In München findet derzeit das hierzulande größte Dokumentarfilmfest statt. Bis zum 23. Mai werden 131 Filme aus 43 Ländern gezeigt. Online, wie könnte es anders sein. Wer also das Serienstreamen langsam genau so satt hat wie das dröge Kulturprogramm der Fernsehsender, kann hier glücklich werden. In dem übersichtlich sortierten Filmprogramm finden sich wahre Schätze. Geschichten über Menschen und Begebenheiten zu aktuellen politischen Themen, aber durchaus auch leichtere Kost, und vor allem künstlerisch Herausragendes.

Wer will, kann etwas über eine 60-jährige Sexarbeiterin in Prag erfahren („Anny“), über eine Familie im Herzen der Appalachen („The Last Hillbilly“), über einen in Norwegen lebenden sudanesischen schwulen Künstler („The Art of Sin“) oder über davongerittene „Amazonen einer Großstadt“.

Wie ein Plastikstuhl die Welt erobert, ein deutscher Kunsthistoriker die Uffizien auf Vordermann bringt, wie Isabella Rossellini über ihren Neffen schimpft, oder wie die Bundeswehr als sozialpädagogische Instanz begriffen werden kann, zeigen die Filme „Monobloc“, „In den Uffizien“, „The Rossellinis“ und „Soldaten“.

Besonders erfreulich ist das relativ große Angebot an Filmen aus Afrika (Niger, Mali, Congo, Sudan und Marokko sind vertreten), sowie ein Programmblock zum Thema Empowerment. Hier geht es schwerpunktmäßig um den weltweiten Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit. U.a. lernt man die erste indigene Frau kennen, die den Mut hat sich um die Präsidentschaft in Mexiko zu bewerben („La Vocera“), ein anderer sehenswerter Film beschäftigt sich mit der international agierenden Holzmafia („Wood – Der geraubte Wald“). Die Tatsache, dass das Ikea-Regal zu Hause womöglich aus illegalen Waldrodungen stammt, macht genauso sprachlos wie der Kampf ums Überleben minderjähriger Jugendlicher auf der Flucht durch Europa („Shadow Game“).

Gastland des Münchner Filmfests ist dieses Jahr Kanada. Die sieben vorgestellten Dokumentarfilme erzählen von einem Land innerer Widersprüche und Spannungen. Es geht um Rassismus und Polizeigewalt, um Frauenrechte, um Gentrification, und um Missbrauch in einer katholischen Gemeinde.

Nicht unerwähnt soll auch die Retrospektive zu „75 Jahre DEFA“ bleiben. Gezeigt werden u.a. die älteste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte, „Die Kinder von Golzow“ Teil 1-3 von Winfried Junge, Filme von Volker Koepp, Sibylle Schönemann oder Jürgen Böttcher, sowie das legendäre Filmdokument „Freundschaft siegt“ von Joris Ivens von 1951.

Ganz besonders hervorheben möchte ich jedoch die Hommage an die hierzulande viel zu unbekannte Grande Dame des tschechischen Dokumentarfilms, Helena Třeštíková. Das Festival zeigt eine Auswahl von acht Filmen. Darunter, wie bereits erwähnt, „Anny“ (2020), dann das hochartifiziell montierte Portrait des tschechisch-amerikanischen Meisterregisseurs Milos Forman („Forman vs Forman“, 2019), sowie „René“ (2008), das intime Portrait eines Mannes zwischen Gefängnis und Freiheit, und den frühen Kurzfilm „Miracle“ von 1975, der bereits die spätere Handschrift der Filmemacherin erkennen läßt. Immer spiegelt sich in den scheinbar unscheinbaren Lebensgeschichten ihrer ProtagonistInnen Zeitgeschichte. Helena Třeštíkovás

Interesse liegt eindeutig bei den Außenseitern der Gesellschaft. Leise und sensible Filme sind das, die sich Zeit lassen und den Blick für Details schärfen.

Angesichts ununterbrochener Selbstinszenierungen und Instagramisierungen wirken viele der gezeigten Filme wie Denk- und Ruheräume, wahre Therapeutika jenseits der medialen Dauer-Aufgeregtheit.

Die Filme, sowie Gespräche mit den RegisseurInnen, sind auf der website „dokfest-muenchen.de“ abrufbar und kosten zwischen 6 und 7 Euro.

Daniela Kloock

Logo oben: © Dok-Fest München

Das gesamte Programm des DOK.fest München 2021 @ home gibt es hier. Gestreamt werden können die Filme vom 05. bis 23. Mai, Ticketinfos gibt es hier.

 

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