Jussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret

Jenseits von „Borgen“, ein lahmer Politthriller aus Dänemark

Die Ehefrau von Gouverneur Jansen wird auf einer Reise in China erstochen, 16 Jahre später erlebt er als der nun designierte 44. US-Präsident erneut eine ähnliche Tragödie. Bei einem Schulmassaker wird auch der Sohn des zweiten Vorsitzenden der Republikaner im Repräsentantenhaus erschossen; in New York geht ein „Dachmörder“ um, der wahllos Passanten niederstreckt; im Hauptquartier der Demokraten in Wisconsin geht eine Bombe hoch, die „Weißkopfadler-Miliz“ bekennt sich zu dem Attentat mit vielen Toten. Der Präsident zieht eine Vorlage aus der Tasche, mit der Bürger- und Abgeordnetenrechte eingeschränkt, die Bevölkerung teilweise entwaffnet werden soll – das sogenannte „Washington-Dekret“. Es wird nach heftigen Diskussionen im Kabinett umgesetzt.

John, ein Journalist, reflektiert auf Seite 235 bei einem Glas Whisky, legt sich eine Liste an: „Eine Spalte für dramatische Zwischenfälle in der Nähe des Präsidenten, eine weitere für nachfolgende Maßnahmen. Studierte man nur die letzte Spalte, sah man ein Land, das diverse Reformen in den Bereichen Soziales und Justiz in Angriff nahm. Aber John hatte im Lauf der Jahre viele Konflikte in allen Teilen der Welt beobachtet. Alles, was sich derzeit in den USA abspielte, deutete auf eine Entwicklung zum Polizeistaat hin. Menschen verschwanden. Die Meinungsfreiheit wurde immer weiter eingeschränkt, Staatsdiener wurden ihrer Ämter enthoben, Arbeitslose zu Zwangsarbeit verpflichtet, Militär und Sondereinheiten dominierten das Straßenbild. Pinochets Chile war ein Gesellenstück der USA gewesen – jetzt wiederholte man alles im eigenen Land. Die Verfassung wurde systematisch unterlaufen, jeder Widerstand gebrochen … Das Land schottete sich ab.“ Und täglich finden Hinrichtungen in den Todestrakten statt, deren Aufschub die Steuerzahler angeblich schon an die zwei Milliarden Dollar gekostet hat. Und so weiter …

Aufgewühlt? Ach wo …

Sind Sie schockiert, lieber Leser? Ergriffen? Politisch aufgewühlt? Unter Spannung gesetzt? Vom Fieber eines Politthrillers ergriffen? Gerne hätte ich mich von einem solchen Erzählvirus anstecken lassen, aber es ist einfach zu müde, zu blass und zu stereotyp, was Jussi Adler-Olsen sich da vor einigen Jahren ausgedacht hat und was nun vom Deutschen Taschenbuch Verlag als Hardcover auf den Markt gebracht wird. Weder hat Adler-Olsen ein Händchen für die anschauliche Schilderung politischer Zusammenhänge, wie seine Figur John hat er im Lauf der Jahre wohl viele Konflikte in allen Teilen der Welt beobachtet. Mir wäre ein einzelner, genau betrachteter Konflikt lieber gewesen, als eben „viele“ in „allen“ Teilen der Welt.

Solche Generalisierung und Pauschalisierung durchzieht das ganze Buch, dazu kommt ein eher schemenhaftes Personal: Sheriff T. Perkins etwa oder Doggie Rogers, „Mitarbeiterin im Stab des Präsidenten“ und laut Buchrücken „eine mutige Frau auf den Spuren eines perfiden Komplotts“, sind es, denen die Aufklärung der großen Verschwörung gelingt. Sie sei hier nicht verraten, ein wenig Inhalt muss der Schwarte bleiben, deren Stil  – o.k., es geht ja auch um Dekrete und allerlei Staatsrechtliches – zwischen fad und belanglos schwankt. Was soll man von Handlungszuspitzungen halten wie: „In diesem Augenblick ertönte ein Schuss“ (Seite 54)?

Ich habe mich gründlich gelangweilt. Und hatte Zeit, viel Zeit, an die dänische Politserie „Borgen“ zu denken, oder an die beißende Politsatire „Emperor of America“ (1990) von Richard Condon, in denen dieser Swift-Nachfolger, hierzulande wohl am ehesten durch die Mafia-Komödie „Die Ehre der Prizzis“ und den originalen „Manchurian Candiate“ bekannt, einer der GANZ großen Politikversteher im Thrillergenre, die Regentschaft von Ronald Reagan zur bizarren Kenntlichkeit vergrößerte.

Adler-Olson dagegen gelingt es an keiner Stelle, das zu evozieren, wovon er am Buchende in der „Anmerkung des Autors“ hinweist: „Die erwähnten präsidentiellen Erlasse, auf deren Grundlage das Land im Ausnahmezustand regiert wird, entstanden in dieser Form tatsächlich nach dem 11. September 2001, ebenso wie die im Text genannten staatlichen Institutionen, die die Umsetzung dieser Erlasse in den dafür vorgesehenen Situationen gewährleisten sollen.“

Alf Mayer, CrimeMag (01/2013)

Jussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret
(Washington dekretet, 2006) Roman
Aus dem Dänischen von Hannes Thiess und Marieke Heimburger
München: Deutscher Taschenbuch

Verlag 2013
653 Seiten. 19,90 Euro.

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