Prof. Martin Hagemann über 3D Film (Ein Interview)

Wir arbeiten im offenen Versuchsfeld

Der deutsche Produzent Martin Hagemann glaubt an die Zukunft von 3D

Herr Hagemann, Sie bereiten zur Zeit den ersten deutschen Science Fiction Film „Creeping Zero“ in 3D nach einem Buch von Jeff Noon vor. Der Film war ursprünglich in 2D geplant, wie kam es zu der Entscheidung?

Auf die Idee ein 3D Projekt zu machen sind meine englische Kollegin Julie Baines und ich durch „Avatar“ gekommen. Uns war klar, dass hier etwas entstanden ist, was ästhetisch für das Genre Science Fiction bzw. Thriller interessant sein könnte. Hinzu kam, dass es von finanzieller Seite her eine enorme Nachfrage nach 3D Filmprojekten gab, was sich mittlerweile schon wieder etwas relativiert…

Bleiben wir beim Finanziellen. Wie viel teurer ist denn eine 3D Produktion und woran liegt das?

In der Regel wird ein 3D Film zwischen 25 und 30 Prozent teurer. Das liegt zunächst daran, dass 2D-Drehbücher meistens einfach in 3D gedreht werden. Wenn aber ein von Anfang an für 3D geschriebenes Drehbuch die Grundlage für die Produktion ist, dann betragen die Mehrkosten nach meiner Erfahrung nur noch circa 10-15 Prozent.

Der eigentliche Mehraufwand besteht dann vor allem bei den Dreharbeiten. Hier braucht man mehr Zeit für den Szenenaufbau. Hinzu kommt, dass Sie mit zwei Kameras arbeiten, die über einen Spiegel zusammengeführt werden müssen. Bei diesem Aufnahmeverfahren verlieren sie Licht. Das muss dann aufwändig ausgeglichen werden. Und der dritte Punkt betrifft die Postproduktion. Hier sind mehr technische Schritte nötig als bisher.

Hatten Sie denn ein für 3D gedachtes Drehbuch für „Creeping Zero“?

Wir haben unserem Autor Jeff Noon einen 3D Probedreh gezeigt.  Daraufhin hat er das ganze ehemalige 2D Drehbuch noch einmal für 3D umgeschrieben. Er hat die Szenen vor allem langsamer aufgelöst. Das stellt unter anderem auch an die Schauspieler andere Anforderungen. Außerdem haben wir die Ortswechsel eingeschränkt, weil das Auge des Zuschauers sonst nicht mitkommt.

Es gibt also bei 3D ganz andere Regeln für Dramaturgie, Bildaufbau, Szenenauflösungen etc. Wird das denn bereits irgendwo gelehrt?

Im Moment sind wir noch alle Laien, so viel erstmal vorweg. Bis auf James Cameron natürlich. An der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam laufen jedoch verschiedene studentische Projekte in 3D. Aber bisher kann man sagen, dass wir alle eigentlich noch in einem offenen Versuchsfeld arbeiten.

Immer wieder ist die Rede vom Beruf des Stereographen, können Sie dazu etwas sagen?

Es geht bei 3D Dreharbeiten unter anderem darum die Tiefe des Bildes zu definieren, festzulegen wie Anschlüsse funktionieren und ähnliches mehr. Das alles ist sehr komplex, und die Kameraleute haben hierzu meist noch wenig Erfahrung. Die Stereographie hat sich in den letzten Jahren von einem ursprünglich rein technischen zu einem eher inhaltlichen Berufszweig entwickelt, weil letzten Endes technische Entscheidungen Auswirkungen auf den Inhalt haben. „Pina“ von Wim Wenders wäre z.B. nicht vorstellbar ohne den Stereographen Alain Derobe, der diesen Film begleitet hat.

Wim Wenders sieht die Zukunft von 3D vor allem im Dokumentarischen, warum ist für Sie Science Fiction als Genre interessant?

Es gibt Untersuchungen, dass 3D vom Publikum gerade für die dunklen Genres – also Science Fiction und Thriller – angenommen wird. Denn hier öffnen sich neue Räume für fantastische Visionen. Wir werden zum Beispiel in unserem Film in den „realen“ 3D Raum noch einmal einen 3D Raum hineinsetzen, so dass es ein doppeltes Raumempfinden geben wird. Also eine bisher völlig unbekannte Raumsituation und unbekannte Räume werden vom Zuschauer eher akzeptiert. Dagegen steht die These von Wenders, dass 3D das perfektere Medium ist für die Wiedergabe des Realen. Dahinter steckt natürlich die komplementäre Vorstellung im Kino der Realität so nahe wie möglich zu kommen.

Gibt es denn Ihrer Meinung nach schon überzeugende 3D Dokumentarfilme?

Studenten und Dozenten der HFF haben gerade im Rahmen einer Recherche mit einer kleinen 3D Consumer Kamera in einer Schiffsschraubenfabrik in Waren dokumentarisch gedreht und das Ergebnis ist wirklich atemberaubend. Da haben Sie das Gefühl, Sie sind ganz nah dran an der Realität. Das hat wirklich Größe.

Rückt uns das hypergenaue Medium 3D nicht zu sehr auf den Leib? Es gibt neurophysiologische Untersuchungen, die besagen, dass ein Raum, der übergenau repräsentiert ist, eher stört. Salopp ausgedrückt: wir brauchen einen „Freiraum“ um Bilder mental  zu verarbeiten und zu genießen.

Es gibt da sicher physiologische Grenzen. Aber wenn Sie auf die Überforderung der Zuschauer anspielen so habe ich bezüglich der Informationsdichte in den letzten 10 Jahren viel mehr Probleme mit der Montage in Actionfilmen gehabt. Dort haben wir immer höhere Schnittfrequenzen zu sehen bekommen. Unsere Arbeitshaltung in Bezug auf 3D ist, dass wir die Schnittfrequenz verlangsamen.

Anders gefragt, verändern wir mit 3D die Sehgewohnheiten?

Bezogen auf das, was im Kino passiert, ja, mit Sicherheit.

In der Filmherstellung stoßen wir durch die Digitalisierung auf neue Wahrnehmungsformen. Aber es gibt auch mehr Möglichkeiten mit weniger Aufwand Filme zu machen. Derzeit produziere ich z.B. einen Film in Armenien. Der Regisseur ist dort, der Cutter sitzt in den USA, und ich bin hier in Berlin. Via Skype und den schnellen Datenübertragungen arbeiten wir gemeinsam an den Schnittfassungen, ohne jedesmal reisen zu müssen. Das wäre in der analogen Welt niemals möglich gewesen.

Eine letzte Frage: Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Wir brauchen mit der Vollendung der Digitalisierung in den Kinos junge Kinomacher, die die neuen Möglichkeiten der Programmierung und Präsentation innovativ nutzen. Außerdem muss die gesamte Branche für den Erhalt jedes einzelnen Lichtspielhauses kämpfen. Denn wo einmal ein Kino zumacht entsteht kein neues mehr.

Und die Zukunft von 3D?

Ich glaube 2D wird in fünf bis sechs Jahren historisch sein.

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Martin Hagemann ist Film-Produzent und Professor für Film- und Fernsehproduktion an der HFF Potsdam Babelberg, außerdem Vorstand der AG DOK sowie seit 2006 Mitglied in der Richtlinienkommission der FFA. 2010 feierte der von ihm produzierte Film „Spur der Bären“ von Hans-Christoph Blumenberg und Alfred Holighaus auf der Berlinale Premiere, 2011 folgte „The Turin Horse“ von Bella Tarr, preisgekrönt mit dem silbernen Bären.

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Das Gespräch führte Daniela Kloock

Text erschienen in Berliner Zeitung, 21.04.2011

Foto: Daniela Kloock

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