung einer durchfeuchteten Welt und dem Eintritt in diese so andere aus Wärme und handgerechten Geräten, entfleucht dem Eingestiegenen diese Frage: Wo bin ich hier – bei Zombies ? Einige Schüler in den vorderen Sitzen schauen kurz auf, eher verständnislos, bevor sie dann in den Flow des medial durchtrainierten Alltags, dem selbst der umgebende Wald nichts anhaben kann, zurücksinken – eine Schülerin glaubt den wahren Wert dieses Augenblicks zu erkennen, indem sie zu ihrer Mitschülerin sagt: „ Ey, das muss ich unbedingt posten“ …

Ja, ja, analog, digital. – Kennen wir! – Kennen wir?

Von der analogen und der digitalen Welt lässt sich ja inzwischen gut plaudern. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir die Unterscheidung zwischen beiden Seinsarten in unser Alltagsbewusstsein gebannt und mit Hilfe des gesunden Menschenverstandes gar entschärft zu haben glauben. Virtuell, real, irreal, simulativ, künstliche Intelligenz – diese Vexierbegriffe, die einmal den durch französische Denker geführten Diskurs in den neunzehnhundertachtziger Jahren bestimmen konnten, haben wir doch auch uns einverleibt und sind daran inzwischen leidlich und relativ schmerzfrei gewöhnt ! Ein gewisser Hang zum Witz hat sich gar eingestellt, wenn es zu Überschneidungen zwischen den Formen analog und digital kommt.

Zumal wenn beide so schön ineinander geschichtet sind wie in dieser vielfach beschriebenen Szene: Man sieht eine Gruppe von weiblichen Teenagern dicht aufeinander hockend , aber jede für sich mit den Daumen über die Screen ihrer iPhones fahrend, von Fall zu Fall Texte und Bilder empfangend oder sendend. Manchmal ein Jauchzen von einem der Mädchen, vergleichbar dem Kreischen im niedersausenden Looping auf der Kirmes, danach von einem anderen Mädchen ein so schrilles wie abschätziges „… der sieht echt Scheiße aus “ – Dies ist das Signal für andere Teens, sich in dem Rücken der Besendeten zu versammeln und das Bild zu be-liken … Wie würden diese Mädchen nur miteinander verkehren ohne dieses all ihre Aufmerksamkeit absorbierende Gerät? – Fast so etwas wie eine Hamletfrage: like or dislike: thats the question.

Und welche Assoziation weckt diese Szene: Sie sitzt mir schräg gegenüber im Zug, das Gerät in der Hand und vollzieht die üblich gewordene Screen- Behandlung entlang eines gerade empfangenen Whats Apps. Und plötzlich überzieht ein leichtes Lächeln ihr Gesicht. Früher hieß das einmal: Jemand lächelt in sich hinein in Gedanken an etwas Schönes, das aus der Vergangenheit ins Jetzt hineinragt oder aus räumlicher und zeitlicher Distanz eine Erwartung spiegelte, dabei hinter der leicht gefalteten Stirn eine Exstase hütend (nach Heidegger ein Seins- und Wahrheitsvollzug). Früher waren derlei Mienenspiele nicht gerade häufig zu beobachten, aber umso anmutiger wirkte dann dieses madonnenähnliche Spiel der Gesichtszüge, das den Beobachter entzückte und einen Hauch von Nähe in die Fremdheit der Welt brachte.

Nun jedoch – das weiß der Zugfahrer – ist dieses Lächeln viel zu häufig anzutreffen, als dass Anmut sich dahinter verbergen könnte oder ein in den Augenblick gehobenes Geheimnis. Und richtig: Im plötzlichen Abbruch oder Einfrieren des Lächelns erkennt der Fahrgast, dass sich keine Mythen des Alltags dahinter auftun, eher ein bald schon vergessener Reflex ankündigt, die bloße Variation eines medial ausgelösten Mienenspiels, nicht als eine Like-Ranking-Bekundung, mit tausenden Facebookern und Youtubern geshared – womöglich gilt es wieder einmal einem heftig sich aufdrängenden Katzen-Video.

Digiti -Short-Stories – Finger-Anwendungen im Wandel der Zeit

September 1956 auf einem Kartoffelfeld: Die Kartoffelleser bilden ein Paar. Beide haben einen Drahtkorb in der Hand und warten darauf, dass der Bauer (es kann auch ein Knecht sein) mit Pferd und Pflug rechts an ihnen vorbeizieht, mit den scharfen gebogenen Pflugscharen die angehäuften Erdhügel aufreißt und umwälzt und der Blick frei wird auf die hell leuchtenden Kartoffeln, die nun verstreut auf dem Boden liegen. Und schon beugen sich die Kartoffelleser hinab und lesen mit gekrümmten Handrücken die Kartoffeln auf, fast als wollten die Finger die Erdäpfel pflücken. In der einen Hand halten sie den Korb, mit der anderen greifen sie die lichten Feldfrüchte auf, die sie in leichtem Schwung in den Korb werfen. Manchmal stellen die Kartoffelleser auch den Korb ab, um mit beiden Händen mehrere Kartoffeln auf einmal zu greifen. Kindliche Hände mit kurzen Fingern greifen naturgemäß schneller, können aber nur zwei Kartoffeln auf einmal fassen; größere Hände dagegen wirken wie Schaufeln, fassen fünf, sechs Kartoffeln auf einmal, aber das Vorbeugen und Niederhocken der größeren und älteren Menschenkörper ist, wie alle auf dem Feld sehen können, mit „Mühsal“ verbunden. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die jungen Kartoffelleser ihren Korb schneller füllen. Wenn man eine Drohne mit Kamera über das Feld fliegen ließe, so würde ein fast zartes Bild entstehen: Alle da unten streichen mit ihren Händen über den Boden, eine stumme Versammlung von Händen und Menschen, die man sich auch auf einem Breughel-Bild denken könnte – ein Bild , das uns im übrigen klar macht , dass sich seit Breughels Zeit vor vierhundert Jahren bis in die neunzehnhundertfünfziger Jahre das kollektive Szenario von Versammlungen auf dem Feld kaum verändert hatte. Nichts als analoge Wirklichkeit, einschließlich eines tief herabhängenden Himmels, der den Menschen den Feierabend ankündigt.

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Viele Jahre später zu Karneval stehe ich am Rand der Straße und warte zusammen mit anderen auf die Kölschen Kamelle, die von einem der vielen Karnevalswagen auf die Zuschauer herab geworfen werden. Jetzt heißt es für die Anwesenden aufgepasst, man muss schnell zugreifen und es durchzuckt schon die Hände der aufnahmebereiten Karnevalsbesucher.. Schnelle nervöse Finger sind da von Vorteil, um Beute zu machen – und da sehe ich, wie eine alte offensichtlich weibliche Hand zu Boden geht, eher langsam und in einer Krümmung wie ich es früher in den fünfziger Jahren beim Kartoffellesen gesehen habe. Tatsächlich evoziert die Frau in diesem Augenblick mit ihrer faltigen Greifhand in mir eine ferne Erinnerung an meine Kindheit, die mythisch und plötzlich erzählbar wirkt und sich in ihrer schrumpeligen Hand konkretisiert. Man möchte hier einmal einfach nur innehalten, die Welt anhalten, ohne erklären zu müssen warum – aber schon ist die Hand, die wohl für das Auflesen der Kamelle zu spät kam, im Getümmel des Karnevals verschwunden.

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Und schon drängt sich ein weiteres Erinnerungsfragment auf – aus einer viel zu selten in Augenschein genommenen Geschichte der Körper: Finger über eine Schreibmaschine gebeugt, diesmal so, dass jeder Finger separat in abgespreiztem Winkel zur Hand auf Einsatz lauert, so dass sich eine Art sperriger digitaler Gesamtkomposition ergibt, wobei ein Teil des Gehirns die Befehle gibt für den Einsatz der Finger, die mal langsamer mal schneller herunterfahren auf die Tasten, von Unterarmsehnen zusätzlich angetrieben, die selbst schmerzen, so dass der Schreibende kurz beide Hände über der Maschine schweben lässt, sie dann leicht schüttelt, um sie zu entlasten. Und mir kommt ein Walter Benjamin Zitat in den Sinn – wie immer in dieser dunkelnden Heftigkeit, aus der plötzlich Klarheit hervorgeht:

Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht. Vermutlich wird man dann neue Systeme mit variabler Schriftgestaltung benötigen. Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die Stelle der geläufigen Hand setzen. (Einbahnstraße)

Frage an uns: Können wir ermessen wie diese Innervation der befehlenden Finger heute noch einwirkt auf den Prozess des Schreibens- zumal wenn sich, ohne dass sich nennenswert Widerspruch regt, das „Texten“ immer mehr durchsetzt und an die Stelle des Schreibens tritt? Und sich sogleich spezifiziert und limitiert mit Ausprägungen wie antexten, zutexten oder vertexten. (gibt es auch schon abtexten?) – Die Welt wird zum Text: so hieß es nach der Erfindung des Buchdrucks durch Guttenberg schon einmal – heute besagt das: die Welt wird gesendet empfangen, gelöscht und wieder hergestellt . – Wer vermag sie in dieser Fluktuation noch zu entziffern, so wie es die alten Denker wollten? Spiegelt sich in diesem Geschehen überhaupt noch das bekannte Diktum Ludwig Wittgensteins: Die Welt ist alles, was der Fall ist? Was ist der Fall?

Auf der linken Seite steht das Telefon, ein Gruß aus der alten Zeit. Rechts liegt das Smartphone – Es blinkt noch nicht. In der Mitte steht der Laptop. Es lockt gerade mit E–Mails, die aber nicht ankommen weil sie nicht geschrieben wurden. Ein Dreiklang aus lauter Negationen. Man wartet auf etwas, eine Nachricht, eine Botschaft, eine Bestätigung, eine Anfrage. Nichts geschieht. Manchmal verdichten sich die Signale und man vermutet, dass man eben doch gefragt ist; manchmal bleiben die Signale stunden- ja tagelang aus. Gehört man noch dazu ? Die Frage drängt sich immer unverhohlener auf. Bin ich nur, wenn ich sende und empfange ? Wie gestaltet, erlebt man die Zwischenräume zwischen Input und output: als horror vacui oder als Objekte der Scham ? Die zwei Fingertiere sind jetzt über dem Tasten-Bord versammelt, die Zeigefinger ein wenig tiefer herabgebeugt als Mittel- und Ringfinger, während der kleine Finger unmotiviert ein wenig nach außen absteht von dem digitalen Zentrum. Mit den Armen zusammen bilden die zwei Fingertiere eine liegende Pyramide . Die Daumen, zuunterst und abstehend sind leicht nach innen gekrümmt und bilden unter sich eine weitere kleine Pyramide. So in Form gebracht zeigen die beiden Fingertiere ihre Bereitschaft an, alles in den Griff zu bekommen, die Kontrolle nicht zu verlieren. Fällt eine Aufgabe an (und Aufgaben gibt es nun immer), sind die Augen des users auf den Monitor gerichtet. Es gibt da eine Menge zu sehen. Sich selbst überbietende sich überschichtende Links die in schneller Abfolge ein Profil aus Daten und Suggestionen erstellen. Von einem selbst ? Das also bin ich. Wenig Aufmerksamkeit aber wird vom Augenpaar den beiden Fingertieren selbst gewidmet, die ja eigentlich für die Auswahl der Bilder und Schriftzeichen verantwortlich sind, aber nicht im Gesichtskreis des users liegen.

Im Oberbauch hat sich inzwischen ein nervöser Wirbel gebildet, der diese neuen Mächte des Alltags registriert und darauf heftig reagiert. Meistens von einer Art Appetitlosigkeit begleitet.

Es ist ratsam, dann etwas zu tun, die Finger zu nutzen. Zum Ausgleich. Und dann sich den updates zu widmen, die das Leben immer wieder neu frisch machen – vielleicht auch eine Mail zu schreiben. Das schafft Zeit und kostet fast nichts. Aber was schreiben, wenn ich nichts spüre ? Plötzlich ein Gedanke: Früher war es so: ich hatte ein Gefühl und sendete einen Text. Heute ist es so: ich möchte ein Gefühl bekommen und deshalb sende ich einen Text.

Was macht aus digital Digitalisierung?

Die Soziologie meldet sich – aber wie?

Noch einmal Tim Berners Lee: der Mann erfand 1993 das Internet, um im engen Kreis der Universität leichtere Verbindungen zwischen Fachkollegen herzustellen. Das endete in einer weltweiten Community und unzähligen Anwendungen, in denen sich menschliche Intentionen und Medien kreuzten – ja bis zur Unkenntlichkeit einander assimilierten. Je mehr das gelang, desto mehr lief das auf einen Prozess hinaus, der mit dem Wort „Digitalisierung“ gekennzeichnet wurde. Digitalisierung: einmal mehr ein scheinbar harmloser Begriff. Er hat inzwischen die Oberhoheit im Diskurs um den Lauf der Welt übernommen. Als Paradigma einer Zeitenwende, einem Strom gleich in dem alles mitgerissen wird. Es ist nicht mehr der Strom Heraklits, der bedächtig fließt und der doch nie derselbe bleibt, aus dessen Differenz sich also die Zeit speist. Wer lenkt heute diesen Strom? Wie lässt sich darauf surfen? Wer ist das Subjekt dieses Prozesses? Der Mensch, die Maschine oder der Algorithmus? Wer kommt diesen Prozessen bei – bringt sie in eine Analogie zu dem, was wir waren, wer wir sind und wohin wir gehen , zu dem , was wir als die Welt kennen?

Kommen wir dem bei mit den alten Werkzeuge der Aufklärung, die sich in in ihrer Kritik an der Digitalisierung auf politisch Verwertbares beschränken auf Datenmissbrauch und Kontrollverlust – oder in ihrer Hoffnung an die Möglichkeiten erinnert, die sich dadurch auftun? Es dürfte allerdings mehr im Spiel sein, als es die Frontiers der Aufklärung vermuten. Davon jedenfalls ist der Soziologe Dirk Baecker überzeugt.

Er hat in seinem jüngsten Werk einige Aspekte in die Diskussion um den Prozess der Digitalisierung eingebracht, die aus der Enge und Verhärtung der Diskussion führen sollen. Da gibt es die Kulturkritiker, die mit der Digitalisierung den Niedergang der Moderne einläuten sehen oder die Flowisten des Digitalen, die lediglich funktionale Optionen daran verändern und prüfen wollen und ansonsten alles seinen Lauf gehen lassen. Baecker will all dies nicht – weder eine klassische Außenperspektive noch eine Beschränkung auf funktionale Interna.

Er beschreibt die ganze Komplexität der Prozesse an Hand des Ausdrucks „Digitalisierung der Gesellschaft“. Dieser kann zweierlei bedeuten, einmal: die Gesellschaft ist Subjekt dieser Digitalisierung oder sie erleidet die Digitalisierung als ein eher passives Objekt. Zwischen diesen Polen sucht sich der Soziologe zu positionieren, was ihn gleichzeitig auf eine geschichtliche Erkundungsreise führt. So betrachtet er die Digitalisierung als vorläufig letztes Stadium einer Gesamtgeschichte der Kommunikationsmedien. Sie hat sich in vier Stadien vollzogen: Im ersten also bei den frühen Hominiden, sorgte die Mündlichkeit der Sprache dafür, dass Menschen auch über Abwesendes kommunizieren konnten, was ihre Welt erweiterte, indem sie die Realität – wie oben angesprochen – überstieg . In einer zweiten Phase wurde die Sprache dann verschriftlicht, was eine neue Medialität hervor brachte, in der Sprache konserviert und kunstvoll verfeinert werden konnte und infolgedessen in der Differenzerfahrung auch ein Gefühl für Zeit entstand. Mit dem Buchdruck werden dann diese Errungenschaften überschichtet von klassisch modernen Strukturen und Medien: Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft können sich ausdifferenzieren – im Vollzug einer auf Fortschritt geeichten Kritik, ganz im Sinne der Aufklärung und einer ihr zugeschriebenen Vernunftsgemeinschaft.

Kommunikation vollzieht und entwickelt sich also – folgt man Baecker – an Hand unterschiedlicher Formen der Medialität. Sie bewirken, dass die Welt immer komplexer wird. Was letztlich bedeutet, dass der Anteil des Medialen an der Kommunikation steigt. Dieser Prozess verschärft sich nun in der vierten Phase, der Digitalisierung.

Mit dem Stadium 4.0 – so nennt er sie – wird die Kommunikation dadurch revolutioniert, als nun eine Maschine ins Spiel kommt, sie mehr darstellt als ein bloßes Medium, sondern quasi selbst zum zusätzlichen Kommunikationsteilnehmer wird, der manchmal sogar ohne Mensch mit anderen Geräten kommuniziert.

Es werden zahlreiche Indikatoren genannt, die beweisen, wie sehr die Digitalisierung inzwischen auf alle Bereiche des alltäglichen Lebens ausstrahlt. Sie reichen von selbst fahrenden Autos über Kryptowährung, Implantierung von Chips unter der Haut, Gesichtskennung, künstlicher Intelligenz und big data bis in die digitale Einflussnahmen auf menschliche Existentiale. auf Liebe, Zeitempfinden, Individualität und selbst auf den Tod. Letzteres eine interessante Erweiterung der Perspektive, die aus den Schablonen des herrschenden Diskurses herausführen könnte.

Baeker verfällt jedoch bei seiner Beschreibung der einzelnen Bereiche bald schon in einen merkwürdigen Sprachrausch, der seinen Grund darin hat, dass er diese Prozesse aus einer sehr fluide gemachten Systemtheorie ins Blickfeld rückt. Deren Eckpfeiler sind bekanntlich Kommunikation, System-Umwelt- Beziehungen, Komplexität, Selbstreferenz und Transformation. Damit beschrieb Niklas Luhmann selbst schon nicht nur die üblichen Systeme, sondern eben auch Phänomene wie Liebe und religiösen Glauben. Baecker erweitert nun aber die Themenbereiche. Zudem möchte er dem Prozess der Digitalisierung auch durch Kategorien besonderer Art näher kommen, somit den Leser im Stile einer Lebenshilfe einschwören auf die Risiken, Gefahren und Möglichkeiten der Digitalisierung. Dazu zählen etwa Ausdrücke wie Verflüssigung, Auflösung , Zersetzung – Begriffe quasi entlehnt aus der Chemie oder Biologie, mit denen die Starrheit der alten Aufklärungsbegriffe überwunden werden soll. Rechtfertigt das diese Chemiesierung der leitenden Begriffe. Vor vierzig Jahren sprach man einmal von Rhizomen, die dem Subjekt der Aufklärung den Garaus machen sollten, auch vom Ende der großen Erzählungen, die durch Dekunstruktion heruntergebrochen werden auf Fragmente. Baecker hingegen will, um eine total von Kommunikationsmedien beherrschte Welt zu beschreiben, alle Verhältnisse zum Tanzen bringen. So agiert er in einer Art Mimikry, er schmiegt sich sprachlich an das an, was er beschreibt, zugleich sucht er nach Metaphern, die ein Mindestmaß an Distanz wahren. Sie alle kreisen indes um eine Zentralkategorie: die Paradoxie. Sie verbindet subjektive Befindlichkeiten und objektive Befunde, sie ermöglicht ihm letztlich eine Erzählung, die das Ende aller Erzählungen zur Voraussetzung hat. So ist für Baecker die Zukunft des Individuums im Prozess der Digitalisierung selbst nur als ein Paradox denkbar: das Individuum wettet, lacht und ist ratlos: so textet er recht verblümt – Folge davon, dass es zwischen den Polen Selbstbestimmung und Überforderung schwankt und immer wieder zurückfinden muss in die richtige Balance zwischen beiden. Der Prozess der Liebe wird beschrieben als flüchtiges Geschehen zwischen Begehren und Abstoßung, Attraktion und Detraktion und der Tod erscheint als ein Löschvorgang, der Spuren hinterlässt, die aber zu keiner Einheit mehr zusammengefügt werden können.Man fragt sich manchmal, wie all das mit der Digitalisierung zusammenhängt. Baecker geht es offensichtlich darum, in einer gänzlich durchdigitalisierten Welt Orientierungen zu finden. die den Menschen nicht als Opfer zurücklassen, sondern als eine Art Artist retten wollen – besser noch als Lebenskünstler, der in einem bestimmten Milieu beheimatet ist. Da geht es dann auch mal salopp zu, wenn er beschreibt, wie die Orientierung in Zukunft von der Politik und der Wirtschaft an die Massenmedien abgegeben wird. Dort komme es zu einer Allianz aus Nachricht, Werbung und Unterhaltung – und diese ersetze „die Kommunikation mit abwesenden Göttern“ wie einst in der Zeit vor der Moderne.

Sind das treffende Analogien – oder beschwören sie einen sehr fragwürdigen Mythos?: Es wäre eine Mimikry an den Prozess einer Digitalisierung, die nicht offengelegt, sondern bestätigt wird. Das Kontinuum der Zeit wird dabei aufgelöst Sie strebt keinem Telos mehr zu, keiner Wiederkehr des Gleichen, orientiert sich an keinem mythischen Ursprung mehr, sondern fächert sich auf zu Wellen in einem Meer von Jetzt. Ist das unsere Zukunft, letztlich nicht mehr als ein paradoxes Krisenphänomen vom Provisorium der Gegenwart aus betrachtet? „Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“– so lautete der Titel von Alexander Kluges Film, in dem wir einen Mann vor seinem Computer sitzen sahen, verbunden mit ihm in der Magie einer teilbaren Einsamkeit. Allerdings war auch dies nur noch ein Abklatsch der Erzählrunde bei den Hominiden. Und heute? Ist unsere Welt unerzählbar geworden? Und wenn nicht erzählbar, besser aufgehoben bei den Moderatoren und Mediatoren, den neuen Artisten des Daseins, die auf dem Flow der Gegenwart surfen, gestählt gegen die Wellen des Paradoxen un die Anmutungen der Geschichte. Was bedeutet dann Erinnerung, wenn alles zusammenschnurrt auf ein hochgefahrenes hocherhitztes Jetzt, in dem alles mit allem kommuniziert?

Zwei letzte Bilder gegen den Strom

Der Schlächter kommt zusammen mit dem Kleinbauern in den Schweinestall. Die Kinder werden vom Geschehen bewusst fern gehalten. Die Anverwandten aus den fern liegenden Städten sind noch nicht angereist, aber sie werden kommen und den Abend als rituellen Akt des Einkochens, Wurstmachens und gemeinsamen Essens beschließen.Es wird ein Festschmaus sein, mit leuchtenden Augen und freudigen Mägen. Vorher aber kommt die Schlachtung. Wenn der Schlächter den Stall betritt, stutzt das Schwein und ihm entweicht ein gurgelnder Laut. Der Schlächter hat ein Seil bei sich, das er dem Schwein um den Hals bindet. Nun weiß das Schwein Bescheid. Es fängt an zu schreien, was es indes schon häufiger getan hat. Aber dieses Schreien unterscheidet sich fundamental von dem sonstigen Quieken. Der Schlächter beginnt nun das Schwein aus dem Stall herauszuziehen in den Vorhof. Nun gibt es für das Schwein keinen Zweifel mehr. Es weiß in einer Weise, wie es sich kein Philosoph vorstellen kann, dass es sterben muss. Sein unerträgliches Schreien durchdringt alle Wände und erreicht auch die Kinder, die in der entfernten Küche zusammengedrängt verharren und natürlich in ihrer tieferen Verbundenheit mit allem Kreatürlichen den tödlichen Fall des Schweines klar erkennen. Das Schwein quiekt immer lauter und lauter und der Atem der Kinder stockt. Doch dann erfolgt ein kurzer röhrend dunkler Knall – und alles wird still. Die Kinder aber, unfähig, die mors repetina, den plötzlichen Tod eines Wesens hinzunehmen, spinnen in ihrem Schrecken am Dasein des Schweins weiter, an dem sie ja viele Tage im Frühling, Sommer und Herbst (das Leben des Schweins dauert 10 Monate) teilhatten. Obwohl nicht selbst dabei, sehen sie vor sich das Auge des Schweins auf dem Weg zu dessen Hinrichtung. Sie schaffen es ohne Anstrengung, das Auge des Tieres in seiner größten Not wahr zu nehmen. Sie verfügen, wie sie da in der Küche beisammen stehen und sich gegenseitig anschauen, über ein inneres Auge – und wenn ein Kameramann sie damals gefilmt hätte in ihrem Entsetzen, so besäße die Gesellschaft heute ein Dokument über das, was einmal war und was heute so ganz anders ist..

Cut

Wer den Menschen in seinem tiefsten Wesen erkennen will, sollte sich auf eines seiner Augen konzentrieren, am besten in der Perspektive einer handlichen Digital-Kamera, die heute schon für interessierte Laien ohne allzu großen finanziellen Aufwand zu erwerben ist. Glücklicherweise kommt sie dem Auge sehr nahe und kann so auch ihren Focus nur wenige Zoll unterhalb des oberen Backenknochens entfernt auf das besagte Auge richten. So etwas gab es früher noch nicht. So späht der Kameramann und später der Zuschauer über eine leichte blaßroserne Wölbung unmittelbar in ein durchfurchtes, fast netzförmiges leicht befeuchtetes Haut-Tal direkt unterhalb des Auges und schon erhebt sich der Augapfel, leicht verdeckt vom Augenlid, in einer erschütternden Größe und zugleich Hilflosigkeit, die noch an kreatürlicher Wucht gewinnt, weil im beobachteten Auge eine flackernde Unruhe aufkommt durch die zuckenden Pupillen und ein Licht-Schattenspiel darauf. Das einfallende Licht wird durch die durchsichtige Hornhaut geleitet, die die Lichtstreuung schon minimiert. Durch die Pupille treffen die elektromagnetischen Wellen auf die flexible Linse und auf die Netzhaut mit ihrem Netzwerk von sechs verschiedenen Nervenzellen. Nach einer Verarbeitung und Neuausrichtung durch die Neuronen verlassen die elektrischen Signale das Auge über den Sehnerv. Von dort gelangen sie in den Thalamus. Von dort weiter über die Sehbahn zum primären visuellen Cortex, dem Zwischenhirn. Der die Kameraführende ermüdet durch die ungünstige Stellung, die er bei der Aufnahme des Auges einnimmt. Er reißt schließlich gereizt die Kamera herum – und es ist genau dieser Augenblick, wo das Auge, das er im Focus hat, zum Augentier wird, wo durch die überrissene Bewegung der Kamera eine animalische Verletzlichkeit sichtbar wird und im Auge des Betrachters ein Wesen sich offenbart, vor dem der Unterschied zwischen Mensch und Tier, oben und unten in sich zusammenfällt und aus Bildern – ganz plötzlich – wieder Geschichten werden.

„An den Flüssen Babylons da saßen wir und weinten …“, beginnt ein alter Text, der mit den Texten heute kaum noch etwas gemein hat. Er zeigt schon in seiner Melodik eine Erzählhaltung an, die auf Gemeinsinn zielt.Wie einst.

Wir sehnen uns nach Mythen – somit nach etwas, dessen wir heute am meisten ermangeln. Wie geht der unaufhaltsame Prozess der Digitalisierung mit diesem Mangel um ? Bringt er ihn zum Verschwinden, indem wir ihn nicht mehr spüren? – Oder ersetzt er die alten Mythen durch neue?

Werner Köhne

Bild ganz oben: Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer (1817) | Kunsthalle Hamburg | gemeinfrei

Der Wanderer steht als hintere Figur im Zentrum der Komposition. Er blickt auf ein fast undurchdringliches Nebelmeer inmitten einer felsigen Landschaft – eine Metapher für das Leben als bedrohliche Reise ins Unbekannte.

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