2010 ging im alten Zoo Palast das Projektorlicht aus.

2010 ging im alten Zoo Palast das Projektorlicht aus.

Traumhäuser des Kollektivs
Kinos am Kudamm – Geschichte, Untergang und  Zukunft

Wer heute bei Tommy Hilfinger, Zara oder Benetton am Kurfürstendamm einkauft muss schon genau hinsehen um Details zu entdecken, die auf eine Zeit verweisen als diese Gebäude noch Lichtspielhäuser und veritable Kinopaläste waren. Das „Marmorhaus“, der ehemalige „Gloria-Palast“, die „Filmbühne Wien“ oder das einstige „Universum-Kino“ (heute „Schaubühne“) sind architektonische Überbleibsel eines Erlebens von Kino, welches im krassen Gegensatz zu den anonymen und indifferenten Räumlichkeiten heutiger Multiplex-Kinos steht. Einladene, schön beleuchtete Foyers, großzügige und gepflegte Zuschauerräume, riesige Leinwände, alles sollte darauf hinweisen, dass Kino gesellschaftsfähig geworden war und sich vom einfachen Jahrmarktsrummel und den kleinen Ladenkinos verabschiedet hatte. Die Filmwirtschaft boomte in den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Allein in Berlin eröffneten 400 Lichtspieltheater, die Größten und Prunkvollsten am Kurfürstendamm. Zur Eröffnung des „Gloria Palastes“ 1926 – es wurde „Tartuffe“ gezeigt, ein UFA-Film mit Emil Jannings – schrieb die Frankfurter Zeitung: „Die großen Lichtspielhäuser in Berlin sind Paläste, sie schlicht als Kinos zu bezeichnen wäre despektierlich!“ Den wohl treffendsten und schönsten Ausdruck für ihren besonderen Charakter hat Walter Benjamin geprägt. Er sprach 1927 von „Traumhäusern des Kollektivs“, und sein Zeitgenosse Siegfried Kracauer nannte sie – vielleicht eher an die hübschen Platzanweiserinnen denkend – „optische Feenlokale“…

Architektonisch orientierten sich viele dieser Häuser an Theaterbauten, andere nahmen die Moderne vorweg. Bis heute am unverkennbarsten ist – mit seinem horizontalen wie ein riesiger Filmstreifen wirkenden Fensterband –  das von E.A. Mendelsohn erbaute „Universum-Kino“ (UFA). 1928 mit 1800 Plätzen das größte Kino Berlins. Kaum vorstellbar, dass dieses einzigartige Gebäude bevor 1981 die „Schaubühne“  einzog, noch vom Abriß bedroht war.

Das Marmorhaus glänzt durch seine Fassade aus weißem schlesischem Marmor. Heute ist hier die Filiale einer Modekette.

Das Schicksal anderer Filmpaläste und Lichtspieltheater am Kurfürstendamm endete weniger glücklich, in Leerstand („Filmbühne Wien“), Zweckentfremdung, in Verkaufsstätten internationaler Bekleidungsketten. So wird, wo 1919 der berühmteste deutsche Stummfilm „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (Oskar Wiene) seine Weltpremiere feierte, heute spanische Mode angeboten, bzw. in einem der größten Yogastudios der Republik geschwitzt. Das „Marmorhaus“, das älteste Kino am Kurfürstendamm, wurde 2001 nach gleichermaßen irrwitzigen wie kostspieligen Umbauten vom ehemaligen UFA Chef Volker Riech gewinnbringend verschachert. Schadlos überdauert hat lediglich der wertvolle schlesische Marmor an der Außenfassade, der dem Haus einst seinen Namen gab.

Schräg gegenüber bei Benetton fallen vielleicht die elegant geschwungene Freitreppe, das Kassenhäuschen und ein Neonzeichen am Eingang auf, die letzten Überbleibsel aus der sehr bewegten Geschichte des „Gloria-Palastes“. Hier wurde – ein Zeichen dafür, dass Berlin einst Hollywood war – der erste Tonfilm der Welt gezeigt, und hier begann die sagenhafte Karriere des berühmtesten deutschen Filmstars aller Zeiten. „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich feierte 1930 vor 1200 Zuschauern im „Gloria-Palast“ seine Uraufführung.

Aus heutiger Sicht auch kaum zu glauben, es gab separate Logen für die Filmstars, einen luxuriösen sogenannten Damensalon als diskreten Warteraum für die Zuschauerinnen, plätschernde Marmorbrunnen, einen Orchesterraum, der 40 Musikern Platz bot, und insgesamt 60 Mitarbeiter, die sich um den Programmablauf kümmerten. Der „Gloria-Palast“ war eben das nobelste Kino Berlins. Nach seiner kompletten Zerstörung im Krieg fand 1953 die feierliche Eröffnung des Kino-Neubaus unter gleichem Namen statt. Mit der BERLINALE kehrten dann in den folgenden Jahren noch einmal der Glanz und die Berühmtheiten zurück. 1976 kam das Kino zu seiner letzten großen Schlagzeile: Romy Schneider, die in Berlin „Gruppenbild mit Dame“ drehte, mietete das Kino um „Schlacht um Berlin“ anzusehen. Der letzte Vorhang im „Gloria-Palast“ fiel, relativ überraschend für die Öffentlichkeit, Ende 1998.

Gewissermaßen das Burgtheater unter den Kinos am Kudamm war nach dem Krieg die „Filmbühne Wien“, ehemals „Union Palast“. Max Reinhardt zeigte dort 1913 seinen zweiten Stummfilm „Insel der Seligen“. Unter dem Kinosaal gab es damals sogar ein großes Konzert-Café. Nach dem Krieg, das Haus blieb unbeschadet, war die „Filmbühne Wien“ Premierenkino, BERLINALE Spielort und das erste Kino mit Cinemascop- Leinwand. Wie bei den anderen großen Häusern so wurden auch hier in den 70er und 80er Jahren weitere Säle eingebaut. In dieser Zeit begann die Ära der sogenannten Schachtelkinos, die die Steilvorlage für die spätere Multiplex-Kino-Entwicklung lieferte. Sogar das ehemalige Foyer wurde zum Kino. Zur Jahrtausendwende stellte die UFA den Spielbetrieb ein. Das auffallende Gebäude mit der tempelartigen Fassade und den großen, archaischen Steinfiguren steht schon geraume Zeit leer. Angeblich eröffnet hier demnächst ein Apple Store.

Führt man die Liste der geschlossenen Kinos fort, („Lupe“ 1 + 2 am Olivaer Platz, das „Astor“ , wo heute Tommy Hilfinger Textiles verkauft, oder das „MGM“) und nimmt noch den „Royal Palast“, das „Kuli“ und das „Hollywood“, die „Kurbel“ und die „Filmbühne am Steinplatz“ hinzu – um nur die Bekannteren zu nennen – wird schmerzlich bewusst, dass das Viertel um den Kurfürstendamm bis 1998 die Gegend mit der größten Kinodichte Deutschlands war.

Die Film-Bühne Wien wurde im April 2000 geschlossen. Deutschlands größter Apple-Store soll demnächst hier eröffnen.

Die Film-Bühne Wien wurde im April 2000 geschlossen. Deutschlands größter Apple-Store soll demnächst hier eröffnen.

Gründe für dieses Kinosterben sind einerseits die „multiple complexes“, kurz Multiplex-Kinos – die am Potsdamer Platz gleich im Doppelpack implantiert wurden und zu dem führten, was die Fachwelt „Overscreening“ nennt, also schlicht zu viele Leinwände. Andererseits natürlich die horrend gestiegenen Immobilienpreise und maßlosen Mietforderungen, die sich die Lichtspieltheater mit ihren sinkenden Zuschauerzahlen nicht leisten können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass New York, die Stadt auf die in Berlin alle gerne schielen, seine alten Kinos am Leben erhält. Entgegen allen Immobilienspekulationen, veränderten Mediennutzungsgewohnheiten und marktbestimmenden Multiplexen laufen in Manhatten und Brooklyn noch in etlichen traditionsreichen Lichtspielhäusern Filme wie anno dazumal.

Am Kurfürstendamm jedoch gibt es von einst 22 Kinos gerade noch zwei: die „Astor Film-Lounge“ und das „Cinema Paris“. Im „Cinema Paris“ werden seit über 60 Jahren in einem schönen und technisch gut ausgestatteten Zuschauerraum Filme abgespielt. Dies geschieht unverändet deshalb, weil das Haus im Besitz des französischen Staates ist. Dieser schreibt dem inzwischen zur York-Kino-Gruppe  gehörenden Lichtspielhaus ein europäisches Programm mit 50 Prozent Anteil französischer Filme vor.

Die einstige Grandezza der Filmpaläste am Kudamm wieder aufleben zu lassen versucht seit 2008 die „Astor Film Lounge“, ehemals „Filmpalast Berlin“. Hier wird nicht nur mit alten „Umgangsformen“ geworben – es gibt Türsteher, Gardrobieren, Platzanweiser – sondern auch mit einem architektonisch einmaligen Ambiente. Wenngleich das Ganze vielleicht eher einem „neuen“, geschickten Marketing-Konzept geschuldet ist, so schwebt doch über allem ein bisschen Glanz der alten Zeiten. Es werden kleine Speisen und Getränke angeboten, selbstverständlich nur bis Filmbeginn. Man sitzt bequem, die Leinwand ist riesig und die Vorführtechnik vorzüglich. Der bisherige Erfolg, stetig wachsende Besucherzahlen, scheint diesem Kino-Konzept recht zugeben. Gleichzeitig steht die „Astor Film Lounge“ aber auch für eine traurige Bilanz: es ist das letzte verbleibende Großkino dort, wo einst Filmgeschichte geschrieben wurde.


Text: Daniela Kloock

Text erschienen in Berliner Zeitung, 04.05.20011