Olen Steinhauer: Der Tourist

hauer-der-tourist.280″ src=“http://www.getidan.de/wp-content/uploads/2010/05/steinhauer-der-tourist.280.jpg“ alt=““ width=“280″ height=“448″ />Der Amerikaner, der aus der Kälte kam

George Clooney hat alles verändert. Seit dessen Produktionsfirma sich 2009 die Filmrechte an Olen Steinhauers Spionagethriller „Der Tourist“ sicherte, erklomm das Buch in den USA die Bestsellerliste der „New York Times, wurde in 20 Länder verkauft, machte den Autor über Nacht bekannt und ist in Deutschland bei Heyne als Hardcover erschienen. Es ist hierzulande Olen Steinhauers erster literarischer Auftritt, seine ersten fünf Romane sind (noch) unübersetzt. Dabei sind sie Deutschland, sind sie Europa und seiner Kultur und Geschichte weit näher als Amerika.

Olen Steinhauer, der zur Zeit als Picador Guest Professor an der Universität Leipzig über „Spy Literature“ lehrt, kann amüsant beschreiben, wie wenig er „vor George Clooney“ auf Verlagsempfängen beachtet wurde: „Olen Who? Olen Wer, fragten die Leute.“ Olen Who war bis vor kurzem der bescheiden erfolgreiche Autor literarischer Thriller, ein für Amerikaner eher seltsamer Kauz mit einer unverständlichen Vorliebe für den Ostblock und längerem Wohnsitz in Budapest, fast ein Außerirdischer.

Schon sein erstes Buch „The Bridge of Sighs“ wurde als „bester Erstlingsroman“ für den „Edgar“ und gleich noch für vier weitere Krimi-Preise nominiert. In einem fiktiven Ostblock-Land kurz nach dem Zweiten Krieg versucht darin ein blutjunger und unerfahrener Polizist, einen Mordfall zu klären. Die Ideale der Revolution sind nur noch Erinnerungen, das Land wurde zwar vom „Faschismus“ befreit, aber es liegt eine schwarze schwere Decke über der Zukunft. Die titelgebende Seufzerbrücke als durchgängiges Motiv entspricht jener in Venedig, über die ein Verurteilter im Wissen zu gehen hatte, sein künftiges Leben hinter Gittern verbringen zu müssen. In einer beklemmend schönen Szene erinnern sich nachts in einer Hütte einige Männer an je „ihre“ Brücke in ihrem Leben. Sie tun es schweigend, und all das Unausgesprochene eint sie. Literarische Kraft und dunkle Poesie hatte Steinhauers Erstlingsbuch und viel Sensibilität und Aufmerksamkeit für die kleinen banalen Seiten der Politik.

Seine literarische Kraft bewies sich weiter in den nächsten Romanen. Es sind kafkaeske Polizei- und Geheimdienstromane von jenseits der Großen Mauer, die durch Europa ging. Jeder ein geschliffenes Werkstück eleganter Erzählkunst, politisch tiefgründig, lakonisch und ohne falschen Ton, alle in einem fiktiven Ostblockland angesiedelt. Da wird die Ära des Kalten Krieges von der anderen Seite her erzählt, aus dem Alltag der kleinen Leute, ohne den Dauerblick nach Westen. Unspektakulär ist das oft, kleine Siege, Überlebenskünste, Seufzerbrücken. Mich wunderte immer, wie es sein kann, dass ein junger Amerikaner sich an solche Stoffe macht.

„The Confession“, „36 Yalta Boulevard“, „Liberation Movements“ und „Victory Square“ erhielten zwar Kritikerlob, kommerziell erfolgreich aber war das ganze Quintett nicht.

Fünf Bücher, all die Arbeit und Recherche, eine junge Familie zu ernähren – und so wenig Brot; es war auch eine kommerzielle Entscheidung, die Olen Steinhauer traf, als er sich für einen amerikanischen Helden und ein „amerikanisches“ Buch entschied. Ihm den Titel „The Tourist“ zu geben, ist in mehrfacher Weise witzig wie programmatisch. Am 10. und 11. September 2001, also unmittelbar vor 9/11, startet das Buch. Sein Held heißt Milo Weaver, er ist ein CIA-Auftragskiller, „ein Tourist“. Und dann hat er Familie. Der erste Teil heißt „Nie wieder Tourist“, der letzte, sechs Jahre später angesiedelt, verkündet: „Wieder Tourist“. Dazwischen liegt ein raffiniert servierter „thrill ride“ durch die Welt, wie George W. Bush sie sah und prägte. Es ist ein grimmig-kritischer Blick von Außen auf Amerika, eine Abrechnung. Nicht umsonst spielt eine Schlüsselszene in Disney World. Schöne Funken sind es, die Steinhauer aus der Reibung von Familien- und Weltordnung schlägt.

Olen Steinhauer, der fast zwei Jahrzehnte in Osteuropa lebte, mit einer Serbin verheiratet ist und zusammen mit vier anderen Autoren den Internetblog „contemporary –nomad.com“ betreibt, sagt: „Dieses Buch hätte ich nicht schreiben können, würde ich nicht im Ausland leben.“ Die Sicht von Außen, die gewisse Unbestechlichkeit eines Nomaden, der immer auch einen Grund zum Weiterziehen sieht und findet, setzt den besonderen Ton dieses Buchs, das als musikalisches Motiv die alten Songs von France Gall zitiert. Zum Start der amerikanischen Paperback-Ausgabe hat Steinhauer bei Apples iTunes einen Soundtrack mit einem „definite French slant“ als iMix zusammengestellt

Der Topos, innerhalb der CIA gibt es eine noch geheimere CIA, ist so alt wie der Robert Redford-Verschwörungsthriller „Die drei Tage des Condor“ von 1975, aber „Der Tourist“ ist ein wirkliches Update. Mit dem Zynismus und der Brutalität aktueller Realpolitik, etwa unserem Schulterzucken über den Sudan oder die Wahrnehmung Afrikas als Rohstofflager, hält Olen Steinhauer sich nicht lange moralisierend auf. Da fängt der Tanz erst an, insofern ist dies wirklich ein schräger, bös-charmanter Stoff für George Clooney. „Seit 9/11 müssen wir nichts mehr beschönigen. Wir können nach Herzenslust bombardieren, verstümmeln und foltern, weil sich uns nur noch die Terroristen entgegenstellen, deren Meinung sowieso nicht zählt. Das eigentliche Problem“, sagt da ein altes CIA-Frontschwein, „das Problem sind Leute wie ich. Ein Imperium braucht kompromisslose Leute. Ich bin nicht hart genug. Ich muss

immer noch mit Entschuldigungen kommen, es ginge doch um die Verbreitung von Demokratie. Die Jüngeren sind da viel härter als meine Generation es je war.“

Ein grimmiger und schwarzer Humor durchzieht diesen Thriller. Etwa beim Psychiatrie-Checkup für eine bissige Agentin der Homeland Security, wo sehr fein zwischen Kontroll- und Größenwahn unterschieden wird „Die gute Nachricht ist, Sie haben den richtigen Beruf gewählt“). Steinhauer kennt sein Territorium, auch das literarische. In Leipzig analysierte er mit seinen Studenten Graham Greene, Len Deighton, John le Carré, Alan Furst und Charles McCarry. Im „Touristen“ bestehen die Kontakt-Codes der Agenten aus den Anfangssätzen berühmter Agentenromane, etwa: „Der Amerikaner reichte Lemas … Noch eine Tasse Kaffee.“ Das ist natürlich aus „Der Spion, der aus der Kälte kam“ und geht weiter, vergegenwärtigt sich Milo Meaver: „Und sagte: Warum gehen Sie nicht heim und legen sich schlafen?“ Das würde ich jetzt auch gern machen, denkt Milo sich im Roman, provoziert damit beim Leser einen Lacher und ebenso das Wissen um die Genrekonvention, die natürlich gerade jetzt keine Pause erlauben kann.

Zum Lesevergnügen an Olen Steinhauer gehört, Zeuge einer literarischen Stafettenübergabe zu werden. Er ist Jahrgang 1970, Großmeister Alan Furst wurde 1941 geboren, Robert Littell 1935, John le Carré 1931 und Charles McCarry 1930. Mit Steinhauer schreibt sich gerade die moderne Thrillerliteratur fort. Endlich einmal stimmen die „blurbs“, all die Empfehlungszitate, die einen Autor in einen (meist zu großen) Traditions- und Erfolgszusammenhang stellen. Am Ende übrigens hat Olen Steinhauer eine teils russische und verblüffend kosmopolitische Wendung parat. „Der Tourist“ wird eine

Fortsetzung haben – und das Feld, das er dabei betreten kann, ist ein weites. Eines, das dem Genre wieder Luft und Perspektiven eröffnet. Soviel sei verraten. Jetzt im Mai 2010 erscheint in USA die Fortsetzung: „The Nearest Exit.“

Der Film „The Tourist“, den Florian Graf Henckel von Donnersmarck gerade dreht, hat übrigens mit Steinhauers Buch nichts zu tun. Hier handelt es sich um das Remake eines französischen Films – nicht um ein Original wie bei Olen Who.


Autor: Alf Mayer


Olen Steinhauer: Der Tourist (The Tourist)

Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader

Heyne Verlag, 544 Seiten, 19,95 Euro

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