(Survival of the Dead, © Splendid, Kinostart: 06.05.2010)

Das Untote ist im Kino das Böse schlechthin. Es ist etwas, was nicht leben und nicht sterben kann, was nicht Sinnbild und nicht Abbild ist, was die Helden nicht besser und die Welt nicht übersichtlicher macht.

Das Untote bricht ganz buchstäblich in das Bewegungsbild hinein; im Gegensatz zum üblichen Schurken, Gespenst oder Public Enemy kämpft es nicht nur im Bild, sondern auch um das Bild. Zombies, als Krone der Untoten-Schöpfung, wollen nicht nur dich, ja, genau dich, sondern sie wollen alles; sie wollen, wenn man das überhaupt noch Wollen nennen kann, nicht die Herrschaft in der Welt der Lebenden, sondern die Welt in einen untoten Ort verwandeln. Sie können das nur, weil wir ahnen, dass diese Welt das Untote schon in sich hat. Immer sind die Untoten eine Antwort der Natur auf die Verbrechen gegen sie; auf die Verwandlung der

Körper in Maschinen, Geld und Waren antwortet der Körper durch fundamentale Unsterblichkeit. Sie ist gespalten in die Unsterblichkeit des Modells (Androiden, Cyborgs, lebende Programme, denkende Maschinen: The Love Thing) und die Unsterblichkeit der Materie (Zombies, Infizierte, ewig verfallende, ewig versteinernde Wiederkehrende: The Hate Thing).

Im Gegensatz zu einem Indianer kennt ein Zombie wirklich keinen Schmerz, und alle Kränkungen, Enteignungen und Vertreibungen, Versklavung, Ausbeutung und Missbrauch hat er schon hinter sich. Es ist der Mensch jenseits von Moral, Hoffnung, Glück und Mitleid. (Und jenseits von Fernsehen, Wahlurne und gender discourse, aber diesseits der Philosophie, denn wir kennen den „philosophischen Zombie“, jenes bewusstlose und untote Wesen, von dessen purer Annahme gesagt wird, es würde das scientifische Weltbild entkräften.)

Wir wollen das Untote vorerst unterscheiden vom Transzendentalen und vom Dämonischen schlechthin. Es sind weder Emanationen des Himmels noch der Hölle, noch handelt es sich um Figuren, die den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse mit immer neuen Masken durchführen, keine Folgerungen der teuflischen Herrschaft wie die Satanskinder in „Rosemary’s Baby“ oder „Das Omen“, aber auch keine gefallenen Engel wie in „God’s Army“ oder „Dogma“.

Zum zweiten muss das Untote unterschieden werden vom „Halbwesen“, dem bizarren Crossover der phantastischen Genres: Halb Mensch/Halb Tier (Werwolf), Halb Maschine/Halb Mensch (Robocop, Terminator), Halb Geist/Halb Wesen (Dracula), Halb Engel/Halb Teufel (Hellboy), Halb Frau/Halb Mann (Dr. Jekyll & Sister Hyde), Halb Bild/Halb Wesen (Dorian Gray) undsoweiter – offensichtlich moderne Ableitungen der Halbgötter. Echte Untote können möglicherweise Züge des Halbwesens annehmen, gehen aber über deren Natur/Kultur- bzw. Sozial/Technologisch- Schizophrenien hinaus (nein, sie gehen vielmehr unterdurch).

Zum Dritten wollen wir das Untote vom schieren Unsterblichen unterscheiden, wie es etwa einen „Highlander“ und zwar nur einen gibt. Gleichfalls gibt es das Untote nicht unbedingt in den Zyklen der ewigen Wiedergeburt. Der Zombie ist, wenn überhaupt, die letzte Stufe der Reinkarnation, nur das Fleisch wird noch Fleisch, allenfalls, wie in den letzten Filmen von George A. Romero, könnte eine Geschichte der Menschwerdung noch einmal von vorn anfangen.

Paradoxerweise aber würde dann der Untote all das verlieren, was Sigmund Freud als die Attraktivität des Todestriebs beschrieben hat. Nämlich: Nicht mehr sterben zu können, keine Schmerzen zu empfinden, ohne Angst zu sein, dem Chaos des Lebens entkommen zu sein. Kristallin, amorph, unempfindlich: Unsterblich eben, weil man das Sterben schon hinter sich gelassen hat.

Das Untote muss schließlich vom Alptraum unterschieden werden: Freddy Krueger, der die Kids in den Traum lockt, um sie dort zu töten. Das Untote mag an den Rändern der Schuld auftauchen, aber es ist nicht unbedingt dessen Ausdruck. (Einem Zombie wird man nicht Herr, indem man einfach keine Angst mehr hat. Der Zombie frisst dich, obwohl du ihm ansonsten vollkommen egal bist. Unsterbliches Material hat nur eine Beziehung zu Material.)

Das Untote ist weiter zu unterscheiden vom „absolut Bösen“ wie es etwa Michael Myers in  den „Halloween“-Filmen darstellt oder wie jenes Wahnsinnige, das durch wissenschaftliche Experimente und Viren erzeugt wird, kein Monster (dazu fehlt ihm die semiotische Fülle) und kein Alien. Dies wäre sozusagen das reine Sinnbild des Bösen, wie der Public Enemy in den Straßen der Megacity das reine Abbild des Bösen ist. Der Untote, wie gesagt, ist dieser semiotischen Zwickmühle entkommen.

Georg Seeßlen, Mai 2010

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Georg Seeßlen

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Kurzinhalt: Um die Figur des Untodes kreisen die Gedanken in den drei Essays des kleinen Sammelbändchens „Überleben in der Zombiewelt; Untote – im Leben und im Film“ und führen uns in die Gesellschaft der Untaten, in die Zwischenzone von Leben und Tod. Wo kommen sie her, die Zombies, wo gehen sie hin, diese willenlosen Wesen, die unterwegs sind, die Welt in einen untoten Ort zu verwandeln? Eine Welt die das Untote schon in sich hat.
Ein Untoter, so meint Seeßlen, ist der Mensch jenseits von Moral, Hoffnung, Glück und Mitleid. Ein Wesen, das nicht weiß, warum es etwas tut.
Klar, dass Seeßlen den Zombie auch als popkulturelles Phänomen betrachtet.
„Zombokinematografia“ nennt er seinen kurzen Abriss der Geschichte des Zombiefilms und zeigt auf, dass der Zombie schon längst seinen Weg von der Leinwand bzw. Mattscheibe in die Welt gefunden hat – bis hinein in uns selbst.

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