Im Zeichen der Zeichner


3-D-Wunder und Animationsfilme: Das Kinojahr 2009 brachte grundlegende Umwälzungen

In den 50er-Jahren war das Fernsehen die große Herausforderung für das Kino. Heute ist es das Internet. Die Filmnutzung im Netz hat sich innerhalb des vergangenen Jahres angeblich um 38 Prozent gesteigert (Quelle: comscore). 36 Millionen deutsche User sahen monatlich durchschnittlich 178 Videos, die meisten davon auf  YouTube. Die Länge der Filme lag bei maximal 5,3 Minuten. Bis zu 80.000 neue Einträge pro Tag werden registriert. Das heißt, bereits jetzt steht jedem einzelnen der rund sieben Milliarden Menschen ein Video auf YouTube gegenüber – mit steigender Tendenz. Die kleinen, leicht konsumierbaren Film-Formen im Netz, aber auch die Möglichkeit sich Langfilme downzuloaden und zu kopieren, prägen vor allem jene Generation, die mit den digitalen Technologien groß geworden ist. Filme verflüchtigen und verflüssigen, verändern, vermehren und differenzieren sich. Das Netz bietet mehr und schneller, als es das Kino kann, und: kaum einer bezahlt.

Die US-amerikanische Filmindustrie mit ihrem starrem Blick aufs Geld und auf eine gelingende globale Verwertung, reagiert auf diese basalen Veränderungen, indem sie sich technisch und in ihrer multimedialen Vermarktung immer weiter aufbläht. In zunehmender Konkurrenz mit den heimischen Medien setzt Hollywood derzeit auf 3-D. Die neue Technik soll Horror-, Science Fiction- und Adventure Filme vor allem für ein junges Publikum attraktiver machen. Der Mehrwert der Bilder lautet: näher dran am Geschehen! Bigger than life! Und die Rechnung scheint aufzugehen. Einmal mehr bewahrheitet sich, dass das Kinogeschäft in Krisenzeiten profitiert. Die deutschen Filmtheater verbuchen für 2009 Umsatzsteigerungen von mehr als 20 Prozent, was auch auf das Konto höherer Ticketpreise für 3-D geht. Und das obwohl hierzulande noch nicht einmal 10 Prozent der knapp 5.000 Leinwände diese Filme abspielen können. Aber auch auf Regisseure übt 3-D großen Reiz aus. Martin Scorsese etwa äußerte jüngst, er halte diese Technik für eine wunderbare Innovation, weil sie dem natürlichen Sehen entspricht und das Kino erneuere.

Nach Einführung des Ton- und Farbfilms sollen nun also die pseudo-plastischen Bilder als Epochensprung in der Geschichte der Kinematografie gefeiert werden und dem Besuch im Lichtspieltheater Auftrieb verschaffen. Auch von der dritten großen Kinorevolution ist gern die Rede.

In der allgemeinen 3D Euphorie wird jedoch manches unter den Teppich gekehrt. Da sind zum einen die basalen ästhetischen Veränderungen. Damit sind die der Technik angepassten Dramaturgien gemeint, die sich sowohl auf  Schnitt als auch Bildgestaltung auswirken. Zum anderen geht es um die Auswahl der Stoffe. Waren bisher vor allem Filme 3-D tauglich, die wie Geisterbahnfahrten oder Puppenspiele funktionieren – man denke nur an „Beowulf“ (2007), manche Spannungsmomente funktionierten hier ähnlich wie im Kasperletheater –  konnte „My Bloody Valentine“, der 2009 in die Kinos kam, bereits das perfekte Körperangriffskino feiern. Herumfliegende Leichenteile oder bedrohlich echt wirkende Kampfgegenstände führen zu offensichtlich lustvoll erfahrenen Angstzuständen. In Amerika spielte die 3-D-Version dieses Films mehr als das Doppelte der 2-D-Kopien ein, trotz deutlich geringerer Verbreitung.

Doch funktioniert dieses Kino der Angstlust nicht eher auf der Grundlage einer perfekten Stereophonie als auf schockierend lebensecht wirkenden Bildern? Bereits mit dem Dolby-System der 1970er Jahre rückte uns der Filmton auf den Leib, und nun sieht es so aus als würde das dreidimensionale Bild, mit einiger Verspätung zwar, dafür aber um so kraftvoller, nachrücken. 3-D heißt übrigens auch, dass unser eh schon gestresstes Auge – vom Gehirn ganz zu schweigen – statt der 24 Bilder wie beim klassischen Film 72 Mal pro Sekunde Bildinformationen verarbeiten muss.

Die Beschleunigung, Verdichtung und technische Aufrüstung der Filme hat jedoch nicht nur ihren Preis in einer erhöhter Rezeptionsleistung und der Bereitschaft sich diesen Sinneseindrücken auszusetzen, sondern auch in der Herstellung der Produkte. Die Budgets für solche Filme klettern gewaltig in die Höhe, was sich vor allem für kleinere Kinematografien ruinös auswirken könnte. „Avatar“ gehört zum Teuersten was je auf eine Leinwand projiziert worden ist. Fox soll die 300 Millionen Dollar Grenze bereits weit überschritten haben. Klar ist, dass solche Kosten sich nur rechnen, wenn eine lukrative Auswertung im Medienverbund gelingt, was auch bedeutet, dass die Storys weltweit „funktionieren“ müssen. Doch war bisher der Kinostart DAS Aufmerksamkeitsfenster, um anschließend alles andere, (DVDs etwa) mit weit höheren Profiten zu verkaufen, so sind hier neuerdings Verschiebungen und Verlagerungen feststellbar. „Avatar“ beispielsweise ist bereits seit Anfang Dezember als Spiel erhältlich, was einmal mehr darauf hinweist wie eng verzahnt Spiele- und Kinoindustrie sind. So viel ist sicher: Sollte James Cameron, zwölf Jahre nach seinem Welterfolg „Titanic“, einen weiteren und diesmal multimedialen Hit landen, werden die großen Filmstudios verstärkt mit 3-D-Produktionen nachziehen. Was wiederum den Druck erhöht, die Lichtspielhäuser mit den teuren digitalen Abspielgeräten auszustatten.

Auch „A Christmas Caroll“ spielte gerade Spitzenergebnisse ein. Richard Zemeckis Adaption von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte führt jedoch nicht nur 3-D, sondern vor allem die Animationstechnik zu neuen Höhenflügen. Hier hat sich in letzter Zeit Entscheidendes verändert. Der Animationsfilm wird endlich ernst genommen. Generationsübergreifende sowie kulturelle Überschneidungen machen ihn zunehmend interessant. Sinnbildlich hierfür sei „Up“ (dt. Verleihtitel „Oben“) erwähnt, der das Filmfestival in Cannes 2009 eröffnet hat. Erstmalig wurde hier ein Animationsfilm gezeigt. Ein deutliches Signal, dass es sich hierbei nicht länger um Kinderkram handelt. Und Pete Docter, der Regisseur des Films, geht sogar soweit, Animation nicht nur als Filmgenre zu verstehen, sondern als eigenständiges Medium. Das ist neu und klingt gut.

Fest steht: Der  Animationsfilm boomt und hat zunehmend auch ein älteres Publikum im Auge. Mit der Folge dass bei den Oscar-Verleihungen 2010 zum ersten Mal in der Hollywood-Geschichte 20 Animationsfilme um fünf Nominierungsplätze streiten. „Up“ wird dabei sein. Doch auch hier gilt: Die Produktionen werden immer teurer. Denn um groß Kasse zu machen, müssen auch berühmte Namen her, Hollywood Schauspieler, die sowohl für das Motion Capturing als auch für die Stimmen verpflichtet werden. Obwohl man die Stars nicht mehr sieht, machen sie das Produkt attraktiv. Eigentlich seltsam. Und: die Produktionszeiten sind extrem langwierig und komplex. Die Filme entstehen ja indem Bild für Bild gezeichnet bzw. berechnet wird. Dabei schaffen Top Animatoren pro Woche sage und schreibe fünf Sekunden Film!

Eines lässt sich mit Sicherheit sagen. War bisher das Fotografische bestimmend für das Mainstream-Kino so scheint sich mit 3-D, aber vor allem mit dem erwachsen gewordenen Animationsfilm das Filmbild dem Zeichnerischen zuzuwenden. Die Bilder befreien sich ein Stück weit von der Last ihrer Referentialität, also von der Tatsache, dass alles was gefilmt wird in irgendeiner Weise vor der Kamera existiert hat. Damit kommt das Künstliche, aber vielleicht auch das Künstlerische der Bilder zunehmend an die Oberfläche. Die Bilder werden also in Zukunft nicht nur plastischer, sondern auch malerischer. Dies würde aufs Schönste die These belegen, dass Film mit dem Universalmedium Software nicht länger eine (analog) darstellende, sondern eine (digital) bildende Kunst ist.


Autor: Dr. Daniela Kloock

Text: veröffentlicht in Berliner Zeitung, 19.12. 2009

(Quelle/Copyright: Fotos: Fox, Walt Disney Pictures/Pixar Animation Studios)

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